„Alle Banken gehören Juden“
Frankreichs Rassemblement National (RN) erschüttert ein Antisemitismus-Skandal: Das französische Investigativmagazin Mediapart veröffentlichte am 28. September eine Recherche über die politischen Anfänge von Jordan Bardella, RN-Vorsitzender, Marine le Pens Kronprinz und Präsident jener EU-Fraktion, der auch die FPÖ angehört. Grundlage der Enthüllungen seien Dutzende schriftliche Unterhaltungen aus den Jahren 2013 bis 2015, Dokumente und Zeugenaussagen. Die Redaktion erklärt, sie habe die Nachrichten unabhängig und auch technisch authentifiziert. Bardella war damals 17 beziehungsweise 18 Jahre alt und bereits Mitglied des Front National.
Die ihm zugeschriebenen Aussagen bedienen zentrale antisemitische Verschwörungsmythen. „Alle Banken gehören Juden“, soll Bardella geschrieben haben. An anderer Stelle heißt es: „Der Jude müsse die anderen Völker beherrschen, sie unterdrücken und bestehlen.“ Außerdem ist von „einer von Israel beherrschten Neuen Weltordnung“ mit Jerusalem als Hauptstadt die Rede.
Auch französische Politiker wurden in den Nachrichten in antisemitische Verschwörungserzählungen eingebaut. Wichtige Ministerien würden Personen zufallen, für die Israel und Bankeninteressen wichtiger seien als französische Interessen. Der damalige Wirtschaftsminister Pierre Moscovici wolle Unternehmen retten, um „Moses zu rächen“.
Soral, Dieudonné und die versuchte „Entdämonisierung“ des RN
Die Recherche reicht über einzelne Aussagen hinaus. Bardella soll damals die „Analysen“ des mehrfach wegen antisemitischer Äußerungen verurteilten Holocaustleugners Alain Soral gelobt haben. Auch der wegen antisemitischer und rassistischer Äußerungen verurteilte französische Komiker und Agitator Dieudonné M’Bala M’Balaführe einen „einen echten Kampf der Ideen“.
Damit trifft die Affäre einen empfindlichen Punkt des RN. Marine Le Pen versucht seit Jahren, die Partei vom antisemitischen Erbe ihres Vaters Jean-Marie Le Pen reinzuwaschen. Der RN inszeniert sich inzwischen sogar als „Schutzschild der Juden“. Bardella reiste 2024 nach Jerusalem, traf Benjamin Netanjahu und besuchte Yad Vashem.
Der Präsident des französischen jüdischen Dachverbands Crif, Yonathan Arfi, bezeichnete die Enthüllungen als „schallende Widerlegung“ (lemonde.fr, 28.9.26) der behaupteten Läuterung des RN. Der Soralismus habe offenbar Bardellas politische Sozialisation geprägt.
Mediapart kündigt eine Fortsetzung der Enthüllungen an
Bardella bestreitet die Vorwürfe vollständig. Er bezeichnet die Dokumente als „grobe Fälschungen“ und die Recherche als schmutzige Geheimdienstoperation. Er werde gegen Mediapart mehrere Beschwerden einbringen.
Darauf reagierte Fabrice Arfi, Leiter des Investigativressorts von Mediapart, in einem Interview mit dem Sender franceinfo (30.9.26) deutlich. Die Redaktion sei „zu 200 %“ sicher, was sie veröffentlicht habe, und könne die Zuschreibung der Aussagen an Bardella belegen. Die Unterlagen seien keine bloß nacherzählten Erinnerungen ehemaliger Weggefährten, Mediapart verfüge über konkrete Dokumente, deren Echtheit und Urheberschaft auch technisch überprüft worden seien.
Bardellas offensive Behauptung, die Dokumente seien gefälscht, könne der Redaktion nun sogar zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. Arfi kündigte eine Fortsetzung der Enthüllungen an. Wenn Bardella die Dokumente öffentlich als Fälschungen bezeichne, werde Mediapart reagieren und könne zumindest einen Teil der vorhandenen Unterlagen veröffentlichen. Einem Gerichtsverfahren sehe die Redaktion gelassen entgegen.
Wenn nun, wie dies zu erwarten ist, Mediapart die angeblich schriftlichen Zitate belegt, geht er [Bardella] mit seiner vehementen Gegenattacke das Risiko ein, erst recht als politischer Hochstapler und Lügner entlarvt zu werden. (taz.de, 29.9.26)
Kickls bemerkenswertes Timing
Für Herbert Kickl kommt die Affäre zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt. Am 16. September hatte der FPÖ-Chef in Straßburg bei der Konferenz „Islamismus und Antisemitismus: Bedrohungen für Europas Freiheit“ den Kampf gegen Antisemitismus beschworen. Er bekannte sich zur IHRA-Antisemitismusdefinition, zum Schutz jüdischen Lebens und zur historischen Verantwortung Österreichs.
Am selben Tag traf Kickl in Straßburg Bardella. Auf Facebook veröffentlichte er am folgenden Nachmittag ein gemeinsames Foto und schrieb, es sei „wichtig, den Kontakt zu unseren europäischen Partnern zu pflegen“ und gemeinsam „als Patrioten für unsere Völker mit ganzer Schlagkraft wirken zu können“.

Damit erhielt Kickls Straßburger Antisemitismus-Offensive zwölf Tage später eine bittere Pointe. Einer jener europäischen Partner, mit denen der FPÖ-Chef nach eigener Darstellung „mit ganzer Schlagkraft“ auftreten will, muss sich nun gegen den Vorwurf verteidigen, seine politische Karriere mit wüst antisemitischen Vorstellungen über jüdische Banken, jüdische Macht und eine von Israel beherrschte Weltordnung begonnen zu haben.
Unabhängige Recherche ermöglichen...
Jetzt unterstützen »

