Medienschnipsel (II): Zaimoglu, Stern und Saviano

Um die Leben­szeit von zumin­d­est eini­gen inter­es­san­ten Inter­views und starken Aus­sagen aus den Som­mer­monat­en zu ver­längern, ver­weisen wir hier in Auszü­gen auf sie. Dies­mal brin­gen wir Teile der Rede des Schrift­stellers Feridun Zaimoglu zur Eröff­nung des Bach­mann-Preis-Wet­tbe­werbs in Kla­gen­furt, ein Inter­view, das der Spiegel mit dem Lit­er­atur­wis­senschafter Guy Stern führte und einen Beitrag des Schrift­stellers Rober­to Saviano über die extreme Rechte in Italien.

Feridun Zaimoglu: Der Rechte ist kein Sys­temkri­tik­er, kein Abweichler

Ver­lassen sind die Frem­den. Sie müssen ertra­gen, dass man sie als Keimträger, als Wüh­ler und Agen­ten, als unbrauch­baren Men­schen­müll beschimpft. Die Recht­en ken­nen keine Gnade, wenn es gilt, die Neuankömm­linge zu ver­fratzen. Sie rufen: Ihr gehört nicht zu uns, wir sind uns selb­st genug, wir brauchen keine weit­ere Gesellschaft. Ihr seid herge­holt wor­den, um uns zu unter­wan­dern. Fühlt euch hier bei uns nicht zu Hause, wir lassen euch niemals in Frieden! In was für eine Welt sind die Frem­den hineinger­at­en? In eine Welt ohne Tyran­nen und Despoten, in den Frieden haben sie sich gerettet. Sie ste­hen aber plöt­zlich im Spuck­ere­gen der Ver­ach­tung. Es hil­ft nichts, den Recht­en edle Motive zu unter­stellen, wie es manch­er Feuil­leton­ist tut. Es geht ihnen einzig und allein um die Frem­den­ab­wehr, die Vater­län­derei ist ihre Phrase der Stunde. Der Moslem, der Mor­gen­län­der, der Ein­wan­der­er, der Flüchtling: Sie sind in ihren Augen Geschöpfe drit­ten Ranges. Der Rechte ist kein Sys­temkri­tik­er, kein Abwe­ich­ler und kein Dis­si­dent, er ist vor allem kein besorgter Bürg­er. Wer die Eige­nen gegen die Anderen ausspielt und het­zt, ist rechts. Punkt. Wer für das Recht der Armen stre­it­et, ist ein Men­schen­fre­und. Punkt. Es gibt keinen redlichen recht­en Intellek­tuellen. Es gibt keinen redlichen recht­en Schrift­steller. (Feridun Zaimoglu, 4.7.2018)

Feridun Zaimoglu (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Feridun_Zaimoglu_Mietmaler_bw.jpg – By Arne List [CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wiki­me­dia Commons)

Guy Stern, Aufrichtigkeit und Wider­legung sind die Waf­fen der Demokratie

Guy Stern wurde 1922 in Hildesheim geboren, wan­derte 1937 in die USA aus und kam 1944 als Sol­dat der US-Army wieder zurück nach Europa. Stern wurde in den USA Pro­fes­sor für Ger­man­is­tik mit Schw­er­punkt Exil­lit­er­atur an mehreren Uni­ver­sitäten. Der mit­tler­weile 96-Jährige arbeit­et noch immer fast täglich im Holo­caust-Muse­um von Farm­ing­ton Hills bei Detroit. Dem „Spiegel“ Nr. 25 vom 16.6.2018 gab er ein Inter­view, das lei­der nur eingeschränkt zugänglich ist.

Spiegel: Der Umgang mit der Geschichte hat sich in Deutsch­land seit dem Krieg verän­dert. Der Holo­caust ste­ht nun im Mit­telpunkt ein­er umfassenden Gedächt­niskul­tur. Und den­noch erleben wir ger­ade den Auf­stieg ein­er pop­ulis­tis­chen, recht­sradikalen Partei, die von dieser Ver­gan­gen­heit nichts mehr wis­sen will. Was bedeutet das für Sie ?
Stern: Der Auf­stieg faschis­tis­ch­er Parteien in Europa macht mir Angst. Offen­bar ist das Prob­lem der Migranten ein gefun­denes Fressen für diese Leute. Da sind Auss­chre­itun­gen und Angriffe passiert, die den Men­schen Sor­gen bere­it­en. Selb­st einige mein­er Fre­unde in Deutsch­land sagen nun: „In einem sicheren Land sind wir auf ein­mal unsich­er gewor­den“. Wenn sich jet­zt noch eine Führerper­sön­lichkeit find­et, die diese Stim­mung aus­nutzt, dann kann das wieder sehr gefährlich werden.
Spiegel: ‚Wenn AfD-Chef Alexan­der Gauland sagt, Hitler und die Nazis seinen „nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfol­gre­ich­er deutsch­er Geschichte“. (…)
Stern: Als ich das gehört habe, habe ich erst mal gedacht: Sprach­lich erin­nert das irgend­wie an unseren Präsidenten. (…)
Spiegel: Und was sagen Sie zum Inhalt dieses Satzes?
Stern: Ich hätte ihm, wäre er in mein­er Geschicht­sklasse gewe­sen, eine nicht sehr gute Zen­sur gegeben. (…)
Spiegel: Wie soll man heute mit solchen Pro­voka­tio­nen wie dem Satz Gaulands umge­hen? Ein­fach ignorieren?
Stern: In ein­er Demokratie sind die besten Waf­fen Aufrichtigkeit, Authen­tiz­ität und Wider­legung. Und zwar eine Wider­legung, die nicht nur auf Intellek­tuelle ein­wirken soll, son­dern auf den Durch­schnitts­bürg­er. Man sollte also sagen: So war es nicht, der Nazis­mus ist kein Einzel­ereig­nis in der deutschen Geschichte, es hat viele Katas­tro­phen in den ver­gan­genen Jahrhun­derten gegeben. Das heißt: Man muss ihm antworten,. Man darf diese Bemerkung nicht ein­fach im Raum ste­hen lassen.
Spiegel: Und was hal­ten Sie von dem Argu­ment, dass jede Antwort diesem Unsinn noch mehr Bedeu­tung ver­schaf­fen würde?
Stern: Ich weiß, manche denken, man soll solche Dem­a­gogen ein­fach reden lassen. Aber das war schon die falsche Ein­stel­lung der lib­eralen Parteien und des Zen­trums in den frühen Dreißiger­jahren, damals als die Nazis langsam auf­stiegen. (…) Wir haben als Demokrat­en keine andere Waffe als die der Entlarvung.“

Guy Stern (Wiki-Com­mons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Guy_Stern_receiving_the_French_medal_of_honor.jpg – By Atick90 [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wiki­me­dia Commons)

Rober­to Saviano, Ohne euch ist Ital­ien verloren

Der ital­ienis­che Innen­min­is­ter Salvi­ni hat vor weni­gen Wochen den Schrift­steller Saviano geklagt, weil ihn dieser als „Min­is­ter der Unter­welt“ beze­ich­net hat­te, der die „Sprache eines Mafioso“ spricht. Der Beitrag in der „Süd­deutschen Zeitung“ ist die Reak­tion von Saviano.

Diese Regierung, die damit spekuliert, dass viele Men­schen in Schwierigkeit­en steck­en, benutzt die Angriffe auf Migranten und NGOs als Ablenkungs­man­över. Während Cinque Stelle und Lega über fun­da­men­tale Prob­leme ihres Regierungsver­trags stre­it­en, machen sie uns glauben, dass unser Kern­prob­lem die Migranten seien. Wenn ihr für die Lega und für Cinque Stelle ges­timmt habt, um mal so richtig auf den Tisch zu hauen, weil das in euren Augen die einzige Meth­ode war, eine Poli­tik­erkaste loszuw­er­den, die in jed­er Hin­sicht ver­sagt hat­te, dann macht die Augen auf, denn die Dinge wen­den sich zum Schlecht­en. Auch für euch.
Schrift­steller! Angriffe auf das Buch, das Denken, das Wis­sen sind alltäglich gewor­den. Ver­leger! Fühlt ihr nicht, wie der Boden unter euren Füßen wankt? Beteiligt euch! Vor­sicht führt hier nicht zur Ret­tung. Das Wis­sen ist ein sehr wertvolles Werkzeug zur Emanzi­pa­tion vom per­sön­lichen Elend, lasst es uns mit all unser­er Energie vertei­di­gen. Die Zeit, sich bedeckt zu hal­ten, ist vor­bei. Wenn ihr euch nicht beteiligt, bedeutet das, dass ihr ein­ver­standen seid mit dem, was passiert: Es gibt nur Kom­plizen oder Rebellen.

Rober­to Saviano (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Roberto_Saviano_retouched.jpg – By piero tas­so [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wiki­me­dia Commons)