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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Corona-Demo Wien: Lückenpresser und Rückeinatmer als Querdenker

Am Sams­tag, 29. August, fand auch in Wien eine „Corona“-Demonstration statt. Statt der von den Ver­an­stal­tern erwar­te­ten 15.000 Men­schen kamen laut Poli­zei zwar nur an die 400, wäh­rend die ver­an­stal­ten­de Initia­ti­ve „Quer­den­ken“ an die 3.000 Men­schen gezählt haben will. Aber wer, wen und was reprä­sen­tiert die Initia­ti­ve „Quer­den­ken“ eigent­lich und wer durf­te auf der Demo sprechen?

1. Sep. 2020

Die instän­di­ge Bit­te von Björn K., „bit­te in Tracht kom­men“ wegen der „unüber­seh­ba­ren Signal­wir­kung nach außen“, ver­hall­te unge­hört. Statt­des­sen gab’s als musi­ka­li­sches Intro zur Eigen­prä­sen­ta­ti­on viel pas­sen­der „High­way to Hell“ von AC/DC. Han­nes Bre­jcha begrüß­te im Namen der Ver­an­stal­ter, schimpf­te auf den „kor­rup­ten Hau­fen Regie­rung“, warn­te vor den Toten­grä­bern, die unser Land ver­nich­ten und erklär­te dann die Pan­de­mie für beendet.

Brejcha teilt antisemitischen Artikel zu Soros
Bre­jcha teilt anti­se­mi­ti­schen Arti­kel zu Soros

Der Wie­ner Han­nes Bre­jcha ist ein neu­es Gesicht in der Sze­ne derer, die gegen den „Coro­na-Wahn­sinn“ demons­trie­ren. Die öster­rei­chi­sche Initia­ti­ve „Quer­den­ken“ ist ein Able­ger der deut­schen, die Ver­an­stal­te­rin der völ­lig ent­gleis­ten Ber­li­ner Demo war. Bre­jcha ist nicht nur auf Face­book mit zwei Accounts prä­sent (in mar­tia­li­scher Pose etwa vor einem Pan­zer), son­dern auch auf dem rus­si­schen Netz­werk vk.com. Dort prä­sen­tiert er sich mit nack­tem Ober­kör­per, Schoß­hünd­chen und als Mit­glied der Grup­pe „Patrio­ten“. Die besteht aller­dings nur aus sie­ben Mitgliedern.

Hannes Brejcha auf vk.com
Han­nes Bre­jcha auf vk.com

Kei­ne ech­te Ver­stär­kung bedeu­te­te der Auf­tritt des Kärnt­ners Mar­tin Rut­ter, der das Mikro und die Mode­ra­ti­on von Bre­jcha über­nahm. Rut­ter (37), der sei­ne poli­ti­sche Lauf­bahn in Kärn­ten bei den Grü­nen begon­nen hat­te, ist nach einem län­ge­rem Inter­mez­zo beim Team Stro­nach, spä­ter Team Kärn­ten, mitt­ler­wei­le ganz rechts außen beim BZÖ Kärn­ten gelan­det, wo er als Spit­zen­kan­di­dat für die Natio­nal­rats­wahl 2019 einen beacht­li­chen Bauch­fleck mit 0,0 % lan­den konn­te. Das BZÖ Kärn­ten ist mit dem Zusatz „Alli­anz der Patrio­ten“ ange­tre­ten, hat also ver­mut­lich den „Patrio­ten“ Bre­jcha geis­tig schon ein­ge­mein­det, obwohl des­sen poli­ti­sche Vor­lie­ben auf Face­book ziem­lich deut­lich bei der FPÖ liegen.

Liste der RednerInnen bei der Corona-Demo am 29.8.20 in Wien
Lis­te der Red­ne­rIn­nen bei der Coro­na-Demo am 29.8.20 in Wien

Rut­ter, der zwi­schen 2013 und 2018 Kärnt­ner Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter war, die ers­ten vier Jah­re für das Team Kärn­ten bzw. Stro­nach, bis er wegen sei­nes star­ken Rechtsd­ralls 2017 aus­ge­schlos­sen wur­de und die letz­ten Mona­te als wil­der Abge­ord­ne­ter werk­te, stell­te auf der Wie­ner Demo per Fern­dia­gno­se fest, dass in Ber­lin „meh­re­re Mil­lio­nen Men­schen“ demons­trie­rend unter­wegs sei­en (also die gan­ze Haupt­stadt auf der Stra­ße) und das „Regime“ in Ber­lin aus­ge­dient habe. So ver­schaff­te er der dür­ren Wie­ner Men­ge kurz­fris­tig einen Kick.

Der als Haupt­red­ner ange­kün­dig­te Arzt aus Bad Aus­see, Peer Eif­ler, der seit Mona­ten zwi­schen kos­ten­lo­sen Coro­na-Demo-Auf­trit­ten und kos­ten­pflich­ti­gen Coro­na-Ver­an­stal­tun­gen quer durch Öster­reich her­um­ge­reicht wird, ist kaum poli­tisch auf­fäl­lig. Eher anders. Wie Chris­ti­an Kreil auf sei­nem Blog „Stif­tung Guru­test“ auf standard.at im Mai die­ses Jah­res fest­hielt, war Eif­ler „als Guru auf der gan­zen Welt unter­wegs und ist jetzt Arzt. Er ver­zückt Ver­schwö­rungs­plau­de­rer und Anhän­ger von Pseu­do­me­di­zin mit medi­en­wirk­sa­men Auftritten.“

Eif­ler ist auch geschäft­lich ganz gut unter­wegs und stell­te nicht nur dem wenig ent­zück­ten Blog­ger per Fern­dia­gno­se ein ärzt­li­ches Attest aus, mit dem die­ser vom Tra­gen eines Mund-Nasen-Schut­zes befreit und um 30 Euro „für ein Fake-Attest“ erleich­tert wer­den sollte.

Peer Eiflers Fake-Atteste
Peer Eif­lers Fake-Atteste

Kreil war dar­über eben­so wenig ent­zückt oder erleich­tert wie die Ärz­te­kam­mer, die sich seit dem Früh­jahr mit Eif­ler in einem Ehren­ge­richt befasst. Das ver­schafft Eif­ler nicht nur die Mög­lich­keit, sich als Opfer eines „faschis­to­iden“ Sys­tems zu insze­nie­ren, son­dern ganz offen für sei­ne Fake-Attes­te auf Face­book Wer­bung zu machen. Auch wenn sei­ne Aus­sa­gen, wonach es täg­lich Tau­sen­de Anfra­gen gäbe, doch leicht über­trie­ben sein dürf­ten: Bei 30 Euro Gebühr pro Attest läp­pert sich schon eini­ges zusam­men, was den Opfer­sta­tus er- bzw. ein­träg­lich gestaltet.

Fran­zis­ka Loib­ner, die Vor­sit­zen­de des Ver­eins AEGIS (Akti­ves Eige­nes Gesun­des Immun-Sys­tem), mach­te sich in ihrem Rede­bei­trag gar nicht mehr die Mühe, irgend­wie auf die Pan­de­mie oder die Maß­nah­men dage­gen ein­zu­ge­hen, son­dern beschäf­tig­te sich in ers­ter Linie mit dem Lebens­werk ihres ver­stor­be­nen Man­nes Johann Loib­ner, der prak­ti­scher Arzt und Mit­glied von Opus Dei war und in der Impf­geg­ner-Sze­ne Kult­sta­tus genießt.

Am Rede­bei­trag von Merith Strei­cher, die als Red­ne­rin der Initia­ti­ve „Eltern ste­hen auf“ ange­kün­digt wur­de, war vor allem auf­fäl­lig, dass sie ihn auch an die „lie­ben Unge­bo­re­nen“ adres­sier­te, obwohl die ver­mut­lich gar kein Inter­es­se an die­ser Demo und dem Bei­trag hatten.

Das Ver­spre­chen, mit dem der Rechts­au­ßen Rut­ter den Red­ner Manu­el Mit­tas ein­mo­de­rier­te, wur­de von die­sem nicht ent­täuscht: Der als „Dorn im Fleisch der Sys­tem­pres­se“ ange­kün­dig­te Jour­na­list, offen­sicht­lich auf Sata­nis­mus spe­zia­li­siert, hat­te zwar zu „Coro­na“ nichts im Reper­toire, dafür aber eine saf­ti­ge und wider­li­che Dro­hung an sei­ne jour­na­lis­ti­schen Kol­le­gIn­nen – samt einer wahn­sin­nig ori­gi­nel­len Wortkreation:

Mei­ne lie­ben ehe­ma­li­gen Kol­le­gen von den Main­stream-Medi­en, Ihr soll­tet Euch jetzt ganz genau ent­schei­den, auf wel­cher Sei­te Ihr steht. Geht tief in euch, denn es wird der Tag kom­men (…). Man wird Euch viel­leicht irgend­wann zur Rechen­schaft zie­hen für Eure Ver­bre­chen. (…) Nie­der mit der Lückenpresse!

War es die Dro­hung oder der Bur­ner mit der Lücken­pres­se‘? Das Publi­kum war jeden­falls enthu­si­as­miert und skan­dier­te begeis­tert „Lücken­pres­se“. Wir ver­las­sen vor­zei­tig die Demo – es reicht! Die wei­te­ren Red­ner, den 5G-Ver­schwö­rer Why­brow und einen Juris­ten, erspar­ten wir uns.

Wir wid­men uns dem „Mani­fest“ der „Quer­den­ker“, in dem aber nur eini­ge poli­ti­sche Grund­rech­te (nicht aber sozia­le) auf­ge­zählt wer­den und ein Ehren­ko­dex. Dass gleich dane­ben auch der Bar­geld­erhalt gefor­dert wird, gibt dem Gan­zen eine schrä­ge Note. Wie das Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit mit einer Ableh­nung von Mas­ken­pflicht und Abstands­re­geln ver­ein­bar sein soll, wird natür­lich auch nicht erläutert.

Steve Whybrow über "die 5G-Matrix, Transformation und Awakening" auf Okitalk
Ste­ve Why­brow über „die 5G-Matrix, Trans­for­ma­ti­on und Awa­ke­ning” auf Okitalk

Auch wenn das Mani­fest der Initia­ti­ve „Quer­den­ken“ kei­ne rechts­extre­men bzw. rechts­of­fe­nen Bezü­ge her­gibt, ihre Pro­po­nen­ten, Redner*innen, Unterstützer*innen schaf­fen das in der Sum­me locker, da kön­nen selbst Aus­nah­men nichts ändern. Dabei haben wir über die Unterstützer*innen noch gar nichts geschrie­ben! Da fin­den sich näm­lich etli­che unse­rer Bekann­ten aus den rech­ten Rän­dern von FPÖ und THC eben­so wie Res­te von NVP, Euro­päi­scher Akti­on und AFP: Die wol­len kei­ne Gele­gen­heit versäumen!

Wir hören und lesen immer wie­der von Per­so­nen, die sich als Antifaschist*innen, Lin­ke, Demokrat*innen oder ein­fach nur als Kritiker*innen von Coro­na-Maß­nah­men bezeich­nen und argu­men­tie­ren, man kön­ne ja nicht im Vor­hin­ein wis­sen, dass auch Rechts­extre­me und üble (zumeist anti­se­mi­ti­sche) Ver­schwö­rungs­hei­nis bei den Demons­tra­tio­nen und Kund­ge­bun­gen zu Coro­na mit­ma­chen: Spä­tes­tens jetzt kön­nen sie es wissen.

Eine Fra­ge hät­ten wir doch noch: Klaus J., anschei­nend der offi­zi­el­le und sehr bedank­te Demo-Fil­mer der „Quer­den­ker“, warnt vor dem Mund-Nasen­schutz bzw. den Mas­ken mit der Begrün­dung, „das [sic!] die Mas­ke Gesund­heits­schäd­lich ist weil man Bak­te­ri­en und Kei­me rückein­at­met“. – Dass das Rückein­at­men gesund­heits­schäd­lich sei, steht natür­lich nicht in der „Lücken­pres­se“, nur, dass es sich im Prin­zip um Bak­te­ri­en hand­le, „die wir eh schon in der Lun­ge oder im Mund haben“. Aber einer von den „Quer­den­kern“ wird uns sicher erklä­ren, war­um dem nicht so ist – bei der nächs­ten Demo, wo dann sicher auch in Wien Mil­lio­nen gesich­tet werden?

Ins­ge­samt betei­lig­ten sich etwa 600 Per­so­nen an der Ver­an­stal­tung. Neben Neo­na­zis, deutsch­na­tio­nal Kor­po­rier­ten und Sympathisant:innen der „Iden­ti­tä­ren” tra­ten auch zahl­rei­che Impfgegner:innen und Verschwörungsgideolog:innen auf. pic.twitter.com/JyPjfqd1c9

— Pres­se Ser­vice Wien (@PresseWien) August 30, 2020

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