Konterrevolution macht Pause

Lesezeit: 6 Minuten

Als bei dem NS-Wie­der­be­tä­ti­gungs­pro­zess rund um eini­ge Akti­vis­ten der Euro­päi­schen Akti­on aus abge­hör­ten Tele­fon­ge­sprä­chen zitiert wur­de, war ziem­lich klar, dass sich der Ange­klag­te Peter H. damit als einer der bis­lang gehei­men Grün­der des rechts­extre­men Nach­rich­ten­por­tal „Unser Mit­tel­eu­ro­pa“ geoutet hat­te. Jetzt lie­fert eine aus­ge­zeich­ne­te Recher­che von „netzpolitik.org“ Bele­ge dafür, dass das Por­tal auch nach einem Besit­zer­wech­sel von Öster­rei­chern diri­giert wird. Der eine ist Mit­ar­bei­ter der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung des Kli­ma­schutz­mi­nis­te­ri­ums, das ihn aus der blau­en Ära geerbt hat.

Die Recher­che von netzpolitik.org, die den bezeich­nen­den Titel „Des­in­for­ma­ti­on aus Öster­reich „Ver­trau­en Sie Pro­fis!“ trägt, ist erst seit weni­gen Tagen online. Aus ihr geht her­vor, dass Eric Hugo Wein­handl gemein­sam mit Cor­ne­li­us R. die Fir­ma „New Net­work Com­mu­ni­ca­ti­ons Ltd.“ (NNC) in Lon­don besitzt. Die, am 15.3.2019 in Eng­land ange­mel­de­te Fir­ma ist auch die Medi­en­in­ha­be­rin des Por­tals „Unser Mit­tel­eu­ro­pa“, das 2016 von unga­ri­schen und öster­rei­chi­schen Rechts­extre­men gegrün­det wur­de. 2020 wur­de das Por­tal dann von NNC übernommen.

Eine aus­führ­li­che Beschrei­bung von „Unser Mit­tel­eu­ro­pa“ lie­fern wir an die­ser Stel­le nicht, son­dern ver­wei­sen auf die Recher­che von netzpolitik.org und auf Bei­trä­ge von „Stoppt die Rech­ten“, in denen wir uns mit die­sem Por­tal beschäf­tigt haben. Viel­leicht noch ein Detail zur Ein­ord­nung: „Unser Mit­tel­eu­ro­pa“ zitiert häu­fig und ger­ne aus so ver­läss­li­chen Quel­len wie „unzen­su­riert“, „epocht­i­mes“, „Rus­sia Today“ oder „Tichys Ein­blick“, prä­sen­tiert aber auch zusätz­lich Medi­en­ko­ope­ra­ti­ons­part­ner, die deut­lich machen, woher der Wind weht: „Zur Zeit“, „Phi­lo­so­phia Peren­nis“ zäh­len da eher noch zum sof­ten Ange­bot; „La Voce del Patrio­ta“ ist ein Organ der ita­lie­ni­schen Rechts­extre­men bzw. Post­fa­schis­ten um Gior­gia Melo­ni, „Bou­le­vard Vol­taire“ und „Euro­li­ber­tés“ kön­nen der extre­men Rech­ten in Frank­reich zuge­rech­net werden.

Medienpartner von "Unser Mitteleuropa": rechtsextreme und faschistische Medien

Medi­en­part­ner von „Unser Mit­tel­eu­ro­pa”: rechts­extre­me und faschis­ti­sche Medien

Von den zwei Geschäfts­füh­rern von NNC, denen auch jeweils 50 Pro­zent der Fir­ma gehö­ren, hat einer Erfah­rung als Geschäfts­mann. Auf Face­book posiert Cor­ne­li­us R., ein 67-Jäh­ri­ger mit schüt­te­rem Haar, vor einem Tyran­no­sau­rus Rex. Anfang der Nuller­jah­re betrieb der Öster­rei­cher einen Edel­stein­la­den in einem Wes­tern­erleb­nis­park süd­lich von Wien, spä­ter in einem Ein­kaufs­zen­trum in der Stadt“, beschreibt netzpolitik.org mit einem Anflug von Iro­nie den einen der bei­den Geschäftsführer.

Der zwei­te Geschäfts­füh­rer ist Eric Hugo Wein­handl, ein ziem­lich umtrie­bi­ger Mensch, denn er betä­tigt sich nicht nur bei der NNC, son­dern auch in einem öster­rei­chi­schen Minis­te­ri­um. Im Kli­ma­schutz­mi­nis­te­ri­um ist er in der Abtei­lung Prä­si­di­um 2‑Kommunikation tätig; direkt zuvor war er par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter des FPÖ-Abge­ord­ne­ten Mar­tin Graf, von wo er unter Nor­bert Hofer ins dama­li­ge Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um geholt wurde.

Weinhandls Arbeitsplatz im Ministerium

Wein­handls Arbeits­platz im Ministerium

Neben­bei ist Wein­handl auch noch Autor bei „eigen­tüm­lich frei“, einer Publi­ka­ti­on, die bei Wiki­pe­dia zwi­schen rechts und rechts­extrem ver­or­tet wird. „eigen­tüm­lich frei“ gibt dann auch einen Hin­weis auf ein wei­te­res Arbeits­feld von Wein­handl: Dem­nach betreibt er den Blog „konterrevolution.at“. Im dor­ti­gen Impres­sum ist der Sei­ten­be­trei­ber nicht nament­lich, aber von sei­ner Aus­bil­dung her genannt: „stu­dier­ter Poli­tik­wis­sen­schaft­ler“. Bei den AGB für die Bestel­lung von Büchern wird der Sei­ten­be­trei­ber (samt Adres­se) ange­führt: Eric Hugo Wein­handl, BA, MA, Abs­ber­ger­gas­se …, 1100 Wien.

Weinhandl auf konterrevolution.at

Wein­handl auf konterrevolution.at

Für einen Minis­te­ri­ums­mit­ar­bei­ter wäre ein Blog mit die­sem Namen nicht bloß ein etwas wider­sprüch­li­ches Pro­jekt, son­dern auch ziem­lich gewagt. Die letz­te Kon­ter­re­vo­lu­ti­on auf deutsch­spra­chi­gem Boden war 1920 der Ver­such von rechts­extre­men Mili­tärs und Para­mi­li­tärs um Kapp und Lütt­witz, die Wei­ma­rer Repu­blik und mit ihr die ers­te deut­sche Demo­kra­tie nie­der­zu­put­schen. Ein ande­rer nahe­lie­gen­der und ver­wand­ter Anknüp­fungs­punkt wäre die „Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on“, eine anti­de­mo­kra­ti­sche, eli­tä­re und rechts­extre­me Strö­mung in der Wei­ma­rer Repu­blik, auf die heu­te die „Neue Rech­te” refe­ren­ziert.

Auf „konterrevolution.at“ wird jeden­falls in die­ser Denk­tra­di­ti­on die Demo­kra­tie als „nichts ande­res als eine abge­schwäch­te Vari­an­te, qua­si eine Ver­suchs­form von vie­len, des Kom­mu­nis­mus“ denun­ziert: „Die Demo­kra­tie dient als mas­sen­haf­tes Blend­werk, um Plu­to­kra­tien, Olig­ar­chien und ande­re Auto­kra­tien zu tar­nen, ihnen eine huma­ne und her­zeig­ba­re Fas­sa­de zu ver­pas­sen.“ (aus „Demo­kra­tie, eine Farce!“)

konterrevolution.at: Demokratie eine Farce (Screenshot wayback)

konterrevolution.at: Demo­kra­tie eine Far­ce (Screen­shot wayback)

Es sind in der Erzäh­lung von „konterrevolution.at“ die ver­kom­me­nen Eli­ten, die Demo­kra­tie als beson­ders raf­fi­nier­tes Herr­schafts­in­stru­ment nut­zen, um die „Gesell­schaf­ten und ihre Bür­ger (…) umfas­send in ent­wur­zel­te, indok­tri­nier­ba­re und ablen­kungs­ge­trie­be­ne Befehls­emp­fän­ger, qua­si post­mo­der­ne Skla­ven“ umzu­mo­del­lie­ren. Und wer sind die­se Eli­ten? Im Bei­trag „Eli­te und wir: Die Nor­ma­ti­vi­tät der sozia­len Segre­ga­ti­on“ wird ein klei­ner Anhalts­punkt dafür gege­ben, ein Code­wort, das von den Ein­ge­weih­ten natür­lich ver­stan­den wird: „Ein seit Jah­ren bekann­ter pädo­phi­ler Mil­li­ar­där (Jef­frey Epstein)“, hin­ter dem aber Auf­trag­ge­ber stün­den, die auch „kon­ter­re­vo­lu­ti­on“ nur andeu­ten will und in fata­ler Wei­se an QAnon erinnern:

Es ist dies wohl der offen­sicht­lichs­te Fall der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te, wel­cher ver­deut­licht, dass Eli­ten in pädo­phi­le und sata­ni­sche Ver­bre­chen aktiv invol­viert sind, die dem gewöhn­li­chen Beob­ach­ter schon bei den ober­fläch­lichs­ten Infor­ma­tio­nen über die­se Machen­schaf­ten schlaf­lo­se Näch­te und Trau­ma­ta besche­ren. Es sind dies ver­schwo­re­ne und einem nicht näher bekann­ten Ziel ent­ge­gen­stre­ben­de Seil­schaf­ten, die sich der grau­sams­ten Ver­bre­chen bedie­nen und aus die­sem Mix der Abar­tig­keit, Bru­ta­li­tät und Macht unse­ren Pla­ne­ten kontrollieren.

Als Ser­vice für das tra­di­tio­nell eher deutsch­tü­meln­de rechts­extre­me Publi­kum ist wohl ein ande­rer Bei­trag auf „kon­ter­re­vo­lu­ti­on“ gedacht: „Deutsch­land im Som­mer: Das Ende eines Vol­kes“ In die­ser ein­deu­tig ras­sis­ti­schen Erzäh­lung wird von einer „völ­lig aus der Hand laufende[n] migrantisch[n] Gewalt“ schwa­dro­niert, über die angeb­li­che „Ver­teu­fe­lung der Wei­ßen“ und schließ­lich, dass ver­sucht wer­de, „mit Hass auf Wei­ße die West­li­che Gesell­schaft in Brand zu set­zen”. Das ras­sis­ti­sche Mas­sa­ker von El Paso, bei dem ein wei­ßer Rechts­extre­mist 22 Men­schen ermor­de­te und wei­te­re schwer ver­letz­te, wird so entschuldigt:

Man muss aber auch fra­gen, inwie­weit der Boden für sol­che Taten berei­tet wird, wenn man jun­gen Men­schen von der Schu­le bis in Strea­ming­for­ma­te hin­ein stän­dig erklärt, wie böse sie nicht eigent­lich sind, ein­fach weil sie exis­tie­ren und wenn schon nicht aktiv, dann zumin­dest pas­siv in Form von “Pri­vi­le­gi­en” und ähn­li­chen Kon­struk­ten, um eine kla­re, unan­fecht­ba­re Hier­ar­chie aus Opfern und Tätern zu etablieren.

Fazit: Auf „kon­ter­re­vo­lu­ti­on“ fin­det sich ein Amal­gam aus anti­de­mo­kra­ti­schen, ras­sis­ti­schen und ver­schwö­re­ri­schen Ele­men­ten, die mut­maß­lich von einem Minis­te­ri­ums­mit­ar­bei­ter bedient wer­den. Jetzt hat die „kon­ter­re­vo­lu­ti­on“ aus Wien jedoch eine Pau­se ein­ge­legt. War­tungs­s­ar­bei­ten wer­den da vor einer majes­tä­ti­schen Gebirgs­ku­lis­se ange­kün­digt. Ein Zusam­men­hang mit den Recher­chen von netzpolitik.org darf wohl ver­mu­tet wer­den. Aber zum Glück gibt es ja die way­back-Maschi­ne und Goog­le Cache!

konterrevolution.at macht Pause: Wartungsarbeiten (24.3.21)

konterrevolution.at macht Pau­se: War­tungs­ar­bei­ten (24.3.21)

➡️ Vie­le Löschun­gen und ande­re Merkwürdigkeiten
➡️ netzpolitik.org: Des­in­for­ma­ti­on aus Öster­reich – „Ver­trau­en Sie Profis!“
➡️ netzpolitik.org: Rech­te Des­in­for­ma­ti­on – Öster­reichs Kli­ma­mi­nis­te­ri­um stellt Kli­ma­leug­ner frei