Schon 2025 in Schnellroda
Im Juli 2026 haben wir Walchs Besuch beim Sommerfest des Verlags Antaios in Schnellroda dokumentiert. Die Tiroler FPÖ erklärte die Reise damals zur privaten Angelegenheit. Inzwischen ausgewertete Fotos von „Recherche Nord“ zeigen: Walch war bereits im Jänner 2025 bei Kubitscheks damaligen „Studientagen“. Thema des Wochenendes war „Amerika“.
Kubitschek kündigte sieben Referenten namentlich an. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt bezifferte die Veranstaltung später auf etwa 150 Personen. Die „Studientage“ hätten „expliziten Schulungscharakter“ und richteten sich an einen exklusiveren Kreis der „Neuen Rechten“. Kubitschek erklärte vorab, man wolle einen „deutschen Standpunkt“ einnehmen und daraus „realpolitische Möglichkeiten“ ableiten (sezession.de, 27.12.24).
Die Fotos von Recherche Nord dokumentieren ein dichtes Netzwerk: Unter den Teilnehmer:innen waren neben Martin Sellner und Fabian Walch der Kubitschek-Sohn Wieland und der Kopf der Wiener „Aktion 451“, Christoph Albert. Aus Deutschland kamen u.a. der Deutschland-IB-Chef Maximilian Märkl, der Leiter der IB-Sachsen Vincenzo Richter und Tim Schulz. Schulz hatte im letzten Frühjahr für Schlagzeilen gesorgt, die seine politische Karriere beim AfD-Nachwuchs nach wenigen Monaten beendeten. Es waren Videos von ihm mit einem Neonazi aufgetaucht, der sich selbst als „Nationalsozialist“ titulierte und in Budapest auf „Judenjagd“ gegangen sei.
Aus der Schweiz war der „Junge Tat“-Kader Manuel Corchia angereist. Mit an Bord war auch Florian Stimpfle, Assistent der FPÖ-EU-Abgeordneten Petra Steger und der beiden AfD-EU-Abgeordneten Reinhild Boßdorf und Alexander Jungbluth.

Anleitung zum rechten Machtaufbau
Was Walch in Schnellroda zu hören bekam, war eine Art von politischem Anleitungsprogramm. Der Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber bescheinigt den „Denkern“ der Neuen Rechten einen hohen intellektuellen Anspruch bei auffallend schwacher theoretischer Begründung. Statt die eigene Ideologie systematisch herzuleiten, berufe sich das Milieu auf vermeintliche „Realitätsnähe“, die „Wesensnatur des Menschen“ und angeblich natürliche Gegebenheiten. Pfahl-Traughber spricht von einer „Begründungs-“ und „Diskursverweigerung“ und warnt davor, den intellektuellen Gehalt dieser Texte zu überschätzen. (vgl. endstation-rechts.de, 14.2.25)
Diese Kritik passt auch auf mehrere Schnellroda-Vorträge: Begriffe wie Volk, Abstammung, natürliche Gemeinschaft oder kulturelle Ungleichheit werden häufig als gegeben vorausgesetzt und daraus politische Forderungen abgeleitet.
Martin Sellner lieferte bei den „Studientagen“ den praktischsten Teil. Er zeigte sich begeistert über Elon Musks Auftritt beim AfD-Wahlkampf, lobte dessen Attacke gegen den „Schuldkult“ und deutete die Botschaft als „ethno-pluralistisch“. Trumps Wahlsieg eröffne „massive Chancen“, die „pragmatische Remigrationsrealisten“ nutzen müssten.
Dann wurde aus Analyse politische Anleitung. Die Teilnehmer sollten auf X Reichweiten aufbauen, Material aus dem früheren „Institut für Staatspolitik“ in Beiträge verwandeln und ein „Netzwerk neurechter Beeinflusser“ schaffen. Solche Accounts könnten „Kritikwellen“ starten, „wirklich in eine Partei hineinwirken“ und schließlich zum Machtfaktor werden. Als Vorbilder nannte Sellner internationale Rechtsaußen-Influencer, darunter Steve Bannon, Nick Fuentes und Keith Woods. Seine „Dissident Right“ ordnete er selbst als antiliberal, postliberal und im Umfeld von „white nationalism“ ein.
Benedikt Kaiser gehört seit Jahren zum Inventar der „Neuen Rechten“ und von Schnellroda. Er skizzierte mit Patrick Deneens Postliberalismus den langfristigen Horizont. Er sprach vom Anspruch, „falsche Eliten durch richtige zu ersetzen“, und von einer durch christliche und kommunitaristische Werte „verbesserten Bevölkerung“, die sich mit einer erneuerten Elite verbinden solle. Die Trump-Jahre beschrieb Kaiser als „Interregnum“, in dem progressive Macht zurückgedrängt und eine neue politische Ordnung vorbereitet werde.
Rechtsterror nur „für die Bar“
Nils Wegner, der früher für den Antaios-Verlag gearbeitet hatte, bevor er mit einem Pseudonym zum Grazer Stocker-Verlag wechselte, markierte eine andere Grenze. Über „tatsächlich sehr radikale rechte Gruppierungen“ könne er auch wegen möglicher rechtlicher Probleme nicht sprechen. Dann verwies er verklausuliert auf Bücher über „Belagerungen“ und „Tagebücher gewisser verhinderter Cessna-Piloten“ – sehr wahrscheinlich Anspielungen auf James Masons rechtsterroristische Programmschrift „Siege“ und William Luther Pierces „Turner Diaries“. Beide Werke gehören zum ideologischen Grundbestand des militanten White-Power-Milieus. „Siege“ prägte die „Atomwaffen Division“, die „Turner Diaries“ lieferten seit den 1980er-Jahren eine fiktionale Blaupause für rassistischen Terror. Das könne man sich, so Wegner, „für die Bar“ aufheben.
Der Österreicher Martin Lichtmesz (Martin Semlitsch) wechselte in seinem Vortrag über Israel von konkreter Lobbyarbeit zu einer ethnischen Machtzuschreibung. Entscheidend sei der politische, kulturelle, akademische, finanzielle und mediale Einfluss; „Juden als ethnische Gruppe“ spielten dabei „eine große Rolle“. Der Politikwissenschafter und Sezession-Autor Michael Henkel empfahl den libertären US-Ökonomen Thomas Sowell als „argumentatives Arsenal“ gegen Multikulturalismus und referierte eine Hierarchie angeblich „überlegener“ und weniger erfolgreicher Kulturen. Erik Lehnert war Leiter des aufgelösten „Instituts für Staatspolitik“ (IFS) und verdingt sich nun in der Geschäftsstelle der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag. Er erklärte Krieg zur „anthropologischen Konstante“ und verband Kampf mit dem Fortbestand von „Volk oder Familie“.
Kubitschek greift Fotografen an
Die propagierte Härte setzte sich vor dem Tagungsort fort. SPIEGEL TV (26.2.25) dokumentierte, wie Kubitschek gegen Fotografen von „Recherche Nord“ vorging. Der Hausherr bestätigte den Vorgang wenige Tage später selbst: Er habe „Antifa-Fotografen von der Straße“ geschubst und einem „die Kamera aus der Hand“ (sezession.de, 26.2.25) geschlagen. Gegen ihn werde wegen Nötigung ermittelt, schrieb er. Was die Ermittlungen ergeben haben, ist nicht bekannt. Der „Spiegel“ kommentierte die Attacke von Kubitschek knapp: „Der Mann im braunen Tweed mag Nazis, aber keine Presse.“
Späteres Wiedersehen mit Christoph Albert
Für Walchs weitere Wege ist Christoph Albert aufschlussreich. Beide waren 2025 in Schnellroda. Im März 2026 standen sie bei der Burschenschaft Cruxia in Leoben gemeinsam auf der Bühne. Walch hielt dort ein „Tagesseminar“ mit dem Identitären, der „weiße Homogenität“ propagiert, „Remigration“ bewirbt und ein radikal völkisches Gesellschaftsbild vertritt. Auf Nachfrage erklärte Walch damals, er habe mit dem gemeinsamen Auftritt kein Problem.
Die jüngsten Recherchen des „Standard“ (29.8.26) verleihen dieser Bekanntschaft zusätzliche Brisanz. Albert nehme eine „tragende organisatorische Rolle“ bei der identitären „Aktion 451“ ein. In deren Umfeld seien nach Aussagen mehrerer Insider wiederholt Schädel vermessen und nach einem angeblichen „Arierknochen“ gesucht worden. Die mehrteilige Recherche dokumentiert darüber hinaus Holocaust-Verherrlichung, Gewaltfantasien, Rassismus und Frauenhass im Milieu von Identitären und „Aktion 451“ sowie enge personelle Verbindungen zur Freiheitlichen Jugend.
Walchs Rechtsaußen-Rallye
Walch sitzt für die FPÖ im Innsbrucker Gemeinderat, ist stellvertretender Klubobmann und Klubdirektor und führt den Freiheitlichen Akademikerverband Tirol. Seine einschlägigen Termine ergeben inzwischen eine regelmäßige Abfolge.
2023 besuchte er den rechtsextremen „Berg-Kongress“ in Tirol, auf dem das neonazistische Schulungsprojekt „MetaPol“ präsentiert wurde. Im Jänner 2025 folgten die „Studientage“ in Schnellroda. Im März 2026 stand Walch mit Albert in Leoben auf der Bühne, im Juli kehrte er zum Sommerfest des Antaios-Verlags nach Schnellroda zurück.
Auch ideologisch bewegt er sich im selben Vokabular. Walch warnt vor „Bevölkerungsaustausch“, wirbt für „Remigration“, verteidigte Sellner und empfiehlt Literatur aus dem Antaios-Verlag. Ein Buch Benedikt Kaisers lobte er als „Schwert im Kampf um kulturelle Macht“. Zuletzt löste er heftige Reaktionen aus, weil er eine Liste von ihm nicht deutsch genug klingenden Vornamen einer Innsbrucker Schulklasse veröffentlichte und direkt mit der Forderung nach „Remigration“ in Zusammenhang brachte.
Wie viele „Privatreisen“ braucht ein politisches Muster?
Nach Bekanntwerden des Sommerfest-Besuchs 2026 erklärte Tirols FPÖ-Landesgeneralsekretär Patrick Haslwanter, Walch sei auf einer „reinen Privatreise“ gewesen. Walch selbst sprach später von einem „ganz normalen Treffen von Patrioten aus mehreren Ländern“. Die Ausrede haben wir bereits Ende Juli auseinandergenommen.
Mag sein, dass für Walch solche Treffen ganz normal sind. Er sucht dasselbe Milieu wiederholt auf, hört seine Referenten, liest seine Autoren, übernimmt seine Begriffe und teilt seine Bühnen. Aus einzelnen Begegnungen ist politische Kontinuität geworden.
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