Doron Rabinovici über den Abort der Vergangenheit

Doron Rabi­novi­ci, öster­re­ichis­ch­er Schrift­steller, hat am 27.1.2012 im Rah­men der Kundge­bung gegen Recht­sex­trem­is­mus und den WKR-Ball am Wiener Helden­platz eine Rede gehal­ten, die er uns fre­undlicher­weise zur Ver­fü­gung gestellt hat.


Mar­tin Graf, Par­la­mentspräsi­dent der drit­ten Art, behauptet, der Auf­marsch der heimis­chen Het­zer und der Scharf­mach­er aus ganz Europa, die Parade von Schla­gen­den, Auschwit­zleugn­ern und deutsch völkischen Haßpredi­gern sei ein Ball wie jed­er andere. Wir wis­sen es bess­er. Der Festzug des Ras­sis­mus ist kein unpoli­tis­ches Brauch­tum. Er ist eine poli­tis­che Kamp­fansage gegen ein Europa der Vielfalt und der Menschenrechte.

Die so genan­nten Ger­ma­nen, Teu­tonier oder Olym­pen nen­nen sich nation­al, aber sie wollen nicht öster­re­ichisch, son­dern deutsch­er als die Deutschen sein. Sie schließen an die Tra­di­tio­nen des Deutschna­tion­al­is­mus an, als hätte Auschwitz nie existiert. Ihre eigentliche Heimat ist das Reich, das 1945 unterg­ing. Die geist­losen Ergüsse dieser Verbindungs­brüder zwis­chen Recht­sex­trem und Neon­azis­mus tau­gen nicht für das Par­kett der Repub­lik. Ihre Abson­derun­gen stam­men vom Abort der Ver­gan­gen­heit, und dort passen sie auch hin. Das eigentliche Vergnü­gen der Schmißback­en ist die Angst­mache. Das alt­back­ene Geschmeiß gehört nicht in die Hof­burg. Nicht am 27. Jän­ner, nicht am 8. Mai und nicht am 1. April. An keinem Tag des Jahres! Die Recht­srecht­en haben dort nichts zu suchen.

Mar­tin Graf, der Burschengschaftl­hu­ber der Frei­heitlichen, behauptet, seine Burschen hät­ten sich nichts dabei gedacht, just am 27. Jän­ner, am Tag der Befreiung von Auschwitz hier anzu­tanzen. Ich erwarte mir das auch gar nicht. Die denken nicht an die Ermorde­ten. Ihr Mit­ge­fühl gehört den Tätern. Und wir wis­sen: Am 8. Mai, am Tag des Sieges über den Nazis­mus, rufen die Burschen­schaften partout auf dem Helden­platz zur völkischen Trauer. Immer wieder. Just hier. Nicht daß ich ihnen ihr Gejam­mer nicht gönne. Sollen sie doch ruhig Hitlers Nieder­lage betrauern. Ihr Reich ist dahin. Sie haben ver­loren. Sollen sie trauern, aber hier nicht. Nicht hier! Deshalb wer­den wir an diesem 8. Mai hier sein. Wir wer­den die Nieder­lage der Nazis feiern. Wir wer­den die Nieder­lage der Spukgestal­ten von Küs­sel bis Gude­nus feiern. Wir wer­den hier ste­hen. Das ist ein Versprechen.

Ball­sai­son ist Faschingszeit. Und wirk­lich: Die Masker­ade dauert hierzu­lande seit Jahrzehn­ten an. Seit 1945: Naziver­brech­er wer­den als hon­orige Bürg­er kostümiert, Mordsker­le der SS wur­den öster­re­ichis­che Spitzen­poli­tik­er, nazis­tis­che Wehrsportübun­gen wer­den als Jugend­torheit abge­tan. Und ein Neon­az­itr­e­ff wird zum Ball in der Hof­burg umgeschminkt. Es reicht! Es muß endlich Schluß sein mit diesem Mummenschanz.

Aber um die Burschen­schaftler in ihrer Wichs geht es heute gar nicht. Unser Protest zielt gegen jene, die Hof­burg und Helden­platz den Wichs­gestal­ten des Ras­sis­mus über­lassen. Der Helden­platz ist ein Sym­bol. Er ist ein Zen­trum öster­re­ichis­chen Selb­stver­ständ­niss­es. Er gilt als der Wiener Aus­gangspunkt jen­er Ver­brechen, die später in ganz Europa wüteten. Die Hof­burg ist nicht irgen­deine Event­lo­ca­tion. Sie dient der Darstel­lung dieses Staates. Hier die Führer des recht­sex­tremen Europa auftreten zu lassen, heißt, ihnen das Feld zu überlassen.

Ich frage: Würde Frankre­ich solchen Leuten ges­tat­ten, sich am 8. Mai, am Tag des Sieges über den Nazis­mus, vor dem Arc de Tri­om­phe zu ver­sam­meln, um ihre Trauer zu bekun­den? Sich­er nicht. Und es ist richtig so. Oder wäre vorstell­bar, daß heute, am Tag der Befreiung von Auschwitz im Élysée-Palast die Front Nation­al einen Ball bege­hen darf? Sich­er nicht. Und es ist richtig so. Oder kön­nte die Nation­al Front in Lon­don das Schloß Wind­sor reservieren? Sich­er nicht. Oder kön­nten diese Schla­gen­den heute ihren Ball im Berlin­er Schloß Belle­vue abhal­ten? Nein. Sich­er nicht. Und das ist gut so.

Ach, wie erstaunt tun doch viele hierzu­lande, wenn Öster­re­ich in inter­na­tionalen Medi­en wieder als ein Hort der Ver­gan­gen­heitsver­leug­nung dargestellt wird. Aber wer darf sich darüber wun­dern? Die Repub­lik vergibt ihr sym­bol­is­ches Zen­trum den recht­srecht­en Fein­den Europas. Die Ver­ant­wortlichen für die Hof­burg entziehen sich ihrer Pflicht und schützen heuer nicht das Anse­hen der Repub­lik. Das ist der Skan­dal! Dage­gen ste­hen wird da!

Immer­hin: Der Protest hat viel erre­icht. Dieser Erfolg gehört vor allem den Unen­twegten, den Aktivis­ten und Aktivistin­nen des Antifaschis­mus, die seit Jahren hier­her kamen, um in der Kälte auszuhar­ren und gegen den Ball zu demon­stri­eren. Heuer dür­fen wir zum ersten Mal auf dem Helden­platz und die Burschen­schaftler sind zum let­zten Mal in der Hofburg.

Die Ver­ant­wortlichen ver­sprechen, das soll der let­zte Ball der Recht­sex­tremen in der Hof­burg sein. Nun gilt es, zu fordern: Dabei muß es bleiben. Dafür müssen wir sorgen.