Die Ehrenbürgerschaften der Nazis (Teil III)

Amstet­ten hat aberkan­nt, Waidhofen/Ybbs nach langem Wider­stand eben­falls und in Kla­gen­furt hat der FPK-Bürg­er­meis­ter sog­ar zum Mit­tel ein­er Notverord­nung gegrif­f­en, um den Ehren­bürg­er Hitler möglichst schnell loszuwerden.

Andere Gemein­den wie Mautern­dorf (Lun­gau) beste­hen darauf, dass sie eigentlich nichts zu regeln hät­ten bei ihrer Ehren­bürg­er­schaft (in diesem Fall Göring), weil er ja eh schon lange tot sei.

Manche Gemein­den tun sich schw­er, über ihre Nazi-Ehren­bürg­er klare Auskun­ft zu geben, weil ihre Archive leerge­fegt sind. In nicht weni­gen Gemein­den sind die entschei­den­den Jahre 1938 bis 1945 aus den Gemein­dearchiv­en ver­schwun­den, wie etwa in Kuf­stein. Da lässt sich dann oft nur nach müh­seliger Recherche über Zeitun­gen her­aus­find­en, ob und wann Hitler und anderen Nazi-Bonzen eine Ehren­bürg­er­schaft ver­liehen wurde.

Die geschichtliche Forschung in Öster­re­ich ist erst in den let­zten Jahren bei den Regio­nen, der Region­al­forschung, angekom­men. In eini­gen weni­gen Regio­nen war und ist es das Ver­di­enst von engagierten pro­fes­sionellen oder Laien-His­torik­ern, die Archive und Medi­en durch­lüftet zu haben.

In den meis­ten Regio­nen Öster­re­ichs herrscht allerd­ings Schweigen, wenn es um die lokale Geschichte nach dem Anschluss Öster­re­ichs an Nazi-Deutsch­land geht.

1938: Hitler Ehrenbürger von Braunau

Dabei geht es bei der Aufar­beitung nicht bloß um die Ver­lei­hung von Ehren­bürg­er­schaften. Selb­st für das NS-Regime war über­raschend, wie geräusch­los und but­ter­we­ich der Anschluss Öster­re­ichs an das Deutsche Reich vol­l­zo­gen wer­den kon­nte. Schon in den ersten Tagen nach dem Anschluss waren die alten (eben­falls nicht gewählten) Bürg­er­meis­ter des Aus­tro­faschis­mus ver­jagt und durch treue Parteisol­dat­en erset­zt wor­den, wur­den die ersten Hitler- Eichen gepflanzt und die wichtig­sten Plätze der einzel­nen Orte nach Hitler, anderen Nazi-Bonzen oder nach dem Anschluss bzw. nach Brau­nau benannt.

Aus­gerech­net Braunau/Inn! Die Stadt­ge­meinde hat in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten viel, aber offen­sichtlich doch nicht alles getan, um mit ihrer Bürde, der Geburt­sort Hitlers und der Wall­fahrt­sort für viele alte und neue Nazis zu sein, umzuge­hen. Als der 100. Geburt­stag Hitlers ins Haus stand, hat­te sich der Gemein­der­at von Brau­nau wegen befürchteter Neon­azi-Aufmärsche mit dem The­ma befasst. Dabei wurde eine Mel­dung pro­duziert, die sich in der Berichter­stat­tung über Brau­nau auch später wieder­fand: „Vom 100. Geburt­stag Adolf Hitlers, der nie Ehren­bürg­er ihrer Stadt war, hal­ten die Brau­nauer offen­bar nicht viel“. 

Man hat ein­fach weit­er­erzählt, dass Hitler nie zum Ehren­bürg­er Brau­naus ernan­nt wurde – und das war’s dann auch schon. Fak­tum ist aber, dass die gle­ichgeschal­teten Print­me­di­en, von der „Neuen Warte am Inn“ bis zu oberöster­re­ichis­chen“ Tage­s­post“ über die Ehren­bürg­er­schaft Brau­naus an Hitler schon 10 Tage nach dem Anschluss berichteten.


Neue Warte am Inn, 23. März 1938 und Tages-Post, 22.3.1938
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Weit­ere 10 Tage später, nach­dem etliche Nazi-Zeitun­gen die Schmach beklagt hat­ten, dass Hitler die öster­re­ichis­che Staats­bürg­er­schaft ent­zo­gen wor­den sei, beantragte die Stadt Brau­nau beim „Führer“, ihm auch das Heima­trecht ver­lei­hen zu dür­fen, was dieser huld­voll gewährte.


Neue Warte am Inn, 6. April 1938
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Die Geschichte der Staats­bürg­er­schaft Hitlers ist eine Groteske für sich. Hitler, der sich dem öster­re­ichis­chen Wehr­di­enst ent­zo­gen und selb­st häu­fig als „Staaten­losen“ beze­ich­net hat­te, wurde auf Betreiben von Bun­deskan­zler Ignaz Seipel die Ein­reise nach Öster­re­ich ver­boten. 1925 suchte Hitler um die Auflö­sung sein­er Öster­re­ichis­chen Staats­bürg­er­schaft an:

„Ich bitte um meine Ent­las­sung aus der öster­re­ichis­chen Staats­bürg­er­schaft. Gründe: Ich befinde mich seit dem Jahre 1912 in Deutsch­land, habe nahezu 6 Jahre im deutschen Heere gedi­ent, darunter 4 ½ Jahre an der Front und beab­sichtige nun­mehr die deutsche Staats­bürg­er­schaft zu erwerben.“
„Da ich zurzeit nicht weiß, ob meine öster­re­ichis­che Staat­sange­hörigkeit nicht ohne­hin bere­its erloschen ist, ein Betreten des öster­re­ichis­chen Bodens durch eine Ver­fü­gung der Bun­desregierung jedoch abgelehnt wurde, bitte ich um eine gün­stige Entschei­dung meines Gesuches.“
Hitler startete darauf etliche Ver­suche, eine deutsche Staats­bürg­er­schaft zu erhal­ten, was ihm let­ztlich lei­der auch gelang. 2007 ver­suchte Braun­schweig, ihm posthum die Staats­bürg­er­schaft wieder abzuerken­nen, scheit­erte aber am Umstand, dass der Beamte, der sie ihm ver­liehen hat­te, bere­its tot war.

Brau­nau – aus­gerech­net Brau­nau, hat Hitler also auch wieder einge­bürg­ert, sodass er ein­er der weni­gen ist, die fak­tisch über eine dop­pelte Staats­bürg­er­schaft ver­fügt haben!

Brau­nau – und das muss zu sein­er Ehre gesagt wer­den – geht aber auch anders um mit der Ehren­bürg­er­schaft für Hitler als andere Gemein­den. Als wir zu recher­chieren begonnen haben, kam es zu einem Tele­fonge­spräch mit dem Brau­nauer Bürg­er­meis­ter Waid­bach­er (ÖVP), der hör­bar betrof­fen war und ver­sprach, in den näch­sten Wochen nach weit­eren Spuren in den teil­weise ver­schwun­de­nen Archiv­en suchen zu wollen. Brau­nau – so der Bürg­er­meis­ter – werde ganz offen mit diesem Teil sein­er Geschichte umge­hen und Hitler selb­stver­ständlich die Ehren­bürg­er­schaft aberkennen.

In den Bericht­en der NS-Presse wird auch über die Ver­lei­hung der Ehren­bürg­er­schaft an Hitler durch die Wall­fahrt­sorte Maria Zell und Maria Schmolln berichtet. Maria Zell hat wenige Tage nach der Kapit­u­la­tion Nazi-Deutsch­lands und dem Selb­st­mord Hitlers diesem posthum die Ehren­bürg­er­schaft aberkan­nt, von Maria Schmolln wis­sen wir lei­der nichts.

Jeden­falls: in den Gemein­den schlum­mern noch etliche Ehren­bürg­er­schaften und Paten­schaften von Nazi-Bonzen. Höch­ste Zeit, dass sich die Gemein­den an ihre Geschichte erinnern!

Siehe auch:

  • OTS — KURIER: Hitler ist auch in Brau­nau noch Ehrenbürger
  • kurier.at — Adolf Hitler in Brau­nau noch Ehrenbürger
  • derstandard.at — Der vergessene Ehren­bürg­er von Braunau