Anastasias Traum – zur russischen Rechtsesoterik in österreichischen Schulprojekten (Teil 2)

Zwei österreichische Schulprojekte sind die wesentlichen Protagonisten beim Import der russischen Schetinin-Ideologie in den deutschsprachigen Raum: Das Lais-Konzept und die Weinbergschule. Der erste Teil befasste sich mit den Lais-Schulen und den rechtsesoterischen Hintergründen zur Anastasia-Lehre. Hier nun der zweite Teil, der die in Seekirchen am Wallersee gelegene Weinbergschule unter die Lupe nimmt.

Was ist Schetinin?

Der bekannteste und (vermutlich) erste Versuch einer pädagogischen Umsetzung der Anastasia-Lehre, ist die sogenannte Schetinin-Schule. Dabei handelt es sich um ein Internat in Tekos, am schwarzen Meer, das von dem Megre-Anhänger und Musiklehrer Michail P. Schetinin gegründet wurde. Im dritten Band der Anastasia-Romane wird die Schetinin-Schule ausführlich als positives Beispiel für die propagierte Lehre besprochen (infoSekta 2016, S. 10-12). Dabei wird etwa behauptet, dass Schüler_innen der Schetinin-Schule in Rekordzeiten an der Universität landen würden; oder auch, dass Kinder bereits sehr früh mitunter komplizierte Tätigkeiten selbst beherrschen würden: „ Ein zehnjähriges Mädchen kann beispielsweise ein Haus bauen, ein leckeres Essen zubereiten, wunderschön singen, malen und tanzen, kennt eine russische, traditionelle Kampfart.“ (Megre zit.nach Pöhlmann 2016, S. 9) Dies wird von Megre bzw. Schetinin (der im Buch selbst zu Wort kommt) durch jenes „natürliche Lernen“ qua „Wissensosmose“ erklärt, auf das sich auch die Lais-Schule und die Weinberg-Schule beziehen.

„Wem der Kontakt gelingt, der wird den Mathematiklehrstoff des zehnjährigen Schulprogramms spätestens in einem Jahr beherrschen. Sie [die Kinder] suchen den Kontakt vom Bereich des bioenergetischen Feldes. Wenn der Kontakt zwischen den beiden Feldstrukturen geschlossen wird, kann der Informationsaustausch stattfinden. Es ist wie bei der Liebe auf den ersten Blick: Du hast noch das Wort ausgesprochen, und dein Partner hat dich bereits verstanden.“ (ebd., S. 10)

Dieser Wissenstransfer (die „Osmose“) wird bei Megre/Schetinin mit unterschiedlichen Versatzstücken aus dem esoterischen Vokabular erklärt (es ist etwa die Rede von „Integrationsmustern“, „Polen“ und dem „kollektiven Gedächtnis“); die Quintessenz bleibt jedenfalls, dass von Natur aus angelegtes Wissen, lediglich reaktiviert werden müsse (vgl. infoSekta 2016, S. 11). Ein zentraler Aspekt der Lehrtechnik besteht darin, dass Kinder anderen Kinder ihr Erlerntes weitergeben, also dass Kinder stets auch Lehrer_innen sind – sonst funktioniere die Osmose nicht. Dass dabei ein gewaltiger Gruppendruck entstehen kann, liegt auf der Hand. Hinzu kommt, dass Lernerfolge gleichermaßen als spirituelle Erfolge gelten, somit „ein Kind, dem das Lernen schwerfällt, auch spirituell versagt hat“. (ebd., S. 12)

Ein 2013 erschienener Artikel in der esoterischen Online-Zeitschrift sein.de ist besonders aufschlussreich. Unter dem Titel „Die Tekos-Schule: 11 Jahre Schule in einem Jahr“ (1) wird ausführlich über die Schule berichtet, auch Schetinin selbst kommt mehrmals zu Wort. Obwohl der Artikel ganz offensichtlich wohlwollend gegenüber seinem Gegenstand ist, fällt dem Autor doch die ideologische Stoßrichtung des Projekts auf: Der „Eindruck einer gewissen Ideologie“ lasse sich nicht ganz verscheuchen, die Anastasia-Lehre sei „allgegenwärtig“. Außerdem erschrecke der militärische Drill: Die Kinder seien im Kampfsport ausgebildet, man sehe etwa „Jungs in Militär-Klamotten bei militärischen Kampfübungen im Wald“. Hinzu kommt ein Nationalismus, aus dem kein Hehl gemacht werde – man lerne „für Russland, für die Zukunft der Heimat.“ Schetinin erkläre das damit, dass Kinder „an die kollektive Volksseele, ihre Ahnen angebunden sein [müssen], verwurzelt in der Natur ihres Heimatlandes.“ Was der Autor eher diffus aneinanderreiht, ergibt ein hochproblematisches Bild: Militaristischer Körper- und Kampfkult, Nationalismus, völkischer Natur- und Heimatbezug; das alles eingebettet in die Anastasia-Ideologie. Man kann nicht genug betonen, dass alle diese Zitate von einem Autor stammen, der die Schetinin-Schule begrüßenswert befindet. Hinzu kommt noch, dass die Kinder über keinerlei Privatsphäre verfügen, dem Internat also vollends ausgeliefert sind (siehe Pöhlmann 2016, 11).

Die Weinbergschule

Die Weinbergschule befindet sich in Seekirchen am Wallersee in Salzburg und wird von der christlichen Sekte der „Werktätigen Christen für ein neues Jerusalem“ betrieben. Das Anwesen – der Zachhiesenhof – umfasst Schule, Bio-Bauernhof und Wohnanlage für mehrere Familien. Die Schulleiterin und Repräsentantin nach Außen heißt Sonja Maier. Außerdem erwähnenswert ist die Rolle Richard Kandlins, ein 20-jähriger Abgänger der Schetinin-Schule, der in etlichen Videolclips der Weinbergschule als Sprecher auftritt und die Schule, ebenso wie Maier, in verschiedenen Kontexten repräsentiert. In dem Salzburg-Wiki – einem Regionalwiki, das Teil der Homepage der Salzburger Nachrichten ist – gibt es einen Eintrag zur Weinbergschule, der kein kritisches Wort enthält. Dort heißt es: Diese verstehe sich als „erste öffentlich anerkannte Alternativschule in Österreich“. Die Weinbergschule hat seit 2005 Öffentlichkeitsrecht; es wird nach dem Vorbild der Schetinin-Schule unterrichtet.

Mediale Aufmerksamkeit um das Projekt gab es ab Herbst 2017, insbesondere aufgrund einer Reportage in der ORF-Sendung „Am Schauplatz“. Darin werden u.a. ausführlich die sektenartigen Strukturen der Gemeinschaft durch Betroffene und Aussteiger geschildert. So erhalte die Sektenführerin „Durchsagen“ von Jesus, die als Gesetz gelten, und wer etwas dagegen sage, sei von Dämonen besetzt. In der Doku kommt auch der Landesschulinspektor Peter Glas zu Wort, der die pädagogischen Prämissen der Schule – die er im Zuge einer Kontrollinspektion mitbekommen habe – als keineswegs seriös bezeichnet. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte der Landesschulinspektor aufgrund von Bedenken wegen der Anbindung an das Schetinin-Konzept vom Bildungsministerium den Auftrag bekommen, einen Bericht zu erstellen.

ORF-Doku "Am Schauplatz" zur Weinbergschule

ORF-Doku „Am Schauplatz“ zur Weinbergschule

Der Entzug des Öffentlichkeitsrechts wurde bereits im Herbst 2017 vom Grünen Landtagsabgeordneten Simon Heilig-Hofbauer gefordert; ausschlaggebend waren die ORF-Doku, sowie eigene Recherchen. Im März 2018 wurde vom Bildungsministerium dann tatsächlich ein Verfahren eingeleitet (siehe Beitrag auf orf.at). Das Ministerium äußerte gegenüber dem ORF, es gehe dabei um den Verdacht der sektenartigen Organisation und der Ausübung seelischer Gewalt, sowie um die fragwürdigen Lehrmethoden (siehe auch Beitrag auf standard.at).

Werner Reisinger von der Wiener Zeitung zufolge, sei es „trotz mehrerer anhängiger Verfahren wegen möglicher Kindeswohlgefährdung“ absolut nicht sicher, ob der Entzug des Öffentlichkeitsrechts durchgehe, denn den Schulbetreibern sei – entsprechend der Rechtslage – eine Frist zur „Beseitigung bestehender Mängel“ eingeräumt worden. Jener Bericht von Landesschulinspektor Glas, der als Grundlage für das Verfahren des Ministeriums gilt, ist nicht öffentlich zugänglich. Noch ist also alles beim Alten, abgesehen davon, dass viele Kinder inzwischen von der  Schule abgemeldet sein dürften. (Wiener Zeitung)

Zur Weinbergpädagogik 

Auf der Website der Weinbergschule (2) wird deren Ideologie expliziter ausformuliert als bei Lais – man bezieht sich dort ganz offen auf Schetinin. Es liegt auf der Hand, dass man in der öffentlichen Selbstdarstellung darauf bedacht ist, sich möglichst harmlos zu geben. Dennoch lässt sich auch hier jene Logik aufzeigen, die an rechtsextremes Gedankengut anschlussfähig ist. So impliziert das auf der Website dargelegte „7-Phasen-Programm der Weinbergpädagogik“ Antiindividualismus, Reflexionsfeindlichkeit und Unterordnung. 

Die sieben Phasen stehen in einer zeitlichen Reihenfolge: 1. Reinlichkeit, 2. Ordnung, 3. Gehorsam, 4. Arbeiten und Fleiß, 5. Sozialer Umgang, 6. Herzöffnung, 7. Wissen. Zwar würden die Phasen auch parallel entwickelt, „beginnt man jedoch mit seinem Kind bei Phase 7 und arbeitet sich zu Phase 1 vor, so wird auch sein ganzes Zellgedächtnis in verkehrter Reihenfolge geöffnet und gespeichert. Das Ergebnis wäre eine auf dem Kopf stehende Pyramide oder ein zerstreuter Professor – möglicher Weise (sic!) ein unglücklicher Mensch oder ein Mensch ohne Sinn und Orientierung.

Begonnen wird also mit Reinlichkeit, Ordnung und Gehorsam. Der stark autoritäre Anklang in diesen Begriffen wird durch esoterisches Vokabular locker-flockig verwischt; so will man unter Reinlichkeit das „Ankommen im Körper“ verstanden wissen, und Ordnung soll die „Orientierung im engen und weiteren Umkreis“ sein. Dennoch: Unterordnung (Reinlichkeit, Ordnung, Gehorsam) ist dem „Wissen“ und der „Herzöffnung“ – also jenen Kategorien, denen man einen gewissen Individualismus zusprechen könnte – ganz klar vorangestellt. Und diese Anordnung wird nicht etwa pädagogisch argumentiert, sondern mit dem „Zellgedächtnis“, also einem biologistisch anmutenden, esoterischen Fantasiebegriff, der implizit ein Verständnis von Erziehung als „natürlichem Prozess“ propagiert (anstatt diese als einen gesellschaftlichen und politischen, also veränderbaren und verhandelbaren, Prozess zu fassen). Denn wenn man nicht zuerst „Ordnung“ und „Gehorsam“ – im Sinne der Weinberglehre – verinnerlicht hat, dann passiere eine Fehlentwicklung, die bis in die Zellen hineinreicht. Und wenn das passier, also das „Zellgedächtnis verkehrt geöffnet und gespeichert wird“, dann laufe man eben Gefahr zum „zerstreuten Professor“ zu werden. Dieses Furchtbild ist seltsam; denn herkömmlicherweise werden Eltern bei der Überlegung, welche Schule sie wählen, nur selten Angst davor haben, dass ihr Kind am Ende zum Professor wird. Hier wird ein antiintellektuelles Ressentiment bedient: Der zerstreute Professor wird implizit mit Abstraktion, Reflexion und Skeptizismus gleichgesetzt und soll so den Gegenpol zum konkret-tätigen, natürlichen, mit-sich-im-reinen-seienden Subjekt der Weinbergpädagogik darstellen. 

Hinzu kommt eine Verleugnung bzw. Verdeckung von faktischen Hierarchien. Dies wird durch die behauptete Möglichkeit einer „Wissensosmose“ gewährleistet (und passt auch gut zu der Verklärung der eigenen Lehre zum Naturprozess). Demnach gelte es durch konkrete Tätigkeit einen Zustand zu erreichen, in dem das „ursprüngliche Schüler- und Lehrerverhältnis“ verschwinde und das Wissen „wie von selbst aufgenommen“ werde. Das ist nicht nur pädagogisch völlig unhaltbar, sondern auch deshalb problematisch, weil damit ein Kult um die Unmittelbarkeit gemeinschaftlicher Tätigkeit konstruiert wird, der die kritisch-reflexive Aneignung von Wissen (durch den_die Einzelne) hinter das spontane oder aufoktroyierte Wissen von Gruppen stellt. Die „Wissensosmose“ scheint dementsprechend ein gutes Tool zu sein, um Kritik stummzuschalten. Im O-Ton klingt das u.a. so: „Man darf das Denken an das Lernen völlig vergessen und sich auf das Lösen konkreter Aufgaben ausrichten.

Die vollständige Abkehr von Bildung als einem gesellschaftlichen und politischen Prozess wird an der Wahnidee deutlich, man könne die notwendigen „Tugenden“ (womit wiederum jene sieben Phasen gemeint sind) bereits im Mutterleib zu erlernen beginnen. Qua dieser Tugenden soll der_die Einzelne lernen, ein „Teil“ zu werden; denn: „Es ist nicht möglich am ‚Himmel‘ des Ganzen teilzuhaben, wenn man nicht ein Teil, ein friedvoller Teil, dieses Ganzen, der Schöpfung, ist.

Kurzum: Statt zum selbstbewussten, autonomen Individuum sollen die Einzelnen zum „Teil im Ganzen“ werden; statt einer kritisch-reflektierenden Aneignung von Inhalten wird eine natürliche „Osmose“ propagiert; statt eines transparenten und hinterfragbaren Verhältnisses von Autoritätsperson und Schüler_in wird das vollständige Aufgehen der Individuen (und ihrer hierarchischen Positionierungen) in der Unmittelbarkeit einer gemeinschaftlichen Tätigkeit halluziniert. Wesentliche Bausteine der Anastasia- und der Schetinin-Lehre kommen hier in abgeschwächter Form zum Ausdruck. 

Verstrickungen und Übernahmen – Die Freunde von Lais- und Weinbergschule  

Am 25. November 2017 hielt die Weinberg-Schulleiterin Sonja Maier gemeinsam mit Richard Kandlin einen Vortrag bei einer Konferenz der obskuren Schweizer Anti-Zensur-Koalition (AZK). Diese bietet, unter der Ägide des bizarren Predigers Ivo Sasek, Verschwörungstheoretiker_innen und religiösen Extremist_innen verschiedenster Couleur eine Plattform. Sasek, der die Weinberg-Vertreter euphorisch begrüßt und sie auch schon länger kennen dürfte, ist eine wahre Verkörperung des rechtsesoterischen Obskurantismus: Er befürwortet Gewalt gegen Kinder als Erziehung, zeigt sich als Sympathisant von Diktaturen, ist ein Impfgegner, spricht gerne von „volksverhetzender Systempresse“ (vulgo Lügenpresse – siehe das NS-Original!) und empfiehlt sich selbst als direktes Sprachrohr Gottes (siehe Psiram.com). Bei dieser Konferenz (3) stellen Maier und Kandlin nicht nur ihre Schetinin-Pseudopädagogik vor, sondern inszenieren sich unverhohlen als Opfer von staatlicher Repression, womit sie nicht nur ganz auf Linie mit dem Verschwörungswahn der AZK sind, sondern wiederum an Schetinin und Anastasia anknüpfen (Stichwort Verschwörungsnarrativ, siehe Teil 1). Kandlin etwa spricht allen Ernstes von „Christenverfolgung in Salzburg“, und das Vorgehen der staatlichen Inspekteure gehe „gegen alle Menschenrechte“.        

Maier sinniert über die Schule als einen „lebenden Organismus“ und gibt mitunter ganz offen zu, dass zu der angewandten 7-Phasen-Pädagogik „keine wissenschaftlichen Theorien“ als Basis vorhanden sind – vielmehr entstammen sie „dem Leben selbst und entspringen dem heiligen Geist“. Kandlin beschreibt im Vortrag, wie die verschiedenen Fächer (Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Geographie, Geschichte) direkt aufeinander aufbauen; dabei wird Geschichte auf eine problematische und wissenschaftlich völlig unhaltbare Art aus den Naturwissenschaften abgeleitet. Apropos wissenschaftlich nicht haltbar: Kandlin ist etwa 20 Jahre alt und tritt als Experte (als Lehrer) in all diesen Gebieten auf. Außerdem erläutert Kandlin hier die zentrale Lerntechnik der Weinbergschule: Schaubilder. Damit das nicht ganz so schal klingt, nennt er es Visually Building Education (Vibe). In einem Clip auf der Weinberg-Homepage (4) beschreibt Kandlin „Vibe“ als „gehirngerechte“ Lern-Technologie, die soviel meine wie „Wissen aufbauen mit Bildern“. Es handle sich um einen gruppendynamischen Prozess, wobei alle, die daran teilnehmen „Teil des Ganzen“ seien.

Warum dieser seltsame Fokus auf Schaubilder? Während die Visualisierung von Lehrinhalten ein sinnvolles Instrument sein dürfte, das ohnehin fest in der herkömmlichen Pädagogik verankert ist, fragt man sich, warum Schaubilder bei der Weinbergschule (und bei Lais!) zum Nonplusultra erhöht werden. Es wirkt auf den ersten Blick nicht so, als könnte man damit allzu viel Anti-System-Pathos mobilisieren. Wo bleibt das verdeckte Urwissen, die große Verschwörung oder das große Heilsversprechen? Die Antwort darauf findet sich bei Anastasia, wie bei dem in Teil I bereits zitierten Theologen Martinovic (2014) nachzulesen ist:

„Die [Anastasia zufolge] älteste Wissenschaft der Welt , ‚die Wissenschaft der Verbildlichung‘, lehrt, wie man die Gedankengeschwindigkeit beschleunigt. Alle Wissenschaften der Welt stammen ab von dieser Wissenschaft der Verbildlichung. Die Stärke der Visualisierung und ihrer Fähigkeit, die äußere Welt zu beeinflussen, hängen von der Anzahl der Menschen ab, die diese Visualisierungen teilen und aufrechterhalten. Mit Hilfe solcher Visualisierungen wurden alle Religionen der Welt gegründet und werden bis heute alle Regierungen geführt.“

Diese bizarre und unbestimmt-allgemeine Überhöhung von Verbildlichung in der Anstasia-Lehre dürfte also sowohl der Lais- wie auch der Weinberg-Pädagogik zugrunde liegen (Kandlin spricht auch vor einer Lais-Zuhörer_innenschaft darüber: siehe infoSekta 2016, S. 14). Das Zitat führt darüberhinaus noch einmal die enge Verbindung von Heilsversprechen und Verschwörungsideen vor Augen: Visualisierung ist der vergessene Weg zu unserer Erlösung (durch Beschleunigung der „Gedankengeschwindigkeit“), aber die dunklen Mächte im Hintergrund, die über dieses Wissen verfügen, verwenden es gegen uns (sie führen „bis heute alle Regierungen“).  

Als eine weitere wichtige direkte Übernahme sei der Kampfunterricht erwähnt: Kampfkunst ist, genauso wie in der Schetinin-Schule, auch in der Weinbergschule am Zachhiesenhof verpflichtend. Dies ist in der besagten ORF-Reportage zu sehen.  

Die Vertreter_innen der Lais-Schule sind zwar eindeutig vorsichtiger in ihrer gegenwärtigen Online-Performanz. Das war aber nicht immer so. Denn es gibt etwa einen online abrufbaren Videomitschnitt (4) eines Vortrags beim esoterischen GAIA-Kongress von 2014. Eine der beiden Vortragenden ist Alexandra Liehmann (eine zentrale Figur im Lais-Kosmos – siehe Teil 1). Im Vortrag wird die Schetinin-Schule als „weltverändernd“ für sie bezeichnet, es habe eine „Denkrevolution“ ausgelöst. Hier wird Schetinin ganz klar als Ausgangspunkt für Lais markiert, völlig entgegen den jüngeren Beteuerungen des Lais-Gründers Dieter Graf-Neureiter. Voller Ehrfurcht erzählt Liehmann: „Wir durften mit Schetinin auf einem runden Tisch sitzen, wo er uns über die Verbindung zwischen dem russischsprachigen Raum und dem deutschsprachigen Raum erzählt hat.“ Darüber hinaus dürfte Liehmann in der Anastasia-Szene gut verwurzelt sein, wie Werner Reisinger in der Wiener Zeitung bereits im Juni 2017 berichtete. Reisinger, der zu dem Thema insgesamt sechs Artikel in der Wiener Zeitung veröffentlicht hat, berichtet auch von Überschneidungen mit der mitunter rechtsextremen Staatsverweigerer-Szene.   

Fazit

Die Verbindung Anastasia-Schetinin-Lais/Weinbergschule wird durch eine Vielzahl von Zusammenhängen evident. Es gibt personelle Verstrickungen und inhaltliche Schnittmengen, außerdem Übernahmen von Techniken und Praktiken (etwa die Schaubilder und der Kampfkult, letzteres nur bei der Weinbergschule). Als Gesamtbild bleibt ein diffuses Konglomerat, das jedoch an etlichen Stellen Überschneidungen mit rechtsextremer Gesinnung aufweist, wenn auch oft durch esoterisches Vokabular verdeckt bzw. verharmlost. Als gravierendste dieser Schnittmengen wären zu nennen: Reaktionärer Naturbezug, Reinheitsdenken, Verschwörungstheorien und Antisemitismus, Antiintellektualismus (allgemeines Ressentiment gegen Bildung und Wissenschaft), Katastrophendiskurs (Behauptung einer korrumpierenden Gesellschaft, der man sich entgegenstellt), völkische Abstammungsideologie. Alle diese Punkte treffen zumindest auf die Anastasia-Lehre und die Schetinin-Schule vollinhaltlich zu.  

1 Website sein.de, zuletzt eingesehen am 27.08.2018
2 Website der Weinbergschule, zuletzt eingesehen am 27.08.2018
3 Mitschnitt des Vortrag, online unter: info-weinbergschule.at, zuletzt eingesehen am 27.08.2018

4 Mitschnitt des Vortrags, online unter: gaia-energy.org, zuletzt eingesehen am 27.08.2018