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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Wie rechts sind Corps?

In der Salz­bur­ger Hoch­schü­ler­schaft hat der VSStÖ die Koali­ti­on mit der GRAS auf­ge­kün­digt. Das inter­es­siert uns nur inso­fern, als der VSStÖ die gewag­te Behaup­tung auf­stellt, dass er sei­ne lin­ken Posi­tio­nen in einer Koali­ti­on mit der Akti­ons­ge­mein­schaft fort­set­zen wol­le. Die GRAS kon­ter­te mit dem Vor­wurf, dass der VSStÖ nach rechts gehe und lie­fer­te dafür auch einen Beleg: den stell­ver­tre­ten­den ÖH-Vor­sit­zen­den Max Wag­ner (VSStÖ), der Mit­glied einer schla­gen­den Stu­den­ten­ver­bin­dung ist.

18. Okt. 2015

Der Bun­des-VSStÖ reagier­te auf die Ent­hül­lung mit der Ankün­di­gung eines Aus­schluss­ver­fah­rens gegen Max Wag­ner: „Er wird für uns kei­ne Funk­ti­on mehr aus­üben. Ein Aus­schluss­ver­fah­ren läuft schon.“ Wag­ner selbst reagier­te mit sei­nem Rück­tritt als ÖH-Funk­tio­när und dem Aus­tritt aus dem VSStÖ. Im übri­gen zeig­te er sich ent­täuscht über die „schä­bi­ge, nie­der­träch­ti­ge und cha­rak­ter­lo­se Art“, wie er als Per­son durch die GRAS und den grü­nen Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Simon Hof­bau­er zer­stört wer­den soll­te. Er bestä­tig­te dem „Stan­dard“ zwar sei­ne Mit­glied­schaft im Corps Budis­sa Leip­zig zu Pas­sau, beton­te aber, „das ist kei­ne Bur­schen­schaft, auch kei­ne öster­rei­chi­sche Ver­bin­dung mit natio­na­lem Gedan­ken­gut.“ (derstandard.at, 7.10.15)

Was stimmt?

Nun, die Sache ist kom­pli­ziert. Ganz all­ge­mein gibt es das Miss­ver­ständ­nis, dass Bur­schen­schaf­ter, Corps­stu­den­ten und Kar­tell­brü­der (CV) ziem­lich das­sel­be sei­en. Das stimmt nur inso­fern, als alle Mit­glie­der eines Män­ner­bun­des sind. Den Grup­pen gemein­sam ist zudem, dass sie sich kos­tü­mie­ren, „Far­ben“ tra­gen. Es gibt aber auch nicht far­ben­tra­gen­de Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Und es gibt Frau­en­ver­bin­dun­gen – in allen genann­ten Gruppen.

Eine wesent­li­che­re Unter­schei­dung ist aber die zwi­schen den kon­fes­sio­nell ori­en­tier­ten Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen (die wich­tigs­te ist der CV – Car­tell­ver­band) und den nicht­kon­fes­sio­nel­len (Bur­schen­schaf­ten, Corps, Lands­mann­schaf­ten usw.). Dar­über hin­aus gilt noch eine Faust­re­gel: Fast alle nicht­kon­fes­sio­nel­len Ver­bin­dun­gen in Öster­reich sind dem deutsch­na­tio­na­len, frei­heit­li­chen Lager zuzu­rech­nen, wäh­rend es in Deutsch­land durch­aus bemer­kens­wer­te Unter­schie­de gibt.

Die Corps waren eigent­lich die nicht­na­tio­na­le Alter­na­ti­ve zu der Deut­schen Bur­schen­schaft, die auch jetzt noch auf ras­si­schen Kri­te­ri­en basiert. Die Corps ver­stan­den sich aller­dings von Anfang an als „unpo­li­ti­sche“ Eli­te der Stu­den­ten­schaft und „wur­den zu Orga­ni­sa­tio­nen des bür­ger­li­chen und aris­to­kra­ti­schen Estab­lish­ments“.

Für Öster­reich gel­ten die­se Unter­schie­de zwi­schen Bur­schen­schaf­ten und Corps weit­ge­hend nicht. Bei­de sind mit ganz weni­gen Aus­nah­men im deutsch­na­tio­na­len und frei­heit­li­chen Lager ver­an­kert, über Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen (z.B. Wie­ner Kor­po­ra­ti­ons­ring, Frei­heit­li­che Aka­de­mi­ker­ver­bän­de) mit­ein­an­der und auch mit der FPÖ verbunden.

Ist das Corps Budissa rechtsextrem?

Corps in Deutsch­land sind eli­tä­re, män­ner­bünd­le­ri­sche und im all­ge­mei­nen kon­ser­va­ti­ve Ein­rich­tun­gen, deren Mit­glie­der sich gegen­sei­tig ihre Gesich­ter zu zer­sä­beln ver­su­chen. Wir haben einen aus­ge­wie­se­nen und enga­gier­ten Ken­ner der deut­schen Kor­po­ra­ti­ons­sze­ne, Chris­ti­an J. Becker, den Spre­cher der Initia­ti­ve „Bur­schen­schaf­ter gegen Neo­na­zis“ und Betrei­ber des Blogs „Bur­schen­schaf­ter packt aus“ dazu um eine Stel­lung­nah­me gebe­ten. Zum Corps Budis­sa konn­te Becker aus Man­gel an Infor­ma­tio­nen nichts sagen.

Sei­ne all­ge­mei­ne Ein­schät­zung der Corps in Deutschland:

Wäh­rend sich man­che Corps und Bur­schen­schaf­ten in Öster­reich beson­ders unter dem FPÖ-Dach ideo­lo­gisch sehr nahe kom­men, ist das in Deutsch­land anders. Hier gehen Corps auf deut­li­che Distanz zu rech­ten Bur­schen­schaf­ten. Die­se Distanz der „Cur­rys” zu den „Buxen” (so nen­nen sich Corps und Bur­schen­schaf­ter gegen­sei­tig etwas her­ab­las­send) ist seit dem Rechts­ruck der Deut­schen Bur­schen­schaft noch spür­ba­rer gewor­den. Rech­te Bur­schen­schaf­ten sind den apo­li­ti­schen Corps ein Dorn im Auge — auch weil sie aus Corps-Sicht den Ruf aller Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen beschä­di­gen kön­nen. Und das ziem­lich rech­te Prin­zip der DB-Bur­schen­schaf­ten passt nicht zu den tole­ran­te­ren Corps, die oft vie­le Natio­na­li­tä­ten unter einem Dach vereinen.
Die Unter­schie­de zei­gen sich auch beim Fech­ten: Bestim­mungs­men­su­ren zwi­schen den bei­den Lagern gibt es nicht so häufig.
Wäh­rend in Deutsch­land vie­le DB-Bur­schen­schaf­ten als Bün­de poli­tisch rechts auf­fäl­lig sind, gibt es das bei Corps als Gesamt­bund gar nicht. Wenn es rech­te Auf­fäl­lig­kei­ten gibt, hängt das meist an ein­zel­nen Per­so­nen in Corps. Bei­spiels­wei­se ist der NRW-Chef der AfD, Mar­cus Pret­zell, Mit­glied eines Corps in Hei­del­berg. Es bleibt abzu­war­ten, ob die AfD ähn­lich wie die FPÖ ein ideo­lo­gi­sches Dach für die Rech­ten in unter­schied­li­chen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen bau­en wird.

Wir haben aber auch zum Corps Budis­sa Leip­zig zu Pas­sau Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­tra­gen. Der Name des Corps ist die lati­ni­sier­te Ver­si­on des sor­bi­schen Namens Budys­sin für die ost­säch­si­sche Stadt Baut­zen. In Pas­sau ist das Corps ein Anlauf­punkt für die kon­ser­va­ti­ven Schi­cki-Mickis. Dar­auf deu­tet ein Bericht im „Uni-Spie­gel“ hin, wonach die Par­ty des Jah­res, „River­boat“, vom Corps Budis­sa orga­ni­siert wird:

Die Män­ner tra­gen Anzug, die Frau­en Abend­kleid. Sie char­tern ein Aus­flugs­schiff und fah­ren auf die Donau hin­aus. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren stürz­ten immer wie­der Gäs­te betrun­ken in den Fluss, sie war­fen Por­sche-Schlüs­sel über Bord und Rolex-Uhren. Das Rote Kreuz muss­te am Rat­haus­platz ein Laza­rett auf­bau­en, um ers­te Hil­fe zu leisten.

Sonst ist wenig über Budis­sa zu fin­den. 2008 wird ein „Budis­se“ in den Medi­en erwähnt – ein­schlä­gig sogar. Dem ade­li­gen Mit­ar­bei­ter des dama­li­gen CSU-Stars Gut­ten­berg, der spä­ter dann über sei­ne pla­gi­ier­te Dis­ser­ta­ti­on stol­per­te, wur­de ein Foto zum Ver­häng­nis, das ihn mit Hit­ler­gruß zeig­te. Der Lei­ter der CSU-Stra­te­gie­ab­tei­lung und „Frei­herr“ (wie auch Gut­ten­berg) war zwar Budis­se – das Foto war aller­dings im Alter von 16 Jah­ren ent­stan­den. Die „Süd­deut­sche Zei­tung“ (17.5.10) orte­te aber weder ihn noch das Corps im rechts­extre­men Lager, auch wenn die ange­führ­ten „Bewei­se“ pro­ble­ma­tisch sind: „Die Söh­ne von Ex-SED-Chef Egon Krenz oder der frü­he­ren DGB-Vize-Vor­sit­zen­den Ursu­la Enge­len-Kefer sind auch Mit­glied dort.“

Ein ande­rer Vor­fall, der das Corps Budis­sa betrifft, ist so gro­tesk wie bezeich­nend. Im Jahr 2000 will ein Budis­se als Zuschau­er an einer Men­sur, die bei der schwer rechts­extre­men Bur­schen­schaft Danu­bia Mün­chen geschla­gen wird, teil­neh­men. Das Zuschau­en bei Men­su­ren ist sehr streng gere­gelt, da sich die Kor­po­rier­ten nicht gern über die Schul­ter bli­cken las­sen wol­len. Der Zuse­her vom Corps Budis­sa erfüllt zwar die Bedin­gun­gen, wird aber den­noch der Bude ver­wie­sen. Der eigent­li­che, ein­deu­tig ras­sis­ti­sche Grund – der Budis­se war offen­sicht­lich kein „Ger­ma­ne“, son­dern Eri­trä­er – wur­de erst in dem kom­pli­zier­ten Ver­fah­ren zur Streit­bei­le­gung zwi­schen Corps Budis­sa und Bur­schen­schaft Danu­bia sicht­bar. Die „Stra­fe“ der Corps für die ras­sis­ti­sche Bur­schen­schaft soll damals übri­gens gewe­sen sein, dass alle Kon­tak­te zur Danu­bia abge­bro­chen wur­den, also auch kei­ne Men­su­ren mehr aus­ge­foch­ten wurden.

Ein­fach ist es mit dem Corps Budis­sa nicht. In sei­ner Selbst­dar­stel­lung wird die NS-Ära als Pha­se des stil­len Wider­stan­des dargestellt:

1935 machen sich Corps­stu­den­ten bei einem Spar­gel­es­sen in Hei­del­berg über Hit­ler lus­tig. Als dies bekannt wur­de, wur­de es von den Natio­nal­so­zia­lis­ten zum Anlaß genom­men, alle Corps noch im sel­ben Jahr zu ver­bie­ten. In der Fol­ge­zeit bestan­den die Ver­bin­dungs­res­te als Ehe­ma­li­gen­ver­ei­ne wei­ter. Vie­le Corps­häu­ser muß­ten zwangs­li­qui­diert wer­den. Erst 1950 kam es dann zu Rekon­sti­tu­ti­on des Dach­ver­ban­des der Corps und die Ver­bin­dun­gen nah­men ihren Akti­ven­be­trieb wie­der auf.

Das ist eine inak­zep­ta­ble und gro­be Ver­harm­lo­sung. Der ver­mut­lich bekann­tes­te Budis­se aller Zei­ten war Horst Schu­mann, ein Nazi-Ver­bre­cher der beson­de­ren Art, der als Arzt und ein­deu­ti­ger Natio­nal­so­zia­list an der Ermor­dung von soge­nann­ten Geis­tes­kran­ken und behin­der­ten Men­schen im Rah­men des T 4‑Programms maß­geb­lich betei­ligt war.

Ob das Corps Budis­sa über das Ver­schwei­gen hin­aus auch noch ein ehren­des Geden­ken an sei­ne alten Nazis pflegt (wie das man­che öster­rei­chi­sche Bur­schen­schaf­ten tun), wis­sen wir nicht. Wir haben aber auch kei­ne Ahnung, war­um ein Akti­vist und Man­da­tar des VSStÖ es für ver­ein­bar hält, Mit­glied einer eli­tä­ren, kon­ser­va­ti­ven, pflicht­schla­gen­den und geschichts­ver­ges­sen­den waf­fen­stu­den­ti­schen Ver­bin­dung zu sein.

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