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Lesezeit: 5 Minuten

FPÖ-Neujahrstreffen: Kickl im Nebel

70 Minu­ten Kickl beim FPÖ-Neu­jahrs­tref­fen in Kla­gen­furt: viel Nebel, noch mehr Wut auf Kom­pro­mis­se. Kein Wort zu Trump, Putin – dafür Hai­der-Nost­al­gie, die alte auto­ri­tä­re Volks­kanz­ler-Phan­ta­sie und ver­hal­te­ne Stim­mung im Saal.

21. Jan. 2026
Herbert Kickl im Nebel (Nationalrat 17.4.24; Montage SdR)
Herbert Kickl im Nebel (Nationalrat 17.4.24; Montage SdR)

Am Sams­tag, 17.1., fand in Kla­gen­furt das Neu­jahrs­tref­fen der FPÖ statt. Die Medi­en stell­ten fest: mono­to­ne Kickl-Rede, gelang­weil­tes Publi­kum, ver­hal­te­ner Applaus. Das woll­ten wir nicht ganz glau­ben und haben uns 70 Minu­ten Kickl gege­ben. Ernüch­tern­des Fazit: Da war wirk­lich nichts. Naja, fast nichts. Die übli­chen rechts­extre­men Wort­hül­sen, auch Geschichts­klit­te­rung, aber kein Ster­bens­wört­chen zu Trump, nichts zu Putin, nichts zu den mul­ti­plen Kri­sen und Krie­gen, erst recht nichts zu den jüngs­ten Femiziden.

Die ein­zi­ge wirk­lich kon­kre­te Aus­sa­ge in der zähen und selbst­ver­lieb­ten Rede betraf den Besuch sei­ner Mama. „Und mor­gen übri­gens, mor­gen gehe ich mei­ne Mama besu­chen. Ich freue mich schon rie­sig drauf. Hal­lo Mama, von die­ser Stel­le aus. Und tu dich bit­te nicht so viel auf­re­gen.“

FPÖ-Neujahrstreffen im Kärntner Nebel

Was die Mama immer so viel auf­regt, führ­te Kickl nicht näher aus. Hof­fent­lich nicht das Glei­che wie ihren Sohn, den jede Art von Kom­pro­mis­sen erzürnt. Wir haben mit­ge­zählt: 30-mal erei­fer­te sich Kickl in sei­ner Rede gegen jede Form von Kom­pro­mis­sen. Sogar der Kampf gegen das Sys­tem in sei­ner gan­zen Varia­ti­ons­brei­te (Sys­tem­po­li­ti­ker, Sys­tem­speck usw.) konn­te dies­mal nicht mit­hal­ten (22x). Neu ist hin­ge­gen sei­ne Fas­zi­na­ti­on für den Nebel, der ihn so bene­belt, dass er ihn 15-mal erwähnt und sei­ne Ent­de­ckung schildert:

Ges­tern, bin ja schon ges­tern nach Kärn­ten gefah­ren. Ich war ja mit dem Auto unter­wegs, Tur­bo-Die­sel, ihr wisst’s eh. Und wo ich aus­si­ge­schaut hab, da war nur Nebel. Über­all war nur Nebel. Und ich habe da nach­ge­schaut, was Nebel eigent­lich ist. Das ist inter­es­sant. Nebel ist eigent­lich nichts ande­res als eine Wol­ke, die am Boden liegt. Es ist nichts ande­res als kal­ter Dampf.

Spä­tes­tens zu die­sem rela­tiv frü­hen Zeit­punkt der Rede wer­den die spit­zen Anmer­kun­gen von Beobachter:innen ver­ständ­lich, die ein gelang­weil­tes trat­schen­des Publi­kum beob­ach­tet haben und FPÖ-Pro­mi­nenz, die sich in ihre Smart­phones ver­gräbt. Kommt da noch was in die­ser Rede? Nach eini­gen bedeu­tungs­schwe­ren Meta­phern mit dicken, fet­ten Nebel­bän­ken und Nebel­sup­pen in der Poli­tik reicht es sogar Kickl selbst: „Wir wol­len hin­aus aus die­sem Nebel …“Es fol­gen Anlei­tun­gen, wie man der Nebel­sup­pe, spe­zi­ell der „drü­cken­den Regie­rungs­ne­bel­sup­pe“, ent­kommt – das bene­bel­te Publi­kum ahnt es schon: Es ist die FPÖ, die die Erlö­sung und den Volks­kanz­ler brin­gen soll.

Kickls faule Kompromisse

Kaum hat sich Kickl aus der Nebel­sup­pe gekämpft und sein Publi­kum in die lich­ten Höhen des Groß­glock­ner und einer blau­en Regie­rung („eine neue Zeit … eine bes­se­re Zeit“) geführt, da drückt ihn schon wie­der etwas grau­sam nie­der in die Nebel­bän­ke die­ser Repu­blik: Es ist der Kom­pro­miss. Der poli­ti­sche Kom­pro­miss, eine Grun­d­es­senz der Demo­kra­tie, regt ihn so sehr auf, dass er ihm fast den gan­zen lan­gen Rest sei­ner Rede wid­met und in zahl­rei­chen Varia­tio­nen verdammt.

Das fällt ihm nicht beson­ders schwer, weil er Gegen­po­le for­mu­liert, die es in Wirk­lich­keit so nicht gibt, die daher auch kei­nen Kom­pro­miss bil­den kön­nen. Einen Kom­pro­miss zwi­schen Neu­tra­li­tät und Kriegs­trei­be­rei? Gibt es natür­lich nicht – ihn hat aber auch nie­mand ver­langt oder ein­ge­for­dert. Kickl ent­schei­det sich – jeden­falls rhe­to­risch – für die Neu­tra­li­tät. Bloß, was machen dann die Kriegs­trei­ber? Hören sie auf damit? Wer sind die Kriegs­trei­ber über­haupt? Für Kickl ist das klar wie kal­ter Dampf: die Sys­tem­par­tei­en und die EU. Putin als Kriegs­trei­ber? Kommt nicht vor bei Kickl. Trump? Grön­land? Nicht ein­mal mit einer zar­ten Anspielung.

Die dro­hen­de Kli­ma­ka­ta­stro­phe wird bei Kickl in einen „Kli­ma­kom­mu­nis­mus“ umge­wan­delt und einer „leist­ba­ren und siche­ren Ener­gie“ („dazu braucht man natür­lich auch fos­si­le Ener­gie­trä­ger“) gegen­über­ge­stellt. Die absur­den Gegen­sät­ze, die natür­lich nicht kom­pro­miss­fä­hig sein kön­nen, fin­den ihren het­ze­ri­schen Tief­punkt aber in die­sem Vergleich:

Der Bun­des­prä­si­dent und die Sys­tem­par­tei­en sol­len mir bit­te auch beant­wor­ten, wie er aus­schaut, der gute Kom­pro­miss zwi­schen den Rech­ten der impor­tier­ten Gewalt­tä­ter, der Beläs­ti­ger, der Ver­ge­wal­ti­ger, der Mes­ser­ste­cher, der Mör­der und der Ter­ro­ris­ten und dem Schutz unse­rer eige­nen Bevöl­ke­rung, unse­rer Frau­en und Kin­der. Das tät mich ein­mal inter­es­sie­ren, wie der gute Kom­pro­miss aus­schaut.

Um den Kom­pro­miss, also den Aus­gleich und das Aus­han­deln unter­schied­li­cher Inter­es­sen in einer Demo­kra­tie, und damit Demo­kra­tie selbst schlecht zu machen, nutzt Kickl absur­de Gegen­sät­ze, schie­fe Bil­der, fal­sche Ver­glei­che. In sei­ner ver­ne­bel­ten Welt gibt es nur mehr das Volk, das sei­nen Wil­len über den Volks­kanz­ler aus­drückt („einen Volks­kanz­ler, der die See­le des Vol­kes ver­steht und der dann auch danach han­delt“). Die ande­ren, das sind die Eli­ten und ihre Sys­tem­par­tei­en, die nie­man­den mehr reprä­sen­tie­ren, jeden­falls nicht das Volk. Viel ein­fa­cher kann man auto­ri­tä­re Herr­schaft nicht formulieren.

Haider-Nostalgie

Im Publi­kum sit­zen auch die Gran­den der FPÖ, dar­un­ter vier stell­ver­tre­ten­de Lan­des­haupt­leu­te und ein Lan­des­haupt­mann, die sich alle­samt in Koali­tio­nen, also in Kom­pro­mis­sen mit der ÖVP befin­den. Kur­ze Erwäh­nung in Kick­ls Rede fin­det nur der stei­ri­sche FPÖ-Lan­des­haupt­mann Kuna­sek („Spit­zen­ar­beit, Spit­zen­job“), die ande­ren wer­den igno­riert – für Kick­ls Erzäh­lung vom Kampf gegen Sys­tem­par­tei­en, Kom­pro­mis­se und „drü­cken­de Regie­rungs­ne­bel­sup­pen“ wären sie nur störend.

Ein Lan­des­haupt­mann fin­det aber noch Erwäh­nung: Jörg Hai­der, der sich gegen sei­ne nach­träg­li­che Wie­der­ein­ge­mein­dung in die FPÖ nicht mehr weh­ren kann. „Die bes­ten Jah­re für Kärn­ten“ sei­en es mit dem Jörg als Lan­des­haupt­mann gewe­sen, ras­pelt Kickl brav sein Süß­holz klein. Bekannt­lich sieht das eine brei­te Mehr­heit in Öster­reich anders (Stich­wort: Kor­rup­ti­on und Schul­den­zah­lun­gen Hypo-Alpe-Adria). Der „Schul­den­hau­fen“, den Kickl im Kärnt­ner Nebel erken­nen kann, geht weit­ge­hend auf die blaue Ära zurück, und die süßen Remi­nis­zen­zen Kick­ls an den Jörg zer­schel­len an der Rea­li­tät durch des­sen Bruch mit der FPÖ.

„Und lie­be Freun­de, ich bin am Ende“, sagt Kickl gegen Ende sei­ner zäh­flüs­si­gen Anspra­che. Glück­li­cher­wei­se, wer­den wohl eini­ge gedacht haben.

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Schlagwörter: FPÖ | Kärnten/Koroška | Rechtsextremismus

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