Amoklauf gegen die Wirklichkeit

Das Entset­zen unter den Mit­gliedern der Deutschen Burschen­schaft ist ungeteilt. Geteilt ist jedoch die Ursache des Entset­zens: Mehr als 300 Mit­glieder der Deutschen Burschen­schaft haben sich in einem offe­nen Brief gegen den Redak­teur des Ver­bands­blattes Burschen­schaftliche Blät­ter gewandt, nach­dem dieser in einem Artikel die Ermor­dung des The­olo­gen Diet­rich Bon­ho­ef­fer durch die Nazis gerecht­fer­tigt hatte.

„Wir verurteilen auf das Schärf­ste, dass der Schriftleit­er der Burschen­schaftlichen Blät­ter, Nor­bert Wei­d­ner, in einem Leser­brief den NS - Wider­stand­sk ä mpfer und The­olo­gen Diet­rich Bon­ho­ef­fer als „Lan­desver­räter“ beze­ich­net und die Hin­rich­tung Bon­ho­ef­fers durch das NS - Regime gerecht­fer­tigt hat. …Mit diesen Äußerun­gen hat Herr Wei­d­ner die poli­tis­chen und moralis­chen Gren­zen klar über­schrit­ten, die der burschen­schaftliche Grund­satz der Ehre setzt.“

Der offene Brief wiederum entset­zt viele der recht­sex­trem­istisch ori­en­tierten Burschen­schafter. Debat­ten soll­ten – qua­si als burschen­schaftliche Omer­ta – nur intern geführt wer­den. Inzwis­chen ermit­telt die Staat­san­waltschaft Bonn gegen den Autor Nor­bert Wei­d­ner, einen „Alten Her­rn“ der bere­its mehrfach ein­schlägig mit recht­sex­trem­istis­chen und ras­sis­tis­chen Posi­tio­nen in Erschei­n­ung getrete­nen „Alte Bres­lauer Burschen­schaft der Raczeks zu Bonn“. 


Wider­stand­skämpfer und Burschenschafter

Inter­es­sant ist der Text Wei­d­ners jedoch weniger als Beweis der Exis­tenz recht­sex­trem­istis­ch­er Burschen­schafter, als vielmehr als Beispiel ein­er recht­sex­trem­istis­chen Legit­i­ma­tion­s­the­o­rie nation­al­sozial­is­tis­chen Terrors:

„Nicht jed­er, der gegen den Nation­al­sozial­is­mus ein­trat, ist von lauterem Charak­ter“, stellt Wei­d­ner seinem Schreiben voran. Und weit­er: „oder wie der sicher­lich unverdächtige Nachkriegs-Bun­destagspräsi­dent Eugen Ger­sten­maier (CDU) zu den Vorgän­gen rund um den 20. Juli 1944 ein­mal selb­stkri­tisch erk­lärte:“ Was wir im deutschen Wider­stand während des ganzen Krieges nicht wirk­lich begreifen woll­ten, haben wir nachträglich vol­lends gel­ernt: daß dieser Krieg schließlich nicht nur gegen Hitler, son­dern gegen Deutsch­land geführt wurde. Das Scheit­ern aller unser­er Ver­ständi­gungsver­suche aus dem Wider­stand … war deshalb kein Zufall. Es war ein Ver­häng­nis, dem wir vor und nach dem Atten­tat macht­los gegenüber­standen. Und Bon­ho­ef­fer beteiligte sich am Kampf gegen Deutsch­land – nicht nur gegen den Nation­al­sozial­is­mus.“

Der Rück­griff von aus dem Zusam­men­hang geris­se­nen Zitat­en schein­bar „unverdächtiger“ Per­so­n­en ist ger­adezu typ­isch für recht­sex­trem­istis­che Argu­men­ta­tion­s­muster. Aus­sagekraft haben sie jedoch nicht, da sie ihrem Kon­text voll­ständig entris­sen und für die LeserIn­nen als objek­tive Aus­sagen dargestellt wer­den, deren Inhalt sich jed­er Über­prüf­barkeit entzieht.

Aus der Kom­bi­na­tion der Fest­stel­lung, wonach nicht jed­er, der gegen den Nation­al­sozial­is­mus auf­trat, von „lauterem Charak­ter“ gewe­sen sei, mit dem Ger­sten­maier-Zitat bemüht sich Wei­d­ner ein The­o­rem zu pro­duzieren, mit dem ange­blich lautere und unlautere Wider­ständ­lerIn­nen voneinan­der getren­nt wer­den könnten:

„Canaris und die Ange­höri­gen des so genan­nten Canaris-Oster-Kreis­es, ein­er Unter­gruppe der „Schwarzen Kapelle“, also der Ver­schwör­er um den 20. Juli (Adelige, Offiziere und hohe Ver­wal­tungs­beamte), machen sich des Lan­desver­rates schuldig, indem sie poli­tis­che und mil­itärische Pläne vor allem den Briten über­mit­teln, die die Pläne zwar gerne annehmen, aber kein Inter­esse an ein­er Zusam­me­nar­beit für ein demokratis­ches Deutsch­land mit dem Wider­stand haben. Dieser Ver­rat hat ger­ade in den let­zten Tagen des Krieges zu tausenden toten deutschen Sol­dat­en an allen Fron­ten geführt – und dies zu ein­er Zeit, als Churchill bere­its eine bedin­gungslose deutsche Kapit­u­la­tion forderte und dies Deutsch­land mil­itärisch durch völk­er­rechtswidrige Flächen­bom­barde­ments spüren ließ.“


Das Logo der ver­bote­nen neon­azis­tis­chen “Frei­heitlichen Deutschen Arbeit­er­partei” (FAP), bei der Nor­bert Wei­d­ner Funk­tionär war
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Wie aus sein­er Sicht „lauter­er“ Wider­stand gegen den Nation­al­sozial­is­mus aus­ge­se­hen haben kön­nte, erspart sich Wei­d­ner auszuführen. Dass Bon­ho­ef­fer jedoch in seinem Welt­bild unlauter ist, daran lässt er keinen Zweifel:

„…Es ist eine Frage der Moral, wie man gegen eine Dik­tatur vorge­ht. Der Hochver­rat mag ein pro­bater Weg sein, der Lan­desver­rat auf Kosten von tauschen­den Sol­dat­en an der Front und der durch diese beschützten Flüchtlinge beson­ders in den Ost­ge­bi­eten ist es sicher­lich nicht. Hier muß zwis­chen Hochver­rat und Lan­desver­rat genauestens dif­feren­ziert wer­den. Und Bon­ho­ef­fer war zweifels­frei ein Lan­desver­räter. Die Tat­sache, daß sein eigentlich­es Bemühen bei den Alli­ierten verge­blich war, ist zudem die tragis­che Seite der Wider­ständler um den 20. Juli 1944. Diese ver­mocht­en nicht zu sehen, daß es den Alli­ierten nicht darum ging, einen Dik­ta­tor zu stürzen, son­dern um Deutsch­land nach­haltig zu schwächen, zu zer­schla­gen und zu dominieren, um es deut­lich zu formulieren.“

Um schließlich zum Kern­satz des Beitrags zu gelangen:

„Rein juris­tisch halte ich die Verurteilung für gerecht­fer­tigt. … wenn ich den Ver­rat in Kriegszeit­en beurteile, der dazu führt, daß Deutsche an der Front zu Tausenden hingemet­zelt wer­den, ist ein solch­es Urteil nachvol­lziehbar. Auf Lan­desver­rat hat zu allen Zeit­en und vor allem während des Krieges im schlimm­sten Fall der Tod ges­tanden, ganz gle­ich, welche Staats­form regierte.“

Mit der his­torischen Forschung lässt sich keine der Behaup­tun­gen Wei­d­ners recht­fer­ti­gen. Das Ger­sten­maier-Zitat stammt aus dem Jahre 1975 und aus dem Munde eines Mannes, der als nation­alkon­ser­v­a­tiv­er Christ indi­rekt an den Ereignis­sen des 20. Juli 1944 beteiligt gewe­sen war und das Scheit­ern des Atten­tats auf Hitler wie des Mil­itär­putschs gegen die Nazis qua­si in einen welt­poli­tis­chen Kon­text set­zen wollte. Die fehlende Bere­itschaft der Alli­ierten, die Wider­stands­gruppe um Stauf­fen­berg als legit­ime VertrerIn­nen Deutsch­lands zu akzep­tieren, mag bei den über­leben­den direkt wie indi­rekt Beteiligten und Betrof­fe­nen des 20. Juli 1944 Ver­bit­terung aus­gelöst haben. Die Sicht der Alli­ierten ist jedoch leicht nachvol­lziehbar: Es gab für sie wenig Grund, führend an der Kriegs­führung der Nazis beteiligten Per­so­n­en Ver­trauen ent­ge­gen­zubrin­gen, zumal diese wesentliche Fol­gen der Nazi-Herrschaft – allen voran den Ver­lust der Eigen­staatlichkeit Öster­re­ichs, zu deren Wieder­her­stel­lung sich die Alli­ierten 1943 bekan­nt hat­ten – nicht zu kor­rigieren beabsichtigten. 

Wer das Ger­sten­maier-Zitat – es han­delt sich um ein der von Recht­sex­trem­is­ten am häu­fig­sten wiedergegebe­nen Zitate – als Beweis für die Unredlichkeit der alli­ierten Kriegs­führung und die Unlauterkeit der Wider­stand­skämpferIn­nen zu ver­wen­den und daraus Gren­zen zwis­chen Hochver­rat und Lan­desver­rat zu ziehen sucht, tut Ger­sten­maier Unrecht: Er über­lebte nur zufäl­lig den Nation­al­sozial­is­mus und fiele bei genauer­er Betra­ch­tung unter genau jenen Per­so­n­enkreis, der wegen Lan­desver­rat im Sinne Wei­d­ners hinzuricht­en gewe­sen wäre.

Mit dem Ver­such, auf the­o­retis­ch­er Ebene den Hochver­rat gegen das Nation­al­sozial­is­tis­che Ter­ror­regime von konkreten Wider­stand­shand­lun­gen wie der Weit­er­gabe mil­itärisch­er Pläne zu tren­nen, wird jede aktive Wider­stand­shand­lung gegen den Nation­al­sozial­is­mus fak­tisch als Ver­brechen gegen das deutsche Volk gebrand­markt. Und damit wird in der Logik Wei­d­ners jedes Urteil eines deutschen Gerichts im Nation­al­sozial­is­mus rechtfertigbar.

Nicht zufäl­lig unter­lässt Wei­d­ner etwa den Hin­weis, dass gegen Bon­ho­ef­fer kein „ordentlich­er Prozess“ geführt wurde, es keine Vertei­di­gung und keinen Prozes­sakt gab und logis­cher­weise keine Beru­fungsmöglichkeit. Er unter­lässt es auch, darauf hinzuweisen, dass Bon­ho­ef­fer wed­er in einem Zusam­men­hang mit dem Atten­tat vom 20. Juli 1944 ges­tanden noch irgendwelche Hand­lun­gen geset­zt hat­te, die selb­st nach dama­liger Recht­slage (die selb­stver­ständlich im NS-Regime ohne­hin irrel­e­vant war) als Lan­desver­rat zu qual­i­fizieren gewe­sen wäre. Und er behauptet wahrheitswidrig, dass Lan­desver­rat „unab­hängig der Staats­form“ (übri­gens in diesem Fall der Ver­such, unter­schiedliche Staats­for­men zu kon­stru­ieren, um die ver­brecherische Grun­daus­rich­tung des Nation­al­sozial­is­mus argu­men­ta­tiv zu umschif­f­en) mit dem Tod zu bestrafen sei, was offenkundig – in Öster­re­ich und Deutsch­land ist die Todesstrafe längst abgeschafft – falsch ist. Nicht zulet­zt aus all diesen Grün­den wird heute wed­er in der Poli­tik noch in der Recht­sprechung im Zusam­men­hang mit dem Nation­al­sozial­is­mus zwis­chen Hochver­rat und Lan­desver­rat unter­schieden. Kon­se­quenter­weise wur­den die entsprechen­den Urteile im Jahr 2006 auch alle aufge­hoben.

All das erspart Wei­d­ner seinen LeserIn­nen, weil es nicht um Bon­ho­ef­fer und nicht um den Wider­stand, nicht um die Qual­i­fika­tion als Hochver­rat oder Lan­desver­rat und schon gar nicht um die absurde Unter­schei­dung zwis­chen einem Krieg gegen den Nation­al­sozial­is­mus oder einen Krieg gegen Deutsch­land geht: Es geht darum, Wider­stand gegen den Nation­al­sozial­is­mus zu dif­famieren! Und das tut Wei­d­ner ausführlich:

„Daher ist es inter­es­sant, daß die Leitung der israelis­chen Gedenkstätte Yad Vashem es nach wie vor ablehnt, Diet­rich Bon­ho­ef­fer als „Gerecht­en der Völk­er“, also als anerkan­nten und ein­wand­freien Geg­n­er des Nation­al­sozial­is­mus, aufzulis­ten, der sein Leben für die Ret­tung von Juden ein­set­zte. Einen lebens­bedro­hen­den Ein­satz für Juden habe es nicht gegeben. Und auch der Bun­des­gericht­shof, unzweifel­haft frei­heitlich-demokratis­chen Gesicht­spunk­ten verpflichtet, sprach die Richter, die Bon­ho­ef­fer verurteil­ten, 1956 aus­drück­lich frei.“

Auch die Geisel­nahme der Gedenkstätte Yad Vashem durch Wei­d­ner fol­gt einem recht­sex­trem­istis­chen Stereo­typ. Die Nich­tan­erken­nung durch Yad Vashem soll Bon­ho­ef­fer im Auge der LeserIn­nen den Sta­tus als Wider­stand­skämpfer gegen den Nation­al­sozial­is­mus aberken­nen. In die Liste der „Gerecht­en unter den Völk­ern“ wer­den jedoch nicht Wider­stand­skämpfer aufgenom­men, son­dern Men­schen, die ihr Leben aufs Spiel geset­zt haben, um JüdIn­nen vor der Ermor­dung durch die Nazis zu ret­ten. Nicht alle, die dies getan haben, waren automa­tisch Wider­stand­skämpfer, und logis­cher­weise haben nicht alle Wider­stand­skämpferIn­nen JüdIn­nen das Leben gerettet.

Nor­bert Wei­d­ner, ein Mann mit Wurzeln und langjähriger Erfahrung im Neo-Nazi-Umfeld, hat ein Lehrbeispiel recht­sex­trem­istis­ch­er Argu­men­ta­tion­slin­ien vorgelegt. Als solch­es ist es auch zu benen­nen und zu bearbeiten.

PS: Wei­d­ners Leser­brief wurde in der Inter­ne­taus­gabe der recht­en Pos­tille „Sezes­sion“ veröffentlicht