Rechtsextremes im letzten großen Staatsmuseum. Teil 1: Das HGM als identitäre Projektionsfläche

Das Heeres­geschichtliche Muse­um (HGM) ist nicht nur der älteste Muse­ums­bau Wiens, son­dern auch das let­zte Muse­um Öster­re­ichs, das von einem Bun­desmin­is­teri­um (Vertei­di­gung) geleit­et wird. Diese direk­te Ver­ankerung im Staat­sap­pa­rat gibt der Frage danach, wie dort Geschichte ver­mit­telt wird, ein beson­deres Gewicht. Trotz dieser sen­si­blen öffentlichen Stel­lung find­et im HGM eine zutief­st rück­wärts­ge­wandte Geschichtsver­mit­tlung statt, die von Helden­verehrung und Monar­chiev­erk­lärung mitunter bis hin zu ein­er Offen­heit für Recht­sex­trem­is­mus und Geschicht­sre­vi­sion­is­mus reicht. Kein Wun­der, dass Mar­tin Sell­ner vom HGM als iden­titäre Pro­jek­tions­fläche schwärmt – und auch der Atten­täter von Christchurch sich dort aufge­hal­ten hat.

Fans des HGM: Sell­ner, Sem­l­itsch und der Christchurch-Attentäter

Im Mis­sion-State­ment auf der Home­page des HGM will man sich unter dem Leit­spruch „Kriege gehören ins Muse­um“ als „lebendi­ger Ort der Geschichtsver­mit­tlung“ präsen­tieren. Nicht nur um kriegerische Kon­flik­te ab dem 16. Jahrhun­dert soll es dabei gehen, son­dern auch um „die jew­eili­gen Wech­sel­beziehun­gen des Mil­itärs mit poli­tis­chen, gesellschaftlichen und tech­nis­chen Entwick­lun­gen“. Fol­gerichtig heißt es weit­er, dass es bei der muse­alen Auseinan­der­set­zung mit mod­ern­er Mil­itärgeschichte gelte, „etwaigen nationalen, poli­tis­chen oder emo­tionalen Instru­men­tal­isierun­gen vorzu­greifen“. (1)

HGM-Webauftritt: "Kriege gehören ins Museum"

HGM-Webauftritt: „Kriege gehören ins Museum”

Dieser hehre Anspruch wird aber bis zu einem gewis­sen Grad bere­its in der­sel­ben Eigen­darstel­lung unter­laufen. Denn an ander­er Stelle wird dort klargestellt, dass bei der Ver­mit­tlung der öster­re­ichis­chen Mil­itärgeschichte „weniger dra­matur­gis­che Insze­nierun­gen als die Präsen­ta­tion einzi­gar­tiger Exponate mit ihrer ganz beson­deren Aura im Vorder­grund“ ste­hen. Der Ver­weis auf die „ganz beson­dere Aura“ ist eine schönge­färbte For­mulierung für die oft­mals völ­lig unkom­men­tierte Zurschaustel­lung his­torisch­er Objek­te, die zu Instru­men­tal­isierun­gen ger­adezu einlädt.

So veröf­fentlichte der Chef der recht­sex­tremen Iden­titären, Mar­tin Sell­ner, am 22. Jän­ner 2018 ein etwa zwölf Minuten langes Video von einem HGM-Besuch (2). Mit von der Par­tie war IB-Ide­ologe Mar­tin Sem­l­itsch (aka Lichtmesz). Unter dem Titel „Lebendi­ge Geschichte – Heeres­geschichtlich­es Muse­um Wien“ beschwören die bei­den voller Enthu­si­as­mus eine glo­r­re­iche Ver­gan­gen­heit, um uns ein biss­chen Kul­tur erleb­bar zu machen, „in diesen trau­ri­gen und abge­flacht­en Zeit­en“, wie Sell­ner am Anfang erk­lärt. Den „abge­flacht­en Zeit­en“ wer­den die kriegerischen und hero­is­chen gegenübergestellt.

Im HGM-Vor­raum (der Feld­her­rn­halle), wo in Form von Mar­morstat­uen „die wichtig­sten Feld­her­ren der öster­re­ichis­chen, glo­r­re­ichen Mil­itärgeschichte“ in ein­er „Tra­di­tion­slin­ie“ gezeigt wer­den, sind es – wenig über­raschend – aus­gerech­net zwei his­torische Akteure der Türken­be­lagerung, die mit Namen im iden­titären Clip einge­blendet werden.

Danach zeigt uns Sell­ner eine Auswahl sein­er lieb­sten Ausstel­lungsstücke. Zuerst ein Schlacht­gemälde von der Wiener Befreiung von der Türken­be­lagerung im 17. Jahrhun­dert, ein­schließlich der direkt über dem Gemälde ange­bracht­en „Sturm­sense“. Bei Let­zterem han­delt es sich um eine Mis­chung aus Lanze und Sense, die im Kampf ver­wen­det wurde. Sell­ner erk­lärt begeis­tert, dass damit die „ein­fache Stadt­bevölkerung, Stu­den­ten und Bauern“, die Stadt vertei­digt hät­ten. Die „Sturm­sensen“ hät­ten als „lebendi­ge Mauern den Feind abge­hal­ten“; diese Waffe drücke „eine echte Vertei­di­gungs­bere­itschaft der Wiener aus“. Die erste iden­titäre Gruppe in Wien habe die Sturm­sense als Logo geführt, erzählt Sell­ner schließlich stolz und schließt damit den Bogen von der (völkischen) Verk­lärung ein­er his­torischen Wehrhaftigkeit hin zur eige­nen imag­inierten Wehrhaftigkeit gegen ver­meintliche Eindringlinge.

Sein zweites Lieblingsstück ist der „Mörs­er von Bel­grad“, der in der Ausstel­lung „gegen ein türkisches Prunk­zelt“ gerichtet ste­ht. Der Mörs­er habe „in einem typ­isch öster­re­ichisch-hab­s­burg­erischen Mirakel“ das Pul­ver­lager des türkisch belagerten Bel­grad getrof­fen und „die ganze Stadt ver­wüstet und zur Belagerung reif gemacht“. Sell­ner nen­nt das his­torische Mas­sak­er nochmals ein „echt­es öster­re­ichis­ches Mirakel“.

Zumin­d­est ver­bal ergrif­f­en zeigt sich dann Lichtmesz: Beim Anblick der Objek­te rund um das Atten­tat auf den Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand, habe es ihm „richtig einen Schauer über den Rück­en gejagt“, denn: „Der erste Weltkrieg war eigentlich genau der Krieg, der nie hätte passieren dür­fen, diese große Katas­tro­phe für Europa, von der wir uns eigentlich bis heute nicht erholt haben“.

Sein „drittes Lieblingsstück“ präsen­tiert uns Sell­ner zulet­zt. Dabei han­delt es sich um eine Halle, deren Wände mit Mar­mortafeln aus­ges­tat­tet sind, in die die Namen gefal­l­en­er Feld­her­ren vom Mit­te­lal­ter bis zum Ende der Hab­s­burg­er­monar­chie ein­graviert sind. Sell­ner fügt den his­torischen Raum ganz verzückt in seinen völkischen Kult von Ein­heit und Tod ein: Er finde es „wun­der­schön, ein Zeichen von tiefem Respekt auch vor den Leuten, dass sie hier in ein­er großen Ein­heit, wie in so einem byzan­ti­nisch-hab­s­burg­erischen Wal­hal­la fast schon, zusam­menge­fasst sind, wirk­lich eine wun­der­schöne Tra­di­tion, und es muss eine Ehre sein, wenn du einen Ver­wandten hast, der in diesem Saal verewigt ist“.

Sell­ner been­det das Video fol­gerichtig mit einem sinnbildlichen Ver­weis auf den noch kom­menden (iden­titären?) Kampf: „Und das Beein­druck­end­ste an diesem Saal (…), das ist eine noch leere Tafel, für kom­mende Gefal­l­ene.

Die Geschichts­begeis­terung der bei­den völkischen Aktivis­ten äußert sich als pathetis­ches Abfeiern von Helden­tum, Wehrhaftigkeit und Opfer­kult. Über den Zweit­en Weltkrieg und die Naz­ibar­barei wird geschwiegen, während der Erste Weltkrieg zu der großen Katas­tro­phe erk­lärt wird. Auch das über­rascht wenig, denn im völkisch-iden­titären Nar­ra­tiv wer­den die deutsch-öster­re­ichis­chen Ver­brechen gerne mit dem Ver­weis darauf rel­a­tiviert, dass die Alli­ierten-Verträge nach dem ersten Weltkrieg das „deutsche Volk“ der­ar­tig in die Knie gezwun­gen hät­ten, dass sich aus dieser Kränkung qua­si der NS ergeben hätte.

Dass dieser iden­titäre Film­dreh im HGM möglich war, kann dem Muse­um selb­stver­ständlich nicht zum Vor­wurf gemacht wer­den; schließlich wäre es schwierig, solche Auf­nah­men in dem riesi­gen Gebäude zu ver­hin­dern. Das Prob­lem beste­ht vielmehr darin, dass das Muse­um selb­st (bzw. die muse­ale Auf­bere­itung) solch verz­er­ren­den Darstel­lun­gen inhaltlich nichts ent­ge­gen­hält: Es fehlt durch­wegs an kri­tis­chen Kon­tex­tu­al­isierun­gen der gezeigten Objek­te (3). Diese wer­den vielmehr lediglich aus­gestellt (Stich­wort „Aura“) und mitunter der­art ange­ord­net, dass verk­lärende Helden­erzäh­lun­gen schlichtweg nahegelegt wer­den. Somit bleibt der oben zitierte Anspruch, poli­tis­chen Instru­men­tal­isierun­gen ent­ge­gen­wirken zu wollen, eine bloße Plattitüde.

Christchurch-Attentäter in Österreich

Christchurch-Atten­täter in Österreich

Auch der Atten­täter von Christchurch, der sich zweimal in Wien aufge­hal­ten hat, besuchte offen­sichtlich das Heeres­geschichtliche Muse­um. Jeden­falls veröf­fentlichte er Fotos, die auf einen Besuch hin­deuten (die Screen­shots von seinem FB-Kon­to haben wir von der Redak­tion von T‑Online erhal­ten) und die Sell­ners Start­fo­to beim Video, die Feld­her­rn­halle, als Motiv zeigen. Ob er alleine oder auf direk­te oder indi­rek­te Empfehlung von Sell­ner, mit dem er über mehrere Monate inten­siv­en Mail-Kon­takt pflegte, das HGM besucht und fotografiert hat, ist unklar bzw. wohl Gegen­stand von strafrechtlichen Ermittlungen.

Facebook-Fotos des Christchurch-Attentäters mit Feldherrnhalle aus dem HGM

Face­book-Fotos des Christchurch-Atten­täters mit Feld­her­rn­halle aus dem HGM (Foto 2. Rei­he Mitte)

Feldherrnhalle aus dm HGM

Feld­her­rn­halle aus dem HGM

Fußnoten

1 Auf der Web­site dürfte der Satz verse­hentlich mit einem „aber“ anstatt eines „oder“ for­muliert wor­den sein: „Dabei gilt es, etwaigen nationalen, poli­tis­chen aber emo­tionalen Instru­men­tal­isierun­gen vorzu­greifen.“ Wir haben uns erlaubt, diesen Fehler in unserem Fließ­text zwecks besser­er Les­barkeit direkt auszubessern.
2 Video: „Lebendi­ge Geschichte – Heeres­geschichtlich­es Muse­um“ von 22.01.2018, online auf Youtube, zulet­zt einge­se­hen: 17.6.19
3 Dies ließe sich auch für das Gebäude selb­st, bzw. dessen Innengestalt, sagen; schließlich wurde das Muse­um als „k.u.k. Hofwaf­fen­mu­se­um“ gegrün­det, ganz im anti-emanzi­pa­torischen Geist der späten Hab­s­burg­er­monar­chie. Dazu schreiben Hannes Lei­dinger und Ver­e­na Mor­titz: „Gebäude und Samm­lun­gen des Arse­nals ließen und lassen sich in sein­er Gesamtheit als muse­ales Objekt ver­ste­hen, das überkommene Herrschaftsstruk­turen und antiquierte Geschichts­bilder verkör­pert. Das enge his­torische Korsett set­zte dem Geist der Inno­va­tion und Aktu­al­isierung eben­solche Gren­zen.“ (2011, S. 32)

Auch aus der Poli­tik, vom Grü­nen Har­ald Walser, kam 2015 bere­its ähn­lich lau­t­ende, aber unge­hörte Kri­tik: Das Heeres­geschichtliche Muse­um (HGM) beherbergt ein Sam­mel­suri­um an Mil­i­taria, ist inhaltlich in einem indiskutablen Zus­tand. (…) Das HGM ist in der beste­hen­den Form verzicht­bar: Wozu unkom­men­tierte Ehrbezeu­gun­gen für Feld­her­ren in der ‚Ruhme­shalle’, deren Wände mit unzäh­li­gen Namen von Offizieren vom 17. Jahrhun­dert bis 1918 aus­ge­füllt sind? Wozu für die Geschichte ab 1918 eine mehr oder weniger unkom­men­tierte Anhäu­fung von Reliquien von Pro­tag­o­nis­ten aus christlich­sozialen Rei­hen und des „Stän­destaats”? (…) Aus dem Nation­al­sozial­is­mus ist eine Fülle von Waf­fen, Orden, Hak­enkreuz-Devo­tion­alien und Kriegs­darstel­lun­gen mit frag­würdi­gen Schautafeln, bei denen Nazi-Jar­gon über­nom­men wurde, zu sehen. Mit den ‚Vier im Jeep’ endet der Spuk. 1945 wird ganz in der Tra­di­tion der Nachkriegs­geschichtss­chrei­bung als Gegen­satz zu 1918 präsen­tiert – es ist ‚das freie Öster­re­ich’. Genau hier wer­den jene Merk­male sicht­bar, die die dom­i­nante öster­re­ichis­che Geschichts­darstel­lung über Jahrzehnte geprägt hat­ten: der Blick auf eine ruh­mvolle Ver­gan­gen­heit vor 1918, die Erste Repub­lik als Neg­a­tiv­folie zur Zweit­en und eine mehr als prob­lema­tis­che Darstel­lung von Aus­tro­faschis­mus und Nation­al­sozial­is­mus. Das bedarf nicht ein­er Kor­rek­tur, das bedarf ein­er völ­li­gen Neukonzep­tion.“ (derstandard.at, 12.8.15)

Lit­er­atur

Lei­dinger, Hannes/Moritz, Ver­e­na (2011): Die Last der His­to­rie. Das Heeres­geschichtliche Muse­um in Wien und die Darstel­lung der Geschichte bis 1945. In Rupnow/Uhl (Hg.): Zeit­geschichte ausstellen in Öster­re­ich: Museen – Gedenkstät­ten – Ausstel­lun­gen. Wien: Böh­lau Ver­lag, S. 15–44.

zu Teil 2: Der zeit­geschichtliche Saal als Steil­vor­lage für recht­sex­treme Umdeu­tun­gen der Geschichte
zu Teil 3: Recht­sex­treme Lit­er­atur und Wehrma­chtspanz­er im Museumsshop
zu Teil 4: Eine Panz­er­schau mit NS-Reliquien
zu Teil 5: Der Min­is­ter lässt die Vor­würfe prüfen