Die Bilder aus Salzburg beim Besuch der AfD Sachsen-Anhalt waren sorgfältig inszeniert: Händeschütteln, Seminarfeeling vor der Kulisse einer Stadt mit Flair. Die Botschaft sollte sein: Hier trainiert eine künftige Machtpartei den Ernstfall Regierung. Die Salzburger FPÖ-Vizelandeshauptfrau Marlene Svazek verstieg sich sogar zur Bemerkung, dass Parteichef Ulrich Siegmund „auch gut in die Salzburger FPÖ passen“ würde. Siegmunds Vater ebenfalls?
Kurz nach dem Salzburg-Trip platzte zu Hause eine Affäre auf, die das Image der regierungsfähigen Sauberpartei Lügen straft. Jene Partei, die den Begriff „Altparteienfilz“ jahrelang wie ein Megafon benutzt hat, steht nun selbst im Zentrum eines Filz-Vorwurfs.
Die AfD als Familienbetrieb
Im Kern geht es um ein dichtes Netz gegenseitiger Beschäftigungen rund um AfD-Mandatare aus Sachsen-Anhalt. ZDF (4.2.26) und Correctiv (6.2.26) beschreiben ein System, in dem Verwandte und Partner:innen von Abgeordneten bei anderen Abgeordneten als Bedienstete gelandet sind. Genannt werden unter anderem der Vater Siegmunds, die Eltern eines weiteren Abgeordneten, mehrere Geschwister eines Fraktionsfunktionärs sowie weitere familiäre Verbindungen in Fraktion und Bundestagsbüros. Das Bemerkenswerte: Es handelt sich um keine Einzelfälle, sondern angesichts der Häufung um ein System.
Das direkte Anstellen eigener Angehöriger ist verboten, Überkreuz-Anstellungen zwischen Parteifreund:innen sind es jedoch nicht. Und diese Lücke wurde so schamlos genutzt, dass der Landtag Sachsen-Anhalt eine Prüfung eingeleitet hat. Besonders brisant wirkt dabei die Dimension: Siegmunds Vater, ein gelernter Elektroingenieur, soll für seine Tätigkeit als Büroleiter des Bundestagsabgeordneten Thomas Korell satte 7.725 Euro im Monat erhalten – ein Betrag, von dem die große Mehrheit jener Wähler:innen, die die AfD vorgibt zu vertreten, nur träumen kann. Die Landespartei dementiert diese Summe.

Die Verteidigung aus der Parteispitze wirkt trotzig-hilflos. Siegmund sagte wörtlich: „Ich hätte selbst überhaupt kein Problem damit, ein Familienmitglied anzustellen von einem anderen Abgeordneten oder Parteifreund.“ (zdfheute.de, 9.2.26) In einem Schreiben an die Mitglieder werden die Vorwürfe als „absurd” weggewischt, aber man werde zur Überprüfung eine Kommission einrichten.
Mittlerweile bezeichnet Siegmund seinen Noch-Parteikollegen Jan Wenzel Schmidt, gegen den bereits im Dezember ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet wurde und der daraufhin gedroht hatte, die Vetternwirtschaft seiner Landespartei offenzulegen, als „mutmaßlichen V‑Mann” (spiegel.de, 13.2.26). Dabei gilt Schmidt in Sachsen-Anhalt als früher Architekt eines Zirkels, der sinnigerweise den Namen „Pokerrunde” trägt und deren Mitgliedern Macht und Einfluss sichern soll – Familienanstellungen inklusive.
Während Parteichef Tino Chrupalla am 8. Februar noch von „Störgefühl“ und „Geschmäckle“ faselte, erreichte ihn die Affäre wenige Tage später selbst: Er würde, so Correctiv (12.2.26), die Ehefrau eines sächsischen Landtagsabgeordneten beschäftigen.
In einem vertraulichen Brandbrief aus Sachsen-Anhalt warnen Parteimitglieder, die größte Gefahr seien gerade „hausgemachte Skandale“. t‑online (5.2.26) zitiert aus internen Kreisen den Vorwurf, das System habe „mafiöse Ausmaße“ angenommen.
Pathetische Dummheit und reine Gier
Der „Spiegel“ (10.2.26) beschreibt die Lage als parteiinterne Schlammschlacht mit bundespolitischer Sprengkraft. Von massiven Vorwürfen in mehreren Landesverbänden ist die Rede, von einem „Geheimbund“-Narrativ in Niedersachsen, von internen Dossiers und dem Versuch, den Konflikt auf Bundesebene einzufangen. Ein AfD-Mann wird mit dem Satz zitiert: „Diese Mischung aus Eitelkeit, gnadenloser Selbstüberschätzung, pathetischer Dummheit und reiner Gier haben sie sonst nirgendwo, bei keiner anderen Partei.“
ntv (9.2.26) schreibt zur Dimension der „Bereicherungsnetzwerke der AfD“: „Bis zur Hälfte der 151 Bundestagsabgeordneten dürfte direkt oder indirekt betroffen sein, lautet eine Schätzung aus dem Fraktionsvorstand.“ Mittlerweile vergeht kein Tag mehr, an dem nicht neue Fälle von AfD-Vetternwirschaft aus dem gesamtem Bundesgebiet öffentlich werden.
Der AfD-Influencer Götz Kubitschek richtet der Partei aus: „Der Schaden ist schon da, die Glaubwürdigkeit hat einen Riß. Tünche reicht nicht, aufräumen muß man.“ Thüringens AfD-Chef Björn Höcke greift Kubitscheks Kritik affirmativ auf. Das klingt nach Panik vor Selbstzerstörung.
„Die Familie geht ihm über alles“ — das gilt offensichtlich auch für andere AfD-Abgeordnete, die gegenseitig ihre Frauen, Söhne und Töchter in ihren Abgeordnetenbüros angestellt haben. So lässt sich das Familienbudget aufbessern. Blaue Vetternwirtschaft
— Ruprecht Polenz (@polenz.bsky.social) 10. Februar 2026 um 20:51
Der Radius endet nicht bei Landesparteien und Bundestagsfraktion. Abgeordnetenwatch (11.2.26) berichtet über Familienkonstellationen auf Ebene des Europäischen Parlaments. Der bereits wegen mehrfacher Ermittlungsstränge schwer angeschlagene Petr Bystron habe seine eigene Partnerin als Assistentin beschäftigt gehabt. Nun arbeite sie „im Büro von Bystrons Kollegen Arno Bausemer, AfD-Mann aus Sachsen-Anhalt. Der Politiker ist für seinen teilweise erfundenen Lebenslauf bekannt.“ Die taz (9.2.26) zählt aus dem EU-Parlament zwei weitere Fälle auf, darunter Alexander Jungbluth, Intimus der österreichischen EP-Abgeordneten Petra Steger, der mit Reinhild Boßdorf die Tochter seiner Fraktionskollegin Irmhild Boßdorf beschäftigt.
Ein Frauenmörder auf der Kandidatenliste
Als wäre das nicht genug, folgte in München ein weiterer Schlag für das Selbstbild der Partei. Die „Süddeutsche Zeitung“ (5.2.26) deckte auf, dass ein AfD-Kandidat für den Stadtrat in München wegen Mordes verurteilt worden war. Laut SZ hat das Landgericht Regensburg den Mann 2005 zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er seine 85-jährige Nachbarin erdrosselt hatte. Er war 2021 entlassen worden, stand aber weiter unter Bewährung. Das Wahlamt strich ihn folgerichtig von der Liste.
Politisch verheerend war dann die Kommunikation: Der Münchner AfD-OB-Kandidat Markus Walbrunn erklärte laut SZ, man habe von der Vergangenheit nichts gewusst und erst durch die Recherche davon erfahren. Auf Nachfrage habe der Bewerber den Vorgang zunächst als „bloß einen Fall von Körperverletzung“ dargestellt. In der Folge trat er aus der Partei aus. Fragt sich nur, wie ein verurteilter Mörder offenbar problemlos auf einer AfD-Wahlliste landen kann, aber auch, welches Milieu die rechtsextreme Partei anzieht.
Auf Ex-Frau mit Baseballschläger losgegangen
Hart wirkt auch ein Fall aus Nordrhein-Westfalen. Laut WDR (7.2.26) steht der AfD-Lokalpolitiker Stefan Poremski im Verdacht, seine Ex-Frau mit einem Baseballschläger am Kopf verletzt und ihren neuen Partner bedroht zu haben. Die von der Ex-Frau alarmierte Polizei fand im Keller eine Handgranate, Munition und Drogen. Gegen den Mann würde nun wegen des Verdachts auf Körperverletzung sowie Verstöße gegen Betäubungsmittel- und Waffengesetz ermittelt.
Der AfD-Kreisverband Unna erklärte dem WDR: „Wir werden uns ein Bild von der Lage machen und zu gegebener Zeit eine Stellungnahme abgeben.“ Der Satz ist bürokratisch sauber und moralisch leer. Wer im Dauerwahlkampf jede Straftat zum Beweis für den Niedergang des Landes erklärt, sollte mehr liefern als Verwaltungsprosa.
Moralischer Ausnahmezustand als Spiegelbild
Diese Stränge, die allesamt in nur einer Woche aufgepoppt sind, gehören zusammen, auch wenn sie unterschiedlich gelagert sind. In Sachsen-Anhalt und darüber hinaus geht es um strukturelle Vetternwirtschaftsvorwürfe und den Vertrauensverlust in der eigenen Basis, in München um – vorsichtig ausgedrückt – mangelnde Sorgfalt bei der Kandidatenaufstellung. In NRW geht es um einen schweren Gewaltverdacht mit Waffen- und Drogenfund. Gemeinsam erzählen sie von einer Partei, die den angeblichen moralischen Ausnahmezustand der anderen Parteien, „des Systems“, anprangert und in der eigenen Praxis die Vorwürfe spiegelt.
Die Ironie ist jedenfalls gesetzt: Ausgerechnet jener Landesverband, der in Salzburg mit der FPÖ an der Fassade der Regierungsfähigkeit arbeitete, liefert daheim Anschauungsunterricht für ein schamloses internes Bereicherungssystem und ein Krisenmanagement aus der Hölle.
Und weil die AfD sich Nachhilfe aus Österreich geholt hat: Auch hier lohnt sich der Blick auf personelle Verflechtungen. Bei der FPÖ gibt es ebenfalls eine Reihe von Beschäftigungen im Familienumfeld. Die nächste Stoppt die Rechten-Recherche ist bereits in Arbeit. Das Dreck-am-Stecken-Syndrom ist ein Merkmal, das rechtsextreme Parteien verbindet.
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