Der Zauberer & die braune Esoterik (Teil 2): Anastasia & Hamer

Ricar­do Lep­pes nach außen hin fre­undliche The­sen zu ein­er Bil­dung, die viel mehr auf Bedürfnissse von Kindern aus­gerichtet sein soll, erfreuen sich seit der Pan­demie hoher Beliebtheit – beson­ders unter Anhänger*innen der Ver­schwörungszene, die ihre Kinder vom reg­ulären Schu­lun­ter­richt abgemeldet haben. Lep­pe ist nach Eige­nangaben aber auch oft zu Gast in staatlichen Schulen. Das scheint unter dem Gesicht­spunkt, dass er qua­si als Neben­ef­fekt auch recht­seso­ter­isches Gedankengut trans­portiert und zudem die Wah­n­vorstel­lun­gen des Anti­semiten und Holo­caustleugn­ers Ryke Geerd Hamer propagiert, hochproblematisch.

Dämonis­ch­er „Hohe­p­riester“

Ricar­do Lep­pe bezieht sich direkt auf die Anas­ta­sia-Ide­olo­gie. Zum Beispiel in einem Video mit dem viel­sagen­den Titel „Hin­ter­frage alles — Geht es um uns Men­schen?“. Darin startet er mit dem Unsinn, das Wort „Bürg­er” käme von „bür­gen” und emp­fiehlt dann den Text „Der Dämon Kratie“, den er auch als pdf-Datei ver­linkt. Bei den vier Seit­en han­delt es sich um einen Auss­chnitt aus dem acht­en Band der Anas­ta­sia-Roman­rei­he (1). Lep­pe sug­geriert, dass es ein Tat­sachen­bericht sein kön­nte: „Aber ganz egal, was man von dem Text hält, ob er erfun­den ist oder nicht, er trifft’s ziem­lich auf den Punkt.“ Der Text erzählt von der Entste­hung der Lohn­sklaverei als Plan ein­er Elite von Priestern. Pro­tag­o­nist ist der „Hohe­p­riester Kratie“, dem die fol­gende Auf­gabe zukommt: „Kratie hat­te die Auf­gabe über­nom­men, den Staat umzugestal­ten, um die Macht der Priester über die Men­schen dieser Erde auf Jahrtausende hin­aus zu fes­ti­gen und sie alle, ein­schließlich der soge­nan­nten Herrsch­er, zu Sklaven der Priester zu machen.

Mit der Beze­ich­nung „Hohe­p­riester“ set­zt Megre einen Ter­mi­nus, der gemein­hin mit dem Juden­tum ver­bun­den wird. Im weit­eren Ver­lauf der Geschichte lernt Kratie, dass zur Errich­tung der ewigen Herrschaft physis­che Gewalt nicht reicht, vielmehr müsse „jed­er Men­sch und jedes Volk (…) psy­chol­o­gisch bee­in­flusst wer­den“. Der Hohe­p­riester entwick­elt for­t­an das Konzept eines Geldsys­tems, in dem sich zwar alle frei fühlen, aber eben nicht sind – wed­er die ehe­ma­li­gen Sklaven, noch die Herrschen­den. Let­ztlich wer­den alle zu ewigen Sklav*innen der Priestere­lite. Die plumpe Pointe der Geschichte: Kratie wird auf­grund seines aus­ge­fuch­sten Plans von einem Priesterkol­le­gen als Dämon beze­ich­net und er ent­geg­net darauf: „Wenn ich ein Dämon bin, dann sollen in Zukun­ft die Men­schen meine Idee Demokratie nen­nen.

Megre äußert sich in sein­er Roman­rei­he an anderen Stellen noch viel expliziter anti­semi­tisch: Juden und Jüdin­nen fungieren im Rah­men dieser okkul­ten Weltver­schwörung als „priester­lich­es Heer“. Fol­glich wird ihnen auch die Schuld an ihrer Ver­fol­gung und Ver­nich­tung zugeschoben: „His­torik­er hiel­ten Hitler für schuldig“, aber es seien schließlich schon andere Machthaber zu solchen Tat­en gezwun­gen gewe­sen: ‚Die Herrsch­er sind gezwun­gen, das jüdis­che Volk aus ihrem Land zu vertreiben.’“ (2) Kurzum: Mit der Wah­nidee von ein­er jahrtausendeal­ten Priestere­lite, die im Hin­ter­grund die Fäden zieht und sog­ar die Herrsch­er beherrscht, liefert das Anas­ta­sia-Kapi­tel eine wahre Blau­pause für das Nar­ra­tiv der jüdis­chen Weltverschwörung.

„Kri­tis­che Fra­gen“ und Logen

Obwohl Lep­pe selb­st sich nicht die Blöße ein­er solchen Direk­theit gibt, bedi­ent er doch durchge­hend die Rhetorik von Ver­schwörungsnar­ra­tiv­en (3). Ein­mal in dem zitierten Video wird er aber deut­lich­er: „Glauben die da oben, wen auch immer wir da jet­zt ansprechen, ob man jet­zt sagt die Logen, ob man sagt die Poli­tik, also Poli­tik hat damit ja nur zum Teil was zu tun, glauben die, dass wir alle dumme Schafe sind?

Leppe doziert im Auto über Logen, Impfablehnung, Zwangsgebühren für öffentlichen Rundfunk ...

Lep­pe doziert im Auto über Logen, Imp­fa­blehnung, Zwangs­ge­bühren für den öffentlichen Rundfunk …

Er platziert den beliebten anti­semi­tis­chen Code von den Logen, ohne zu spez­i­fizieren, wer oder was das eigentlich ist. Über­haupt übt er sich in dem Video in ein­er rhetorischen Grund­diszi­plin des Ver­schwörungs­diskurs­es: dem Stellen ver­meintlich kri­tis­ch­er Fra­gen und dem beiläu­fi­gen Ein­streuen hanebüch­en­er Behaup­tun­gen. Sich dergestalt schad­los hal­tend, lan­det er schließlich sog­ar bei jen­em „Hin­ter­fra­gen“, in dem sich auch Holocaustleugner*innen gerne üben: „Wieso darf ich das, was im zweit­en Weltkrieg ist, auf gar keinen Fall hin­ter­fra­gen, weil son­st bin ich ganz ganz böse und ganz ganz schlimm? Ich leugne nicht, dass das scheiße war damals, aber vielle­icht war’s nicht so. Wieso darf ich nicht darüber sprechen mit anderen?

Braune Pseudomedi­zin

Das passt insofern ins Bild, als Lep­pe auch immer wieder an einem wahren Klas­sik­ers brauner Eso­terik anknüpft: der „Ger­man­is­chen Heil­skunde“. Das Konzept stammt von dem 2017 ver­stor­be­nen Schar­la­tan, Anti­semiten und Holo­caustleugn­er Ryke Geerd Hamer. Ein län­geres Video vom Dezem­ber 2020 zum The­ma wurde inzwis­chen gelöscht, aber die entsprechende Ankündi­gung inklu­sive Link find­et sich noch auf seinem Telegram-Kanal. Dort heißt es: „Krankheit­en kom­men fast immer aus der Ernährung und oder der Psy­che. Heute beleucht­en wir mal den psy­chis­chen Part. Mir hat die ger­man­is­che Heilkunde schon gut geholfen und auch in meinem Umfeld ist sie ganz klar richtig.

Verweis auf Video Pilhar-Leppe (TG, 19.12.20)

Ver­weis auf Video Pil­har-Lep­pe (TG, 19.12.20)

In den Kom­mentaren zum Post­ing schreibt auch der Kanal­in­hab­er selb­st immer wieder und gibt dadurch weit­ere Ein­blicke in seine tiefe Ver­strick­ung mit der recht­seso­ter­ischen Szene. So wird etwa das Buch von Björn Eybl, einem öster­re­ichis­chen Masseur, über Hamers gefährliche Pseudomedi­zin, emp­fohlen. Auch Rüdi­ger Dahlke, einen der pro­duk­tivsten Akteure der Eso­terik­szene mit Hang zu Ver­schwörungsmythen, beze­ich­net er als „gute Anlauf­stelle“ für weit­er­führende Lit­er­atur zur „Ger­man­is­chen Heilkunde“.

Leppe verweist auf Dahlke und Eybl (TG)

Lep­pe ver­weist auf Dahlke und Eybl (TG)

Das gelöschte Video war ein Inter­view, das Lep­pe im Dezem­ber 2020 mit Hel­mut Pil­har, dem umtriebig­sten Nach­lassver­wal­ter von Hamers Ide­olo­gie, geführt hat. Auf Pil­hars Web­site „ger­man­is­che-heilkunde“ find­en sich dazu noch die Ankündi­gung des Videos und ein Link, der auf­grund der Löschung ins Nir­wana führt. Das ist brisant, weil Pil­har nicht nur unzweifel­haft ein Anti­semit ist, son­dern auch erst seit kurzem wieder damit begonnen hat, den Wahn seines Vor­bilds Hamer ganz unge­filtert via YouTube zu ver­bre­it­en.

Pilhar und Leppe im Gespräch, Dez. 2020 (Video gelöscht)

Pil­har und Lep­pe im Gespräch auf der Web­site von Pil­har, Dez. 2020 (Video gelöscht)

Hamer sieht eine jüdis­che Ver­schwörung gegen sich am Werk; seine „Ent­deck­ung“ sei von Rab­bin­ern gestohlen wor­den und werde sei­ther nur auf Juden und Jüdin­nen ange­wandt, während alle anderen Men­schen gezielt durch Chemother­a­pi­en ermordet wer­den wür­den. Pil­har sei laut Psir­am darum bemüht gewe­sen, die offen­sichtlich­sten Belege für Hamers Anti­semitismus zu löschen. Dass er ger­ade diese nun aber selb­st ver­bre­it­et, kön­nte mit dem all­ge­meinen Auf­schwung zusam­men­hän­gen, den die Szene auf­grund der Covid19-Pan­demie erlebt und auszunutzen weiß.

Das Konzept der „ger­man­is­chen Heilkunde“ taucht in Lep­pes Videos immer wieder beiläu­fig auf. So eben auch in dem oben zitierten Clip „Hin­ter­frage alles”. Dort bringt er es im Rah­men sein­er „kri­tis­chen Fra­gen“ ein. Und an ein­er Stelle in dem wirren Video raunt er: „Wie viele über­leben die Kreb­s­ther­a­pie?“, wom­it er ganz im Sinne Hamers – aber viel sub­til­er – sug­geriert, dass Men­schen gar nicht an Krebs ster­ben wür­den, son­dern an der Ther­a­pie dagegen.

Eso­terik an der Schnittstelle zum Rechtsextremismus

Wie es oft im Eso­terik-Milieu der Fall ist, wirken die Inhalte auch bei Lep­pe auf den ersten Blick lediglich obskur. Erst bei genauer­er Betra­ch­tung zeigen sich Schnittmen­gen mit recht­sex­tremem Gedankengut und den entsprechen­den Akteur*innen. Lep­pe selb­st ver­mit­telt dur­chaus glaub­haft, dass er sich selb­st nicht für einen Recht­en hält.

Die Verk­lärung von Natür­lichkeit und Ursprünglichkeit markiert oft­mals die Schnittstelle von eso­ter­ischen mit völkischen Posi­tio­nen: Das geteilte Feind­bild ist stets die urbane Mod­erne, die nicht als kom­plex­es gesellschaftlich­es Ver­hält­nis begrif­f­en und kri­tisiert wird, son­dern als eine „von oben“ orchestri­erte Ver­anstal­tung. Anstatt sich den schmerzhaften Ambivalen­zen und der eige­nen Ver­strick­ung in den krisen­haften Spätkap­i­tal­is­mus zu stellen, sucht die eso­ter­ische Ide­olo­gie – genau wie die rechte – nach der Wieder­ent­deck­ung eines ver­meintlich ver­lore­nen Paradieses im Sinne ein­er natür­lichen oder organ­is­chen Rein­heit. Auch wenn Lep­pe ver­sucht, sich darüber hin­wegzuschwindeln: Er bewegt sich mit­ten in dem Amal­gam von eso­ter­ischen Heilsver­sprechun­gen und braunem Gedankengut.

Solange sich nie­mand beschwert …

Vom „Stan­dard“ mit einzel­nen sein­er Aus­sagen kon­fron­tiert, antwortet Lep­pe non­cha­lant: „Solange mir so viele Eltern und kleine Kinder täglich freud­e­strahlend danken kann ich also damit leben wenn manche meinen ich sei ein Anti­semit oder die son­st üblichen Begriffe.“ Auf die Frage der Stan­dard-Jour­nal­istin, wieso ein Hitler-ver­her­rlichen­des Video in der Telegram-Gruppe „Wis­senSchafft Frei­heit — freier Aus­tausch“ nicht gelöscht wurde, gab sich Lep­pe äußerst tol­er­ant: „Solange sich nie­mand beschw­ert darf dort jed­er schreiben und disku­tieren.“ Soviel kann gesagt wer­den: Die fehlen­den Kom­mas in Lep­pes Antworten sind das ger­ing­ste Problem!

Hitler-Huldigungsvideo in Leppes TG-Gruppe: "„Solange sich niemand beschwert darf dort jeder schreiben und diskutieren.“

Hitler-Huldigungsvideo in Lep­pes TG-Gruppe: „„Solange sich nie­mand beschw­ert darf dort jed­er schreiben und diskutieren.“

➡️ Der Zauber­er & die braune Eso­terik – Teil 1: Die Hautev­olee des Obskurantentums
➡️ Der Stan­dard: Wenn Heimunter­richt in rechte Eso­terik abdriftet

➡️ Das Gespenst des Ex-Dok­tors: Anti­semi­tis­ch­er Wahn auf YouTube

Fußnoten

1 konkret aus dem Buch „Anas­ta­sia – Neue Zivil­i­sa­tion“, Band 8.1, auf deutsch erschienen bei dem eso­ter­ischen Silberschnur-Verlag.
2 Megre zit. nach Bericht infoS­ek­ta 2016, S. 4
3 Im oben zitierten Son­nen­creme-Video raunt er: „Unsere Erfahrung ist, dass das was sie uns offiziell sagen um 180 Grad dreht, dann ist man am richti­gen Punkt.“ In einem anderen Video mit dem Titel „Unsere Sprache — Hin­ter­gründe — Hin­ter­frage alles!“ (28.01.2021) erk­lärt er, er habe „nichts gefun­den, wo von offizieller Mei­n­ung eine Wahrheit gesprochen wird“.