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Lesezeit: 6 Minuten

Der außerordentliche Professor Höbelt

Wie erträg­lich ist es, wenn jemand vom „soge­nann­ten Holo­caust“ spricht? Oder dass die Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus nur eine „für ganz weni­ge, die im Gefäng­nis saßen“, aber für „uns Deut­sche“ eine Nie­der­la­ge gewe­sen sei? Wie akzep­ta­bel ist es, wenn so jemand als öster­rei­chi­scher His­to­ri­ker an einer öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tät lehrt?

23. Juni 2020
Protest bei der Vorlesung von Lothar Höbelt an der UniWien (Presseservice Wien, 3.12.19)
Protest bei der Vorlesung von Lothar Höbelt an der UniWien (Presseservice Wien, 3.12.19)

Immer­hin, es gibt hier­zu­lan­de ver­mut­lich nicht vie­le aktu­ell an einer Uni­ver­si­tät akti­ve His­to­ri­ke­rIn­nen, gegen die ein­mal wegen des Ver­dachts auf natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Wie­der­be­tä­ti­gung ermit­telt wur­de. Lothar Höbelt hat das geschafft, was wenig bekannt ist. Das hat ihm jedoch nicht wei­ter gescha­det. Er wird medi­al und bei Ver­an­stal­tun­gen her­um­ge­reicht, der Herr Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor, der ein außer­or­dent­li­cher ist, in zwei­fa­cher Hin­sicht: Höbelt ist ao. Univ.-Prof., was er einer Ernen­nung durch die Uni­ver­si­tät Wien zu ver­dan­ken hat. Ein Beru­fungs­ver­fah­ren muss­te er dazu nicht durch­lau­fen. Außer­or­dent­lich ist auch weni­ger, was Höbelt im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te geleis­tet hat, son­dern viel­mehr das, was er sich geleis­tet hat.

Aber viel­leicht erklä­ren die Ermitt­lun­gen gegen ihn auch sei­ne all­er­gi­sche Hal­tung zum Ver­bots­ge­setz? „Jeder, der sich als libe­ral ein­stuft, weist dar­auf hin, dass das Ver­bots­ge­setz in einer Demo­kra­tie sys­tem­wid­rig ist, weil es der Mei­nungs­frei­heit wider­spricht“, wird Höbelt 2010 zitiert. (1) Das ist doch außer­or­dent­lich, wenn ein Wis­sen­schaf­ter, der doch einer gewis­sen Fak­ten­treue ver­pflich­tet wäre, etwa die Leug­nung des Holo­caust oder jener zur Schuld am Zwei­ten Welt­krieg als „Mei­nung“ bezeichnet.

Und damit wären wir im Jahr 1995: Höbelt hat­te zusam­men mit Andre­as Möl­zer für die FPÖ-Par­tei­aka­de­mie das „Jahr­buch für poli­ti­sche Erneue­rung“ (2) her­aus­ge­ge­ben. Dar­in ent­hal­ten ist ein Bei­trag des Poli­to­lo­gen Wer­ner Pfei­fen­ber­ger (3). Zita­te daraus:

„Der wech­sel­sei­ti­ge Haß saß so tief, daß ‚Judea’ in der bri­ti­schen Tages­zei­tung ‚Dai­ly Express’ bereits am 24. März 1933, also kurz nach Amts­an­tritt der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regie­rung, nicht nur die­ser, son­dern ganz Deutsch­land den Krieg erklärte.” 

„Gemäß den Ergeb­nis­sen der letz­ten frei­en Reichs­tags­wahl im März 1933 dach­te die Mehr­zahl der Deut­schen damals immer­hin noch nicht natio­nal­so­zia­lis­tisch, wur­de aber gleich­wohl aber in die jüdi­sche Kriegs­dro­hung mit ein­ge­schlos­sen.“ (4)

„Die­ser Krieg brach nicht im Sep­tem­ber 1939 aus und ende­te nicht im Mai 1945. Er ist viel älter und wird als all­ge­gen­wär­ti­ger Nach­kriegs­krieg bis zum heu­ti­gen Tage aus­ge­tra­gen.“ (5)

Die Juden sol­len es also gewe­sen sein, die Deutsch­land, den angeb­lich nicht ein­mal natio­nal­so­zia­lis­tisch den­ken­den Deut­schen den Krieg erklärt hat­ten. Ken­nen wir doch von irgend­wo­her! Das brach­te Pfei­fen­ber­ger fol­ge­rich­tig eine Anzei­ge nach dem Ver­bots­ge­setz ein und ihm, Höbelt und Möl­zer Ermitt­lun­gen durch die Staats­an­walt­schaft (vgl. APA, 22.5. 2000). Und dem Jour­na­lis­ten Karl Pfei­fer, der dem Autor vor­warf, „Nazi-Töne“ zu spu­cken, eine Kla­ge durch Pfei­fen­ber­ger, die der Klä­ger in allen Instan­zen verlor.

All dies ist längst akten­kun­dig und gerichts­no­to­risch. Das Lan­des­ge­richt Wien hat bereits am 6. Okto­ber 1980 fest­ge­hal­ten, dass die Behaup­tung der jüdi­schen Kriegs­er­klä­rung sowie die Leug­nung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­ant­wor­tung für den Zwei­ten Welt­krieg als ‚Schreib­wei­se in natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Sinn’ zu wer­ten sei. Der angeb­li­che Poli­to­lo­ge Pfei­fen­ber­ger bewegt sich mit sei­nen The­sen also auf einem gefähr­li­chen Grat.(6)

Den­noch, die ers­ten Ermitt­lun­gen gegen das Jahr­buch-Trio wur­den ein­ge­stellt, jene gegen Pfei­fen­ber­ger im Jahr 1999 jedoch wie­der auf­ge­nom­men. Und die führ­ten zu einer rechts­kräf­ti­gen Ankla­ge. Kurz vor dem Pro­zess soll Pfei­fen­ber­ger, dem zuvor schon sei­ne Lehr­be­fug­nis an der Fach­hoch­schu­le Müns­ter ent­zo­gen wor­den war, Selbst­mord ver­übt haben, wor­auf es zu wil­den Vor­wür­fen (Pfei­fer habe Pfei­fen­ber­ger in den Tod getrie­ben) und Ver­schwö­rungs­theo­rien (Zwei­fel an der Selbst­mord­ver­si­on) aus der rechts­extre­men Ecke kam.

Jahrbuch 1995 antiquarisch zu erweben, Kommentar des Verkäufers: "! BRAUNER MIST ! - Wird nur an nachweislich wissenschaftlich Interessierte abgegeben - nicht an neofaschistische Hohlköpfe." (Screenshot zvab.com)
Jahr­buch 1995 anti­qua­risch zu erwer­ben, Kom­men­tar des Ver­käu­fers: „! BRAUNER MIST ! — Wird nur an nach­weis­lich wis­sen­schaft­lich Inter­es­sier­te abge­ge­ben — nicht an neo­fa­schis­ti­sche Hohl­köp­fe.” (Screen­shot zvab.com)

Wo Höbelt ideo­lo­gisch ver­or­tet ist, war und ist bekannt, seit er öffent­lich durch Publi­ka­tio­nen und Auf­trit­te in Erschei­nung getre­ten ist. Aber das, sei­ne Her­aus­ge­ber­schaft, die nach­fol­gen­den Ermitt­lun­gen haben die Uni­ver­si­tät Wien offen­bar nicht wei­ter gestört, im Gegen­teil: Sie hat Höbelt 1997 zum außer­or­dent­li­chen Pro­fes­sor ernannt.

Höbelt laviert wie ein Cha­mä­le­on durch die poli­ti­schen Strö­mun­gen, die sich Rich­tung rech­ter Rand ori­en­tie­ren – mal als „Natio­nal­li­be­ra­ler“, als „Deutsch­na­tio­na­ler“ bis zum har­ten rechts­extre­men und auch (neo)nazistischen Kern. „Höbelt ist seit Jahr­zehn­ten regel­mä­ßig bei rechts­ra­di­ka­len Tagun­gen zu sehen. Er publi­ziert in revi­sio­nis­ti­schen Zeit­schrif­ten und Ver­la­gen. Genau­so lan­ge schon sit­zen Stu­die­ren­de mit ‚Nazi raus’-Plakaten in sei­nen Vor­le­sun­gen und war­ten, bis Höbelt ein­mal zu weit geht. Doch das pas­siert nicht.“, schreibt das pro­fil (5/26.1.20, S. 23).

Protest bei Höbelts Vorlesung am 3.12.2019 (© Presseservice Wien)
Pro­test bei Höbelts Vor­le­sung am 3.12.2019 (© Pres­se­ser­vice Wien)

War­ten, bis Höbelt ein­mal zu weit geht? Im April 2005 war er – wie oft davor und danach – Gast bei einer rechts­extre­men Ver­an­stal­tung, damals bei der Bur­schen­schaft Bri­xia Inns­bruck. Anlass: Der 8. Mai, den die Dis­ku­tan­ten – neben Höbelt der einst ideo­lo­gisch unver­bes­ser­li­che ehe­ma­li­ge SA-Sturm­füh­rer Otto Scrin­zi sowie der Ver­le­ger von NS-Lite­ra­tur Her­bert Fleiss­ner – uni­so­no als Tag der Nie­der­la­ge betrauerten.

Hier zwei Zeitungsmeldungen:

Die bei­den Zeit­zeu­gen brei­te­ten ihre Erin­ne­run­gen aus, von Gräu­el­ta­ten der Nazis hät­ten sie bis Kriegs­en­de nichts gewusst. Scrin­zi will bei der The­se vom ‚gerech­ten Krieg’ blei­ben, so lan­ge ihn nicht wis­sen­schaft­li­che Fak­ten vom Gegen­teil über­zeu­gen wür­den. Das ‚Bild der Sie­ger über­neh­men, wäre falsch.’ Die Haupt­ar­beit revi­sio­nis­ti­scher Betrach­tun­gen blieb Höbelt über­las­sen. Etwa gel­te ‚Befrei­ung’ nur „für ganz weni­ge, die aus den Gefäng­nis­sen befreit wur­den”, ansons­ten sei der „Zusam­men­bruch” für „uns Deut­sche” eine Nie­der­la­ge gewe­sen. (derstandard.at, 21.4.05)

Wäh­rend drau­ßen die Demons­tran­ten gegen das Fens­ter pum­pern, erzählt Höbelt vom „Begriff der ‚Befrei­ung’, der immer rela­tiv ist”. Der trai­nier­te Red­ner im Trach­ten­jan­cker wirft als Rand­be­mer­kung ein, „es ist eine gute Idee, dass wir wei­ter­hin einen wei­ßen Papst haben”. „Bra­vo!”, sagt Fleiss­ner, klopft mit den Fin­ger­ge­len­ken auf den Tisch — und der Saal klopft mit. (…) Höbelt spricht vom „so genann­ten Holo­caust”, über­gibt das Wort an Scrin­zi. Die­ser erzählt „von die­sem schreck­li­chen 8. Mai”; die Nie­der­la­ge habe ihn tief getrof­fen. Fleiss­ner sagt, er habe an jenem Tag geheult. Von Buchen­wald, Dach­au, Maut­hau­sen und Ein­satz­grup­pen habe Scrin­zi so gut wie nichts gewusst. „Nur von mei­nem Leh­rer wuss­te ich, dass er in Dach­au saß. Und ich war froh dar­über.” (Tiro­ler Tages­zei­tung, 21.4.05, S. 5)

Der „so genann­te Holo­caust“ – Offen­bar ist Höbelt selbst hier nicht weit genug gegan­gen, sonst hät­te sich 15 Jah­re danach und zugleich min­des­tens 15 Jah­re zu spät das Insti­tut für Geschich­te an der Wie­ner Uni­ver­si­tät nach iden­ti­tä­rem „Saal­schutz“ für Höbelts Vor­le­sung nicht die­se Distan­zie­rung abrin­gen müs­sen: „Vor allem öster­rei­chi­sche Uni­ver­si­tä­ten sind in der Ver­pflich­tung, der schlei­chen­den Nor­ma­li­sie­rung von rechts­extre­men Gedan­ken­gut ent­ge­gen­zu­tre­ten. Rechts­extre­men Auf­tre­ten sei­tens der Hörer*innen darf in Hör­sä­len nicht noch­mals eine Büh­ne gebo­ten wer­den.“ Aber scheint ja alles in rech­ter Ord­nung zu sein, solan­ge der außer­or­dent­li­che Pro­fes­sor selbst noch wei­ter auf­tre­ten darf.

Protest bei Höbelts Vorlesung am 3.12.2019 (© Presseservice Wien)
Pro­test bei Höbelts Vor­le­sung am 3.12.2019 (© Pres­se­ser­vice Wien)

Quel­len

1 zitiert nach „Ist das NS-Ver­bots­ge­setz noch zeit­ge­mäß?“, unter: https://oe1.orf.at/artikel/216438/Ist-das-NS-Verbotsgesetz-noch-zeitgemaess (abge­ru­fen am 4.2.20).
2 Lothar Höbelt, Andre­as Möl­zer, Bri­git­te Sob (Hg.), Frei­heit und Ver­ant­wor­tung. Jahr­buch für poli­ti­sche Erneue­rung 1995, Eigen­ver­lag, Frei­heit­li­ches Bil­dungs­werk, Poli­ti­sche Aka­de­mie der FPÖ, Wien 1994.
3 ebda.: Wer­ner Pfei­fen­ber­ger, Inter­na­tio­na­lis­mus gegen Natio­na­lis­mus — eine unend­li­che Tod­feind­schaft? Geschicht­li­cher Wer­de­gang und heu­ti­ge Gestalt.
4 zitiert nach Karl Pfei­fer, Die Fol­gen von 1995: Frei­heit­li­ches Jahr­buch mit Nazi-Tönen, unter: http://www.hagalil.com/archiv/2001/03/pfeifer.htm (abge­ru­fen am 4.2.20).
5 zitiert nach Andre­as Kol­ler, Sind die Juden schuld an Welt­krieg und Holo­caust, in: Salz­bur­ger Nach­rich­ten 24.5.1995
6 ebda.

Andreas Koller: Sind die Juden schuld an Weltkrieg und Holocaust, in: Salzburger Nachrichten 24.5.1995 (aus einer parlamentarischen Anfrage betreffend das freiheitliche "Jahrbuch für politische Erneuerung 1995" und der Verdacht des Verstoßes gegen das NS-Verbotsgesetz)
Andre­as Kol­ler: Sind die Juden schuld an Welt­krieg und Holo­caust, in: Salz­bur­ger Nach­rich­ten 24.5.1995 (aus einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge betref­fend das frei­heit­li­che „Jahr­buch für poli­ti­sche Erneue­rung 1995” und der Ver­dacht des Ver­sto­ßes gegen das NS-Verbotsgesetz)

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