Rechtsextremes im letzten großen Staatsmuseum. Teil 1: Das HGM als identitäre Projektionsfläche

Lesezeit: 8 Minuten

Das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um (HGM) ist nicht nur der ältes­te Muse­ums­bau Wiens, son­dern auch das letz­te Muse­um Öster­reichs, das von einem Bun­des­mi­nis­te­ri­um (Ver­tei­di­gung) gelei­tet wird. Die­se direk­te Ver­an­ke­rung im Staats­ap­pa­rat gibt der Fra­ge danach, wie dort Geschich­te ver­mit­telt wird, ein beson­de­res Gewicht. Trotz die­ser sen­si­blen öffent­li­chen Stel­lung fin­det im HGM eine zutiefst rück­wärts­ge­wand­te Geschichts­ver­mitt­lung statt, die von Hel­den­ver­eh­rung und Mon­ar­chie­ver­klä­rung mit­un­ter bis hin zu einer Offen­heit für Rechts­extre­mis­mus und Geschichts­re­vi­sio­nis­mus reicht. Kein Wun­der, dass Mar­tin Sell­ner vom HGM als iden­ti­tä­re Pro­jek­ti­ons­flä­che schwärmt – und auch der Atten­tä­ter von Christ­church sich dort auf­ge­hal­ten hat.

Fans des HGM: Sell­ner, Sem­lit­sch und der Christchurch-Attentäter

Im Mis­si­on-State­ment auf der Home­page des HGM will man sich unter dem Leit­spruch „Krie­ge gehö­ren ins Muse­um“ als „leben­di­ger Ort der Geschichts­ver­mitt­lung“ prä­sen­tie­ren. Nicht nur um krie­ge­ri­sche Kon­flik­te ab dem 16. Jahr­hun­dert soll es dabei gehen, son­dern auch um „die jewei­li­gen Wech­sel­be­zie­hun­gen des Mili­tärs mit poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen“. Fol­ge­rich­tig heißt es wei­ter, dass es bei der musea­len Aus­ein­an­der­set­zung mit moder­ner Mili­tär­ge­schich­te gel­te, „etwa­igen natio­na­len, poli­ti­schen oder emo­tio­na­len Instru­men­ta­li­sie­run­gen vor­zu­grei­fen“. (1)

HGM-Webauftritt: "Kriege gehören ins Museum"

HGM-Web­auf­tritt: „Krie­ge gehö­ren ins Museum”

Die­ser heh­re Anspruch wird aber bis zu einem gewis­sen Grad bereits in der­sel­ben Eigen­dar­stel­lung unter­lau­fen. Denn an ande­rer Stel­le wird dort klar­ge­stellt, dass bei der Ver­mitt­lung der öster­rei­chi­schen Mili­tär­ge­schich­te „weni­ger dra­ma­tur­gi­sche Insze­nie­run­gen als die Prä­sen­ta­ti­on ein­zig­ar­ti­ger Expo­na­te mit ihrer ganz beson­de­ren Aura im Vor­der­grund“ ste­hen. Der Ver­weis auf die „ganz beson­de­re Aura“ ist eine schön­ge­färb­te For­mu­lie­rung für die oft­mals völ­lig unkom­men­tier­te Zur­schau­stel­lung his­to­ri­scher Objek­te, die zu Instru­men­ta­li­sie­run­gen gera­de­zu einlädt.

So ver­öf­fent­lich­te der Chef der rechts­extre­men Iden­ti­tä­ren, Mar­tin Sell­ner, am 22. Jän­ner 2018 ein etwa zwölf Minu­ten lan­ges Video von einem HGM-Besuch (2). Mit von der Par­tie war IB-Ideo­lo­ge Mar­tin Sem­lit­sch (aka Licht­mesz). Unter dem Titel „Leben­di­ge Geschich­te – Hee­res­ge­schicht­li­ches Muse­um Wien“ beschwö­ren die bei­den vol­ler Enthu­si­as­mus eine glor­rei­che Ver­gan­gen­heit, um uns ein biss­chen Kul­tur erleb­bar zu machen, „in die­sen trau­ri­gen und abge­flach­ten Zei­ten“, wie Sell­ner am Anfang erklärt. Den „abge­flach­ten Zei­ten“ wer­den die krie­ge­ri­schen und heroi­schen gegenübergestellt.

Im HGM-Vor­raum (der Feld­herrn­hal­le), wo in Form von Mar­mor­sta­tu­en „die wich­tigs­ten Feld­her­ren der öster­rei­chi­schen, glor­rei­chen Mili­tär­ge­schich­te“ in einer „Tra­di­ti­ons­li­nie“ gezeigt wer­den, sind es – wenig über­ra­schend – aus­ge­rech­net zwei his­to­ri­sche Akteu­re der Tür­ken­be­la­ge­rung, die mit Namen im iden­ti­tä­ren Clip ein­ge­blen­det werden.

Danach zeigt uns Sell­ner eine Aus­wahl sei­ner liebs­ten Aus­stel­lungs­stü­cke. Zuerst ein Schlacht­ge­mäl­de von der Wie­ner Befrei­ung von der Tür­ken­be­la­ge­rung im 17. Jahr­hun­dert, ein­schließ­lich der direkt über dem Gemäl­de ange­brach­ten „Sturm­sen­se“. Bei Letz­te­rem han­delt es sich um eine Mischung aus Lan­ze und Sen­se, die im Kampf ver­wen­det wur­de. Sell­ner erklärt begeis­tert, dass damit die „ein­fa­che Stadt­be­völ­ke­rung, Stu­den­ten und Bau­ern“, die Stadt ver­tei­digt hät­ten. Die „Sturm­sen­sen“ hät­ten als „leben­di­ge Mau­ern den Feind abge­hal­ten“; die­se Waf­fe drü­cke „eine ech­te Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft der Wie­ner aus“. Die ers­te iden­ti­tä­re Grup­pe in Wien habe die Sturm­sen­se als Logo geführt, erzählt Sell­ner schließ­lich stolz und schließt damit den Bogen von der (völ­ki­schen) Ver­klä­rung einer his­to­ri­schen Wehr­haf­tig­keit hin zur eige­nen ima­gi­nier­ten Wehr­haf­tig­keit gegen ver­meint­li­che Eindringlinge.

Sein zwei­tes Lieb­lings­stück ist der „Mör­ser von Bel­grad“, der in der Aus­stel­lung „gegen ein tür­ki­sches Prunk­zelt“ gerich­tet steht. Der Mör­ser habe „in einem typisch öster­rei­chisch-habs­bur­ge­ri­schen Mira­kel“ das Pul­ver­la­ger des tür­kisch bela­ger­ten Bel­grad getrof­fen und „die gan­ze Stadt ver­wüs­tet und zur Bela­ge­rung reif gemacht“. Sell­ner nennt das his­to­ri­sche Mas­sa­ker noch­mals ein „ech­tes öster­rei­chi­sches Mira­kel“.

Zumin­dest ver­bal ergrif­fen zeigt sich dann Licht­mesz: Beim Anblick der Objek­te rund um das Atten­tat auf den Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand, habe es ihm „rich­tig einen Schau­er über den Rücken gejagt“, denn: „Der ers­te Welt­krieg war eigent­lich genau der Krieg, der nie hät­te pas­sie­ren dür­fen, die­se gro­ße Kata­stro­phe für Euro­pa, von der wir uns eigent­lich bis heu­te nicht erholt haben“.

Sein „drit­tes Lieb­lings­stück“ prä­sen­tiert uns Sell­ner zuletzt. Dabei han­delt es sich um eine Hal­le, deren Wän­de mit Mar­mor­ta­feln aus­ge­stat­tet sind, in die die Namen gefal­le­ner Feld­her­ren vom Mit­tel­al­ter bis zum Ende der Habs­bur­ger­mon­ar­chie ein­gra­viert sind. Sell­ner fügt den his­to­ri­schen Raum ganz ver­zückt in sei­nen völ­ki­schen Kult von Ein­heit und Tod ein: Er fin­de es „wun­der­schön, ein Zei­chen von tie­fem Respekt auch vor den Leu­ten, dass sie hier in einer gro­ßen Ein­heit, wie in so einem byzan­ti­nisch-habs­bur­ge­ri­schen Wal­hal­la fast schon, zusam­men­ge­fasst sind, wirk­lich eine wun­der­schö­ne Tra­di­ti­on, und es muss eine Ehre sein, wenn du einen Ver­wand­ten hast, der in die­sem Saal ver­ewigt ist“.

Sell­ner been­det das Video fol­ge­rich­tig mit einem sinn­bild­li­chen Ver­weis auf den noch kom­men­den (iden­ti­tä­ren?) Kampf: „Und das Beein­dru­ckends­te an die­sem Saal (…), das ist eine noch lee­re Tafel, für kom­men­de Gefal­le­ne.

Die Geschichts­be­geis­te­rung der bei­den völ­ki­schen Akti­vis­ten äußert sich als pathe­ti­sches Abfei­ern von Hel­den­tum, Wehr­haf­tig­keit und Opfer­kult. Über den Zwei­ten Welt­krieg und die Nazi­bar­ba­rei wird geschwie­gen, wäh­rend der Ers­te Welt­krieg zu der gro­ßen Kata­stro­phe erklärt wird. Auch das über­rascht wenig, denn im völ­kisch-iden­ti­tä­ren Nar­ra­tiv wer­den die deutsch-öster­rei­chi­schen Ver­bre­chen ger­ne mit dem Ver­weis dar­auf rela­ti­viert, dass die Alli­ier­ten-Ver­trä­ge nach dem ers­ten Welt­krieg das „deut­sche Volk“ der­ar­tig in die Knie gezwun­gen hät­ten, dass sich aus die­ser Krän­kung qua­si der NS erge­ben hätte.

Dass die­ser iden­ti­tä­re Film­dreh im HGM mög­lich war, kann dem Muse­um selbst­ver­ständ­lich nicht zum Vor­wurf gemacht wer­den; schließ­lich wäre es schwie­rig, sol­che Auf­nah­men in dem rie­si­gen Gebäu­de zu ver­hin­dern. Das Pro­blem besteht viel­mehr dar­in, dass das Muse­um selbst (bzw. die musea­le Auf­be­rei­tung) solch ver­zer­ren­den Dar­stel­lun­gen inhalt­lich nichts ent­ge­gen­hält: Es fehlt durch­wegs an kri­ti­schen Kon­tex­tua­li­sie­run­gen der gezeig­ten Objek­te (3). Die­se wer­den viel­mehr ledig­lich aus­ge­stellt (Stich­wort „Aura“) und mit­un­ter der­art ange­ord­net, dass ver­klä­ren­de Hel­den­er­zäh­lun­gen schlicht­weg nahe­ge­legt wer­den. Somit bleibt der oben zitier­te Anspruch, poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sie­run­gen ent­ge­gen­wir­ken zu wol­len, eine blo­ße Plattitüde.

Christchurch-Attentäter in Österreich

Christ­church-Atten­tä­ter in Österreich

Auch der Atten­tä­ter von Christ­church, der sich zwei­mal in Wien auf­ge­hal­ten hat, besuch­te offen­sicht­lich das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um. Jeden­falls ver­öf­fent­lich­te er Fotos, die auf einen Besuch hin­deu­ten (die Screen­shots von sei­nem FB-Kon­to haben wir von der Redak­ti­on von T‑Online erhal­ten) und die Sell­ners Start­fo­to beim Video, die Feld­herrn­hal­le, als Motiv zei­gen. Ob er allei­ne oder auf direk­te oder indi­rek­te Emp­feh­lung von Sell­ner, mit dem er über meh­re­re Mona­te inten­si­ven Mail-Kon­takt pfleg­te, das HGM besucht und foto­gra­fiert hat, ist unklar bzw. wohl Gegen­stand von straf­recht­li­chen Ermittlungen.

Facebook-Fotos des Christchurch-Attentäters mit Feldherrnhalle aus dem HGM

Face­book-Fotos des Christ­church-Atten­tä­ters mit Feld­herrn­hal­le aus dem HGM (Foto 2. Rei­he Mitte)

Feldherrnhalle aus dm HGM

Feld­herrn­hal­le aus dem HGM

Fuß­no­ten

1 Auf der Web­site dürf­te der Satz ver­se­hent­lich mit einem „aber“ anstatt eines „oder“ for­mu­liert wor­den sein: „Dabei gilt es, etwa­igen natio­na­len, poli­ti­schen aber emo­tio­na­len Instru­men­ta­li­sie­run­gen vor­zu­grei­fen.“ Wir haben uns erlaubt, die­sen Feh­ler in unse­rem Fließ­text zwecks bes­se­rer Les­bar­keit direkt auszubessern.
2 Video: „Leben­di­ge Geschich­te – Hee­res­ge­schicht­li­ches Muse­um“ von 22.01.2018, online auf You­tube, zuletzt ein­ge­se­hen: 17.6.19
3 Dies lie­ße sich auch für das Gebäu­de selbst, bzw. des­sen Innen­ge­stalt, sagen; schließ­lich wur­de das Muse­um als „k.u.k. Hof­waf­fen­mu­se­um“ gegrün­det, ganz im anti-eman­zi­pa­to­ri­schen Geist der spä­ten Habs­bur­ger­mon­ar­chie. Dazu schrei­ben Han­nes Lei­din­ger und Vere­na Mor­titz: „Gebäu­de und Samm­lun­gen des Arse­nals lie­ßen und las­sen sich in sei­ner Gesamt­heit als musea­les Objekt ver­ste­hen, das über­kom­me­ne Herr­schafts­struk­tu­ren und anti­quier­te Geschichts­bil­der ver­kör­pert. Das enge his­to­ri­sche Kor­sett setz­te dem Geist der Inno­va­ti­on und Aktua­li­sie­rung eben­sol­che Gren­zen.“ (2011, S. 32)

Auch aus der Poli­tik, vom Grü­nen Harald Wal­ser, kam 2015 bereits ähn­lich lau­ten­de, aber unge­hör­te Kri­tik: Das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um (HGM) beher­bergt ein Sam­mel­su­ri­um an Mili­ta­ria, ist inhalt­lich in einem indis­ku­ta­blen Zustand. (…) Das HGM ist in der bestehen­den Form ver­zicht­bar: Wozu unkom­men­tier­te Ehr­be­zeu­gun­gen für Feld­her­ren in der ‚Ruh­mes­hal­le’, deren Wän­de mit unzäh­li­gen Namen von Offi­zie­ren vom 17. Jahr­hun­dert bis 1918 aus­ge­füllt sind? Wozu für die Geschich­te ab 1918 eine mehr oder weni­ger unkom­men­tier­te Anhäu­fung von Reli­qui­en von Prot­ago­nis­ten aus christ­lich­so­zia­len Rei­hen und des „Stän­de­staats”? (…) Aus dem Natio­nal­so­zia­lis­mus ist eine Fül­le von Waf­fen, Orden, Haken­kreuz-Devo­tio­na­li­en und Kriegs­dar­stel­lun­gen mit frag­wür­di­gen Schau­ta­feln, bei denen Nazi-Jar­gon über­nom­men wur­de, zu sehen. Mit den ‚Vier im Jeep’ endet der Spuk. 1945 wird ganz in der Tra­di­ti­on der Nach­kriegs­ge­schichts­schrei­bung als Gegen­satz zu 1918 prä­sen­tiert – es ist ‚das freie Öster­reich’. Genau hier wer­den jene Merk­ma­le sicht­bar, die die domi­nan­te öster­rei­chi­sche Geschichts­dar­stel­lung über Jahr­zehn­te geprägt hat­ten: der Blick auf eine ruhm­vol­le Ver­gan­gen­heit vor 1918, die Ers­te Repu­blik als Nega­tiv­fo­lie zur Zwei­ten und eine mehr als pro­ble­ma­ti­sche Dar­stel­lung von Aus­tro­fa­schis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus. Das bedarf nicht einer Kor­rek­tur, das bedarf einer völ­li­gen Neu­kon­zep­ti­on.“ (derstandard.at, 12.8.15)

Lite­ra­tur

Lei­din­ger, Hannes/Moritz, Vere­na (2011): Die Last der His­to­rie. Das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um in Wien und die Dar­stel­lung der Geschich­te bis 1945. In Rupnow/Uhl (Hg.): Zeit­ge­schich­te aus­stel­len in Öster­reich: Muse­en – Gedenk­stät­ten – Aus­stel­lun­gen. Wien: Böhlau Ver­lag, S. 15–44.

zu Teil 2: Der zeit­ge­schicht­li­che Saal als Steil­vor­la­ge für rechts­extre­me Umdeu­tun­gen der Geschichte
zu Teil 3: Rechts­extre­me Lite­ra­tur und Wehr­machts­pan­zer im Museumsshop
zu Teil 4: Eine Pan­zer­schau mit NS-Reliquien
zu Teil 5: Der Minis­ter lässt die Vor­wür­fe prüfen