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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 4 Minuten

Freiheitliches Denken beim Wort genommen

Publi­ka­tio­nen und Aus­ein­an­der­set­zung mit der FPÖ bezie­hen sich nicht sel­ten auf Sekun­där­quel­len und käu­en Alt­be­kann­tes wie­der. Anders ver­hält es sich beim kürz­lich erschie­nen Buch „Die FPÖ. Blau­pau­se der Neu­en Rech­ten in Euro­pa“, in dem sich Her­bert Auin­ger die Mühe einer gründ­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit Ori­gi­nal­tex­ten der FPÖ gemacht hat. Im Zen­trum sei­ner Ana­ly­se steht die akri­bi­sche Exege­se zwei­er, für das frei­heit­li­che Den­ken reprä­sen­ta­ti­ve, Wer­ke: das „Hand­buch frei­heit­li­cher Poli­tik – Leit­fa­den für Man­dats­trä­ger“ sowie das Buch „Für ein frei­heit­li­ches Öster­reich – Sou­ve­rä­ni­tät als Zukunfts­mo­dell“.

19. Juli 2017

Familie und Volk

Anhand einer sorg­fäl­tig Lek­tü­re des aus­ge­wähl­ten Text­ma­te­ri­als und der anschlie­ßen­den Inter­pre­ta­ti­on zahl­rei­cher Text­pas­sa­gen geht der Autor den Fun­da­men­ten des frei­heit­li­chen Welt­bilds auf den Grund und unter­zieht die frei­heit­li­che Deu­tung von Indi­vi­du­um, Fami­lie, Volk, Staat, Euro­pa, Gesell­schaft und Poli­tik einer nach­voll­zieh­ba­ren Kri­tik. Eine zen­tra­le Rol­le im Den­ken der FPÖ spie­len dem­nach die ver­meint­lich natur­ge­ge­ben „Daseins­for­men“ des Men­schen: Fami­lie, Volk und Nati­on. So arbei­tet sich der Autor in sei­ner Ana­ly­se von der kleins­ten Ein­heit, dem Indi­vi­du­um vor über die Fami­lie („Kern­zel­le des Volks“) bis hin zum Kol­lek­tiv („Volk“) und klärt dadurch über die in dem Den­ken betrie­be­ne Natu­ra­li­sie­rung zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen sowie die als natur­haft ver­stan­de­ne Ein­bin­dung in dar­auf auf­bau­en­de, grö­ße­re Kol­lek­ti­ve auf. Dafür wid­met er sich in einem ers­ten Kapi­tel ins­be­son­de­re dem Frei­heits­be­griff der FPÖ und zeigt dabei, dass in ihrem Den­ken die Ver­ant­wor­tung und Frei­heit des Indi­vi­du­ums letzt­lich als Ver­pflich­tung für das „Volk“ und sei­ner Inter­es­sen aus­ge­legt wird. Her­vor sticht in Auin­gers Werk die aus­führ­li­che Ana­ly­se der Vor­stel­lun­gen von „der Frau: in der Fami­lie“ im Den­ken der FPÖ, den damit ver­bun­de­nen Rol­len­zu­schrei­bun­gen sowie ihren ver­meint­lich natur­ge­ge­be­nen Auf­ga­ben in der Fami­lie sowie auch der Gesell­schaft. Bereits im zwei­ten Kapi­tel wid­met sich der Autor aus­führ­lich die­sem in der Rechts­extre­mis­mus­for­schung bis heu­te ver­nach­läs­sig­tem The­men­feld und behan­delt dadurch auch den zutiefst sexis­ti­schen, anti­fe­mi­nis­ti­schen und homof­eind­li­chen Cha­rak­ter der frei­heit­li­chen Publikationen.

Identität vs. Andere

Nicht zuletzt dekon­stru­iert der Autor, der Anfang der 2000er auch ein Buch über Jörg Hai­der („Hai­der. Nach­re­de auf einen bür­ger­li­chen Poli­ti­ker“) ver­fasst hat, Vor­stel­lun­gen von Hei­mat und Iden­ti­tät, die stets als Abgren­zung zu „Ande­ren“ (Migrant_innen, Geflüch­te­ten aber auch sozi­al Schwä­che­ren) fun­gie­ren. Dabei macht Auin­ger deut­lich, wie inhalts­leer und dadurch pre­kär die Wie­der­be­le­bung der Vor­stel­lung natio­na­ler, völ­ki­scher bzw. kol­lek­ti­ver Iden­ti­tät im Grun­de genom­men ist. Neben den gän­gi­gen ras­sis­ti­schen Argu­men­ta­tio­nen der FPÖ zeigt der Autor auch, wie die FPÖ sys­te­ma­tisch sozia­le Pro­blem- und Schief­la­gen zu eth­ni­siert und aus­schließ­lich die „Zuge­wan­der­ten“ für sozia­le Miss­stän­de ver­ant­wort­lich macht. Auin­ger greift dabei vie­le bereits bekann­te Argu­men­te und Ana­ly­sen der FPÖ auf, führt die­se aber durch sei­ne inten­si­ve Stu­die der Ori­gi­nal­tex­te deut­lich detail­rei­cher und tief­grün­di­ger aus als bis­he­ri­ge Beschäf­ti­gun­gen mit die­ser Par­tei. Indem Auin­ger nicht nur die Logi­ken des frei­heit­li­chen Gedan­ken­ge­bäu­des offen­legt, son­dern die­se auch zu Ende denkt, wird deut­lich, dass zahl­rei­che Facet­ten des frei­heit­li­chen Gedan­ken­guts tat­säch­lich noch men­schen­ver­ach­ten­der und ras­sis­ti­scher sind als eins dies erwar­tet hätte.

Auinger, Herbert: Die FPÖ – Blaupause der Neuen Rechten in Europa.
Auin­ger, Her­bert: Die FPÖ – Blau­pau­se der Neu­en Rech­ten in Europa.

Leerstellen

Ein­zig der Unter­ti­tel „Blau­pau­se der Neu­en Rech­ten in Euro­pa“ ist irre­füh­rend, da im Grun­de genom­men gar nicht dar­auf ein­ge­gan­gen wird, in wel­cher Art und Wei­se sich ande­re Grup­pie­run­gen (der neu­en Rech­ten) der Argu­men­ta­ti­ons­wei­sen der FPÖ bedie­nen, oder war­um die­se als „Blau­pau­se“ fun­gie­ren sol­le. Eine Leer­stel­le des Buchs ergibt sich außer­dem durch die unzu­frie­den­stel­len­de The­ma­ti­sie­rung des frei­heit­li­chen Anti­se­mi­tis­mus, dem in einer ver­klau­su­lier­ten Form nach wie vor gro­ße Bedeu­tung inner­halb der Par­tei zukommt. Umso bit­te­rer da das Buch in einem Ver­lag ver­öf­fent­licht wur­de, der bereits in der Ver­gan­gen­heit dadurch auf­ge­fal­len ist, dass er Autoren wie Isra­el Shamir eine Publi­ka­ti­ons­mög­lich­keit sei­nes anti­se­mi­ti­sches Mach­werk „Blu­men aus Gali­läa“ bot. Die­ses wur­de vom DÖW sogar als „eine der übels­ten Hetz­schrif­ten nach 1945“ bezeich­net. Auch die Ver­wen­dung durch­wegs anti­quier­ter Spra­che zählt zu den Man­kos des Buchs, da Auin­ger immer noch von „In- und Aus­län­dern“ oder auch von „Frem­den­feind­lich­keit“ spricht obgleich der­ar­ti­ge Begriff­lich­kei­ten seit gerau­mer Zeit in der Kri­tik ste­hen, da Ras­sis­mus als sol­cher benannt wer­den soll­te und zudem auch jene trifft, die als „Frem­de“ aus­ge­macht wer­den, unab­hän­gig davon, ob die Pro­jek­ti­on den Tat­sa­chen ent­spricht oder nicht. Der frag­wür­di­ge Zugang zu Spra­che spie­gelt sich letzt­lich auch in der Nicht-Ver­wen­dung geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che wie­der. Gleich­zei­tig las­sen jedoch krea­ti­ve Wort­schöp­fun­gen wie „frei­heit­li­che Natur­kund­ler“ oder „Wur­ze­lös­ter­rei­cher“ sowie der stel­len­wei­se sar­kas­ti­sche Ton des Autors die Ana­ly­se, die auch zahl­rei­che Ori­gi­nal­zi­ta­te ent­hält, nicht zu tro­cken wer­den. Zusam­men­fas­send hat Auin­ger nicht nur eine gründ­li­che Ana­ly­se vor­ge­legt, son­dern auch ein Nach­schlag­werk bzw. ein Stan­dard­werk der Ana­ly­se der von der FPÖ ver­tre­te­nen Welt­an­schau­ung geschaffen.

Auin­ger, Her­bert (2017): Die FPÖ – Blau­pau­se der Neu­en Rech­ten in Euro­pa. Wien: Pro­me­dia Verlag.

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