Warum hat ein Verein, der im winzigen Ort Thallichtenberg (Rheinland-Pfalz) residiert, einen Obmann aus dem nicht viel größeren Kemeten im österreichischen Burgenland? Wieso ist der Freiheitliche Martin Bauer Obmann in einem Verein, der von den rassistischen und sozialdarwinistischen Vorstellungen seines Gründers Herman Wirth lebt? Und was war 2024 in Zöbern?
„Ur-Europa“ heißt der Verein, in dem Martin Bauer seit 2020 Obmann ist. Bis 2022 war Bauer auch noch Ortsobmann der FPÖ in der burgenländischen Gemeinde Kemeten. Dann gab es einen Generationenwechsel in der Ortspartei, aber Bauer versicherte, seiner Partei auch weiterhin „mit Rat und Tat zur Seite stehen“ zu wollen. Zu lesen ist das in einer Recherche von Timo Büchner für Belltower.News (8.10.26), der journalistischen Plattform der deutschen Amadeu Antonio Stiftung.
FPÖ-(Ex-)Funktionäre und Neonazis bei den Jahrestagungen
Es geht um eine Jahrestagung des Vereins „Ur-Europa“ im Allgäu Ende Juli 2026, bei der auch FPÖ-Funktionäre wie Bauer und Thomas Schinnerl sowie ein mehrfach wegen NS-Wiederbetätigung verurteilter Neonazi mit den Vornamen Günther Adolf präsent war. Günther A. ist seit rund 30 Jahren in der Neonazi-Szene aktiv und war so etwas wie der Lehrmeister des Objekt 21-Chefs Jürgen Windhofer.
A. ist aber nicht der einzige Neonazi, der bei Veranstaltungen des Vereins „Ur-Europa“ aufgetaucht ist. Vor ihm nahmen laut „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ (16.7.22) schon Andreas Thierry, Roland Wuttke und Gerd Zikeli 2022 an einer Jahrestagung des Vereins teil. Noch früher wurden dort die mittlerweile verstorbenen Nazis Hans-Georg Haverbeck und der Holocaustleugner Rigolf Hennig als Referenten und der Nazi-Barde Frank Rennicke als Teilnehmer bei Jahrestagungen gesichtet.
„Ur-Europa“ und sein Altnazi Wirth
Der Verein „Ur-Europa“ mit seinem FPÖ-Mann Martin Bauer als Obmann hat eine Website, auf der zu lesen ist, dass der Verein 1928 gegründet wurde und aktuell 140 Mitglieder hat. Die Mitgliederzahl ist seit einigen Jahren konstant.

1928 gründete Herman Wirth die „Herman-Wirth-Gesellschaft“, die er aber 1932 schon wieder verließ, weil ihm die NS-Landesregierung in Mecklenburg angeboten hatte, ein Forschungsinstitut für Geistesurgeschichte aufzubauen. Über die weitere Geschichte der von Wirth verlassenen „Herman-Wirth-Gesellschaft“ gibt es keine präzisen Angaben. Der Verein spricht jedenfalls von einer Neugründung 1954 als „Herman-Wirth-Gesellschaft“ in Marburg. 1990 oder 1996 (?) erfolgte die Umbenennung in „Ur-Europa – Gemeinnützige Gesellschaft für europäische Urgeschichte“.
Wirth war einer der wichtigsten Proponenten einer zwar abstrusen, aber sehr wirkungsmächtigen Rassenideologie des frühen 20. Jahrhunderts, der Konstruktion einer atlantisch-nordischen Rasse. In vorgeschichtlicher Zeit habe es im Norden eine nordische Hochkultur gegeben, die – biologisch und kulturell anderen „Rassen“ überlegen – ihre Kultur (Schrift, Religion, Symbolik, aber auch gesellschaftliche Ordnung) wegen klimatischer Veränderungen in südlichere Regionen gebracht habe. Anhänger dieser abstrusen Ideologie, die quer zu allen Fakten steht, glauben, Spuren dieser herbeifantasierten Hochkultur in Runen, Felszeichnungen, religiösen Symbolen und Bräuchen zu erkennen. Der nordischen Bevölkerung wurde damit eine herausragende kulturelle Schöpferkraft zugeschrieben, während andere nur die Empfänger dieser Kulturleistungen, also minderwertiger waren.
„Geistiger Wegbereiter der Euthanasie und des Holocausts“
Dieses klar rassistische Konzept gefiel natürlich besonders den Nazis, und so wurde Wirth 1935 mit Heinrich Himmler und Richard Walther Darré einer der Gründer der SS-Forschungsgemeinschaft „Deutsches Ahnenerbe“ – und nebenbei auch SS-Hauptsturmführer. 1937/38 wurde Wirth, der bis dahin als Präsident fungiert hatte, allmählich entmachtet und abgelöst, erhielt aber weiterhin Förderungen. Grund für die leichten Dissonanzen dürfte Wirths Beharren auf der angeblich mutterrechtlich organisierten nordischen Urgesellschaft gewesen sein. Das passte den strammen Nazi-Männerbündlern nicht. Dass Wirth sein nordisches Matriarchat mit einem gefälschten Dokument, der Ura-Linda-Chronik, begründete, dürfte sie weniger gestört haben. Wirth war jedenfalls ein Nazi der ersten Stunde.
1925 trat Wirth zum ersten Mal der NSDAP bei, erhielt die niedrige Mitgliedsnummer 20.157, trat aber im Jahr darauf wieder aus und 1933 erneut bei. Auf Hitlers Veranlassung durfte er seine alte Mitgliedsnummer beibehalten – eine Auszeichnung der besonderen Art! Nichts spricht daher für seine eigene (und die des Vereins) spätere Erzählung, wonach er zu den Verfolgten des NS-Regimes gehört habe.
Vor allem spricht seine Rassenideologie dagegen. In seinem Buch „Was heißt deutsch?“ aus dem Jahr 1931 kritisierte Wirth etwa die Kosten für die Unterbringung und Versorgung von seiner Ansicht nach erblich minderwertigen Personen und verwendete dabei die Formulierung von „künstlicher Lebenserhaltung der erbrassig Minderwertigen“ (Franz Mandl: Das Erbe der Ahnen). Ein „geistiger Wegbereiter der Euthanasie und des Holocausts“, schreibt Mandl zutreffend.
Rassische Fantasien als Vereinsprogramm
Der Verein „Ur-Europa“ definiert sich in der Tradition Wirths, übernimmt seine Fantasiekonstrukte von „nordischer Rasse“ und Kultur, spricht von einer „ungeheuren kulturellen Leistung der arktisch-atlantischen Menschheit“ und übernimmt auch dessen „Forschungsergebnisse“. Elisabeth Neumann-Gundrum, die dem Verein ihr Vermögen vermachte und die Umbenennung in „Ur-Europa“ veranlasst hatte, spricht von „geistig-seelischen, urwissend-tätigen“ Voraussetzungen, die man brauche, um in Felsformationen urzeitliche Felsbilder interpretieren zu können.
Von Spital am Pyhrn nach Zöbern
In den 1980er-Jahren kaufte die oberösterreichische Gemeinde Spital am Pyhrn den Nachlass von Herman Wirth an und präsentierte den in einem „Felsbildermuseum“ auch öffentlich. Nach Protesten wurde das Museum anscheinend still und heimlich geschlossen. Wohin man den Nachlass von Wirth verräumt hat, ist unklar.
In vergangenen Jahren traten immer wieder Referenten aus Österreich bei Veranstaltungen des Vereins auf. Mehrmals fanden auch Tagungen des Vereins in Österreich statt – vorzugsweise in Spital am Pyhrn –, aber das ist bereits lange her.
Umso überraschender ist es, dass der Verein 2024 seine Jahrestagung im niederösterreichischen Zöbern abhielt. Der Ort ist vielen nur durch seine Autobahnraststätte ein Begriff, beherbergt aber auch ein Seminarhotel, das sogar über einen hoteleigenen Steinkreis verfügt. War dort die Jahrestagung?
Bekannt sind allerdings die Referent:innen dieser Jahrestagung, die dem Vermächtnis von Elisabeth Neumann-Gundrum, jener Frau mit den „geistig-seelischen, urwissend-tätigen Voraussetzungen“, gewidmet war. Ihre NSDAP-Mitgliedschaft dürfte vermutlich dabei ebenso wenig kritisch beleuchtet worden sein wie ihre Verbindung zum „Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes“ (DKEG) oder zur NPD, deren Politiker Wolfgang Gaewert sie mit einer hohen Spende für ihre Arbeit unterstützte.
FPÖ-Referenten und Runenmagie
Da wäre einmal der Obmann des Vereins, der FPÖ-Mann Martin Bauer, der gemeinsam mit Hildegard Ostler-Konrad eine Einführung in das Vermächtnis von Elisabeth Neumann-Gundrum lieferte. Der nächste FPÖ-Referent kam auch aus dem Burgenland. Eduard Nicka war Landtagsabgeordneter der FPÖ und zeitweise auch stellvertretender Landesparteiobmann. Renate Bartel, eine „Energetikerin“, lieferte ein Referat zur Magie der Runen, während der Historiker Heinrich Kusch über eine „geheime Unterwelt- die Entdeckung einer 60.000 Jahre alten Kultur“ fabulieren durfte. Darüber hat er auch 2023 bei der Kulturinitiative Kürbis im steirischen Wies einen Vortrag gehalten, was die Kulturinitiative im Nachhinein zu einer entsetzten Distanzierung veranlasst hat.
Für den Verein „Ur-Europa“ stellte es jedoch eine Supervorlage dar, denn Kuschs Erzählung, wonach vor 60.000 Jahren eine überaus begabte nordische Kultur unter dem Meer einen Tunnel von Schottland bis in die Türkei gegraben haben soll, fügt sich wunderbar zu dessen Geschwurbel über die „nordische Urrasse“ bzw. Kultur.
Die passende musikalische Untermalung für die Tagung in Zöbern lieferte übrigens Swantje Swanhwit, die in Wirklichkeit den profanen Namen Iris-Kathrin Fischer trägt und schon vor nahezu 30 Jahren für ihre Aktivitäten vom Rechtsextremismusexperten Andreas Speit im deutlich rechtsextremen Spektrum verortet wurde.
Quellen und weiterführende Literatur
➡️ Timo Büchner: Verein „Ur-Europa“. Auf den Spuren der „nordischen Rasse“. In: Belltower.news, 8.10.26
➡️ Franz Mandl: Das Erbe der Ahnen. Ernst Burgstaller/Herman Wirth und die österreichische Felsbildforschung. In: Mitteilungen der ANISA, Heft 1/2 (1999), S. 41–67.
➡️ Kai Budler: “Ur-Europa” mit braunem Personal. In: publikative.org, 13.10.12
➡️ Stefanie Haupt: Elisabeth Neumann-Gundrum (1910–2002). Eine Produzentin völkischer Vorgeschichtsbilder und Agitatorin in rechten Kulturnetzwerken. In: Gideon Botsch, Christoph Kopke, Karsten Wilke (Hg.): Rechtsextrem: Biografien nach 1945. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 333–348.
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