Warum das Handbuch ein Einschnitt ist
Bundespräsident Alexander Van der Bellen hebt in seinem Geleitwort die Relevanz der nun vom DÖW vorgelegten Neuauflage seines Handbuchs hervor:
Über viele Jahre schon dient das vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes herausgegebene „Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus“ als Kompass. Es zeigt klar auf, wann und wie gefährliche Grenzen überschritten werden. Was demokratisch verkraftbar ist – und was nicht mehr. Ich wünsche mir, dass die nun vorliegende Neuauflage diese Aufgabe abermals erfüllt.
Wobei von einer Neuauflage nur bedingt gesprochen werden kann. Das DÖW knüpft zwar ausdrücklich an das „Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus“ von 1993 an. Der neue Titel – „Handbuch Rechtsextremismus in Österreich“ – ist aber keine zufällige sprachliche Änderung: Das Werk will alle Formen des Rechtsextremismus in Österreich erfassen, also auch deutschnationale und postmigrantische Ausprägungen.
Der deutlich geänderte Aufbau des neuen Handbuchs ist auch anderen gesellschaftlichen Entwicklungen geschuldet. Während 1993 vor allem das nationale Lager in Österreich im Zentrum stand, geht es 2026 um ein breiteres, pluraleres und transnationaleres Feld rechtsextremer Ideologien und Praxen in Österreich. 1993 ist das Handbuch noch maßgeblich vom österreichischen Nachkriegskontext, der FPÖ-Haiderisierung, Neonazi-Organisationen, Revisionismus und von dem Briefbombenterror geprägt. 2026 ist Rechtsextremismus nicht mehr nur als „österreichisches“ Milieu mit internationalen Kontakten gefasst, sondern als in Österreich wirksames, transnational vernetztes, digitalisiertes und auch postmigrantisches Phänomen.
Die Ausgabe aus 1993 ist stärker ein Nachschlagewerk der Namen, Organisationen und Fälle. 2026 ist mehr eine analytische Kartografie von Milieus, Diskursen, Praktiken und Infrastrukturen, ohne allerdings auf eine Listung von Organisationen und Medien sowie deren Einordnung zu verzichten.
Der Kern der Definition
Der begriffliche Kern bleibt an Willibald Holzer orientiert. Rechtsextremismus wird als antiegalitäre, ethnozentrische und autoritäre Ideologie bestimmt. Erst wenn diese drei Merkmale zusammenkommen, ist die Einstufung als rechtsextrem gerechtfertigt. Daraus folgen weitere Elemente: Nativismus, nationalisierende Geschichtsdeutung, Antipluralismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Antifeminismus, Antisemitismus, Verschwörungsdenken und Gewaltlatenz.
Wichtig ist dabei die Differenz zwischen sozialwissenschaftlicher Einordnung und Strafrecht. Das Handbuch betont, dass die Erwähnung einer Person oder Organisation keine strafrechtliche Vorhaltung bedeutet. Auch die Einstufung als neonazistisch sei eine sozialwissenschaftliche Beurteilung. Für journalistische Arbeit ist diese Trennung zentral: Sie erlaubt klare Analyse, ohne juristisch zu kategorisieren.
Ein wesentlicher Unterschied, der gesellschaftliche Änderungen widerspiegelt, zeigt das Verzeichnis der Autor:innen im Handbuch 1993 und 2026: Während 1993 mit Brigitte Bailer nur eine einzige Frau und 14 Männer am damaligen Handbuch mitgewirkt haben, sind es diesmal zehn Autorinnen (von insgesamt 22 Beitragenden).
Symbole, Codes und Inszenierungen
Symbole, Codes, Kleidung, Rituale, Bilder, Körperinszenierungen und digitale Stilmittel dienen dazu, Zugehörigkeit herzustellen, Abgrenzung zu markieren, Ideologie sinnlich erfahrbar zu machen und Mobilisierung zu erleichtern. Rechtsextreme Ästhetik ist damit keine bloße Erscheinungsform, sondern Teil der politischen Strategie: Sie stiftet Sinn, organisiert Gemeinschaft, codiert Botschaften und wirkt zugleich als Normalisierungsmittel.
Durch Verbotsgesetz und Abzeichengesetz verschwanden NS-Symbole nicht, sondern wurden verlagert, codiert und stilistisch transformiert. Aus dem offen martialischen Erscheinungsbild der 1990er-Jahre – „Bomberjacken-Nazi“, Springerstiefel, weiße Schnürsenkel, Glatze, VAPO, Blood & Honour, Skinhead- und Hooliganmilieu – entwickelte sich ein deutlich breiteres Repertoire. Die neue Rechte und identitäre Akteur:innen setzen stärker auf Popkultur, Mode, Jugend- und Digitalkultur, um Anschlussfähigkeit zu erzeugen und sich nach außen von der „alten“ Rechten abzusetzen, ohne die ideologischen Grundmotive aufzugeben.
Das Kapitel zeigt auch, wie rechtsextreme Ästhetik mit Körperpolitik verbunden ist. Vorstellungen von Disziplin, Stärke, heroischer oder soldatischer Männlichkeit werden über Körper, Kleidung, Tattoos und Marken sichtbar gemacht. Ästhetik ist hier nicht Deko, sondern Bekenntnis: ein „way of life“, der Zugehörigkeit, Härte, Einsatzbereitschaft und Feindbildorientierung ausdrückt. Zugleich erzeugt die gemeinsame Bild- und Zeichensprache eine Binnenkommunikation für „Eingeweihte“.
Das Handbuch führt eine Auswahl von nach dem Abzeichengesetz verbotener Embleme und in 39 Abbildungen Runen, germanisch-nordische Mythologie, Irminsul, Keltenkreuz, Schwarze Sonne sowie Zahlen- und Buchstabencodes als Mittel an, mit denen rechtsextreme Akteur:innen Verbote umgehen und dennoch erkennbare Referenzen schaffen. Die „Schwarze Sonne” wird als eines der populärsten und mittlerweile strafbaren Ersatzsymbole beschrieben; Zahlen wie 14, 18, 88, 28/B&H, C18 oder ZOG dienen als verschlüsselte Selbstverortung, Propaganda oder antisemitische Dogwhistle.
Zahlen: Rechtsextremismus als dominierendes Extremismusphänomen und die FPÖ als Scharnier
Rechtsextremismus stellt in Österreich damit schon in reinen Zahlen, anders als der politische und mediale Diskurs manchmal vermuten lassen würde, das quantitativ größte Extremismusphänomen dar.
Die statistischen Kapitel orientieren sich größtenteils an jenen Zahlen, die bereits mit den Rechtsextremismusberichten 2023 und 2024 veröffentlicht wurden. Das DÖW hält einmal mehr fest, dass der Anstieg von registrierten rechtsextremen Tathandlungen bzw. Anzeigen zu einem erheblichen Teil tatsächliche Zunahmen rechtsextremer Aktivitäten widerspiegelt. Das Handbuch mahnt zugleich zur Vorsicht: Aus der Differenz zwischen Anzeigen, Ermittlungen und Verurteilungen lässt sich weder Entwarnung noch pauschale Dramatisierung ableiten. Die Zahlen zeigen aber, dass Radikalisierung in Jugendmilieus, digitalen Räumen und Gewaltkulturen ein zentrales Beobachtungsfeld darstellt.
Beim Einstellungspotenzial verweist das Handbuch auf seinen ebenfalls bereits präsentierten Rechtsextremismusbarometer. Demnach liegt das ideologisch ausgeprägte rechtsextreme Potenzial in Österreich bei knapp zehn Prozent. Unter jenen mit ausgeprägten rechtsextremen Einstellungen geben 58 Prozent an, die FPÖ wählen zu wollen. Daraus folgt eine klare politische Scharnierfunktion: Die FPÖ ist für einen erheblichen Teil dieses Potenzials der parteipolitische Bezugspunkt.
Neu sind detaillierte Zahlen zu den Verbotsggesetz-Verfahrenserledigungen nach Staatsanwaltschaften und Gerichten im Jahr 2024: Demnach weist der Landesgerichtsbezirk Krems mit nur 1,3 % die geringste Verurteilungsrate auf, die höchste liegt in Feldkirch bei 14,9 %. Die höchste Freispruchsrate (5,5 %) liegt in Wels, keine Freisprüche gab es in Eisenstadt, Korneuburg, Krems (allerdings mit nur zwei Verhandlungen), Linz und Salzburg.

➡️ Teil 2: Rechtsextreme Akteure
➡️ Teil 3: Milieus, Medien, Macht
➡️ Andreas Kranebitter, Isolde Vogel, Bernhard Weidinger (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus in Österreich. Wien 2026, 512 Seiten. Falter Verlag, 39,40 €.
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