Anastasias Traum – zur russischen Rechtsesoterik in österreichischen Schulprojekten (Teil 1)

Zwei öster­re­ichis­che Schul­pro­jek­te sind die wesentlichen Pro­tag­o­nis­ten beim Import der rus­sis­chen Schetinin-Ide­olo­gie in den deutschsprachi­gen Raum: Das Lais-Konzept und die Wein­bergschule. Bei diesem Trans­fer wer­den aller­lei Pseudopäd­a­gogik, rechte Eso­terik und Ver­schwörungs­the­o­rien mit­ge­bracht. Dies passiert manch­mal unbe­wusst, manch­mal ganz dezi­diert und oft­mals auch verdeckt. Neben den Inhal­ten ver­weisen ins­beson­dere die Ver­strick­un­gen mit anderen Akteuren im eso­ter­ischen Spek­trum auf eine hoch­prob­lema­tis­che Gemen­ge­lage, die aus ein­er antifaschis­tis­chen Per­spek­tive rel­e­vant ist und nicht annäh­ernd aus­re­ichend medi­ale Beach­tung findet.

Die Lais-Schule

Erfind­er der soge­nan­nten Lais-Meth­ode ist der Kärnt­ner Dieter Graf-Neure­it­er, ein aus­ge­bilde­ter Sta­tion­s­ge­hil­fe, ehe­ma­liger Gas­tronom, NLP-Prac­ti­tion­er und „Men­tal­coach“ (päd­a­gogis­che Aus­bil­dun­gen dürften keine vorhan­den sein). Er grün­dete gemein­sam mit Inge­borg Schober und Mar­ti­na Graf 2014 das LAIS.Institut in Kla­gen­furt mit dazuge­hörigem Schul­pro­jekt. Der Begriff „Lais“ soll ein­er­seits aus dem Gotis­chen kom­men und „ich weiß“ bedeuten, ander­er­seits gemäß sein­er indoger­man­is­chen Wurzel auch „Spur, Bahn, Furche“ meinen. Der Lais-Ansatz propagiert und ver­spricht eine Lern­meth­ode, die das „natür­liche Ler­nen“ von Kindern reak­tivieren bzw. die „Rein­heit“ dieses natür­lichen Wis­sens­drangs bewahren oder befördern kann (siehe auch aus­führlich Pöhlmann 2016, sektenwatch.de). Auf­grund der­ar­tiger Ver­heißun­gen und ein­er zunehmenden Ablehnung der Regelschul­sys­tems erfreut sich die Lais-Meth­ode eines regen Zulaufs und immer mehr Kinder wer­den von herkömm­lichen Schulen abgemeldet (siehe Jakob Win­ter im Pro­fil, Juni 2018). Die rel­a­tiv nieder­schwellige geset­zliche Regelung für Heimunter­richt in Öster­re­ich dürfte diese Entwick­lung befördern. Ein­er par­la­men­tarischen Anfrage durch den Grü­nen Bun­desrat David Stög­müller vom März 2018  zufolge kön­nte es inzwis­chen bis zu 35 „Lais-Schulen“ geben, wobei es sich dabei nicht um Schulen mit Öffentlichkeit­srecht han­delt, son­dern um häus­lichen Unter­richt in Form von Lern­grup­pen (ganz im Gegen­satz zu der Wein­bergschule – siehe im kom­menden Teil II dieses Beitrags). In einem Inter­view mit der Wiener Zeitung vom 30.06.2017 beze­ich­net der Bil­dungswis­senschaftler Ste­fan Hop­mann die ide­ol­o­gis­che „Kul­tivierung“ durch das Lais-Unter­richt­skonzept – neben dem völ­li­gen Fehlen ein­er wis­senschaftlich fundierten Päd­a­gogik – als das gravierende Prob­lem:   

„Denn oft­mals wer­den hochdu­biose weltan­schauliche Ein­stel­lun­gen ver­mit­telt. Es find­et sich, auch im Lais-Kon­text, alles Mögliche an eso­ter­ischen Vorstel­lun­gen, Ver­schwörungs­the­o­rie, auch qua­si ras­sis­tis­che Blut und Boden Ide­olo­gie. Meist ist es eine wüste Gemengelage.“

Den weltan­schaulichen und method­is­chen Hin­ter­grund zu dieser Gemen­ge­lage liefert die soge­nan­nte Schetinin-Schule, und dabei han­delt es sich um einen „schulis­chen“ Ableger der völkisch-eso­ter­ischen Anas­ta­sia-Bewe­gung. Diese enge Verbindung – Lais-Schetinin-Anas­ta­sia – wurde seit 2017 einige Male in den Medi­en the­ma­tisiert (2017: Kleine Zeitung, Wiener Zeitung, ; 2018: News, der­Stan­dard, SZ), sowie eben auch im März 2018 in der par­la­men­trischen Anfrage aus­führlich besprochen. 

Dieter Graf-Neure­it­er gren­zt sich inzwis­chen ganz dezi­diert von Schetinin und Anas­ta­sia ab – man habe damit nichts zu tun, die Medi­en­berichte seien dif­famierend, Lais sei „keine Bewe­gung und kein päd­a­gogis­ches Konzept“, son­dern eine „lern­di­dak­tis­che Meth­ode“, mit Sek­ten und Extrem­is­mus habe man nichts zu schaf­fen (1). Ent­ge­gen dieser Abgren­zung, beweisen doch mehrere Ver­strick­un­gen, dass es Zusam­men­hänge gibt und, mehr noch, dass die Schetinin-Lehre sog­ar die Grund­lage des Lais bildet. So spricht Alexan­dra Liehmann (Mit­grün­derin und Obfrau der Lais-Schule Kla­gen­furt) etwa bei dem obskuren GAIA-Kongress 2014 (2); in einem 40-minüti­gen Video davon – das immer noch auf der GAIA-Home­page einzuse­hen ist – geht es um wenig anderes als um die Schetinin-Schule und ihre direk­te Vor­bild­wirkung für die Lais-Meth­ode (mehr zu den dubiosen Ver­strick­un­gen der Lais- und Wein­bergschule fol­gt in Teil II).

Seit März diesen Jahres ist die medi­ale Res­o­nanz zu dem The­ma leise verebbt. Beson­ders aus­geprägt war sie aber nie und ein sys­tem­a­tisch-ana­lytis­ch­er Blick fehlt meis­tens gän­zlich. Ein solch­er Blick, mit beson­derem Fokus auf Schnittmen­gen mit recht­sex­tremer Gesin­nung soll im Fol­gen­den entwick­elt wer­den. Wir begin­nen bei A wie Anastasia.

Was ist Anastasia?

Die Anas­ta­sia-Lehre beruht auf der 10-bändi­gen, zwis­chen 1996 und 2010 ent­stande­nen Roman­rei­he „Die klin­gen­den Zed­ern Rus­s­lands“ vom Unternehmer Vladimir N. Megre. Dieser beschreibt sein Aufeinan­dertr­e­f­fen und Leben mit der jun­gen Frau Anas­ta­sia, ein­er im Wald leben­den, zaubern­den, all­wis­senden Ange­höri­gen der alten wedrus­sis­chen Kul­tur. Diese Geschichte wird von den Anas­ta­sia-Anhänger_in­nen nicht als fik­tiv, son­dern vielmehr als reale Tat­sachen­schilderung erachtet. Die Zahl der Anas­ta­sia-Gefol­gschaft dürfte unbekan­nt, aber wach­send sein; hin­ter der naturver­liebten Pose wim­melt jeden­falls ein reges kom­merzielles Treiben – Megre macht Mil­lio­nen. 

Laut dem Anas­ta­sia-Ken­ner Vladimir Mar­ti­novic han­delt es sich bei der darin ver­mit­tel­ten Glaubenslehre um ein Amal­gam aus unter­schiedlich­sten religiösen Bausteinen und Ver­satzstück­en des kul­tischen und eso­ter­ischen Milieus (3). Im Fol­gen­den sollen inhaltliche Schnittmen­gen mit und Übergänge zur extremen Recht­en anhand einiger zen­traler Motive bei Anas­ta­sia illus­tri­ert wer­den. 

Natur und Natür­lichkeit 

Recht­sex­treme Ide­olo­gie ver­ste­hen wir, mit Willibald Holz­er, als ein „Syn­dromphänomen“, das aus einem Bün­del ver­schieden­er Aus­sagen beste­ht, die durch den Bezug auf Natur oder Natür­lichkeit verk­lam­mert wer­den (siehe auch DÖW). So wer­den gesellschaftliche Ver­hält­nisse und soziale Wider­sprüche als unverän­der­bare Natur­tat­sachen dargestellt, Abwe­ichen­des wird als wider­natür­lich denun­ziert. 

In eso­ter­ischen Lehren (und so auch bei Anas­ta­sia) nimmt „Natur“ einen ähn­lich zen­tralen Stel­len­wert ein und fungiert oft­mals als Chiffre für eine verlorene/verschüttete Rein­heit oder Ursprünglichkeit. So bringt die per­ma­nent angerufene Natür­lichkeit oft eine all­ge­meine und dif­fuse Skep­sis gegenüber Wis­senschaft und Bil­dung zum Aus­druck, die aber eben auch bis hin zu völkischen Posi­tion­ierun­gen reichen kann. Und bei Anas­ta­sia ist das Let­ztere der Fall. Denn hier bleibt es nicht bei natur­ro­man­tis­chen Verk­lärun­gen, son­dern Natür­lichkeit wird mit „Rein­heit“ gle­ichge­set­zt und zum gesellschaftlichen Imper­a­tiv erklärt.

Rein­heit 

„Rein­heit“ bildet bei den – sehr konkreten (4) – Anas­ta­sia-Vor­gaben zur Lebens­führung eine „lei­t­ende Meta­pher“ (infoS­ek­ta 2016, S. 2). So sollen die Men­schen dem „Ein­fluss der tech­nokratis­chen Welt“ (5) durch eine ländlich-natür­liche und reine Lebensweise entrin­nen. Damit ein­her geht das absurde Ver­sprechen „aus­nahm­s­los von allen Krankheit­en geheilt zu wer­den“ (Megre zit. nach infoS­ek­ta 2016, S. 2), sofern man sich an die Regeln der Lehre hält. Die Ver­schränkung des Natur- mit dem Rein­heits­gedanken wird ins­beson­dere an der Verk­lärung von Kindern sicht­bar; damit eng in Verbindung ste­ht auch die Behaup­tung eines ver­loren gegan­genen Wis­sens: „Die Natur und der kos­mis­che Ver­stand fügen es so, dass jed­er Men­sch als ein Herrsch­er […] geboren wird […] einem Engel gle­ich, eben­so rein und sünd­los. […] Ein neun­jähriges Kind, inmit­ten der Natur aufgewach­sen, begreift den Weltauf­bau richtiger als eure Wis­senschaft.“ (Megre zit. nach infoS­ek­ta 2016, S. 4) Bei der Lehre geht es nun darum diesen ver­lore­nen Heils-Zus­tand wiederzuer­lan­gen.  

Anti­semitismus und Ver­schwörungsnar­ra­tiv 

Absolute Heil­slehren dieser Art sind Gege­naufk­lärung pur und kön­nen sel­ten ohne die Kon­struk­tion eines Bedro­hungsszenar­ios auskom­men, was erk­lärt, warum sich das große Heil bis jet­zt nicht durch­set­zen kon­nte (obwohl es doch in der bloßen Natur des Men­schen bzw. der Schöp­fung liegt). Hier kom­men Ver­schwörungs­the­o­rien ins Spiel. Die Feind­bilder kön­nen dur­chaus selek­tiv und sit­u­a­tion­sangepasst sein. So wer­den etwa die staatlichen Sek­ten­beauf­tragten „als eine kleine, gemeine, alte und aus­ländis­che Sek­te der Bioro­bot­er dargestellt“ (Mar­ti­novich 2014, S.12). Orig­inell. Aber das Gros der Ver­schwörungsnar­ra­tive beweist, dass der Mech­a­nis­mus solch­er Pro­jek­tio­nen nicht selek­tiv ist, son­dern sein­er wirk­mächti­gen Urform bedarf: des Antisemitismus.

Und hier ist Megre ganz expliz­it: Die Men­schheit werde von ein­er kleinen Gruppe jüdis­ch­er Priester beherrscht; diese heim­liche Welt­führung hätte „das jüdis­che Volk kodiert und in ein priester­lich­es Heer ver­wan­delt“ (Megre zit. nach infoS­ek­ta 2016, S. 4). Megre lässt seine Anas­ta­sia außer­dem dozieren: „His­torik­er hiel­ten Hitler für schuldig“, aber es seien schließlich schon andere Machthaber zu solchen Tat­en gezwun­gen gewe­sen: „Die Herrsch­er sind gezwun­gen, das jüdis­che Volk aus ihrem Land zu vertreiben.“ (ebd.) Kurzum: Anti­semi­tis­ch­er Wahn und ganz offen­er Geschicht­sre­vi­sion­is­mus.    

Der aufgezeigte Zusam­men­hang dieser Kat­e­gorien – vergessen­er Ursprung, kor­rumpierte Natür­lichkeit, wieder­herzustel­lende Rein­heit und Weltver­schwörung durch die Juden – ist kein zufäl­liger, son­dern in sein­er Ver­ket­tung fol­gerichtig. Auch wenn Anas­ta­sia als „Welt­be­freiungs-Ide­olo­gie“ daherkommt, bleibt sie in einem völkischen – weil nat­u­ral­isieren­den – Sinn auf fix­ier­bare Kollek­tiv­i­den­titäten beste­hen; oder mit dem  Reli­gion­swis­senschaftler Christoph Wagen­seil: „Die Bewe­gung bleibt anschlussfähig an ethno­plu­ral­is­tis­che Vorstel­lun­gen eines iden­titären region­al­is­tis­chen Nebeneinan­ders der Kul­turen und wäre damit – ver­gle­ich­bar der so genan­nten ‚Iden­titären Bewe­gung’ selb­st – typ­is­ch­er Aus­druck der neurecht­en Ver­schmelzung von Nation­al­is­mus und Inter­na­tion­al­is­mus.“ (siehe Wagen­seil 2016) 

„Anas­tasias Traum” Teil 2

1 Home­page der Lais-Zen­trale, zulet­zt einge­se­hen am 21.08.2018 

2 Home­page des Vere­in GAIA, zulet­zt einge­se­hen am 21.08.2018 

3 „Megres Büch­er nehmen die Vorstel­lun­gen von Roerich, pseudowis­senschaftliche Lehren von Aki­mov, Kaz­natscheev und Cleve Bak­er, Ideen des pos­i­tiv­en Denkens, der Noosphären Bewe­gung, Gedanken aus den bib­lis­chen Apokryphen, Lehren des Por­firiy Ivanov, einige Ele­mente und Ideen der Theoso­phie, des Her­me­timus, und der Kab­bal­ah auf, aber auch Vorstel­lun­gen von Wun­der­heilung und Behex­ung, von Atlantis, den Indi­go- Kindern, Schutzgeis­tern, Sham­bala, von Klarträu­men, Weltver­schwörun­gen, Reinkar­na­tion, Telego­nie, Hellse­hen; auch Teile der Glaubenslehre der Vis­sar­i­on-Bewe­gung, der Inter­na­tionalen Akademie der Infor­ma­tisierung, des Inte­gralen Yoga, The­o­rien aus Para­psy­cholo­gie, Ufolo­gie, Neuhei­den­tums, Spiritismus, usw.“(Mar­ti­novic 2014, S. 8)
4 Siehe dazu den aus­führlichen Bericht von infoS­ek­ta, der Schweiz­er Fach­stelle für Sek­ten­fra­gen, S. 2–6 

5 auf der deutschen Home­page der Anas­ta­sia-Bewe­gung, zulet­zt einge­se­hen am 21.08.2018