Freiheitliches Denken beim Wort genommen

Pub­lika­tio­nen und Auseinan­der­set­zung mit der FPÖ beziehen sich nicht sel­ten auf Sekundärquellen und käuen Alt­bekan­ntes wieder. Anders ver­hält es sich beim kür­zlich erschienen Buch „Die FPÖ. Blau­pause der Neuen Recht­en in Europa“, in dem sich Her­bert Auinger die Mühe ein­er gründlichen Auseinan­der­set­zung mit Orig­inal­tex­ten der FPÖ gemacht hat. Im Zen­trum sein­er Analyse ste­ht die akribis­che Exegese zweier, für das frei­heitliche Denken repräsen­ta­tive, Werke: das „Hand­buch frei­heitlich­er Poli­tik – Leit­faden für Man­dat­sträger“ sowie das Buch „Für ein frei­heitlich­es Öster­re­ich – Sou­veränität als Zukun­ftsmod­ell“.

Fam­i­lie und Volk
Anhand ein­er sorgfältig Lek­türe des aus­gewählten Text­ma­te­ri­als und der anschließen­den Inter­pre­ta­tion zahlre­ich­er Textpas­sagen geht der Autor den Fun­da­menten des frei­heitlichen Welt­bilds auf den Grund und unterzieht die frei­heitliche Deu­tung von Indi­vidu­um, Fam­i­lie, Volk, Staat, Europa, Gesellschaft und Poli­tik ein­er nachvol­lziehbaren Kri­tik. Eine zen­trale Rolle im Denken der FPÖ spie­len dem­nach die ver­meintlich naturgegeben „Daseins­for­men“ des Men­schen: Fam­i­lie, Volk und Nation. So arbeit­et sich der Autor in sein­er Analyse von der kle­in­sten Ein­heit, dem Indi­vidu­um vor über die Fam­i­lie („Kernzelle des Volks“) bis hin zum Kollek­tiv („Volk“) und klärt dadurch über die in dem Denken betriebene Nat­u­ral­isierung zwis­chen­men­schlich­er Beziehun­gen sowie die als naturhaft ver­standene Ein­bindung in darauf auf­bauende, größere Kollek­tive auf. Dafür wid­met er sich in einem ersten Kapi­tel ins­beson­dere dem Frei­heits­be­griff der FPÖ und zeigt dabei, dass in ihrem Denken die Ver­ant­wor­tung und Frei­heit des Indi­vidu­ums let­ztlich als Verpflich­tung für das „Volk“ und sein­er Inter­essen aus­gelegt wird. Her­vor sticht in Auingers Werk die aus­führliche Analyse der Vorstel­lun­gen von „der Frau: in der Fam­i­lie“ im Denken der FPÖ, den damit ver­bun­de­nen Rol­len­zuschrei­bun­gen sowie ihren ver­meintlich naturgegebe­nen Auf­gaben in der Fam­i­lie sowie auch der Gesellschaft. Bere­its im zweit­en Kapi­tel wid­met sich der Autor aus­führlich diesem in der Recht­sex­trem­is­mus­forschung bis heute ver­nach­läs­sigtem The­men­feld und behan­delt dadurch auch den zutief­st sex­is­tis­chen, antifem­i­nis­tis­chen und homofeindlichen Charak­ter der frei­heitlichen Publikationen. 

Iden­tität vs. Andere
Nicht zulet­zt dekon­stru­iert der Autor, der Anfang der 2000er auch ein Buch über Jörg Haider („Haider. Nachrede auf einen bürg­er­lichen Poli­tik­er“) ver­fasst hat, Vorstel­lun­gen von Heimat und Iden­tität, die stets als Abgren­zung zu „Anderen“ (Migrant_innen, Geflüchteten aber auch sozial Schwächeren) fungieren. Dabei macht Auinger deut­lich, wie inhalt­sleer und dadurch prekär die Wieder­bele­bung der Vorstel­lung nationaler, völkisch­er bzw. kollek­tiv­er Iden­tität im Grunde genom­men ist. Neben den gängi­gen ras­sis­tis­chen Argu­men­ta­tio­nen der FPÖ zeigt der Autor auch, wie die FPÖ sys­tem­a­tisch soziale Prob­lem- und Schiefla­gen zu eth­nisiert und auss­chließlich die „Zuge­wan­derten“ für soziale Missstände ver­ant­wortlich macht. Auinger greift dabei viele bere­its bekan­nte Argu­mente und Analy­sen der FPÖ auf, führt diese aber durch seine inten­sive Studie der Orig­inal­texte deut­lich detail­re­ich­er und tief­gründi­ger aus als bish­erige Beschäf­ti­gun­gen mit dieser Partei. Indem Auinger nicht nur die Logiken des frei­heitlichen Gedankenge­bäudes offen­legt, son­dern diese auch zu Ende denkt, wird deut­lich, dass zahlre­iche Facetten des frei­heitlichen Gedankenguts tat­säch­lich noch men­schen­ver­ach­t­en­der und ras­sis­tis­ch­er sind als eins dies erwartet hätte.

Auinger, Herbert: Die FPÖ – Blaupause der Neuen Rechten in Europa.

Auinger, Her­bert: Die FPÖ – Blau­pause der Neuen Recht­en in Europa.

Leer­stellen
Einzig der Unter­ti­tel „Blau­pause der Neuen Recht­en in Europa“ ist irreführend, da im Grunde genom­men gar nicht darauf einge­gan­gen wird, in welch­er Art und Weise sich andere Grup­pierun­gen (der neuen Recht­en) der Argu­men­ta­tion­sweisen der FPÖ bedi­enen, oder warum diese als „Blau­pause“ fungieren solle. Eine Leer­stelle des Buchs ergibt sich außer­dem durch die unzufrieden­stel­lende The­ma­tisierung des frei­heitlichen Anti­semitismus, dem in ein­er verk­lausulierten Form nach wie vor große Bedeu­tung inner­halb der Partei zukommt. Umso bit­ter­er da das Buch in einem Ver­lag veröf­fentlicht wurde, der bere­its in der Ver­gan­gen­heit dadurch aufge­fall­en ist, dass er Autoren wie Israel Shamir eine Pub­lika­tion­s­möglichkeit seines anti­semi­tis­ches Mach­w­erk „Blu­men aus Galiläa“ bot. Dieses wurde vom DÖW sog­ar als „eine der übel­sten Het­zschriften nach 1945“ beze­ich­net. Auch die Ver­wen­dung durch­wegs antiquiert­er Sprache zählt zu den Mankos des Buchs, da Auinger immer noch von „In- und Aus­län­dern“ oder auch von „Frem­den­feindlichkeit“ spricht obgle­ich der­ar­tige Begrif­flichkeit­en seit ger­aumer Zeit in der Kri­tik ste­hen, da Ras­sis­mus als solch­er benan­nt wer­den sollte und zudem auch jene trifft, die als „Fremde“ aus­gemacht wer­den, unab­hängig davon, ob die Pro­jek­tion den Tat­sachen entspricht oder nicht. Der frag­würdi­ge Zugang zu Sprache spiegelt sich let­ztlich auch in der Nicht-Ver­wen­dung geschlechterg­erechter Sprache wieder. Gle­ichzeit­ig lassen jedoch kreative Wortschöp­fun­gen wie „frei­heitliche Naturkundler“ oder „Wurzelöster­re­ich­er“ sowie der stel­len­weise sarkastis­che Ton des Autors die Analyse, die auch zahlre­iche Orig­i­nalz­i­tate enthält, nicht zu trock­en wer­den. Zusam­men­fassend hat Auinger nicht nur eine gründliche Analyse vorgelegt, son­dern auch ein Nach­schlag­w­erk bzw. ein Stan­dard­w­erk der Analyse der von der FPÖ vertrete­nen Weltan­schau­ung geschaffen. 

Auinger, Her­bert (2017): Die FPÖ – Blau­pause der Neuen Recht­en in Europa. Wien: Pro­me­dia Ver­lag. 200 S. Print: € 17,90. ISBN: 978–3‑85371–417‑1. E‑Book: € 14,99. ISBN: 978–3‑85371–852‑0.