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Lesezeit: 5 Minuten

FPÖ/THC in Wien: Das Duell der blauen Scheinriesen

298 von ins­ge­samt 1.144 Man­da­ten konn­te die FPÖ bei den letz­ten Wie­ner Bezirks­ver­tre­tungs­wah­len 2015 für sich ver­bu­chen. Das wird die FPÖ bei der Wahl im Okto­ber mit Sicher­heit nicht schaf­fen, denn aus ihren eige­nen Rei­hen ent­stand ihr durch die Kan­di­da­tur des Team HC (THC) mit dem Ex Par­tei­vor­sit­zen­den Stra­che eine nicht unwich­ti­ge Kon­kur­renz. Bei­de Par­tei­en schi­cken jede Men­ge Kan­di­da­tIn­nen ins Ren­nen. Aber eini­ges spricht dafür, dass sich bei­de blau­en Par­tei­en künst­lich auf­blä­hen, um Ein­druck zu schinden.

22. Sep. 2020

Micha­el Ende hat mit dem Herrn Tur Tur im Kin­der­buch Jim Knopf und Lukas der Loko­mo­tiv­füh­rer eine Figur geschaf­fen, die ziem­lich exakt dem ent­spricht, was die bei­den blau­en Par­tei­en jeweils für die Wäh­le­rIn­nen, aber vor allem gegen­ein­an­der dar­stel­len wol­len: Schein­rie­sen. Tur Tur ist aller­dings eine sym­pa­thi­sche Gestalt. Das Wesen eines Schein­rie­sen besteht dar­in, dass er aus gro­ßer Ent­fer­nung rie­sig wirkt, beim Näher­kom­men aller­dings immer klei­ner wird.

Das trifft auch auf die bei­den blau­en Par­tei­en zu. 674 Men­schen schickt die FPÖ zu den Bezirks­ver­tre­tungs­wah­len im Okto­ber ins Ren­nen und wird dabei vom Team HC mit 726 Kan­di­da­tIn­nen noch erheb­lich über­trumpft. Was ist los? Lie­gen die Mei­nungs­for­scher so kom­plett dane­ben, die dem THC 4–6 % und der FPÖ so um die 10 % der Stim­men pro­phe­zei­en? Bei 5 % der Stim­men wären so um die 60 Bezirks­rats­man­da­te fäl­lig, bei 10% so um die 120 ‑130.

Protzige Vielfachkandidaturen beim THC

Die ers­te Sich­tung – eini­ge Schrit­te in Rich­tung der bei­den blau­en Schein­rie­sen – ergibt, dass in bei­den Par­tei­en die Mehr­fach­kan­di­da­tu­ren weit ver­brei­tet sind. Beim THC könn­te man sogar von Viel­fach­kan­di­da­tu­ren spre­chen, weil nicht nur Stra­che in allen 23 Bezir­ken jeweils als Lis­ten­ers­ter kan­di­diert, son­dern hin­ter ihm, am Lis­ten­en­de, auch die bis­he­ri­gen Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten (in Wien auch Gemein­de­rä­te) Karl Baron, Diet­rich Kops, Klaus Hand­ler und Gün­ter Kasal, die im Ver­lauf der letz­ten Mona­te von der FPÖ zum THC (vor­mals DAÖ) gewech­selt haben. Falls das THC doch die 5‑Pro­zent-Hür­de für die Wie­ner Gemein­de­rats­wahl über­sprin­gen soll­te, wür­den wohl 5 mal 23, also 115 Kan­di­da­ten­plät­ze von den 726 wegfallen.

Das Prot­zen über Viel­fach­kan­di­da­tu­ren ist aber nicht nur bei den Grün­der­vä­tern (-müt­ter gibt es beim THC kei­ne) ver­brei­tet, son­dern auch in den nach­ge­ord­ne­ten Rän­gen. Über die Anzahl der Kan­di­da­tu­ren pro Kan­di­da­tIn wird so etwas wie eine inter­ne Hier­ar­chie abge­bil­det: Rapha­e­la Göschl-Maram­bio , Toch­ter des kurz­zei­ti­gen ehe­ma­li­gen Hai­der-FPÖ-Geschäfts­füh­rers Harald Göschl (1988–89), bringt es auf 10 Kan­di­da­tu­ren, wäh­rend der Vater nur 7 schafft. Rena­te Achtsnit wird in 8 Bezir­ken als Kan­di­da­tin des THC geführt. Gleich wie Manu­el Pol­an­sky und der Poli­zist Zoran Kova­ce­vic, der – im Jän­ner 2020 noch FPÖ-Kan­di­dat in Pur­kers­dorf – sich nun gleich in acht Wie­ner Bezir­ken aus­ken­nen soll. Apro­pos Hier­ar­chie: Sei­ne Frau Katha­ri­na, eben­falls Poli­zis­tin, darf nur in 6 Bezir­ken kan­di­die­ren. Geschlech­ter­hier­ar­chie ist dem THC offen­sicht­lich sehr wichtig.

Die Lis­te der Viel­fach- und Mehr­fach­kan­di­da­tu­ren beim THC könn­te noch belie­big fort­ge­setzt wer­den; Wir machen mit der bereits aus Funk und Fern­se­hen bekann­ten Hate­rin Chris­ti­na Kohl (7 Kan­di­da­tu­ren) und dem stram­men Olym­pia-Bur­schen Vik­tor Erdesz Schluss. Erdesz schaff­te nur 3 Kan­di­da­tu­ren – viel­leicht ein klei­ner Punk­te­ab­zug, weil er noch bis 2019 als Stell­ver­tre­ter von Mar­kus Ripfl bei des­sen rechts­extre­mer Mikro­par­tei „Die Stim­me“ firmierte?

THC Mariahilf: von 19 Kandidat*innen sind nur 3 aus dem Bezirk; Viktor Erdesz auf Platz 3 und Christina Kohl auf Platz 13.
THC Maria­hilf: von 19 Kandidat*innen sind nur 3 aus dem Bezirk; Vik­tor Erdesz auf Platz 3 und Chris­ti­na Kohl auf Platz 13.

Domi­nik Nepp, der Spit­zen­kan­di­dat der Wie­ner FPÖ, gibt sich im Ver­gleich zu Stra­che und des­sen Adla­ten genüg­sam. Nur in zwei Bezir­ken will er Bezirks­rat wer­den, falls er sein Gemein­de­rats­man­dat doch nicht errei­chen oder dar­auf ver­zich­ten wür­de. Bei der FPÖ schei­nen bei den Kan­di­da­tu­ren für die Bezirks­ver­tre­tun­gen zwar häu­fig Mehr­fach­kan­di­da­tu­ren auf, aber in ver­gleichs­wei­se mode­ra­tem Rah­men. Zwei bis maxi­mal drei Kan­di­da­tu­ren pro Per­son (exklu­si­ve Gemein­de­rats­kan­di­da­tur) haben wir bei den FPÖ-Blau­en gezählt.

FPÖ 1. Bezirk (links), Liste aufgefüllt durch Kandidat*innen aus dem 2. Bezirk (rechts)
FPÖ 1. Bezirk (links), Lis­te auf­ge­füllt durch Kandidat*innen aus dem 2. Bezirk (rechts)

Wer ist der Stärkste in Favoriten und Simmering?

Was im nächs­ten Schritt auf­fällt: Der Schein­rie­se THC bläht sich beson­ders bei für bei­de Par­tei­en wich­ti­gen Bezir­ken deut­lich mehr auf als die FPÖ. In Favo­ri­ten schickt THC 98 Kandidat*innen ins Ren­nen, die FPÖ blas­se 37. 24 Man­da­te erreich­te die FPÖ 2015 mit 38,2 Pro­zent, von denen sie 2020 mei­len­weit ent­fernt ist – das THC aber noch mehr! Um die 98 Kandidat*innen zu errei­chen, wur­den 24 aus dem 11. Bezirk und 20 aus dem 3. Bezirk auch in den 10. Bezirk zum „Auf­fül­len“ der Lis­te geschickt. Ähn­li­ches gilt für den 11. Bezirk (Sim­me­ring), wo Kan­di­da­tIn­nen aus dem 3. Bezirk und aus dem 10. als Aus­hilfs­kräf­te ver­wen­det wur­den, damit das THC auf ins­ge­samt 58 Plät­ze kommt, wäh­rend die FPÖ in ihrem stärks­ten Bezirk mit 60 Kan­di­da­tu­ren nur knapp vor­an liegt.

Strache Spitzenkandidat in allen 23 Bezirken mit aufgefüllten Listen (hier 10. Bezirk und 11. Bezirk)
Stra­che Spit­zen­kan­di­dat in allen 23 Bezir­ken mit auf­ge­füll­ten Lis­ten (hier 10. Bezirk und 11. Bezirk)

Die SPÖ hat 2015 Sim­me­ring mit 40,8 % an die FPÖ mit 41,8 % ver­lo­ren und strengt sich dies­mal mit ihrer Kandidat*innenliste eben­falls sehr deut­lich an, Stär­ke zu signa­li­sie­ren. 113 Kan­di­da­tIn­nen schickt sie ins Ren­nen, von denen aller­dings – und das ist ein deut­li­cher Unter­schied zu den Blau­en – 95 als Wohn­sitz den 11. Bezirk ange­ben. Bei der FPÖ sind es 25 von 60, beim THC 26 von 58. In allen 23 Bezir­ken kan­di­die­ren bei der FPÖ 331 von 674 Kan­di­da­tIn­nen in ihrem Hei­mat­be­zirk, beim THC 244 von 726. Bei­de Schein­rie­sen sind deut­lich geschrumpft: die FPÖ um die Hälf­te, das THC auf ein Drittel!

Bei allen Par­tei­en gibt es Kandidat*innen, die nicht in ihrem aktu­el­len Wohn­be­zirk, son­dern in ihrem frü­he­ren oder dem Bezirk ihres Arbeits­plat­zes kan­di­die­ren. Mini­par­tei­en müs­sen ihre weni­gen Kan­di­da­tIn­nen klo­nen, wenn sie auf Prä­senz in allen Bezir­ken Wert legen, aber kei­ne Par­tei macht von der Klo­nie­rung ihrer Kandidat*innen für ande­re Bezir­ke so exzes­siv Gebrauch wie das THC: Im 1. Bezirk kan­di­diert nur einer von 19 Kan­di­da­tIn­nen in sei­nem Hei­mat­be­zirk, im 8. Bezirk eben­so. Nur gering­fü­gig bes­ser ist das Ver­hält­nis im 4., 5., 6., 7., 17. und 18. Bezirk.

Autochthone Donaustädter Blaue?

Die FPÖ wie­der­um zeich­net sich im Hei­mat­be­zirk von Mar­tin Graf, der Donau­stadt, nicht nur durch etli­che stram­me Rech­te, son­dern durch eine qua­si auto­chtho­ne Kandidat*innenliste aus: 41 von ins­ge­samt 41 geben die Donau­stadt als ihren Hei­mat­be­zirk aus. Etli­che Fami­li­en­na­men wei­sen zwar auf die übli­che Wie­ner Mischung hin, aber die Donau­städ­ter Blau­en sind sicher trotz­dem stolz. So wie auf ihre mise­ra­ble Geschlech­ter­mi­schung: Nur 22 Pro­zent oder 9 von den 41 sind Frau­en. Dass das sogar bei der FPÖ anders funk­tio­nie­ren kann, zeigt der 12. Bezirk, wo von den 37 Kandidat*innen 18 Frau­en sind; eine Aus­nah­me unter den Bezir­ken bei FPÖ und THC, wo Frau­en zumeist nur auf den hin­te­ren Plät­zen prä­sent sind.

Und wie auf­fäl­lig sind ein­zel­ne Kan­di­da­tIn­nen vom THC? Das bespre­chen wir in einem spä­te­ren Bei­trag!

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