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Lesezeit: 6 Minuten

Kickls blauer Rückwärtsgang – eine Gegenrede

Mit VW Käfer, „Volkskanzler“-Pose und Retro-Dosen­fut­ter insze­nier­te sich Her­bert Kickl am 1. Mai in Linz. Die Gegen­re­de zer­legt sei­ne auto­ri­tä­ren Sehn­süch­te, his­to­ri­schen Anspie­lun­gen und die FPÖ-Poli­tik der Angst.

4. Mai 2026
Kickl deutet Ohrfeige als probates Erziehungsmittel in Schulen an (Screenshot ORF 1.5.26)
Kickl deutet Ohrfeige als probates Erziehungsmittel in Schulen an (Screenshot ORF 1.5.26)

Ser­vus Linz, ser­vus Öster­reich, und grüß euch alle, die ihr heu­te nicht gekom­men seid, um euch ein­re­den zu las­sen, Angst sei Haus­ver­stand und Het­ze sei Heimatliebe.

Symbolpolitik mit eingebauter Ausrede

Ja, lie­be Freun­din­nen und Freun­de, der Herr Kickl, der selbst­er­nann­te Volks­kanz­ler, ist wie­der aus­ge­fah­ren. In einem Volks­wa­gen, hübsch beklebt, sau­ber insze­niert, damit auch der Letz­te ver­steht: Hier fährt nicht ein­fach ein Par­tei­chef zu einer Kund­ge­bung. Hier wird Geschich­te ange­deu­tet, hier wird mit Bil­dern gespielt, hier wird geblin­zelt, ohne zu zwin­kern. Und wenn dann hin­ten auf der Bier­zelt­büh­ne „Kla­re Ver­hält­nis­se – Alles für Öster­reich“ steht, dann sagen sie natür­lich sofort: Das ist ganz harm­los. Nur ein Slo­gan. Nur ein Auto. Nur ein Zufall. Lau­ter Zufäl­le, lie­be Freun­de, so vie­le Zufäl­le, dass man dafür schon eine eige­ne Lager­hal­le braucht.

FPÖ-Bühne mit Kickl am 1. Mai 2026: "Alles für Österreich" (Screenshot ORF 1.5.26)
FPÖ-Büh­ne mit Kickl am 1. Mai 2026: „Alles für Öster­reich” (Screen­shot ORF 1.5.26)

Und dar­um geht es bei die­ser FPÖ: Sie stellt sich hin, zün­delt im his­to­ri­schen Gedächt­nis her­um, legt das Streich­holz dane­ben und ruft dann: Wer Feu­er sieht, ist hys­te­risch. Das ist ihre Methode.

„Klare Verhältnisse“ heißt: Durchgriff

Der Herr Kickl redet von „kla­ren Ver­hält­nis­sen“. Aber was meint er damit? Er meint nicht Klar­heit. Er meint Gehor­sam. Er meint nicht Demo­kra­tie. Er meint Durch­griff. Er meint nicht Volks­herr­schaft. Er meint sei­ne Herr­schaft über das, was er gera­de „Volk“ nennt. Und wer nicht hin­ein­passt in die­se enge, muf­fi­ge, zurecht­ge­stutz­te „Fami­lie Öster­reich“, der wird aus­sor­tiert. Als „Rand­grup­pe“, als „Sys­tem­ling“, als „Völ­ker­wan­de­rer“, als „Daher­ge­lau­fe­ner“, als „Polit­kom­mis­sar“, als „Geis­tes­seu­che“. Das ist kei­ne Poli­tik für Öster­reich. Das ist die Abriss­bir­ne gegen die Republik.

Und dann steht er dort und tut so, als wäre er der gro­ße Ver­tei­di­ger der klei­nen Leu­te. Lie­be Arbei­ter, lie­be Ange­stell­te, lie­be Pen­sio­nis­tin­nen und Pen­sio­nis­ten: Passt auf eure Geld­bör­sen auf, wenn einer im Namen der klei­nen Leu­te redet und gleich­zei­tig die Spal­tung ver­kauft wie ein Son­der­an­ge­bot am Jahr­markt. Denn die FPÖ hat für eure Mie­ten kei­ne Lösung, für eure Löh­ne kei­ne seriö­se Rech­nung, für eure Pfle­ge kei­ne Ant­wort und für eure Arzt­ter­mi­ne kei­nen Plan. Sie hat Feind­bil­der. Vie­le Feind­bil­der. Aus­län­der, ORF, NGOs, Brüs­sel, Mus­li­me, Jour­na­lis­tin­nen, Exper­ten, Künst­le­rin­nen, Leh­re­rin­nen, Wis­sen­schaf­ter, Gerich­te, Ver­fas­sungs­schüt­zer, alle hin­ein in den blau­en Fleisch­wolf. Her­aus kommt immer die­sel­be Wurst: Die ande­ren sind schuld, Kickl ist die Ret­tung. Das ist kein Pro­gramm. Das ist poli­ti­sches Dosenfutter.

Erst beschimpfen, dann unterwerfen

Und ja, der ORF gehört kri­ti­siert. Jede öffent­li­che Insti­tu­ti­on gehört kon­trol­liert. Aber was Kickl macht, ist etwas ande­res. Er will nicht Kon­trol­le. Er will Unter­wer­fung. Er sagt „objek­tiv“ und meint: auf Linie. Er sagt „öffent­lich-recht­lich“ und meint: par­tei­recht­lich. Er sagt „Sys­tem­wech­sel“ und meint: Wenn wir dort sit­zen, wird aus dem angeb­li­chen Sumpf unser Bio­top. Wer Medi­en zuerst beschimpft, dann ein­schüch­tert und schließ­lich „zusper­ren“ sagt, der repa­riert kei­ne Demo­kra­tie. Der drischt mit dem Vor­schlag­ham­mer an ihre Sicherung.

Und dann die­se gro­ße Rede vom Volk. Immer das Volk. Das Volk hier, das Volk dort, das Volk als Applaus­ma­schi­ne. Aber wehe, das Volk wählt anders. Dann ist es mani­pu­liert. Wehe, Gerich­te ent­schei­den anders. Dann sind sie Teil des Sys­tems. Wehe, Medi­en fra­gen nach. Dann sind sie Pro­pa­gan­da. Wehe, Exper­tin­nen wider­spre­chen. Dann sind sie „soge­nann­te“ Exper­ten. Das ist der Trick: Demo­kra­tie ist für Kickl nur dann Demo­kra­tie, wenn sie ihm recht gibt. Alles ande­re ist Ver­rat, Ein­heits­par­tei, Ver­schwö­rung, Unter­gang. Dabei soll­te er sich gera­de mit Unter­gang aus­ken­nen. Es waren doch sei­ne Vor­gän­ger, sei­ne Par­tei­grün­der, die unser Land in ein phy­si­sches und mora­li­sches Trüm­mer­feld ver­wan­delt haben.

„Remigration“ im Bierzeltformat

Und weil ihm das offen­bar nicht reicht, kommt er mit „Remi­gra­ti­on“. Er spricht das Wort aus wie ein Mut­pro­ben-Schnap­serl im Fest­zelt und war­tet auf den Applaus. Er weiß, wel­che Bil­der die­ses Wort heu­te trägt. Er weiß, wel­che Milieus dar­an hän­gen. Er weiß, wer sich da ver­stan­den fühlt. Und wie­der wird er sagen: Alles legal, alles sau­ber, alles miss­ver­stan­den. Nein, lie­be Freun­din­nen und Freun­de: Nie­mand muss Gedan­ken lesen. Es reicht zuzu­hö­ren. Wer Men­schen pau­schal zu Ein­dring­lin­gen erklärt, wer Schutz­su­chen­de als Gefah­ren­samm­lung beschreibt, wer „Air­bert One“ als Abschie­be­flie­ger beju­beln lässt, der macht aus Poli­tik eine Men­schen­jagd im Bierzeltformat.

Die Ohrfeige als Integrationskonzept

Und dann die gro­ße Nost­al­gie: Frü­her war alles sicher, frü­her war alles rein, frü­her war Öster­reich angeb­lich eine Insel der Seli­gen. Lie­be Freun­de und Freun­din­nen, das ist kei­ne Erin­ne­rung. Das ist eine Kulis­se. Eine poli­ti­sche Foto­ta­pe­te. In die­sem Frü­her kom­men kei­ne Frau­en­rech­te vor, kei­ne Arbei­ter­kämp­fe, kei­ne Armut, kei­ne Heim­kin­der, kei­ne auto­ri­tä­ren Res­te, kei­ne ver­dräng­te NS-Geschich­te, kei­ne Rea­li­tät. Die­ses Frü­her ist ein Pro­spekt aus der blau­en Mär­chen­ab­tei­lung. Und ver­kauft wird er Leu­ten, die heu­te berech­tig­te Sor­gen haben.

Kickls gute alte Zeit: Als die Mordrate in Österreich viel höher war (Studie FH Joanneum "Morde in Österreich" 1970-2024)
Kick­ls gute alte Zeit: Als die Mord­ra­te in Öster­reich viel höher war (Stu­die FH Joan­ne­um „Mor­de in Öster­reich” 1970–2024)

Da schwärmt der Herr Kickl von einer Zeit, in der „Aus­län­der“ in den Schul­klas­sen noch die Min­der­heit gewe­sen sei­en, in der Inte­gra­ti­on eine Bring­schuld gewe­sen sei, und wenn sie „nicht gespurt“ hät­ten, dann habe eben ein Leh­rer „ein biss­chen nach­ge­hol­fen“. Dazu noch die klei­ne Hand­be­we­gung, damit auch wirk­lich jeder ver­steht, was gemeint sein könnte.

So schaut sie also aus, die päd­ago­gi­sche Visi­on des selbst­er­nann­ten Zukunfts­kanz­lers: zurück in eine Schu­le, in der Kin­der nicht geför­dert, son­dern gefü­gig gemacht wer­den, in der Respekt mit Angst ver­wech­selt wird, in der die Ohr­fei­ge als Inte­gra­ti­ons­kon­zept durch den Raum geis­tert. Natür­lich wie­der alles nur ange­deu­tet, alles nur ein Schmäh, alles nur miss­ver­stan­den. Aber genau das ist das Mus­ter: auto­ri­tä­re Sehn­sucht im Halb­satz, Gewalt­fan­ta­sie im Neben­satz, Rück­zugs­mög­lich­keit immer gleich mitgeliefert.

Soziale Fragen, blaue Feindbilder

Ja, vie­le Men­schen haben es schwer. Ja, Woh­nen ist teu­er. Ja, Lebens­mit­tel sind teu­er. Ja, Pfle­ge, Gesund­heit, Schu­le, Pen­sio­nen brau­chen Lösun­gen. Aber wer aus jeder sozia­len Fra­ge eine Aus­län­der­fra­ge macht, betrügt die Leu­te um ihre Ant­wort. Wer bei jeder Kri­se nach unten tritt, schützt nie­man­den, nur die eige­ne Machtmaschine.

Dar­um: Öster­reich braucht kei­ne Volks­kanz­ler-Fan­ta­sien. Öster­reich braucht kei­nen Käfer aus der Sym­bol­ga­ra­ge. Öster­reich braucht kei­ne Sprü­che, die aus his­to­ri­schen Echo­kam­mern hal­len. Öster­reich braucht ordent­li­che Löh­ne, leist­ba­re Mie­ten, funk­tio­nie­ren­de Spi­tä­ler, star­ke Schu­len, unab­hän­gi­ge Medi­en, sau­be­re Kon­trol­le, eine Poli­tik ohne ras­sis­ti­sche Sün­den­bö­cke und ohne auto­ri­tä­re Allmachtsfantasien.

Kein Mandat für den blauen Rückwärtsgang

Und des­halb, Herr Kickl: Sie sind nicht der Mann, der Öster­reich befrei­en will. Sie sind der Mann, der Öster­reich in Gei­sel­haft neh­men möch­te – mit Angst, mit Wut, mit Ver­dacht, mit Spal­tung. Sie nen­nen das „kla­re Ver­hält­nis­se“. Wir nen­nen es beim Namen: eine Gefahr für den demo­kra­ti­schen Zusammenhalt.

Glück auf, Öster­reich. Aber sicher nicht mit die­sem blau­en Rückwärtsgang.

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