AUF1-TV: Der Tod eines Rechtsextremen

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Das wird kein Nach­ruf der übli­chen Art. Wir wer­den nicht ver­su­chen, irgend­wel­che posi­ti­ve Eigen­schaf­ten des Ver­stor­be­nen zu fin­den. Das wäre auch schwie­rig bei Georg Imma­nu­el Nagel, der am 19. März ver­stor­ben ist. Denn Nagel war ein Rechts­extre­mist, der seit Jah­ren als Akti­vist und Publi­zist Het­ze ver­brei­te­te. Zuletzt als Redak­teur von AUF1-TV, das aber über sei­nen Tod bemer­kens­wert kühl und distan­ziert berichtete.

Unter bis­lang unge­klär­ten Umstän­den“ sei der „Kol­le­ge Georg Imma­nu­el Nagel“, der als „Redak­teur eine tra­gen­de Säu­le bei den AUF1-Nach­rich­ten“ gewe­sen sei, ver­stor­ben, berich­tet AUF1-TV am 21. März um 15.48h. Die­ser Zeit­punkt ist wich­tig, weil der Tod des rechts­extre­men Publi­zis­ten in der Sze­ne schon einen Tag zuvor The­ma war (etwa in der „Blau­en Nar­zis­se“). Am 20. März vor­mit­tags hat „report24.news“ geti­telt: „Erlag der bekann­te Patri­ot der lin­ken Hetze?“

Auf1 zu Nagels Tod (TG)

Auf1 zu Nagels Tod (TG)

In die­ser Schlag­zei­le gleich meh­re­re Unter­stel­lun­gen unter­zu­brin­gen, ist eine Meis­ter­leis­tung von „Wil­li Huber“, hat aber mit der Rea­li­tät so wenig zu tun wie der ange­ge­be­ne Ver­fas­ser­na­me. Flo­ri­an Machl ali­as Wil­li Huber hat­te mög­li­cher­wei­se zwar schon bes­se­res Wis­sen um die Todes­um­stän­de, ver­such­te aber trotz­dem reflex­ar­tig das Framing mit der „lin­ken Het­ze“ als Todes­ur­sa­che. Dabei war schon sei­ne For­mu­lie­rung, wonach „noch nicht vie­le Details bekannt“ sei­en, aber der Ver­stor­be­ne „tot auf­ge­fun­den“ wor­den sei, verräterisch.

Tags dar­auf, aber eben­falls vor AUF1-TV, mel­de­te dann auch „exxpress.at“, dass Nagel „am Wochen­en­de tot auf­ge­fun­den“ wor­den sei, über die Hin­ter­grün­de aber „wenig bekannt“ sei. Die Mel­dung unter­schei­det sich zunächst wenig von der frü­he­ren von Machl und der spä­te­ren von Magnet ali­as AUF1-TV. Die Erläu­te­rung der „Hin­ter­grün­de“ lie­fert der bekann­te „Kas­ten“ am Ende des Bei­trags, der übli­cher­wei­se bei Berich­ten über Sui­zi­de Hin­wei­se auf Sui­zid­prä­ven­ti­on gibt. Dem vor­an­ge­stellt war aber noch die – schein­hei­li­ge – redak­tio­nel­le Fra­ge: „Waren es die Arbeits­be­din­gun­gen beim rech­ten Sen­der, der haupt­säch­lich durch sei­ne Anti-Coro­na-Bericht­erstat­tung auf­fällt, die ihm das Leben kos­te­ten? Nagel soll dort zuletzt gekün­digt wor­den sein. Wie­der ande­re spre­chen von “Hass von Links” und Anfein­dun­gen im Netz, die Nagel stark zuge­setzt hät­ten.“ Zum extrem rech­ten „exxpress.at“ muss man nur wis­sen, dass sich die­ses Medi­um mit AUF1-TV um ähn­li­che Ziel­grup­pen im tür­kis­blau­en Sumpf matcht, aller­dings mit dem nicht uner­heb­li­chen Vor­teil, dass „exx­press-TV“ mehr als 700.000 Euro an staat­li­cher För­de­rung erhält.

exxpress zu AUF1 und Nagel mit Suizidgefahrratgeber 21.3.23

exx­press zu AUF1 und Nagel mit Sui­zid­ge­fahr­rat­ge­ber 21.3.23

Es ist viel­leicht etwas pin­ge­lig, aber nach die­sem Bei­trag und noch vor der Reak­ti­on von AUF1-TV erschien ein Nach­ruf auf dem Blog „Der Sta­tus“ von Ber­na­dette Con­rads, die sich in den Wor­ten von Nagel als des­sen „aller­bes­te Freun­din“ „tief erschüt­tert“ vor­stellt und dem eini­ges an rechts­extre­men Weih­rauch nach­fol­gen lässt ( „Georg war ein tief-sen­si­bler und fein­sin­ni­ger Geist, der sei­ne Ver­letz­lich­keit im Kampf gegen den Unter­gang der alten, euro­päi­schen Wer­te stets zu über­win­den such­te.“), bevor sie zu den mög­li­chen Moti­ven für des­sen „tra­gi­sches Able­ben“ Stel­lung nimmt:

Bis zu sei­nem tra­gi­schen Able­ben, dem lei­der eini­ge Wochen von Angst und Zurück­ge­las­sen­heit vor­aus­gin­gen, kämpf­te er um Aner­ken­nung und Gerech­tig­keit. Er kämpf­te dar­um, sich einen Namen machen zu dür­fen, sei­nen Namen ver­wen­den zu dür­fen, den Erfolg sei­ner eige­nen Leis­tun­gen für sich bean­spru­chen zu dür­fen — und schei­ter­te. Dass er sich selbst in die Dun­kel­heit der Hin­ter­grund­ar­beit gedrängt sah, ver­kraf­te­te Georg bis zuletzt nicht. Als er, ein Idea­list im reins­ten Sinn des Wor­tes, den Rück­halt selbst­er­klär­ter Visio­nä­re am meis­ten benö­tig­te, lie­ßen die­se ihn tra­gi­scher­wei­se fal­len wie eine hei­ße Kar­tof­fel. Die Erkennt­nis, dass auch alter­na­ti­ve Medi­en­ma­cher aus­beu­te­risch, ober­fläch­lich und eis­kalt agie­ren kön­nen, setz­te ihm schwer zu.

Damit wäre die Fra­ge des „exx­press“ auch schon beant­wor­tet. Braucht es noch wei­te­re Erläu­te­run­gen und Hin­wei­se? Ja, viel­leicht zunächst zu dem „tief-sen­si­blen“ und „fein­sin­ni­gen Geist“ des Georg Imma­nu­el Nagel. Ohne hier all­zu sehr in die Details zu gehen – zur annä­hern­den Beschrei­bung des „Fein­sin­ni­gen“ rei­chen hier eini­ge sei­ner Posts. Ras­sis­tisch, anti­se­mi­tisch, sexis­tisch, homo­phob, het­ze­risch, in der Kom­bi­na­ti­on mit sei­ner Ver­herr­li­chung von Krieg als Pur­ga­to­ri­um der Mensch­heit (die für ihn über­wie­gend „Müll“ war) sogar faschis­tisch – da bleibt wenig Platz für Tie­fe und Sen­si­bi­li­tät. Aber dass einer wie Nagel, der Nar­ziss, sich zurück­ge­setzt fühl­te, oder wie sei­ne „aller­bes­te Freun­din“ so poe­tisch hin­haucht nicht ver­kraf­te­te, „in die Dun­kel­heit der Hin­ter­grund­ar­beit gedrängt“ zu wer­den, lässt sich so interpretieren.

Georg Nagel: "Die meisten Menschen sind Abfall" "größtes Problem ist, dass wir schon zulange keinen offenen Krieg mehr erlebt haben" (Screenshots via FPÖ Fails)

Georg Nagel: „Die meis­ten Men­schen sind Abfall” „größ­tes Pro­blem ist, dass wir schon zulan­ge kei­nen offe­nen Krieg mehr erlebt haben” (Screen­shots via FPÖ Fails)

Antisemitismus bei Nagel: "Und wie üblich werden die Juden bevorzugt ..." (TG 18.3.22)

Anti­se­mi­tis­mus bei Nagel: „Und wie üblich wer­den die Juden bevor­zugt …” (TG 18.3.22)

Georg Nagel: "Entweder wir machen es zur wichtigsten Regel unserer Moral einen weißen Partner zu wählen, weiße Kinder zu haben und unsere Heimat als weiße Heimat zu verteidigen, oder wir sterben aus." (vk.com 11.12.22)

Georg Nagel: „Ent­we­der wir machen es zur wich­tigs­ten Regel unse­rer Moral einen wei­ßen Part­ner zu wäh­len, wei­ße Kin­der zu haben und unse­re Hei­mat als wei­ße Hei­mat zu ver­tei­di­gen, oder wir ster­ben aus.” (vk.com 11.12.22)

Georg Nagel über den im Dez. wegen Terrorverdachts verhafteten Heinrich Prinz Reuß: "Wurde er abgesägt, weil er zu kritisch war?" (vk.com 11.12.22)

Georg Nagel über den im Dez. wegen Ter­ror­ver­dachts ver­haf­te­ten Hein­rich Prinz Reuß: „Wur­de er abge­sägt, weil er zu kri­tisch war?” (vk.com 11.12.22)

Nun ist die „bes­te Freun­din“ und ehe­ma­li­ge „Wochen­blick“- Chef­re­dak­teu­rin Con­rads sicher kein Maß­stab für Sen­si­bi­li­tät (wir ver­wei­sen aus Platz­grün­den hier nur auf ihr wider­li­ches Pos­ting zum Ter­ror­an­schlag auf „Char­lie Heb­do“ oder auf ihre Geburts­tag­wün­sche für Nagel im Jahr 2015, aber ihr Nach­ruf im „Sta­tus“ bzw. der „exxpress“-Beitrag vom Vor­tag dürf­ten jeden­falls bewirkt haben, dass sich auch die Zun­ge von Ste­fan Magnet, dem Chef von AUF1-TV und damit Arbeit­ge­ber von Nagel, etwas gelöst hat. Zunächst ein­mal war er („wir“) „bestürzt“, wit­ter­te aber inmit­ten sei­ner Bestür­zung, dass „gewis­se ‚Medi­en‘ (…) natür­lich auf nie­der­träch­ti­ge Art den Tod aus­zu­schlach­ten (ver­su­chen)“.

Magnet über Nagels Tod und "Gewisse 'Medien'" (TG 21.3.23)

Magnet über Nagels Tod und „Gewis­se ‚Medi­en’ ” (TG 21.3.23)

Das war zunächst ein­mal neben dem dür­ren und distan­zier­ten Com­mu­ni­que von AUF1-TV alles, was Magnet und AUF1-TV über die Zun­ge brach­ten. Drei Tage nach dem Ein­sturz ihrer „tra­gen­den Säu­le“. Wei­te­re drei Tage spä­ter dann der Wut­aus­bruch von Magnet, sein Rund­um­schlag, in dem er davon spricht, dass „der Tod von Georg Imma­nu­el Nagel instru­men­ta­li­siert“ wor­den sei durch „ehe­ma­li­ge Mit­strei­ter von mir“, die mit der Pres­se in Gestalt von „exx­press“ pak­tie­ren wür­den: „Nicht zuletzt, um das Andenken unse­res ver­stor­be­nen Mit­ar­bei­ters Nagel zu ver­tei­di­gen, gehen wir gegen die­sen unwür­di­gen Arti­kel des ‚Exx­press’ nun mit unse­ren Anwäl­ten vor, denn auf unse­re umge­hen­den Auf­for­de­run­gen reagier­te man dort nicht.

Das „Andenken“ „unse­res ver­stor­be­nen Mit­ar­bei­ters“ wird also beden­ken­los Instru­men­ta­li­siert, um die Fra­ge des media­len Kon­kur­ren­ten „exx­press“ juris­tisch nie­der­zu­prü­geln. Von einem juris­ti­schen Vor­ge­hen gegen Ber­na­dette Con­rads und den Blog „Der Sta­tus“, in deren Bei­trag die Vor­wür­fe wesent­lich deut­li­cher, wenn auch ohne direk­te Nen­nung, ange­spro­chen wor­den sind, ist da aller­dings nicht die Rede.

Mitt­ler­wei­le, acht Tage nach sei­nem Tod, am 27.3.23., ver­öf­fent­lich­te AUF1-Info tat­säch­lich so etwas wie einen Nach­ruf. Nicht als Video-Bei­trag, son­dern als Text. Nicht von Ste­fan Magnet oder einem ande­ren AUF1-Redak­teur, son­dern „von sei­nem väter­li­chen Freund“, dem Chris­ti­an Zeitz vom Wie­ner Aka­de­mi­ker­bund – Lese­zeit: 3 Minu­ten. Dar­un­ter ein Spen­den-Auf­ruf. Natür­lich für AUF1-TV. Schließ­lich kos­tet es Geld, das Andenken zu verteidigen …

Nachruf von Zeitz für Nagel mit Spendenkeilerei (AUF1-Info 27.3.23)

Nach­ruf von Zeitz für Nagel mit Spen­den­kei­le­rei (AUF1-Info 27.3.23)