Kickls Bekenntnis und Lugners Like
Am 16. September trat Herbert Kickl in Straßburg bei einer Veranstaltung unter dem Titel „Islamismus und Antisemitismus: Bedrohungen für Europas Freiheit“ auf. Der FPÖ-Chef bekannte sich dort zum Kampf gegen Antisemitismus nach der IHRA-Definition. Die extreme Rechte stilisierte er sogar zu den „neuen Schutzherren (…) für jüdische Interessenslagen“.
Fünf Tage später gefiel dem Wiener FPÖ-Gemeinderat und Landtagsabgeordneten Leo Lugner ein Instagram-Posting des deutschen AfD-Jugendfunktionärs Helmut Strauf. Strauf veröffentlichte darin ein manipuliertes Bild von Friedrich Merz und schrieb: „Das schmerzt bestimmt. Vielleicht helfen mehr Tränen für deutsche Not beim nächsten Mal.“

Der zeitliche Zusammenhang ist bemerkenswert: Während Kickl öffentlich versichert, seine Partei sage Antisemitismus den Kampf an, markiert ein FPÖ-Mandatar antisemitisch aufgeladene Häme eines führenden Funktionärs der AfD-Jugend mit „Gefällt mir“.
Aus einem Synagogen-Gedenken wird ein Wahl-Meme
Strauf ist Beisitzer im Bundesvorstand der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ und erster stellvertretender Landesvorsitzender in Bayern. Bei deren Gründung forderte er „millionenfache Remigration“ und „abschieben, abschieben, abschieben“. Im Februar war er Gast des FPÖ-„Akademikerballs“ in Wien.
Für sein Posting vom 21. September verwendete Strauf ein Bild von Friedrich Merz und montierte dahinter die 4,9 Prozent, die die CDU bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern erreicht hatte. Das Foto von Merz stammt ursprünglich aus einem völlig anderen Zusammenhang.
Merz hatte am 15. September 2025 bei der Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße gesprochen. Mit Kippa erinnerte er an die nationalsozialistische Verfolgung von Jüdinnen und Juden und kämpfte dabei mit den Tränen. Das später verbreitete Bild mit einem grotesk überzeichneten Gesichtsausdruck ist manipuliert. Eine Recherche des AFP-Faktenchecks zeigte, dass diese Mimik im Originalvideo nicht vorkommt und das Bild mithilfe von KI verändert wurde.
„Deutsche Not“ gegen die Erinnerung an die Shoah
Straufs Begleittext verschiebt die Häme über das CDU-Wahlergebnis auf eine weitere Ebene. Er greift ausgerechnet Merz’ Emotionalität bei einem jüdischen Gedenken auf und stellt ihr „deutsche Not“ gegenüber. Damit entsteht ein Gegensatz zwischen der Erinnerung an die Verfolgung von Jüdinnen und Juden und einer angeblich vorrangigen Verpflichtung gegenüber dem eigenen nationalen Kollektiv. Merz’ Tränen erscheinen in dieser Logik als fehlgeleitete Empathie: Wer über jüdische Opfer weint, kümmere sich zu wenig um „deutsche Not“.

Dieses Muster ist aus dem sekundären Antisemitismus bekannt. Dazu gehören die Abwehr der Erinnerung an die NS-Verbrechen, die Klage über eine angeblich übermäßige Beschäftigung mit der Shoah sowie die Aufrechnung deutschen Leids gegen das Gedenken an die jüdischen Opfer. Strauf nennt Jüdinnen und Juden in seinem Posting zwar nicht ausdrücklich. Bildmotiv, Anlass der ursprünglichen Merz-Rede und die Formulierung von der „deutschen Not“ liefern jedoch den eindeutigen Kontext.
„Deutsche Not“ mit Geschichte
Auch Straufs Wortwahl hat eine Vorgeschichte. „Deutsche Not“ gehörte seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zum Vokabular der völkischen Rechten. Der radikale Antisemit Adolf Bartels gab 1918/19 sogar Monatsblätter dieses Namens heraus. Adolf Hitler sprach 1927 über „Die deutsche Not“ und den Weg aus „jüdisch-kapitalistischer und marxistischer Knechtschaft“. Besonders bemerkenswert ist eine NS-Rede aus dem Jahr 1939: Darin wurde beklagt, über die „deutsche Not der Nachkriegszeit“ habe die Welt geschwiegen, während sie angesichts der Verfolgung und Vertreibung von Jüdinnen und Juden nun „bittere Tränen“ weine. „Deutsche Not“ war kein ausschließlich nationalsozialistischer Begriff. Im völkischen und NS-Sprachgebrauch diente die Formel jedoch wiederholt dazu, deutsches Leid hervorzuheben und mit antisemitischen Feindbildern zu verknüpfen.
Lugners Vorgeschichte
Bei Lugner kommt eine weitere Ebene hinzu. Gegen ihn hatte die Staatsanwaltschaft Wien wegen des Verdachts der NS-Wiederbetätigung ermittelt. Das Verfahren endete mit einer Diversion: Lugner muss 160 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.
Anfang September erklärte er auf X, er habe vor neun Jahren in einem privaten Chat „unüberlegte Aussagen“ gemacht, darunter eine Anspielung auf Eiernockerl am 20. April. Zugleich beteuerte er: „Ich verurteile die Ideologie des Nationalsozialismus sowie die Verbrechen des NS-Regimes aufs Schärfste.“ Welche Vorwürfe die Staatsanwaltschaft insgesamt geprüft hatte, blieb offen. Wenige Tage später setzte Lugner sein Like unter Straufs Posting.
Der Praxistest für Kickls Worte
Kickls Straßburger Rede sollte die FPÖ als entschiedene Gegnerin des Antisemitismus präsentieren. Wie belastbar dieses Bekenntnis innerhalb der eigenen Partei ist, zeigt sich auch daran, was ihre Mandatare verbreiten, kommentieren oder mit Zustimmung markieren. Bei Leo Lugner dauerte dieser Praxistest fünf Tage.
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