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Lesezeit: 6 Minuten

Die Dreck-am-Stecken-Partei: Die AfD stolpert über ihr eigenes System

In Sach­sen-Anhalt läuft ein Crash­kurs gegen „Regie­rungs­fä­hig­keit“: Fami­li­en­jobs, inter­ne Brand­brie­fe und Vor­wür­fe der Selbst­be­die­nung. Dazu kom­men ein Mör­der auf der Münch­ner Wahl­lis­te, ein Gewalt­fall aus NRW und ein inter­nes Dos­sier aus Nie­der­sach­sen. Die AfD-Fas­sa­de brö­ckelt an vie­len Stel­len zugleich.

16. Feb. 2026
AfD-Familienchat (Symbolfoto)
AfD-Familienchat (Symbolfoto)

Die Bil­der aus Salz­burg beim Besuch der AfD Sach­sen-Anhalt waren sorg­fäl­tig insze­niert: Hän­de­schüt­teln, Semi­nar­fee­ling vor der Kulis­se einer Stadt mit Flair. Die Bot­schaft soll­te sein: Hier trai­niert eine künf­ti­ge Macht­par­tei den Ernst­fall Regie­rung. Die Salz­bur­ger FPÖ-Vize­lan­des­haupt­frau Mar­le­ne Sva­zek ver­stieg sich sogar zur Bemer­kung, dass Par­tei­chef Ulrich Sieg­mund „auch gut in die Salz­bur­ger FPÖ pas­sen“ wür­de. Sieg­munds Vater ebenfalls?

Kurz nach dem Salz­burg-Trip platz­te zu Hau­se eine Affä­re auf, die das Image der regie­rungs­fä­hi­gen Sau­ber­par­tei Lügen straft. Jene Par­tei, die den Begriff „Alt­par­tei­en­filz“ jah­re­lang wie ein Mega­fon benutzt hat, steht nun selbst im Zen­trum eines Filz-Vorwurfs.

Die AfD als Familienbetrieb

Im Kern geht es um ein dich­tes Netz gegen­sei­ti­ger Beschäf­ti­gun­gen rund um AfD-Man­da­ta­re aus Sach­sen-Anhalt. ZDF (4.2.26) und Cor­rec­tiv (6.2.26) beschrei­ben ein Sys­tem, in dem Ver­wand­te und Partner:innen von Abge­ord­ne­ten bei ande­ren Abge­ord­ne­ten als Bediens­te­te gelan­det sind. Genannt wer­den unter ande­rem der Vater Sieg­munds, die Eltern eines wei­te­ren Abge­ord­ne­ten, meh­re­re Geschwis­ter eines Frak­ti­ons­funk­tio­närs sowie wei­te­re fami­liä­re Ver­bin­dun­gen in Frak­ti­on und Bun­des­tags­bü­ros. Das Bemer­kens­wer­te: Es han­delt sich um kei­ne Ein­zel­fäl­le, son­dern ange­sichts der Häu­fung um ein System.

Das direk­te Anstel­len eige­ner Ange­hö­ri­ger ist ver­bo­ten, Über­kreuz-Anstel­lun­gen zwi­schen Parteifreund:innen sind es jedoch nicht. Und die­se Lücke wur­de so scham­los genutzt, dass der Land­tag Sach­sen-Anhalt eine Prü­fung ein­ge­lei­tet hat. Beson­ders bri­sant wirkt dabei die Dimen­si­on: Sieg­munds Vater, ein gelern­ter Elek­tro­in­ge­nieur, soll für sei­ne Tätig­keit als Büro­lei­ter des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Tho­mas Kor­ell sat­te 7.725 Euro im Monat erhal­ten – ein Betrag, von dem die gro­ße Mehr­heit jener Wähler:innen, die die AfD vor­gibt zu ver­tre­ten, nur träu­men kann. Die Lan­des­par­tei demen­tiert die­se Summe.

Vetternwirtschaft in der AfD Sachsen-Anhalt (Grafik: Correctiv)
Vet­tern­wirt­schaft in der AfD Sach­sen-Anhalt (Gra­fik: Cor­rec­tiv)

Die Ver­tei­di­gung aus der Par­tei­spit­ze wirkt trot­zig-hilf­los. Sieg­mund sag­te wört­lich: „Ich hät­te selbst über­haupt kein Pro­blem damit, ein Fami­li­en­mit­glied anzu­stel­len von einem ande­ren Abge­ord­ne­ten oder Par­tei­freund.“ (zdfheute.de, 9.2.26) In einem Schrei­ben an die Mit­glie­der wer­den die Vor­wür­fe als „absurd” weg­ge­wischt, aber man wer­de zur Über­prü­fung eine Kom­mis­si­on einrichten.

Mitt­ler­wei­le bezeich­net Sieg­mund sei­nen Noch-Par­tei­kol­le­gen Jan Wen­zel Schmidt, gegen den bereits im Dezem­ber ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de und der dar­auf­hin gedroht hat­te, die Vet­tern­wirt­schaft sei­ner Lan­des­par­tei offen­zu­le­gen, als „mut­maß­li­chen V‑Mann” (spiegel.de, 13.2.26). Dabei gilt Schmidt in Sach­sen-Anhalt als frü­her Archi­tekt eines Zir­kels, der sin­ni­ger­wei­se den Namen „Poker­run­de” trägt und deren Mit­glie­dern Macht und Ein­fluss sichern soll – Fami­li­en­an­stel­lun­gen inklusive.

Wäh­rend Par­tei­chef Tino Chrup­al­la am 8. Febru­ar noch von „Stör­ge­fühl“ und „Geschmäck­le“ fasel­te, erreich­te ihn die Affä­re weni­ge Tage spä­ter selbst: Er wür­de, so Cor­rec­tiv (12.2.26), die Ehe­frau eines säch­si­schen Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten beschäftigen.

In einem ver­trau­li­chen Brand­brief aus Sach­sen-Anhalt war­nen Par­tei­mit­glie­der, die größ­te Gefahr sei­en gera­de „haus­ge­mach­te Skan­da­le“. t‑online (5.2.26) zitiert aus inter­nen Krei­sen den Vor­wurf, das Sys­tem habe „mafiö­se Aus­ma­ße“ angenommen.

Pathetische Dummheit und reine Gier

Der „Spie­gel“ (10.2.26) beschreibt die Lage als par­tei­in­ter­ne Schlamm­schlacht mit bun­des­po­li­ti­scher Spreng­kraft. Von mas­si­ven Vor­wür­fen in meh­re­ren Lan­des­ver­bän­den ist die Rede, von einem „Geheimbund“-Narrativ in Nie­der­sach­sen, von inter­nen Dos­siers und dem Ver­such, den Kon­flikt auf Bun­des­ebe­ne ein­zu­fan­gen. Ein AfD-Mann wird mit dem Satz zitiert: „Die­se Mischung aus Eitel­keit, gna­den­lo­ser Selbst­über­schät­zung, pathe­ti­scher Dumm­heit und rei­ner Gier haben sie sonst nir­gend­wo, bei kei­ner ande­ren Par­tei.“

ntv (9.2.26) schreibt zur Dimen­si­on der „Berei­che­rungs­netz­wer­ke der AfD“: „Bis zur Hälf­te der 151 Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten dürf­te direkt oder indi­rekt betrof­fen sein, lau­tet eine Schät­zung aus dem Frak­ti­ons­vor­stand.“ Mitt­ler­wei­le ver­geht kein Tag mehr, an dem nicht neue Fäl­le von AfD-Vet­tern­wir­schaft aus dem gesam­tem Bun­des­ge­biet öffent­lich werden.

Der AfD-Influen­cer Götz Kubit­schek rich­tet der Par­tei aus: „Der Scha­den ist schon da, die Glaub­wür­dig­keit hat einen Riß. Tün­che reicht nicht, auf­räu­men muß man.“ Thü­rin­gens AfD-Chef Björn Höcke greift Kubit­scheks Kri­tik affir­ma­tiv auf. Das klingt nach Panik vor Selbstzerstörung.

„Die Fami­lie geht ihm über alles“ — das gilt offen­sicht­lich auch für ande­re AfD-Abge­ord­ne­te, die gegen­sei­tig ihre Frau­en, Söh­ne und Töch­ter in ihren Abge­ord­ne­ten­bü­ros ange­stellt haben. So lässt sich das Fami­li­en­bud­get auf­bes­sern. Blaue Vetternwirtschaft

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— Ruprecht Polenz (@polenz.bsky.social) 10. Febru­ar 2026 um 20:51

Der Radi­us endet nicht bei Lan­des­par­tei­en und Bun­des­tags­frak­ti­on. Abge­ord­ne­ten­watch (11.2.26) berich­tet über Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen auf Ebe­ne des Euro­päi­schen Par­la­ments. Der bereits wegen mehr­fa­cher Ermitt­lungs­strän­ge schwer ange­schla­ge­ne Petr Bystron habe sei­ne eige­ne Part­ne­rin als Assis­ten­tin beschäf­tigt gehabt. Nun arbei­te sie „im Büro von Bystrons Kol­le­gen Arno Bau­se­mer, AfD-Mann aus Sach­sen-Anhalt. Der Poli­ti­ker ist für sei­nen teil­wei­se erfun­de­nen Lebens­lauf bekannt.“ Die taz (9.2.26) zählt aus dem EU-Par­la­ment zwei wei­te­re Fäl­le auf, dar­un­ter Alex­an­der Jung­bluth, Inti­mus der öster­rei­chi­schen EP-Abge­ord­ne­ten Petra Ste­ger, der mit Rein­hild Boß­dorf die Toch­ter sei­ner Frak­ti­ons­kol­le­gin Irm­hild Boß­dorf beschäftigt.

Ein Frauenmörder auf der Kandidatenliste

Als wäre das nicht genug, folg­te in Mün­chen ein wei­te­rer Schlag für das Selbst­bild der Par­tei. Die „Süd­deut­sche Zei­tung“ (5.2.26) deck­te auf, dass ein AfD-Kan­di­dat für den Stadt­rat in Mün­chen wegen Mor­des ver­ur­teilt wor­den war. Laut SZ hat das Land­ge­richt Regens­burg den Mann 2005 zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt, weil er sei­ne 85-jäh­ri­ge Nach­ba­rin erdros­selt hat­te. Er war 2021 ent­las­sen wor­den, stand aber wei­ter unter Bewäh­rung. Das Wahl­amt strich ihn fol­ge­rich­tig von der Liste.

Poli­tisch ver­hee­rend war dann die Kom­mu­ni­ka­ti­on: Der Münch­ner AfD-OB-Kan­di­dat Mar­kus Wal­brunn erklär­te laut SZ, man habe von der Ver­gan­gen­heit nichts gewusst und erst durch die Recher­che davon erfah­ren. Auf Nach­fra­ge habe der Bewer­ber den Vor­gang zunächst als „bloß einen Fall von Kör­per­ver­let­zung“ dar­ge­stellt. In der Fol­ge trat er aus der Par­tei aus. Fragt sich nur, wie ein ver­ur­teil­ter Mör­der offen­bar pro­blem­los auf einer AfD-Wahl­lis­te lan­den kann, aber auch, wel­ches Milieu die rechts­extre­me Par­tei anzieht.

Auf Ex-Frau mit Baseballschläger losgegangen

Hart wirkt auch ein Fall aus Nord­rhein-West­fa­len. Laut WDR (7.2.26) steht der AfD-Lokal­po­li­ti­ker Ste­fan Porem­ski im Ver­dacht, sei­ne Ex-Frau mit einem Base­ball­schlä­ger am Kopf ver­letzt und ihren neu­en Part­ner bedroht zu haben. Die von der Ex-Frau alar­mier­te Poli­zei fand im Kel­ler eine Hand­gra­na­te, Muni­ti­on und Dro­gen. Gegen den Mann wür­de nun wegen des Ver­dachts auf Kör­per­ver­let­zung sowie Ver­stö­ße gegen Betäu­bungs­mit­tel- und Waf­fen­ge­setz ermittelt.

Der AfD-Kreis­ver­band Unna erklär­te dem WDR: „Wir wer­den uns ein Bild von der Lage machen und zu gege­be­ner Zeit eine Stel­lung­nah­me abge­ben.“ Der Satz ist büro­kra­tisch sau­ber und mora­lisch leer. Wer im Dau­er­wahl­kampf jede Straf­tat zum Beweis für den Nie­der­gang des Lan­des erklärt, soll­te mehr lie­fern als Verwaltungsprosa.

Moralischer Ausnahmezustand als Spiegelbild

Die­se Strän­ge, die alle­samt in nur einer Woche auf­ge­poppt sind, gehö­ren zusam­men, auch wenn sie unter­schied­lich gela­gert sind. In Sach­sen-Anhalt und dar­über hin­aus geht es um struk­tu­rel­le Vet­tern­wirt­schafts­vor­wür­fe und den Ver­trau­ens­ver­lust in der eige­nen Basis, in Mün­chen um – vor­sich­tig aus­ge­drückt – man­geln­de Sorg­falt bei der Kan­di­da­ten­auf­stel­lung. In NRW geht es um einen schwe­ren Gewalt­ver­dacht mit Waf­fen- und Dro­gen­fund. Gemein­sam erzäh­len sie von einer Par­tei, die den angeb­li­chen mora­li­schen Aus­nah­me­zu­stand der ande­ren Par­tei­en, „des Sys­tems“, anpran­gert und in der eige­nen Pra­xis die Vor­wür­fe spiegelt.

Die Iro­nie ist jeden­falls gesetzt: Aus­ge­rech­net jener Lan­des­ver­band, der in Salz­burg mit der FPÖ an der Fas­sa­de der Regie­rungs­fä­hig­keit arbei­te­te, lie­fert daheim Anschau­ungs­un­ter­richt für ein scham­lo­ses inter­nes Berei­che­rungs­sys­tem und ein Kri­sen­ma­nage­ment aus der Hölle.

Und weil die AfD sich Nach­hil­fe aus Öster­reich geholt hat: Auch hier lohnt sich der Blick auf per­so­nel­le Ver­flech­tun­gen. Bei der FPÖ gibt es eben­falls eine Rei­he von Beschäf­ti­gun­gen im Fami­li­en­um­feld. Die nächs­te Stoppt die Rech­ten-Recher­che ist bereits in Arbeit. Das Dreck-am-Ste­cken-Syn­drom ist ein Merk­mal, das rechts­extre­me Par­tei­en verbindet.

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