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Lesezeit: 5 Minuten

Selfie, Show, Schlagworte: Kickls Sommergespräch als autoritäre Inszenierung

Sel­fie am Sonn­tag, Schlag­wor­te am Mon­tag: Im ORF-Som­mer­ge­spräch nor­ma­li­siert Her­bert Kickl offe­ner denn je Begrif­fe, die in der Gift­kü­che von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Hard­core-Rechts­extre­mis­mus ange­rührt wur­den. Dafür viel Insze­nie­rung, aber kei­ne Lösun­gen – erst recht nicht für sein Publikum.

14. Sep. 2025
Kickl mit erhobenem Zeigefinger im ORF-Sommergespräch (Screenshot ORF 8.9.25)
Kickl mit erhobenem Zeigefinger im ORF-Sommergespräch (Screenshot ORF 8.9.25)

Authentizitätstheater als Vorspiel zur Konfrontation

Her­bert Kickl eröff­ne­te den Sonn­tag vor dem ORF-Som­mer­ge­spräch mit einem über­na­hen, unvor­teil­haf­ten Han­dy­sel­fie: Front­ka­me­ra, har­te Nähe, ungleich­mä­ßi­ges Licht, unfri­siert, unper­fek­te Zäh­ne, neu­tra­ler Hin­ter­grund, T‑Shirt: Das kodiert „unge­fil­tert“, „authen­tisch” und „nor­ma­ler Mensch“. Genau die­se Unpo­liert­heit signa­li­siert: Ich bin kein „insze­nier­ter Eli­ten-Poli­ti­ker“, son­dern einer von euch. Es ist die klas­si­sche „No-filter“-Ästhetik, die im rech­ten Cam­paig­ning seit Jah­ren gespielt wird. Dazu pas­send der kur­ze, nur schein­bar unpo­li­ti­sche Text: „Guten Mor­gen Euch allen und einen schö­nen Sonntag!“

Kickl als Trailer zum Sommergespräch auf Facebook: "Guten Morgen Euch allen und einen schönen Sonntag!" (Screenshot 7.9.25)
Kickl als Trai­ler zum Som­mer­ge­spräch auf Face­book: „Guten Mor­gen Euch allen und einen schö­nen Sonn­tag!” (Screen­shot 7.9.25)

Das wirkt zufäl­lig, ist es aber nicht. Sol­che Bil­der simu­lie­ren Nähe, wär­men den Kom­men­tar­be­reich an und immu­ni­sie­ren die eige­ne Com­mu­ni­ty emo­tio­nal, bevor am nächs­ten Tag die har­te Freund-Feind-Erzäh­lung ser­viert wird. Erst „Euch allen“, dann „Remi­gra­ti­on“, „Fes­tung Öster­reich“ und schließ­lich der „öster­rei­chi­sche Volks­kör­per“, in den mit der Flucht­be­we­gung 2015 „eine Wun­de geschla­gen“ wor­den sei, die bis heu­te „weh [tut] in allen Berei­chen“. Genau die­se Sequenz offen­bart die Strategie.

Delegitimieren und Aufwerten: Die Bühne und der Anti-Kompromiss

Im Gespräch spielt Kickl den kom­pro­miss­lo­sen Erneue­rer. „Es gibt eine Men­ge von neu­en Kanä­len, wo man Kom­mu­ni­ka­ti­on betrei­ben kann, ohne (…) die Fern­seh­stu­di­os abzu­klap­pern“, erklärt er dem Inter­view­er – und ent­wer­tet damit die Büh­ne, auf der er gera­de sitzt. Par­al­lel adelt er sei­ne Unver­söhn­lich­keit zur Tugend: „Jemand, der wenig kom­pro­miss­be­reit ist, (…) der zu sei­nen Grund­sät­zen steht.“ In einer Demo­kra­tie ist der Kom­pro­miss das Funk­ti­ons­prin­zip. Wer ihn sys­te­ma­tisch als Ver­rat abwer­tet und die Kon­kur­renz zum amor­phen „Sys­tem“ ver­schmiert, berei­tet nicht Regie­rungs­fä­hig­keit vor, son­dern Dau­er­kon­flikt und die mora­li­sche Ent­wer­tung aller, die nicht zur eige­nen Gemein­schaft gezählt werden.

Codes: Gewaltbegriffe als Normalisierungsstrategie

Die Wort­wahl ist Code. „Remi­gra­ti­on“ ist der Schlüs­sel­be­griff des iden­ti­tä­ren Milieus für die mas­sen­haf­te Ent­fer­nung Uner­wünsch­ter. „Fes­tung“ reak­ti­viert das auch im Natio­nal­so­zia­lis­mus gebräuch­li­che Abschot­tungs­bild, als wäre Sicher­heit nur durch her­me­ti­sche Tren­nung zu haben. „Volks­kör­per“ stammt aus dem bio­lo­gis­ti­schen Arse­nal, das im NS zur Legi­ti­ma­ti­on von Aus­gren­zung, Gewalt und Mas­sen­mord dien­te. Mit sol­chen Chif­fren wird Zuge­hö­rig­keit eth­ni­siert, Poli­tik zur Säu­be­rung, Här­te zur Not­wen­dig­keit. Kickl bestrei­tet die Absicht, doch sei­ne Spra­che ver­schiebt den Rah­men: erst die Nor­ma­li­sie­rung der Begrif­fe, dann die Nor­ma­li­sie­rung der Maßnahmen.

Rhetorik als Taktik: Taktgeber, Trigger, Teflon

Kick­ls Auf­tritt ist streng getak­tet: kur­ze, schnei­den­de Sät­ze, ent­wer­ten­des Grin­sen („da muss ich lachen“) bei unbe­que­men Daten, häu­fi­ge Anre­den („Herr Web­ho­fer, Moment ein­mal…“) mit gou­ver­nan­ten­haft erho­be­nem Zei­ge­fin­ger zur Gesprächs­do­mi­nanz, Wie­der­ho­lun­gen als Stil­mit­tel, die wie Stem­pel wir­ken („Das ist wich­tig. Das ist wich­tig.“).

Inhalt­lich domi­nie­ren ein­fa­che Kau­sal­ge­schich­ten: Teue­rung = wegen der „Kri­mi­na­li­sie­rung von CO₂“, hohe Strom­rech­nun­gen = wegen des „hals­bre­che­ri­schen“ Erneu­er­ba­ren-Aus­baus, Bud­get­de­fi­zit = „För­der­un­we­sen“. Auf Nach­fra­ge nach Zah­len und Gegen­fi­nan­zie­rung fol­gen het­zen­de Trig­ger­lis­ten (Asyl, EU, Ukrai­ne) statt beleg­ba­rer Rechen­we­ge. Dazu kommt die Mili­ta­ri­sie­rung des Tons:„Befrei­ungs­schlag“, „Gene­ral­mo­bil­ma­chung“, „gor­di­schen Kno­ten durch­schla­gen“ – Voka­beln, die Dring­lich­keit sug­ge­rie­ren, wo ein eige­nes, rea­li­täts­taug­li­ches poli­ti­sches Pro­gramm fehlt. Kickl per­formt als fleisch­ge­wor­de­ne Tef­lon­pfan­ne, an der jeg­li­cher Ver­such einer belast­ba­ren Kon­kre­ti­sie­rung abrinnt.

Scheinlösungen: Was bleibt den „kleinen Leuten“ wirklich?

Für jene, mit denen sich Kickl rhe­to­risch gemein macht – die klei­nen Leu­te –, bleibt die Bilanz mager. Strom­preis­de­ckel? Teu­er und tem­po­rär. Null-Mehr­wert­steu­er auf Grund­nah­rungs­mit­tel? Klingt gut, ver­si­ckert in Lie­fer­ket­ten und ist nicht ziel­ge­nau. Lohn­ne­ben­kos­ten sen­ken? Kos­tet Mil­li­ar­den, die er nicht seri­ös gegen­fi­nan­ziert. „Zurück zu rus­si­schem Pipe­lin­e­gas“? Poli­tisch und tech­nisch unrea­lis­tisch. Was real wäre: etwa ziel­ge­naue Wohn- und Heiz­kos­ten­zu­schüs­se, armuts­fes­te Kin­der­grund­si­che­rung, leist­ba­re Öffis, star­ke Pfle­ge­fi­nan­zie­rung, Inves­ti­tio­nen in ther­mi­sche Sanie­rung mit sozia­ler Staf­fe­lung. Dazu lie­fert Kickl im Som­mer­ge­spräch kei­ne trag­fä­hi­ge Agen­da – nur Mär­chen vom gro­ßen Kno­ten, der angeb­lich mit einem Hieb zu lösen sei.

Rolle und Lebenswirklichkeit: „Einer von euch“ – wirklich?

Kickl ist seit Jahr­zehn­ten Berufs­po­li­ti­ker ohne jeg­li­che abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung und ver­dient als FPÖ-Klub­ob­mann einen gesetz­lich fixier­ten Monats­be­zug an der Spit­ze der Bezü­ge­py­ra­mi­de – über 16.000 Euro brut­to plus Son­der­zah­lun­gen. Das ist per se nicht ver­werf­lich. Es wider­spricht aber der Pose des pre­kä­ren „Wir“, das er rhe­to­risch auf­ruft, und es ver­schärft die Fra­ge nach Sub­stanz: Wer so weit von den Bud­gets vie­ler Haus­hal­te ent­fernt lebt, soll­te umso genau­er erklä­ren, wie sei­ne Vor­schlä­ge tat­säch­lich durch­fi­nan­ziert und wirk­sam sind. Das bleibt Kickl schul­dig und plat­ziert ihn dort, wo er wirk­lich steht: Kei­ner von Euch!

Parteitag als Bühnenbau

Nina Horac­zek beschreibt im „Fal­ter“ (10.9.25) zum bevort­sehen­den FPÖ-Par­tei­tag eine straff geführ­te Insze­nie­rung und die Ver­dich­tung „patrio­ti­scher“ Alli­an­zen – aus­ge­rech­net mit dem völ­lig außer Rand und Band gera­te­nen Trump und sei­nen Lakai­en, die die USA als faschis­ti­sches Mons­trum eta­blie­ren. Das Kickl-Som­mer­ge­spräch lie­fert die sprach­li­che Grun­die­rung: iden­ti­tä­re Schlüs­sel­wör­ter, völ­ki­sche Anklän­ge, anti-media­le Selbst­er­mäch­ti­gung und der Mythos der gro­ßen Erlö­sung, die der­zeit nur am „Sys­tem“ scheitere.

Ein Leit­an­trag für den Par­tei­tag Ende Sep­tem­ber mar­kiert die Stoß­rich­tung: Es gehe gegen „ poli­ti­sche Eli­ten, ideo­lo­gi­sche Netz­wer­ke und supra­na­tio­na­le Struk­tu­ren“ – Begrif­fe, die Kon­kre­tes, Belast­ba­res ver­wi­schen, aber die „inne­ren“ Fein­de so pau­schal defi­nie­ren, dass die wie eine Müll­hal­de fun­gie­ren, auf der jede/r und alles Platz fin­det, was gera­de ärgert oder nicht oppor­tun erscheint.

Vom Trailer zum Film: das Sommergespräch als Lehrstück

Die­ses Som­mer­ge­spräch taugt als Lehr­stück. Nicht, weil dar­in ori­gi­nel­le Ideen ste­cken, son­dern weil es zeigt, wie ein libe­ra­les Gemein­we­sen Schritt für Schritt demon­tiert wer­den kann: zuerst die Spra­che, dann die Regeln. Erst „Euch allen“ im Sel­fie, dann „Remi­gra­ti­on“ im Stu­dio. Erst Bezie­hung, dann Abgren­zung. Erst der Trai­ler, dann der Film.

➡️ derstandard.at (9.9.25): Fak­ten­check: Was ist dran an Kick­ls Spar-Ideen?

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