Die Jugendlichen, Hitler und die Juden

Die Res­o­nanz war enden­wol­lend, als das Insti­tut für Jugend­kul­tur­forschung Mitte Dezem­ber Ergeb­nisse sein­er Umfrage „Jugend und Zeit­geist“ präsen­tierte. „Die Wiener Jugend auf dem Ego-Trip“, titelte der Online-Stan­dard, ähn­lich der Kurier:“Die neue Gen­er­a­tion der Ego­is­t­en“ http://kurier.at/nachrichten/4477888-oesterreichs-jugend-eitel-und-egomanisch.php . War’s das schon?

Rund 400 Jugendliche im Alter zwis­chen 16 und 19 Jahren waren –anscheinend mit acht Fra­gen — befragt wor­den. Beschreiben die Antworten wirk­lich eine Jugend, die dem „neolib­eralen Zeit­geist“ ver­fall­en ist, wie die Jugend­forsch­er meinen? Wir wis­sen es nicht wirk­lich, denn die Studie selb­st ist unter Ver­schluss bzw. nur gegen Bezahlung erhältlich. Die bei der Präsen­ta­tion darge­bote­nen Hap­pen stützen jeden­falls die Inter­pre­ta­tion der Jugend­forsch­er. Dem­nach sind 36 % der Befragten der Ansicht, dass Armut ein Ergeb­nis von „Faul­heit und man­gel­nder Wil­len­skraft“ sei. Nur jede/r Dritte (die gle­iche Gruppe?) ist für eine finanzielle Unter­stützung Ärmer­er durch den Staat.

Fast 44 Prozent sind der Mei­n­ung, dass schon zu viele Türken in Öster­re­ich leben, rund 18 Prozent hal­ten den Ein­fluss der Juden auf die Weltwirtschaft für zu groß und 11,2 Prozent glauben, dass Adolf Hitler für die Men­schen auch viel Gutes getan habe.


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Auch wenn die AutorIn­nen andeuten, dass es grup­pen- oder schicht­spez­i­fis­che Unter­schiede gibt: her wäre drin­gend nachzubohren! Das leg­en näm­lich auch die Ergeb­nisse ein­er repräsen­ta­tiv­en Befra­gung nahe, die im Auf­trag der oberöster­re­ichis­chen Lan­desregierung im Jahr 2010 erstellt und im Juli 2011 öffentlich zugänglich gemacht wurde. „Jugend und Gewalt“ wurde von IMAS (Insti­tut für Markt- und Sozial­analy­sen) erstellt und umfasste mehr als 800 Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren. Der Fra­genkat­a­log war wesentlich bre­it­er, umfasste etwa auch Fra­gen nach der Zufrieden­heit mit der eige­nen Lebenssi­t­u­a­tion (fast 90 Prozent waren dem­nach sehr bis einiger­maßen zufrieden) und dem Fre­un­deskreis und sein­er Zusam­menset­zung (Fre­un­deskreise, in denen auch Jugendliche mit Migra­tionsh­in­ter­grund vorkom­men, sind am Land ehr rar).

Aus­lös­er für die oberöster­re­ichis­che Studie war die Zunahme frem­den­feindlich­er, ras­sis­tis­ch­er und recht­sex­tremer Delik­te (z.B. Ebensee). Die Studie beschäftigte sich daher schw­er­punk­t­mäßig mit Gewalt — wo und warum sie stat­tfind­et. Auf die Frage „Warum stänkern Jugendliche andere an und suchen Stre­it?“ antworteten 75 Prozent mit „Um zu zeigen, wie stark sie sind“, 59 % „Um Macht auf Schwächere auszuüben“ und 57 % antworteten mit der „Geg­n­er­schaft zwis­chen Aus­län­derIn­nen und Öster­re­icherIn­nen“. Immer­hin 44 % gaben die „Geg­n­er­schaft zwis­chen unter­schiedlichen Aus­län­der­grup­pen“ als Motiv an.

Auf die Frage „Welche Jugendliche neigen dein­er Mei­n­ung nach eigentlich ganz all­ge­mein am stärk­sten zu Stre­it und Gewalt?“ gaben die Befragten an: Jugendliche mit krim­ineller Ver­an­la­gung (60%), Junge Men­schen, die keine Fam­i­lie haben (54%), Öster­re­ich­er, die keine Aus­län­der im Land haben möcht­en (54%), Türken (53%), recht­sex­treme Jugendliche (46%).

Bei der Frage, ob auch Öster­re­ich­er von Aus­län­dern gemobbt wer­den, waren 60 % dieser Mei­n­ung, während nur rund 20 % glaubten, dass dies nicht der Fall sei (die Antworten von Jugendlichen mit Migra­tionsh­in­ter­grund unter­schieden sich dabei nicht vom Rest).


Forum gegen Anti­semitismus: „Das Forum dient als Anlauf­stelle für Per­so­n­en, die anti­semi­tis­che Vor­fälle melden möcht­en oder ein­schlägi­gen Beläs­ti­gun­gen und Bedro­hun­gen aus­ge­set­zt sind”
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Inter­es­sant die poli­tis­chen Fra­gen: auf die Frage, ob es stimme, „dass das Hitler-Deutsch­land auch Vorteile für Öster­re­ich brachte“, stimmten „voll und ganz“ 2 , „teil­weise“ 17 Prozent zu. Die Erken­nt­nisse liegen in der Detail­lierung. Während der „Teilweise“-Anteil bei Schü­lerIn­nen und Studieren­den und bei Lehrlin­gen mit 16% knapp unter dem Schnitt lag, war er bei Beruf­stäti­gen mit 33% dop­pelt so hoch und bei Jugendlichen ohne Arbeit immer­hin noch bei 25%.

Auch der Anti­semitismus wurde abge­fragt. Auf die Frage „Wenn jemand sagt, es wäre für Öster­re­ich bess­er, keine Juden im Land zu haben: hat der dein­er Mei­n­ung nach Recht oder nicht Recht?“ waren 8 % der Mei­n­ung, der hat Recht. Unentsch­ieden waren 29 %, während 63 % sagten, die Behaup­tung stimme nicht. Die höch­ste Zus­tim­mung zum Anti­semitismus gab es in der Gruppe von Jugendlichen ohne Arbeit (25 Prozent), wo auch die Ablehnung („hat nicht Recht“) am ger­ing­sten aus­fiel (32 %). Auf­fäl­lig bei den Antworten zu dieser Frage war nicht nur die hohe Zus­tim­mung im (tra­di­tionell deutschna­tionalen bzw. frei­heitlichen) Innvier­tel (18 %), son­dern auch die über­durch­schnit­tliche Ablehnung bei Jugendlichen mit Migra­tionsh­in­ter­grund (69%). Andreas Koller, Kom­men­ta­tor der „Salzburg­er Nachricht­en“ (siehe link unten) liegt also in diesem Punkt falsch.

Nicht uner­wartet die Antworten zur Ken­nt­nis des NS- Ver­bots­ge­set­zes: 51 % kön­nten gar nicht beant­worten, was darunter zu ver­ste­hen ist, „so unge­fähr“ 26 % und „sehr genau“ 11 Prozent. „Sehr sin­nvoll“ hal­ten es den­noch 42 %, „ziem­lich sin­nvoll“ 18 %, „nicht beson­ders sin­nvoll“ 9 und „gar nicht sin­nvoll“ 6 Prozent.

In Oberöster­re­ich kon­nten über die Befra­gung dur­chaus gravierende Unter­schiede zwis­chen den Jugendlichen fest­gestellt wer­den. Im Lan­dessicher­heit­srat sollen geeignete Maß­nah­men berat­en wer­den. Ob sie tat­säch­lich geeignet sind, muss bezweifelt wer­den. Es ist gut, wenn man sich in Oberöster­re­ich Sor­gen um ein Abdriften von Teilen der Jugend in rechte Sub­kul­turen und All­t­agsras­sis­mus macht, aber es braucht dazu nicht nur Maß­nah­men, die über die Kom­pe­ten­zen eines Bun­des­lan­des hin­aus­ge­hen, son­dern auch klare Hal­tun­gen in der Poli­tik. Und die fehlen lei­der gesamtösterreichisch!

IMAS-Studie in Auszü­gen (pdf).
Kom­mentare zur Wiener Befra­gung: derStandard.at.
Salzburg­er Nachricht­en.