Authentizitätstheater als Vorspiel zur Konfrontation
Herbert Kickl eröffnete den Sonntag vor dem ORF-Sommergespräch mit einem übernahen, unvorteilhaften Handyselfie: Frontkamera, harte Nähe, ungleichmäßiges Licht, unfrisiert, unperfekte Zähne, neutraler Hintergrund, T‑Shirt: Das kodiert „ungefiltert“, „authentisch” und „normaler Mensch“. Genau diese Unpoliertheit signalisiert: Ich bin kein „inszenierter Eliten-Politiker“, sondern einer von euch. Es ist die klassische „No-filter“-Ästhetik, die im rechten Campaigning seit Jahren gespielt wird. Dazu passend der kurze, nur scheinbar unpolitische Text: „Guten Morgen Euch allen und einen schönen Sonntag!“

Das wirkt zufällig, ist es aber nicht. Solche Bilder simulieren Nähe, wärmen den Kommentarbereich an und immunisieren die eigene Community emotional, bevor am nächsten Tag die harte Freund-Feind-Erzählung serviert wird. Erst „Euch allen“, dann „Remigration“, „Festung Österreich“ und schließlich der „österreichische Volkskörper“, in den mit der Fluchtbewegung 2015 „eine Wunde geschlagen“ worden sei, die bis heute „weh [tut] in allen Bereichen“. Genau diese Sequenz offenbart die Strategie.
Delegitimieren und Aufwerten: Die Bühne und der Anti-Kompromiss
Im Gespräch spielt Kickl den kompromisslosen Erneuerer. „Es gibt eine Menge von neuen Kanälen, wo man Kommunikation betreiben kann, ohne (…) die Fernsehstudios abzuklappern“, erklärt er dem Interviewer – und entwertet damit die Bühne, auf der er gerade sitzt. Parallel adelt er seine Unversöhnlichkeit zur Tugend: „Jemand, der wenig kompromissbereit ist, (…) der zu seinen Grundsätzen steht.“ In einer Demokratie ist der Kompromiss das Funktionsprinzip. Wer ihn systematisch als Verrat abwertet und die Konkurrenz zum amorphen „System“ verschmiert, bereitet nicht Regierungsfähigkeit vor, sondern Dauerkonflikt und die moralische Entwertung aller, die nicht zur eigenen Gemeinschaft gezählt werden.
Codes: Gewaltbegriffe als Normalisierungsstrategie
Die Wortwahl ist Code. „Remigration“ ist der Schlüsselbegriff des identitären Milieus für die massenhafte Entfernung Unerwünschter. „Festung“ reaktiviert das auch im Nationalsozialismus gebräuchliche Abschottungsbild, als wäre Sicherheit nur durch hermetische Trennung zu haben. „Volkskörper“ stammt aus dem biologistischen Arsenal, das im NS zur Legitimation von Ausgrenzung, Gewalt und Massenmord diente. Mit solchen Chiffren wird Zugehörigkeit ethnisiert, Politik zur Säuberung, Härte zur Notwendigkeit. Kickl bestreitet die Absicht, doch seine Sprache verschiebt den Rahmen: erst die Normalisierung der Begriffe, dann die Normalisierung der Maßnahmen.
Rhetorik als Taktik: Taktgeber, Trigger, Teflon
Kickls Auftritt ist streng getaktet: kurze, schneidende Sätze, entwertendes Grinsen („da muss ich lachen“) bei unbequemen Daten, häufige Anreden („Herr Webhofer, Moment einmal…“) mit gouvernantenhaft erhobenem Zeigefinger zur Gesprächsdominanz, Wiederholungen als Stilmittel, die wie Stempel wirken („Das ist wichtig. Das ist wichtig.“).
Inhaltlich dominieren einfache Kausalgeschichten: Teuerung = wegen der „Kriminalisierung von CO₂“, hohe Stromrechnungen = wegen des „halsbrecherischen“ Erneuerbaren-Ausbaus, Budgetdefizit = „Förderunwesen“. Auf Nachfrage nach Zahlen und Gegenfinanzierung folgen hetzende Triggerlisten (Asyl, EU, Ukraine) statt belegbarer Rechenwege. Dazu kommt die Militarisierung des Tons:„Befreiungsschlag“, „Generalmobilmachung“, „gordischen Knoten durchschlagen“ – Vokabeln, die Dringlichkeit suggerieren, wo ein eigenes, realitätstaugliches politisches Programm fehlt. Kickl performt als fleischgewordene Teflonpfanne, an der jeglicher Versuch einer belastbaren Konkretisierung abrinnt.
Scheinlösungen: Was bleibt den „kleinen Leuten“ wirklich?
Für jene, mit denen sich Kickl rhetorisch gemein macht – die kleinen Leute –, bleibt die Bilanz mager. Strompreisdeckel? Teuer und temporär. Null-Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel? Klingt gut, versickert in Lieferketten und ist nicht zielgenau. Lohnnebenkosten senken? Kostet Milliarden, die er nicht seriös gegenfinanziert. „Zurück zu russischem Pipelinegas“? Politisch und technisch unrealistisch. Was real wäre: etwa zielgenaue Wohn- und Heizkostenzuschüsse, armutsfeste Kindergrundsicherung, leistbare Öffis, starke Pflegefinanzierung, Investitionen in thermische Sanierung mit sozialer Staffelung. Dazu liefert Kickl im Sommergespräch keine tragfähige Agenda – nur Märchen vom großen Knoten, der angeblich mit einem Hieb zu lösen sei.
Rolle und Lebenswirklichkeit: „Einer von euch“ – wirklich?
Kickl ist seit Jahrzehnten Berufspolitiker ohne jegliche abgeschlossene Ausbildung und verdient als FPÖ-Klubobmann einen gesetzlich fixierten Monatsbezug an der Spitze der Bezügepyramide – über 16.000 Euro brutto plus Sonderzahlungen. Das ist per se nicht verwerflich. Es widerspricht aber der Pose des prekären „Wir“, das er rhetorisch aufruft, und es verschärft die Frage nach Substanz: Wer so weit von den Budgets vieler Haushalte entfernt lebt, sollte umso genauer erklären, wie seine Vorschläge tatsächlich durchfinanziert und wirksam sind. Das bleibt Kickl schuldig und platziert ihn dort, wo er wirklich steht: Keiner von Euch!
Parteitag als Bühnenbau
Nina Horaczek beschreibt im „Falter“ (10.9.25) zum bevortsehenden FPÖ-Parteitag eine straff geführte Inszenierung und die Verdichtung „patriotischer“ Allianzen – ausgerechnet mit dem völlig außer Rand und Band geratenen Trump und seinen Lakaien, die die USA als faschistisches Monstrum etablieren. Das Kickl-Sommergespräch liefert die sprachliche Grundierung: identitäre Schlüsselwörter, völkische Anklänge, anti-mediale Selbstermächtigung und der Mythos der großen Erlösung, die derzeit nur am „System“ scheitere.
Ein Leitantrag für den Parteitag Ende September markiert die Stoßrichtung: Es gehe gegen „ politische Eliten, ideologische Netzwerke und supranationale Strukturen“ – Begriffe, die Konkretes, Belastbares verwischen, aber die „inneren“ Feinde so pauschal definieren, dass die wie eine Müllhalde fungieren, auf der jede/r und alles Platz findet, was gerade ärgert oder nicht opportun erscheint.
Vom Trailer zum Film: das Sommergespräch als Lehrstück
Dieses Sommergespräch taugt als Lehrstück. Nicht, weil darin originelle Ideen stecken, sondern weil es zeigt, wie ein liberales Gemeinwesen Schritt für Schritt demontiert werden kann: zuerst die Sprache, dann die Regeln. Erst „Euch allen“ im Selfie, dann „Remigration“ im Studio. Erst Beziehung, dann Abgrenzung. Erst der Trailer, dann der Film.
➡️ derstandard.at (9.9.25): Faktencheck: Was ist dran an Kickls Spar-Ideen?
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