Andreas Jurca (38) ist nicht unbedingt der typische AfD-Politiker. Oder doch? 2023 wurde er in den Landtag von Bayern gewählt. Für Jurca ist Gewalt, vor allem die Vergewaltigung von Frauen, ein wichtiges Thema – wenn er damit gegen Geflüchtete Stimmung machen kann. Jetzt wurde bekannt, dass Jurca einen verurteilten Vergewaltiger als Mitarbeiter beschäftigt – seit 2023. Deswegen macht Jurca Stimmung für seinen Mitarbeiter und verharmlost dessen Straftat – und seine eigene.
Von wo soll man die Geschichte des Andreas Jurca erzählen? Beginnen wir mit 2023. Jurca kandidiert auf der AfD-Liste für den bayerischen Landtag. Seit 2014 ist er in der Partei aktiv, hat 2020 in Augsburg sogar für die Oberbürgermeisterwahl kandidiert, mit 4,8 % der Stimmen aber ziemlich mau abgeschnitten. Drei Jahre später erhält er als Direktkandidat im Wahlkreis Augsburg-Ost aber schon 15,4 % der Stimmen und zieht im Oktober 23 über die Landesliste in den Landtag ein. Wie das?
Andreas Jurca mit „Veilchen“
Geholfen haben ihm dabei vermutlich die Fotos, die Mitte August 2023 in vielen Medien erschienen sind. Sie zeigen ihn mit zugeschwollenen Augen, riesigen „Veilchen“, die er erhalten haben will, weil ihm eine Person ansatzlos Schläge ins Gesicht verpasst habe. Jurca will daraufhin das Bewusstsein verloren, aber vorher noch den Ruf „Scheiß Nazi“ gehört haben. Für Jurca und die AfD war damit alles klar. Große Öffentlichkeit und Empathie für den verprügelten AfD-Kandidaten. Nach einem halben Jahr wurden die Ermittlungen gegen zwei der tatverdächtigen Personen eingestellt, weil es keinerlei objektive Indizien gegen sie gab. Nach der Auswertung von Chats und eines Videos aus der Tatnacht hatten die polizeilichen Ermittler jedenfalls erhebliche Zweifel an der Tatdarstellung von Jurca.
Jurcas Mitarbeiter ein Vergewaltiger
Wie die „Augsburger Allgemeine“ (2.4.2026) vor einigen Wochen enthüllte, beschäftigt Jurca seit 2023 einen Mitarbeiter, der kurz zuvor wegen der zweimaligen Vergewaltigung seiner damaligen Freundin zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden ist. Der Mitarbeiter Philip P. legte vor Gericht ein Geständnis ab und zahlte der Frau ein Schmerzensgeld von 5.000 Euro. Die Bewährungszeit ist mittlerweile abgelaufen, die öffentliche Debatte hat erst begonnen.
Der Podcast mit Täter-Opfer-Umkehr
Als Jurca und sein Mitarbeiter von den Recherchen der „Augsburger Allgemeinen“ erfuhren, produzierten sie Ende März 26 einen Video-Podcast, um der bevorstehenden Berichterstattung „offensiv“ zu begegnen. „Offensiv“, das war die zynische Verharmlosung einer eingestandenen zweimaligen Vergewaltigung zu einer „Beziehungstat“, zu „Ungereimtheiten“ und zur Behauptung von Philip P.: „Sie hat selber gesagt, es war ganz o.k.“ und der darauffolgenden Bestätigung durch Jurca: „Also, sie wollte das.“
Die Befunde der Rechtsmedizin hätten gegen eine Vergewaltigung gesprochen. Die Kratzspuren auf seinem Rücken („Spricht halt wieder doch für mich“) lösten bei den Podcastern Gelächter aus. Über die gerichtliche Verurteilung urteilte Jurca schließlich: „In westlichen Ländern ist oft der Mann im Nachteil.“ Jurcas Conclusio gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“: „Der Mann ist kein Vergewaltiger“, und die Verurteilung seines Mitarbeiters sei ein „Riesen-Justizirrtum“ gewesen. An seinem Mitarbeiter hält Jurca weiterhin fest.
Die vergewaltigte Frau reagiert auf den zynischen Podcast mit einer Anzeige wegen Verleumdung gegen Jurca und seinen Mitarbeiter, ihre Anwältin spricht von einer „widerlichen Täter-Opfer-Umkehr“. Was Jurca und sein Mitarbeiter allerdings nicht erwähnen:
Die Ermittler hatten nach Informationen unserer Redaktion auch Chat-Nachrichten gesichert, die der Mann dem Opfer direkt nach der Tat geschrieben hatte. Er schrieb der Frau unter anderem, er habe danach „gemerkt, dass du noch geschlafen hast und ich miese Scheiße gebaut hab“. Er bitte um Entschuldigung. Seine Lust sei „übergreiflich“ geworden; er habe „keine Kontrolle“ über sich gehabt. Er wolle über seine Fehler nachdenken. (augsburger-allgemeine.de, 20.5.26)
Jurca mit Gewalt gegen Frauen
Die „Augsburger Allgemeine“ setzte mit einer weiteren Enthüllung am 20.5.26 nach. „Nach gesicherten Informationen“ habe Jurca selbst im Jahr 2018 zwei Frauen in einer Disco mit flacher Hand ins Gesicht geschlagen und dafür nach einer Anzeige einen Strafbefehl in der Höhe von 60 Tagsätzen zu 15 Euro erhalten. Der Strafbefehl ist ein Spezifikum der deutschen Justiz, eine Strafe, die das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft ohne Verhandlung verhängen kann. Man gilt damit nicht als vorbestraft. Jurca erhob keinen Einspruch und zahlte, bestreitet jetzt jedoch gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“ eine Verurteilung. Das sei „absoluter Quatsch“ und ein Versuch, ihn zu diffamieren.
Die bayerische AfD-Spitze, die sich zu dem Podcast und der Beschäftigung des verurteilten Mitarbeiters bislang nicht geäußert hat, geht wegen der Gewalt gegen Frauen zum ersten Mal verbal auf Distanz zu Jurca – Konsequenzen müssen aber auch jetzt weder er noch sein Mitarbeiter befürchten.
Der Nachschlag: Mit der FPÖ unterwegs
Die Lage für Jurca könnte sich aus anderen Gründen verschlechtern. Es gibt nämlich nicht nur die Anzeige wegen Verleumdung, sondern auch eine wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue, die gegen ihn und den AfD-Bundestagsabgeordneten Scheirich schon im Vorjahr eingebracht wurde. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft – auch gegen weitere Personen wegen des Verdachts, öffentliche Gelder zweckentfremdet zu haben.
Ob diese gemeinsame Betroffenheit der Anlass für die AfD-Fraktion im bayerischen Landtag war, sich im Oktober 2025 mit den Kamerad:innen des steirischen Landtags – FPÖ samt Beiwagerl Gerald Grosz auszutauschen, wissen wir nicht. Der Titel des gemeinsamen Treffens war jedenfalls vielversprechend: „Mit der FPÖ unterwegs – Geschichte, Architektur & Politik hautnah erlebt!“ Es gilt auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung!

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