Propagandakanal mit dichter Taktung und hoher Reichweite
Die Facebook-Seite „The European Race“ mit rund 160.000 Followern* bespielt ihren Feed in dichter Frequenz und verbreitet ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Die Propagandaseite ist seit 2021 online, Informationen über die Betreiber sind nicht verfügbar – das Menü „Seitentransparenz“ ist leer.
Schon die Postingfrequenz zeigt, wie professionell die Seite auf Sichtbarkeit arbeitet. Es finden sich immer wieder Serien von Beiträgen in kurzen Abständen, teils im Stunden‑, manchmal sogar im Minutentakt. Die Seite ist eine getaktete Content-Maschine, die ihre Botschaften permanent in den Feed drückt. Wir haben durch die Beiträge von vier Wochen ab dem 25. Jänner gescrollt und die Muster herausgearbeitet.
Ästhetisierung des Rassismus
Als inhaltliche Schablone steht die Behauptung einer überlegenen weißen Rasse, verbunden mit der Aufforderung, deren Identität biologisch, kulturell und politisch zu verteidigen. Diese Ideologie wird in weich gezeichneter Lifestyle-Bildsprache mit blonden Kindern, weißen Familien, heroisierten Männerfiguren und ländlichen Idyllen verbreitet. Dass die Seite unter der Kategorie „Bildende Künste“ läuft, passt zur Intention: Rassismus erscheint als Schönheit, Ordnung und Normalität. Selbst wenn Postings – meist Memes mit Overlay-Text, manchmal auch Videos – neonazistischen Content verbreiten, sind die Bilder so bearbeitet, dass ihnen jegliche Härte genommen wird. Selten, quasi zum Zwischendurch-Aufheizen, werden Videos von Gewaltszenen eingespielt.
Am 23. Februar wird etwa die Formel „The Most Beautiful Race In The World Is The White Race“ („Die schönste Rasse der Welt ist die weiße Rasse“) verbreitet. Ebenfalls am 23. Februar findet sich die Aussage „Whites are the strongest, smartest, nicest & most attractive race of all time“ („Weiße sind die stärkste, klügste, netteste und attraktivste Rasse aller Zeiten“). Solche Sätze bilden das ideologische Grundrauschen der Seite.
Ein zweiter roter Faden ist die demografische Mobilisierung. Am 25. Jänner wird mit „Blondes & Redheads need to start breeding White babies NOW!“ („Blonde und Rothaarige müssen jetzt anfangen, weiße Babys zu bekommen!“) und dem Hashtag #SaveOurWhiteFuture gearbeitet. Im weiteren Verlauf tauchen ständig Varianten derselben Botschaft auf, etwa zu „white babies“, „white families“ und einer „white future“. Diese Sprache tarnt völkische Bevölkerungspolitik als Familienidylle.
Segregation, Opfermythos und Reichweitenlogik
Neben Überlegenheitsfantasien setzt die Seite durchgehend auf Ausgrenzung und Segregation. Anfang Februar wird das offen formuliert. In einem Posting heißt es sinngemäß, die Heimat sei nur für Weiße gebaut worden; verbunden ist das mit Deportationsparolen. Am 10. Februar folgt der noch deutlichere Slogan „White schools, just WHITE ONLY AGAIN“(„Weiße Schulen, einfach wieder NUR WEISS“).
Parallel dazu läuft ein ständiger Bedrohungs- und Opferframe. Gesellschaftlicher Wandel erscheint nicht als Realität, sondern als Angriff auf „die Weißen“. Ein markantes Beispiel ist ein Beitrag vom 10. Februar mit der Behauptung „Diversity was forced on us at gun point“ („Diversität wurde uns mit vorgehaltener Waffe aufgezwungen“). So werden aggressive rassistische Positionen als Selbstschutz inszeniert. Kommunikationstechnisch ist das das zentrale Framing der Seite: weniger direkter Hass als angebliche Verteidigung.
Hohe Like-Zahlen erzielen nicht nur Familien- und Kinderbilder, sondern vor allem Beiträge, die rassistische Identität und zugleich ein politisches Feindbild anbieten. Auffällig ist etwa ein Beitrag vom 22. Februar mit Bezug auf den Briten Rupert Lowe, der vor wenigen Tagen angekündigt hat, aus seiner rechtsextrem ausgerichteten Bewegung „Restore Britain“ eine neue Partei zu gründen. Das Posting mit dem Begleitext, „It’s time to ban the word ‚racist‘. The White Race is not responsible for other races. That’s it.“ (Es ist an der Zeit, das Wort „Rassist“ zu verbieten. Die weiße Rasse ist nicht für andere Rassen verantwortlich. Das ist alles.“), erreicht mehr 10.100 Likes und sehr viele Kommentare und Shares. Stark performen auch offen segregationistische Inhalte wie das „white schools“-Posting sowie klassische „white family“-Motive mit mehreren tausend Likes.
Verschwörungsideologische Codes
Verschwörungsideologische Codes dienen als Klammer, um Rassismus als vermeintlich aufgeklärte Welterklärung zu verkaufen. Wiederkehrend ist die Rede von „Globalists“ oder von im Hintergrund wirkenden Mächten und „Eliten“, die Migration und „Diversity“ planvoll lenken würden.
Ein Posting raunt von „13 families to eliminate our White Race”, garniert mit einer Zeichnung mit schwarz gefärbten affenähnlichen Figuren, die auf Weiße einschlagen. Die Chiffre der „13 families” steht für die antisemitisch konnotierte Erzählung von einer kleinen, geheimen Elite aus „13 Familien“ bzw. „13 Blutlinien“, die vermeintlich Politik, Medien, Finanzsystem und Kriege steuere (oft unter Labels wie „New World Order“, „Illuminati“, „globalists“).

Solche Codes funktionieren im rechtsextremen Diskurs als Andeutungsrhetorik, die ein Publikum mit einschlägigem Vorwissen abholt und zugleich anschlussfähig bleibt, weil sie juristisch und plattformseitig schwerer zu greifen sind als offene Hassrede. Gerade in der Kombination mit dem „Replacement“- bzw. Verdrängungsnarrativ wird daraus eine Verschwörungserzählung, die nicht nur Feindbilder liefert, sondern Gewaltfantasien und „Notwehr“-Rhetorik plausibilisieren soll.
Revisionismus, Verbotsgesetz und Verhetzung
Das Material kippt regelmäßig in geschichtsrevisionistische und NS-nah codierte Botschaften. Ein zentrales Beispiel ist ein Meme am 29. Jänner mit der Aussage „When The Germans Lost… We ALL LOST“ („Als die Deutschen verloren, verloren wir alle“). Dazu kommt die Behauptung: „Since 1945 our people have been oppressed all in Europe. Especially in Germany & England“ („Seit 1945 wird unser Volk in ganz Europa unterdrückt. Besonders in Deutschland & England“). Deutschland ist grundsätzlich mit den reichsdeutschen Farben schwarz-weiß-rot (manchmal in falscher Reihenfolge) markiert.

Auch jenseits dieses Beispiels finden sich laufend Inhalte mit zumindest in Österreich strafrechtlicher Relevanz: rassistische Herabwürdigungen, Entmenschlichungen und Dämonisierungen, darunter Formulierungen wie „third world orcs“ („Dritte-Welt-Orks“), Nicht-Weiße, die als „Biowaffen“ diffamiert werden sowie wiederkehrende Deportations- und Vertreibungsfantasien.
Anglophoner Kanal mit UK-Schlagseite und internationaler Beteiligung
Die Originalsprache der Seite ist Englisch. Inhaltlich dominiert ein klarer UK- und anglophoner Fokus mit Verweisen auf „White England“, „Anglo-Saxons“ und britische Debattenfiguren wie Rupert Lowe. Vieles spricht daher für ein anglophones Betreiberumfeld mit deutlicher UK-Schlagseite. Dass sich dort auch Österreicher:innen tummeln, versteht sich fast von selbst.
Feststeht: Es handelt sich um eine strategisch geführte Seite, die rechtsextreme und rassistische Propaganda plattformgerecht verpackt. Die Mischung aus hoher Taktung, ästhetisierter Bildsprache und politischer Zuspitzung macht diese menschenverachtenden Inhalte anschlussfähig. Dass Meta einen solchen Kanal seit fünf Jahren online lässt und auf Meldungen nicht reagiert oder findet, die Seite würde nicht gegen die Community-Standards verstoßen, ist aber der eigentliche Skandal.
*Eine zweite Seite mit demselben Titel und denselben Sujets, aber weniger dicht bespielt, ist offenbar als Ausweichseite gedacht und hat rund 9.500 Follower.
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