Anastasias Traum – zur russischen Rechtsesoterik in österreichischen Schulprojekten (Teil 2)

Zwei öster­re­ichis­che Schul­pro­jek­te sind die wesentlichen Pro­tag­o­nis­ten beim Import der rus­sis­chen Schetinin-Ide­olo­gie in den deutschsprachi­gen Raum: Das Lais-Konzept und die Wein­bergschule. Der erste Teil befasste sich mit den Lais-Schulen und den recht­seso­ter­ischen Hin­ter­grün­den zur Anas­ta­sia-Lehre. Der zweite Teil nimmt die in Seekirchen am Wallersee gele­gene Wein­bergschule unter die Lupe.

Was ist Schetinin?

Der bekan­nteste und (ver­mut­lich) erste Ver­such ein­er päd­a­gogis­chen Umset­zung der Anas­ta­sia-Lehre, ist die soge­nan­nte Schetinin-Schule. Dabei han­delt es sich um ein Inter­nat in Tekos, am schwarzen Meer, das von dem Megre-Anhänger und Musik­lehrer Michail P. Schetinin gegrün­det wurde. Im drit­ten Band der Anas­ta­sia-Romane wird die Schetinin-Schule aus­führlich als pos­i­tives Beispiel für die propagierte Lehre besprochen (infoS­ek­ta 2016, S. 10–12). Dabei wird etwa behauptet, dass Schüler_innen der Schetinin-Schule in Reko­rdzeit­en an der Uni­ver­sität lan­den wür­den; oder auch, dass Kinder bere­its sehr früh mitunter kom­plizierte Tätigkeit­en selb­st beherrschen wür­den: „Ein zehn­jähriges Mäd­chen kann beispiel­sweise ein Haus bauen, ein leck­eres Essen zubere­it­en, wun­der­schön sin­gen, malen und tanzen, ken­nt eine rus­sis­che, tra­di­tionelle Kamp­fart.“ (Megre zit.nach Pöhlmann 2016, S. 9) Dies wird von Megre bzw. Schetinin (der im Buch selb­st zu Wort kommt) durch jenes „natür­liche Ler­nen“ qua „Wis­sensos­mose“ erk­lärt, auf das sich auch die Lais-Schule und die Wein­berg-Schule beziehen.

Wem der Kon­takt gelingt, der wird den Math­e­matik­lehrstoff des zehn­jähri­gen Schul­pro­gramms spätestens in einem Jahr beherrschen. Sie [die Kinder] suchen den Kon­takt vom Bere­ich des bioen­er­getis­chen Feldes. Wenn der Kon­takt zwis­chen den bei­den Feld­struk­turen geschlossen wird, kann der Infor­ma­tion­saus­tausch stat­tfind­en. Es ist wie bei der Liebe auf den ersten Blick: Du hast noch das Wort aus­ge­sprochen, und dein Part­ner hat dich bere­its ver­standen. (ebd., S. 10)

Dieser Wis­senstrans­fer (die „Osmose“) wird bei Megre/Schetinin mit unter­schiedlichen Ver­satzstück­en aus dem eso­ter­ischen Vok­ab­u­lar erk­lärt (es ist etwa die Rede von „Inte­gra­tions­mustern“, „Polen“ und dem „kollek­tiv­en Gedächt­nis“); die Quin­tes­senz bleibt jeden­falls, dass von Natur aus angelegtes Wis­sen, lediglich reak­tiviert wer­den müsse (vgl. infoS­ek­ta 2016, S. 11). Ein zen­traler Aspekt der Lehrtech­nik beste­ht darin, dass Kinder anderen Kinder ihr Erlerntes weit­ergeben, also dass Kinder stets auch Lehrer_innen sind – son­st funk­tion­iere die Osmose nicht. Dass dabei ein gewaltiger Grup­pen­druck entste­hen kann, liegt auf der Hand. Hinzu kommt, dass Lern­er­folge gle­icher­maßen als spir­ituelle Erfolge gel­ten, somit „ein Kind, dem das Ler­nen schw­er­fällt, auch spir­ituell ver­sagt hat“. (ebd., S. 12)

Ein 2013 erschienen­er Artikel in der eso­ter­ischen Online-Zeitschrift sein.de ist beson­ders auf­schlussre­ich. Unter dem Titel „Die Tekos-Schule: 11 Jahre Schule in einem Jahr“ (1) wird aus­führlich über die Schule berichtet, auch Schetinin selb­st kommt mehrmals zu Wort. Obwohl der Artikel ganz offen­sichtlich wohlwol­lend gegenüber seinem Gegen­stand ist, fällt dem Autor doch die ide­ol­o­gis­che Stoßrich­tung des Pro­jek­ts auf: Der „Ein­druck ein­er gewis­sen Ide­olo­gie“ lasse sich nicht ganz ver­scheuchen, die Anas­ta­sia-Lehre sei „all­ge­gen­wär­tig“. Außer­dem erschrecke der mil­itärische Drill: Die Kinder seien im Kampf­s­port aus­ge­bildet, man sehe etwa „Jungs in Mil­itär-Klam­ot­ten bei mil­itärischen Kampfübun­gen im Wald“. Hinzu kommt ein Nation­al­is­mus, aus dem kein Hehl gemacht werde – man lerne „für Rus­s­land, für die Zukun­ft der Heimat“. Schetinin erk­läre das damit, dass Kinder „an die kollek­tive Volksseele, ihre Ahnen ange­bun­den sein [müssen], ver­wurzelt in der Natur ihres Heimat­landes“. Was der Autor eher dif­fus aneinan­der­rei­ht, ergibt ein hoch­prob­lema­tis­ches Bild: Mil­i­taris­tis­ch­er Kör­p­er- und Kampfkult, Nation­al­is­mus, völkisch­er Natur- und Heimat­bezug; das alles einge­bet­tet in die Anas­ta­sia-Ide­olo­gie. Man kann nicht genug beto­nen, dass alle diese Zitate von einem Autor stam­men, der die Schetinin-Schule begrüßenswert befind­et. Hinzu kommt noch, dass die Kinder über kein­er­lei Pri­vat­sphäre ver­fü­gen, dem Inter­nat also vol­lends aus­geliefert sind (siehe Pöhlmann 2016, 11).

Die Wein­bergschule

Die Wein­bergschule befind­et sich in Seekirchen am Wallersee in Salzburg und wird von der christlichen Sek­te der „Werk­täti­gen Chris­ten für ein neues Jerusalem“ betrieben. Das Anwe­sen, der Zach­hiesen­hof, umfasst Schule, Bio-Bauern­hof und Wohnan­lage für mehrere Fam­i­lien. Die Schullei­t­erin und Repräsen­tan­tin nach Außen ist Son­ja Maier. Außer­dem erwäh­nenswert ist die Rolle von Richard Kan­dlin, ein 20-jähriger Abgänger der Schetinin-Schule, der in etlichen Vide­ol­clips der Wein­bergschule als Sprech­er auftritt und die Schule, eben­so wie Maier, in ver­schiede­nen Kon­tex­ten repräsen­tiert. In dem Salzburg-Wiki – einem Region­al­wi­ki, das Teil der Web­site der Salzburg­er Nachricht­en ist – gibt es einen Ein­trag zur Wein­bergschule, der kein kri­tis­ches Wort enthält. Dort heißt es: Diese ver­ste­he sich als „erste öffentlich anerkan­nte Alter­na­tivschule in Öster­re­ich“. Die Wein­bergschule hat seit 2005 Öffentlichkeit­srecht; es wird nach dem Vor­bild der Schetinin-Schule unterrichtet.

Medi­ale Aufmerk­samkeit um das Pro­jekt gab es ab Herb­st 2017, ins­beson­dere auf­grund ein­er Reportage in der ORF-Sendung „Am Schau­platz“. Darin wer­den u.a. aus­führlich die sek­te­nar­ti­gen Struk­turen der Gemein­schaft durch Betrof­fene und Aussteiger geschildert. So erhalte die Sek­ten­führerin „Durch­sagen“ von Jesus, die als Gesetz gel­ten, und wer etwas dage­gen sage, sei von Dämo­nen beset­zt. In der Doku kommt auch der Lan­dess­chulin­spek­tor Peter Glas zu Wort, der die päd­a­gogis­chen Prämis­sen der Schule – die er im Zuge ein­er Kon­trol­linspek­tion mit­bekom­men habe – als keineswegs ser­iös beze­ich­net. Bere­its zu diesem Zeit­punkt hat­te der Lan­dess­chulin­spek­tor auf­grund von Bedenken wegen der Anbindung an das Schetinin-Konzept vom Bil­dungsmin­is­teri­um den Auf­trag bekom­men, einen Bericht zu erstellen.

ORF-Doku "Am Schauplatz" zur Weinbergschule

ORF-Doku „Am Schau­platz” zur Weinbergschule

Der Entzug des Öffentlichkeit­srechts wurde bere­its im Herb­st 2017 vom Grü­nen Land­tagsab­ge­ord­neten Simon Heilig-Hof­bauer gefordert; auss­chlaggebend waren die ORF-Doku, sowie eigene Recherchen. Im März 2018 wurde vom Bil­dungsmin­is­teri­um dann tat­säch­lich ein Ver­fahren ein­geleit­et (siehe Beitrag auf orf.at). Das Min­is­teri­um äußerte gegenüber dem ORF, es gehe dabei um den Ver­dacht der sek­te­nar­ti­gen Organ­i­sa­tion und der Ausübung seel­is­ch­er Gewalt, sowie um die frag­würdi­gen Lehrmeth­o­d­en (siehe auch Beitrag auf standard.at).

Wern­er Reisinger von der Wiener Zeitung zufolge, sei es „trotz mehrerer anhängiger Ver­fahren wegen möglich­er Kindeswohlge­fährdung“ abso­lut nicht sich­er, ob der Entzug des Öffentlichkeit­srechts durchge­he, denn den Schul­be­treibern sei entsprechend der Recht­slage eine Frist zur „Besei­t­i­gung beste­hen­der Män­gel“ eingeräumt wor­den. Jen­er Bericht von Lan­dess­chulin­spek­tor Glas, der als Grund­lage für das Ver­fahren des Min­is­teri­ums gilt, ist nicht öffentlich zugänglich. Noch ist also alles beim Alten, abge­se­hen davon, dass viele Kinder inzwis­chen von der Schule abgemeldet sein dürften. (Wiener Zeitung)

Zur Wein­berg­päd­a­gogik 

Auf der Web­site der Wein­bergschule (2) wird deren Ide­olo­gie expliziter aus­for­muliert als bei Lais – man bezieht sich dort ganz offen auf Schetinin. Es liegt auf der Hand, dass man in der öffentlichen Selb­st­darstel­lung darauf bedacht ist, sich möglichst harm­los zu geben. Den­noch lässt sich auch hier jene Logik aufzeigen, die an recht­sex­tremes Gedankengut anschlussfähig ist. So impliziert das auf der Web­site dargelegte „7‑Phasen-Pro­gramm der Wein­berg­päd­a­gogik“ Anti­in­di­vid­u­al­is­mus, Reflex­ions­feindlichkeit und Unterord­nung. 

Die sieben Phasen ste­hen in ein­er zeitlichen Rei­hen­folge: 1. Rein­lichkeit, 2. Ord­nung, 3. Gehor­sam, 4. Arbeit­en und Fleiß, 5. Sozialer Umgang, 6. Herzöff­nung, 7. Wis­sen. Zwar wür­den die Phasen auch par­al­lel entwickelt,

begin­nt man jedoch mit seinem Kind bei Phase 7 und arbeit­et sich zu Phase 1 vor, so wird auch sein ganzes Zellgedächt­nis in verkehrter Rei­hen­folge geöffnet und gespe­ichert. Das Ergeb­nis wäre eine auf dem Kopf ste­hende Pyra­mide oder ein zer­streuter Pro­fes­sor – möglich­er Weise [sic!] ein unglück­lich­er Men­sch oder ein Men­sch ohne Sinn und Orientierung.

Begonnen wird also mit Rein­lichkeit, Ord­nung und Gehor­sam. Der stark autoritäre Anklang in diesen Begrif­f­en wird durch eso­ter­isches Vok­ab­u­lar lock­er-flock­ig ver­wis­cht; so will man unter Rein­lichkeit das „Ankom­men im Kör­p­er“ ver­standen wis­sen, und Ord­nung soll die „Ori­en­tierung im engen und weit­eren Umkreis“ sein. Den­noch: Unterord­nung (Rein­lichkeit, Ord­nung, Gehor­sam) ist dem „Wis­sen“ und der „Herzöff­nung“ – also jenen Kat­e­gorien, denen man einen gewis­sen Indi­vid­u­al­is­mus zus­prechen kön­nte – ganz klar vor­angestellt. Und diese Anord­nung wird nicht etwa päd­a­gogisch argu­men­tiert, son­dern mit dem „Zellgedächt­nis“, also einem biol­o­gis­tisch anmu­ten­den, eso­ter­ischen Fan­tasiebe­griff, der impliz­it ein Ver­ständ­nis von Erziehung als „natür­lichem Prozess“ propagiert (anstatt diese als einen gesellschaftlichen und poli­tis­chen, also verän­der­baren und ver­han­del­baren, Prozess zu fassen). Denn wenn man nicht zuerst „Ord­nung“ und „Gehor­sam“ – im Sinne der Wein­ber­glehre – verin­ner­licht hat, dann passiere eine Fehlen­twick­lung, die bis in die Zellen hinein­re­icht. Und wenn das passier, also das „Zellgedächt­nis verkehrt geöffnet und gespe­ichert wird“, dann laufe man eben Gefahr zum „zer­streuten Pro­fes­sor“ zu wer­den. Dieses Furcht­bild ist selt­sam; denn herkömm­licher­weise wer­den Eltern bei der Über­legung, welche Schule sie wählen, nur sel­ten Angst davor haben, dass ihr Kind am Ende zum Pro­fes­sor wird. Hier wird ein anti­in­tellek­tuelles Ressen­ti­ment bedi­ent: Der zer­streute Pro­fes­sor wird impliz­it mit Abstrak­tion, Reflex­ion und Skep­tizis­mus gle­ichge­set­zt und soll so den Gegen­pol zum konkret-täti­gen, natür­lichen, mit-sich-im-reinen-seien­den Sub­jekt der Wein­berg­päd­a­gogik darstellen. 

Hinzu kommt eine Ver­leug­nung bzw. Verdeck­ung von fak­tis­chen Hier­ar­chien. Dies wird durch die behauptete Möglichkeit ein­er „Wis­sensos­mose“ gewährleis­tet (und passt auch gut zu der Verk­lärung der eige­nen Lehre zum Natur­prozess). Dem­nach gelte es durch konkrete Tätigkeit einen Zus­tand zu erre­ichen, in dem das „ursprüngliche Schüler- und Lehrerver­hält­nis“ ver­schwinde und das Wis­sen „wie von selb­st aufgenom­men“ werde. Das ist nicht nur päd­a­gogisch völ­lig unhalt­bar, son­dern auch deshalb prob­lema­tisch, weil damit ein Kult um die Unmit­tel­barkeit gemein­schaftlich­er Tätigkeit kon­stru­iert wird, der die kri­tisch-reflex­ive Aneig­nung von Wis­sen (durch den_die Einzelne) hin­ter das spon­tane oder aufok­troyierte Wis­sen von Grup­pen stellt. Die „Wis­sensos­mose“ scheint dementsprechend ein gutes Tool zu sein, um Kri­tik stum­mzuschal­ten. Im O‑Ton klingt das u.a. so: „Man darf das Denken an das Ler­nen völ­lig vergessen und sich auf das Lösen konkreter Auf­gaben aus­richt­en.

Die voll­ständi­ge Abkehr von Bil­dung als einem gesellschaftlichen und poli­tis­chen Prozess wird an der Wah­nidee deut­lich, man könne die notwendi­gen „Tugen­den“ (wom­it wiederum jene sieben Phasen gemeint sind) bere­its im Mut­ter­leib zu erler­nen begin­nen. Qua dieser Tugen­den soll der_die Einzelne ler­nen, ein „Teil“ zu wer­den; denn: „Es ist nicht möglich am ‚Him­mel’ des Ganzen teilzuhaben, wenn man nicht ein Teil, ein fried­voller Teil, dieses Ganzen, der Schöp­fung, ist.

Kurzum: Statt zum selb­st­be­wussten, autonomen Indi­vidu­um sollen die Einzel­nen zum „Teil im Ganzen“ wer­den; statt ein­er kri­tisch-reflek­tieren­den Aneig­nung von Inhal­ten wird eine natür­liche „Osmose“ propagiert; statt eines trans­par­enten und hin­ter­frag­baren Ver­hält­niss­es von Autoritätsper­son und Schüler_in wird das voll­ständi­ge Aufge­hen der Indi­viduen (und ihrer hier­ar­chis­chen Posi­tion­ierun­gen) in der Unmit­tel­barkeit ein­er gemein­schaftlichen Tätigkeit hal­luziniert. Wesentliche Bausteine der Anas­ta­sia- und der Schetinin-Lehre kom­men hier in abgeschwächter Form zum Aus­druck. 

Ver­strick­un­gen und Über­nah­men – Die Fre­unde von Lais- und Wein­bergschule  

Am 25. Novem­ber 2017 hielt die Wein­berg-Schullei­t­erin Son­ja Maier gemein­sam mit Richard Kan­dlin einen Vor­trag bei ein­er Kon­ferenz der obskuren Schweiz­er Anti-Zen­sur-Koali­tion (AZK). Diese bietet, unter der Ägide des bizarren Predi­gers Ivo Sasek, Verschwörungstheoretiker_innen und religiösen Extremist_innen ver­schieden­ster Couleur eine Plat­tform. Sasek, der die Wein­berg-Vertreter eupho­risch begrüßt und sie auch schon länger ken­nen dürfte, ist eine wahre Verkör­pe­rung des recht­seso­ter­ischen Obsku­ran­tismus: Er befür­wortet Gewalt gegen Kinder als Erziehung, zeigt sich als Sym­pa­thisant von Dik­taturen, ist ein Impfgeg­n­er, spricht gerne von „volksver­het­zen­der Sys­tem­presse“ (vul­go Lügen­presse – siehe das NS-Orig­i­nal!) und emp­fiehlt sich selb­st als direk­tes Sprachrohr Gottes (siehe Psiram.com). Bei dieser Kon­ferenz (3) stellen Maier und Kan­dlin nicht nur ihre Schetinin-Pseudopäd­a­gogik vor, son­dern insze­nieren sich unver­hohlen als Opfer von staatlich­er Repres­sion, wom­it sie nicht nur ganz auf Lin­ie mit dem Ver­schwörungswahn der AZK sind, son­dern wiederum an Schetinin und Anas­ta­sia anknüpfen (Stich­wort Ver­schwörungsnar­ra­tiv, siehe Teil 1). Kan­dlin etwa spricht allen Ern­stes von „Chris­ten­ver­fol­gung in Salzburg“, und das Vorge­hen der staatlichen Inspek­teure gehe „gegen alle Men­schen­rechte“.        

Maier sin­niert über die Schule als einen „leben­den Organ­is­mus“ und gibt mitunter ganz offen zu, dass zu der ange­wandten 7‑Phasen-Päd­a­gogik „keine wis­senschaftlichen The­o­rien“ als Basis vorhan­den sind – vielmehr entstam­men sie „dem Leben selb­st und entsprin­gen dem heili­gen Geist“. Kan­dlin beschreibt im Vor­trag, wie die ver­schiede­nen Fäch­er (Math­e­matik, Physik, Chemie, Biolo­gie, Geo­gra­phie, Geschichte) direkt aufeinan­der auf­bauen; dabei wird Geschichte auf eine prob­lema­tis­che und wis­senschaftlich völ­lig unhalt­bare Art aus den Natur­wis­senschaften abgeleit­et. Apro­pos wis­senschaftlich nicht halt­bar: Kan­dlin ist etwa 20 Jahre alt und tritt als Experte (als Lehrer) in all diesen Gebi­eten auf. Außer­dem erläutert Kan­dlin hier die zen­trale Lern­tech­nik der Wein­bergschule: Schaubilder. Damit das nicht ganz so schal klingt, nen­nt er es Visu­al­ly Build­ing Edu­ca­tion (Vibe). In einem Clip auf der Wein­berg-Home­page beschreibt Kan­dlin „Vibe“ als „gehirn­gerechte“ Lern-Tech­nolo­gie, die soviel meine wie „Wis­sen auf­bauen mit Bildern“. Es han­dle sich um einen grup­pen­dy­namis­chen Prozess, wobei alle, die daran teil­nehmen „Teil des Ganzen“ seien.

Warum dieser selt­same Fokus auf Schaubilder? Während die Visu­al­isierung von Lehrin­hal­ten ein sin­nvolles Instru­ment sein dürfte, das ohne­hin fest in der herkömm­lichen Päd­a­gogik ver­ankert ist, fragt man sich, warum Schaubilder bei der Wein­bergschule (und bei Lais!) zum Non­plusul­tra erhöht wer­den. Es wirkt auf den ersten Blick nicht so, als kön­nte man damit allzu viel Anti-Sys­tem-Pathos mobil­isieren. Wo bleibt das verdeck­te Urwis­sen, die große Ver­schwörung oder das große Heilsver­sprechen? Die Antwort darauf find­et sich bei Anas­ta­sia, wie bei dem in Teil I bere­its zitierten The­olo­gen Mar­ti­novic (2014) nachzule­sen ist:

Die [Anas­ta­sia zufolge] älteste Wis­senschaft der Welt , „die Wis­senschaft der Ver­bildlichung”, lehrt, wie man die Gedankengeschwindigkeit beschle­u­nigt. Alle Wis­senschaften der Welt stam­men ab von dieser Wis­senschaft der Ver­bildlichung. Die Stärke der Visu­al­isierung und ihrer Fähigkeit, die äußere Welt zu bee­in­flussen, hän­gen von der Anzahl der Men­schen ab, die diese Visu­al­isierun­gen teilen und aufrechter­hal­ten. Mit Hil­fe solch­er Visu­al­isierun­gen wur­den alle Reli­gio­nen der Welt gegrün­det und wer­den bis heute alle Regierun­gen geführt.

Diese bizarre und unbes­timmt-all­ge­meine Über­höhung von Ver­bildlichung in der Ansta­sia-Lehre dürfte also sowohl der Lais- wie auch der Wein­berg-Päd­a­gogik zugrunde liegen (Kan­dlin spricht auch vor ein­er Lais-Zuhör­er_in­nen­schaft darüber: siehe infoS­ek­ta 2016, S. 14). Das Zitat führt darüber­hin­aus noch ein­mal die enge Verbindung von Heilsver­sprechen und Ver­schwörungsideen vor Augen: Visu­al­isierung ist der vergessene Weg zu unser­er Erlö­sung (durch Beschle­u­ni­gung der „Gedankengeschwindigkeit“), aber die dun­klen Mächte im Hin­ter­grund, die über dieses Wis­sen ver­fü­gen, ver­wen­den es gegen uns (sie führen „bis heute alle Regierun­gen“).  

Als eine weit­ere wichtige direk­te Über­nahme sei der Kamp­fun­ter­richt erwäh­nt: Kampfkun­st ist, genau­so wie in der Schetinin-Schule, auch in der Wein­bergschule am Zach­hiesen­hof verpflich­t­end. Dies ist in der besagten ORF-Reportage zu sehen.  

Die Vertreter_innen der Lais-Schule sind zwar ein­deutig vor­sichtiger in ihrer gegen­wär­ti­gen Online-Per­for­manz. Das war aber nicht immer so. Denn es gibt etwa einen online abruf­baren Videomitschnitt (4) eines Vor­trags beim eso­ter­ischen GAIA-Kongress von 2014. Eine der bei­den Vor­tra­gen­den ist Alexan­dra Liehmann (eine zen­trale Fig­ur im Lais-Kos­mos – siehe Teil 1). Im Vor­trag wird die Schetinin-Schule als „weltverän­dernd“ für sie beze­ich­net, es habe eine „Denkrev­o­lu­tion“ aus­gelöst. Hier wird Schetinin ganz klar als Aus­gangspunkt für Lais markiert, völ­lig ent­ge­gen den jün­geren Beteuerun­gen des Lais-Grün­ders Dieter Graf-Neure­it­er. Voller Ehrfurcht erzählt Liehmann: „Wir durften mit Schetinin auf einem run­den Tisch sitzen, wo er uns über die Verbindung zwis­chen dem rus­sis­chsprachi­gen Raum und dem deutschsprachi­gen Raum erzählt hat.“ Darüber hin­aus dürfte Liehmann in der Anas­ta­sia-Szene gut ver­wurzelt sein, wie Wern­er Reisinger in der Wiener Zeitung bere­its im Juni 2017 berichtete. Reisinger, der zu dem The­ma ins­ge­samt sechs Artikel in der Wiener Zeitung veröf­fentlicht hat, berichtet auch von Über­schnei­dun­gen mit der mitunter recht­sex­tremen Staatsver­weiger­er-Szene.   

Faz­it

Die Verbindung Anas­ta­sia-Schetinin-Lais/Wein­bergschule wird durch eine Vielzahl von Zusam­men­hän­gen evi­dent. Es gibt per­son­elle Ver­strick­un­gen und inhaltliche Schnittmen­gen, außer­dem Über­nah­men von Tech­niken und Prak­tiken (etwa die Schaubilder und der Kampfkult, let­zteres nur bei der Wein­bergschule). Als Gesamt­bild bleibt ein dif­fus­es Kon­glom­er­at, das jedoch an etlichen Stellen Über­schnei­dun­gen mit recht­sex­tremer Gesin­nung aufweist, wenn auch oft durch eso­ter­isches Vok­ab­u­lar verdeckt bzw. ver­harm­lost. Als gravierend­ste dieser Schnittmen­gen wären zu nen­nen: Reak­tionär­er Naturbezug, Rein­heits­denken, Ver­schwörungs­the­o­rien und Anti­semitismus, Anti­in­tellek­tu­al­is­mus (all­ge­meines Ressen­ti­ment gegen Bil­dung und Wis­senschaft), Katas­tro­phendiskurs (Behaup­tung ein­er kor­rumpieren­den Gesellschaft, der man sich ent­ge­gen­stellt), völkische Abstam­mungside­olo­gie. Alle diese Punk­te tre­f­fen zumin­d­est auf die Anas­ta­sia-Lehre und die Schetinin-Schule vollinhaltlich zu.

➡️ Anas­tasias Traum – zur rus­sis­chen Recht­seso­terik in öster­re­ichis­chen Schul­pro­jek­ten (Teil 1)

1 Web­site sein.de, zulet­zt einge­se­hen am 27.08.2018
2 Web­site der Wein­bergschule, zulet­zt einge­se­hen am 27.08.2018
3 Mitschnitt des Vor­trag, online unter: info-weinbergschule.at, zulet­zt einge­se­hen am 27.08.2018

4 Mitschnitt des Vor­trags, online unter: gaia-energy.org, zulet­zt einge­se­hen am 27.08.2018