NSU: Schon 2003 Hinweise vom italienischen Geheimdienst

Der Präsi­dent des Bun­de­samtes für Ver­fas­sungss­chutz, Heinz Fromm, musste nicht zulet­zt wegen der NSU-Kon­fet­ti-Affäre zurück­treten. Das kom­plette Ver­sagen des deutschen Ver­fas­sungss­chutzes wird aber nicht durch den Satz von Fromm offen­bar, seine Behörde habe ab 2001 keine recht­ster­ror­is­tis­che Struk­tur erken­nen kön­nen, son­dern durch Hin­weise, die der ital­ienis­che Geheim­di­enst den deutschen Behör­den schon 2003 über­mit­telt hatte.

Der ital­ienis­che Inlands­ge­heim­di­enst AISI hat­te seine Infos von einem Tre­f­fen europäis­ch­er Neon­azis in Waas­mun­ster im Jahr 2002 am 21. März 2003 an den deutschen Ver­fas­sungss­chutz über­mit­telt. Die Nachricht stützte sich auf Infos ital­ienis­ch­er Neon­azis: „Nach der Ver­anstal­tung berichteten diese in ein­schlägi­gen Kreisen, sie hät­ten bei ver­traulichen Gesprächen von der Exis­tenz eines Net­zw­erks mil­i­tan­ter europäis­ch­er Neon­azis erfahren“ (zitiert nach: Frank­furter Rund­schau, 2.7.2012)

In dem Bericht der „Frank­furter Rund­schau“ heißt es weiter:

„Dieses bilde eine „halb im Unter­grund befind­liche autonome Basis, los­gelöst von offiziellen Verbindun­gen zu den ein­schlägig bekan­nten Bewe­gun­gen“ und sei in der Lage, mit­tels spon­tan gebilde­ter Zellen krim­inellen Aktiv­itäten nachzugehen“.

2009 besuchte der mit­tler­weile inhaftierte mut­maßliche NSU-Helfer Ralf Wohlleben ein Skin­head-Tre­f­fen bei Bozen und über­gab den Ital­ienern 20.000 Euro „für die Unter­stützung von Kam­er­aden, die sich in Schwierigkeit­en befind­en“.

2008 haben Südtirol­er Neon­azis dem AISI-Bericht zufolge bei einem Tre­f­fen mit bayrischen und fränkischen Neon­azis „über die Möglichkeit der Durch­führung frem­den­feindlich­er ‚exem­plar­isch­er Aktio­nen’ disku­tiert und eine detail­lierte Karte­nauswer­tung vorgenom­men, um Geschäfte (Kebaps und andere) aus­find­ig zu machen, die von außereu­ropäis­chen Staat­sange­höri­gen geführt werden“.


Inter­view mit Thomas Boutens, Neon­azi der flämis­chen ter­ror­is­tis­chen Gruppe „Blood & Honour”-Gruppe „Blut, Boden, Ehre und Treue” (BBET)
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Das Mas­ter­mind im Neon­azi-Net­zw­erk ist dem­nach der mil­i­tante Neon­azi Jür­gen Rieger gewe­sen, der 2009 während ein­er NPD-Sitzung einen Schla­gan­fall erlitt und ver­starb. Der Anwalt war nicht nur ein Strip­pen­zieher und Net­zw­erk­er in der Neon­azi-Szene, son­dern auch ein Unter­stützer der mil­i­tan­ten Kam­er­ad­schaftsszene. Rieger trat auch am Fest der Völk­er 2008 als Red­ner auf (2007 waren Küs­sel und Co. dort ), das seinen musikalis­chen Sup­port fast auss­chließlich aus dem Umfeld von Blood & Hon­our bezog. Wohlleben war übri­gens ein­er der Organ­isatoren dieses Festes, das 2009 im „Schützen­haus“ von Pöß­neck stat­tfand, ein­er Immo­bilie, die damals im Besitz von Rieger war.

Die Hin­weise des ital­ienis­chen Geheim­di­en­stes deuten so wie viele Ermit­tlungsergeb­nisse von Behör­den und Antifa darauf hin, dass Blood & Hon­our-Aktivis­ten eine markante Rolle im Umfeld der Gruppe NSU gespielt haben.


Zeitschrift der Neon­azi-Gruppe „Blut, Boden, Ehre und Treue” (BBET)
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Auch das im AISI-Bericht erwäh­nte Tre­f­fen im Novem­ber 2002 in Waas­mun­ster (Bel­gien) dürfte von der dort ver­ankerten Blood & Hon­our-Gruppe ini­ti­iert wor­den sein. Die flämis­che Gruppe von Blood & Hon­our, deren mil­i­tan­ter Flügel ab 2004 unter dem Namen Blut, Boden, Ehre und Treue (BBET) fir­mierte, hat­te offen­sichtlich auch beste Beziehun­gen zur poli­tis­chen Recht­en vom Vlaams Belang. Im Sep­tem­ber 2006 wur­den 17 BBET- Mit­glieder, darunter elf Sol­dat­en(!), ver­haftet unter dem Vor­wurf, ter­ror­is­tis­che Attack­en vor­bere­it­et zu haben. Die Gruppe, die über ein gewaltiges Waf­fe­narse­nal ver­fügte, hat­te offen­sichtlich einige „false flag“- Atten­tate geplant, die der Linken bzw. islamistis­chen Grup­pen in die Schuhe geschoben wer­den soll­ten. Die BBET wurde erst 2011 wegen ihrer Aktiv­itäten vor Gericht gestellt, über ein Ergeb­nis des Prozess­es ist uns nichts bekannt.