Der israelische Geheimdienst Mossad habe Jörg Haider „eliminiert“: Diese Geschichte verbreitete AUF1-Chef Stefan Magnet am 11. Oktober auf Telegram und X. Er empfiehlt ein Interview mit dem selbst ernannten „Rabbiner“ Moshe Aryeh Friedman, das Karlheinz Klement, früher FPÖ-Nationalratsabgeordneter und BZÖ-Funktionär, geführt und im April 2020 auf YouTube veröffentlicht hat. Auf Telegram und X erreichte Magnet um die 30.000 Aufrufe. Der Anlass passt zur Inszenierung: Haider starb am 11. Oktober 2008.

Wie Magnet arbeitet, zeigt, dass ein von ihm mit den Postings verbreiteter Videoausschnitt aus einer am 2. Oktober 2019 auf YouTube veröffentlichten Aufnahme stammt und nicht aus jenem Video, das Magnet mit „das ganze Interview“ verlinkt. Im Videoausschnitt behauptet Friedman, der Mossad verfüge über Spezialisten für Automanipulationen. Außerdem habe der Geheimdienst Haider erpresst, damit dieser seine eigene Security und Cobra-Beamte durch Mossad-Leute ersetze. So hätten sich israelische Agenten bei FPÖ-Veranstaltungen „mitten drinnen“ befunden. Belege? Fehlanzeige!
Ein Unfall wird zum Mordkomplott
Bei Haiders Unfall hatte die Justiz wenig Spielraum für solche Fantasien: Der Politiker lenkte seinen VW Phaeton mit mindestens 142 km/h durch eine 70er-Zone, hatte 1,8 Promille Alkohol im Blut und verlor die Kontrolle über das Auto. Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt stellte das Verfahren im April 2009 ein. Die technische Untersuchung ergab einen einwandfreien Zustand des Fahrzeugs und keinerlei Hinweise auf Manipulationen. Auch die gerichtsmedizinischen Befunde wurden unabhängig überprüft.
Im verlinkten Interview von 2020 erklären Klement und Friedman diese Ergebnisse kurzerhand zur Vertuschung. Friedman beschuldigt die Staatsanwaltschaft Klagenfurt schwerer Amtsmissbräuche, spricht von vernichteten Blutproben und stellt Beamte als Mitwirkende des vermeintlichen Komplotts dar. Der Presserat hatte bereits im Dezember 2019 eine entsprechende skandalisierende Berichterstattung von oe24 beanstandet: Eine behauptete zehnjährige Aufbewahrungspflicht für Haiders Blutproben war unzureichend belegt.
Das „verschwundene“ Interview liegt im Archiv
Eines der angeblich stärksten Indizien führt ausgerechnet zu einem Gegenbeweis. Friedman behauptet, ein Al-Jazeera-Interview mit Haider aus dem Jahr 2002 sei gezielt aus dem Internet gelöscht worden. Darin hatte Haider zur Palästinafrage Stellung bezogen. Friedman deutet einen Hackerangriff der angeblichen Hintermänner des Mordes an. Ein Transkript des Gesprächs ist jedoch bis heute im Archiv von Al Jazeera inklusive Videoausschnitt nachzulesen.

Noch abenteuerlicher wird es bei einer Einspielung aus einer angeblichen israelischen Radiosendung. Klement räumt ein, dass die Audiopassagen von zwei Sprechern nachgesprochen wurden – die beiden bieten also nicht einmal das Original auf. Darin ist zu hören, dass zwei Personen makabre Witze über Haiders Tod und den Mossad machen. Klement und Friedman deuten den Ausschnitt als Eingeständnis des Geheimdienstmordes. Einer der angeblichen Sprecher, Dror Rafael, ist als Satiriker bekannt. Ein belastbarer Mordbeleg entsteht daraus nicht im Geringsten.
Von israelischen Witzen zur jüdischen Verschwörung
Auf dieser wackligen Grundlage wird das Interview offen antisemitisch. Friedman spricht von einer „abscheulichen Blutdürstigkeit sondergleichen“ und macht angebliche Feiern über Haiders Tod zur Haltung der gesamten israelischen Gesellschaft. Klement zitiert einen Gewaltaufruf aus dem Alten Testament und erklärt, solcher Hass sei im „Heiligen Buch“ festgeschrieben.
Anschließend gerät die Israelitische Kultusgemeinde Wien ins Visier. Friedman deutet „große Zusammenhänge“ der IKG mit dem vermeintlichen Mordgeschehen an und behauptet, es hätten nach Haiders Tod jüdische Feiern in Wien stattgefunden. Klement fragt sogar, ob die IKG selbst den Mord gefeiert habe. Friedman weicht einer klaren Bestätigung aus, hält jedoch seine Verdächtigungen aufrecht. Auch für diese Anschuldigungen präsentiert keiner der beiden überprüfbare Beweise.
Holocaustrevisionist als jüdischer Zeuge
Wessen Autorität Magnet mit der Bezeichnung „jüdischer Rabbiner“ hervorhebt, verdient einen Rückblick. Friedman nahm im Dezember 2006 an der Holocaustleugner-Konferenz des iranischen Regimes in Teheran teil, gemeinsam mit internationalen Neonazis. Er stellte nicht nur die rund sechs Millionen jüdischen Mordopfer infrage, sondern erklärte in seiner vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zitierten Rede zudem Zionisten zu Hintermännern nationalsozialistischer Verbrechen. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien schloss Friedman 2007 aus und erstattete Anzeige. Eine Anklage scheiterte an der damals fehlenden Erfassung von Auslandstaten durch das Verbotsgesetz.
Noch im August 2026 distanzierten sich mehrere jüdische Organisationen in Belgien und Europa öffentlich von Friedman. Er bekleide keine anerkannte rabbinische Funktion und vertrete keine ihrer Gemeinschaften. Die Organisationen warnten Medien ausdrücklich davor, seinen selbst gewählten Titel ungeprüft zu übernehmen.
Klement: Schon verurteilt wegen Verhetzung
Auch Magnets zweiter Kronzeuge ist einschlägig bekannt. Karlheinz Klement wurde dreimal aus der FPÖ ausgeschlossen. Wegen der Veröffentlichung eines antisemitischen Textes aus dem Neonazi-Portal Altermedia wurde er rechtskräftig wegen Verhetzung verurteilt: vier Monate bedingt und 1.800 Euro Geldstrafe. 2010 organisierte er ein konspiratives Treffen mit Neonazis um den Holocaustleugner Bernhard Schaub.
Klement hatte den Mossad schon wenige Tage nach Haiders Tod ins Spiel gebracht. Achtzehn Jahre später sorgt auch Magnet dafür, dass dieser Humbug weiterlebt. Magnet recycelt damit das älteste Rezept antisemitischer Verschwörungspropaganda: Selbst an Haiders tödlicher Alkoholfahrt sollen am Ende die Juden schuld sein.
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