Am Samstag, 17.1., fand in Klagenfurt das Neujahrstreffen der FPÖ statt. Die Medien stellten fest: monotone Kickl-Rede, gelangweiltes Publikum, verhaltener Applaus. Das wollten wir nicht ganz glauben und haben uns 70 Minuten Kickl gegeben. Ernüchterndes Fazit: Da war wirklich nichts. Naja, fast nichts. Die üblichen rechtsextremen Worthülsen, auch Geschichtsklitterung, aber kein Sterbenswörtchen zu Trump, nichts zu Putin, nichts zu den multiplen Krisen und Kriegen, erst recht nichts zu den jüngsten Femiziden.
Die einzige wirklich konkrete Aussage in der zähen und selbstverliebten Rede betraf den Besuch seiner Mama. „Und morgen übrigens, morgen gehe ich meine Mama besuchen. Ich freue mich schon riesig drauf. Hallo Mama, von dieser Stelle aus. Und tu dich bitte nicht so viel aufregen.“
FPÖ-Neujahrstreffen im Kärntner Nebel
Was die Mama immer so viel aufregt, führte Kickl nicht näher aus. Hoffentlich nicht das Gleiche wie ihren Sohn, den jede Art von Kompromissen erzürnt. Wir haben mitgezählt: 30-mal ereiferte sich Kickl in seiner Rede gegen jede Form von Kompromissen. Sogar der Kampf gegen das System in seiner ganzen Variationsbreite (Systempolitiker, Systemspeck usw.) konnte diesmal nicht mithalten (22x). Neu ist hingegen seine Faszination für den Nebel, der ihn so benebelt, dass er ihn 15-mal erwähnt und seine Entdeckung schildert:
Gestern, bin ja schon gestern nach Kärnten gefahren. Ich war ja mit dem Auto unterwegs, Turbo-Diesel, ihr wisst’s eh. Und wo ich aussigeschaut hab, da war nur Nebel. Überall war nur Nebel. Und ich habe da nachgeschaut, was Nebel eigentlich ist. Das ist interessant. Nebel ist eigentlich nichts anderes als eine Wolke, die am Boden liegt. Es ist nichts anderes als kalter Dampf.
Spätestens zu diesem relativ frühen Zeitpunkt der Rede werden die spitzen Anmerkungen von Beobachter:innen verständlich, die ein gelangweiltes tratschendes Publikum beobachtet haben und FPÖ-Prominenz, die sich in ihre Smartphones vergräbt. Kommt da noch was in dieser Rede? Nach einigen bedeutungsschweren Metaphern mit dicken, fetten Nebelbänken und Nebelsuppen in der Politik reicht es sogar Kickl selbst: „Wir wollen hinaus aus diesem Nebel …“Es folgen Anleitungen, wie man der Nebelsuppe, speziell der „drückenden Regierungsnebelsuppe“, entkommt – das benebelte Publikum ahnt es schon: Es ist die FPÖ, die die Erlösung und den Volkskanzler bringen soll.
Kickls faule Kompromisse
Kaum hat sich Kickl aus der Nebelsuppe gekämpft und sein Publikum in die lichten Höhen des Großglockner und einer blauen Regierung („eine neue Zeit … eine bessere Zeit“) geführt, da drückt ihn schon wieder etwas grausam nieder in die Nebelbänke dieser Republik: Es ist der Kompromiss. Der politische Kompromiss, eine Grundessenz der Demokratie, regt ihn so sehr auf, dass er ihm fast den ganzen langen Rest seiner Rede widmet und in zahlreichen Variationen verdammt.
Das fällt ihm nicht besonders schwer, weil er Gegenpole formuliert, die es in Wirklichkeit so nicht gibt, die daher auch keinen Kompromiss bilden können. Einen Kompromiss zwischen Neutralität und Kriegstreiberei? Gibt es natürlich nicht – ihn hat aber auch niemand verlangt oder eingefordert. Kickl entscheidet sich – jedenfalls rhetorisch – für die Neutralität. Bloß, was machen dann die Kriegstreiber? Hören sie auf damit? Wer sind die Kriegstreiber überhaupt? Für Kickl ist das klar wie kalter Dampf: die Systemparteien und die EU. Putin als Kriegstreiber? Kommt nicht vor bei Kickl. Trump? Grönland? Nicht einmal mit einer zarten Anspielung.
Die drohende Klimakatastrophe wird bei Kickl in einen „Klimakommunismus“ umgewandelt und einer „leistbaren und sicheren Energie“ („dazu braucht man natürlich auch fossile Energieträger“) gegenübergestellt. Die absurden Gegensätze, die natürlich nicht kompromissfähig sein können, finden ihren hetzerischen Tiefpunkt aber in diesem Vergleich:
Der Bundespräsident und die Systemparteien sollen mir bitte auch beantworten, wie er ausschaut, der gute Kompromiss zwischen den Rechten der importierten Gewalttäter, der Belästiger, der Vergewaltiger, der Messerstecher, der Mörder und der Terroristen und dem Schutz unserer eigenen Bevölkerung, unserer Frauen und Kinder. Das tät mich einmal interessieren, wie der gute Kompromiss ausschaut.
Um den Kompromiss, also den Ausgleich und das Aushandeln unterschiedlicher Interessen in einer Demokratie, und damit Demokratie selbst schlecht zu machen, nutzt Kickl absurde Gegensätze, schiefe Bilder, falsche Vergleiche. In seiner vernebelten Welt gibt es nur mehr das Volk, das seinen Willen über den Volkskanzler ausdrückt („einen Volkskanzler, der die Seele des Volkes versteht und der dann auch danach handelt“). Die anderen, das sind die Eliten und ihre Systemparteien, die niemanden mehr repräsentieren, jedenfalls nicht das Volk. Viel einfacher kann man autoritäre Herrschaft nicht formulieren.
Haider-Nostalgie
Im Publikum sitzen auch die Granden der FPÖ, darunter vier stellvertretende Landeshauptleute und ein Landeshauptmann, die sich allesamt in Koalitionen, also in Kompromissen mit der ÖVP befinden. Kurze Erwähnung in Kickls Rede findet nur der steirische FPÖ-Landeshauptmann Kunasek („Spitzenarbeit, Spitzenjob“), die anderen werden ignoriert – für Kickls Erzählung vom Kampf gegen Systemparteien, Kompromisse und „drückende Regierungsnebelsuppen“ wären sie nur störend.
Ein Landeshauptmann findet aber noch Erwähnung: Jörg Haider, der sich gegen seine nachträgliche Wiedereingemeindung in die FPÖ nicht mehr wehren kann. „Die besten Jahre für Kärnten“ seien es mit dem Jörg als Landeshauptmann gewesen, raspelt Kickl brav sein Süßholz klein. Bekanntlich sieht das eine breite Mehrheit in Österreich anders (Stichwort: Korruption und Schuldenzahlungen Hypo-Alpe-Adria). Der „Schuldenhaufen“, den Kickl im Kärntner Nebel erkennen kann, geht weitgehend auf die blaue Ära zurück, und die süßen Reminiszenzen Kickls an den Jörg zerschellen an der Realität durch dessen Bruch mit der FPÖ.
„Und liebe Freunde, ich bin am Ende“, sagt Kickl gegen Ende seiner zähflüssigen Ansprache. Glücklicherweise, werden wohl einige gedacht haben.
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