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Lesezeit: 4 Minuten

Nordirland: Pogromstimmung per Klick

Ein Mes­ser­an­griff in Bel­fast war am 9. Juni in Nord­ir­land der Anlass für ras­sis­ti­sche Gewalt­ex­zes­se gegen migran­ti­sche Com­mu­ni­ties. Mas­kier­te Män­ner grif­fen Häu­ser an, leg­ten Brän­de, zer­stör­ten Fahr­zeu­ge und ver­brei­te­ten in Wohn­vier­teln Angst. Rechts­extre­me Social-Media-Accounts erzeug­ten aus einem Straf­fall bin­nen Stun­den Pogrom­stim­mung und eine inter­na­tio­na­le Kam­pa­gne gegen Migrant:innen. Mit­ten drin­nen: Marin Sellner.

11. Juni 2026
Pogromstimmung in Nordirland (Screenshot Video, 9.6.26; Quelle unbekannt)
Pogromstimmung in Nordirland (Screenshot Video, 9.6.26; Quelle unbekannt)

Ein Angriff, ein Video, ein Mob

Am Abend des 8. Juni kam es in Nord-Bel­fast zu einem schwe­ren Mes­ser­an­griff. Die Poli­ce Ser­vice of Nor­t­hern Ire­land (PSNI), also die nord­iri­sche Poli­zei, nahm einen Mann aus dem Sudan fest. Spä­ter wur­de er wegen ver­such­ten Mor­des ange­klagt. Die PSNI (9.6.26) teil­te mit, dass es zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Hin­wei­se auf einen ter­ro­ris­ti­schen Hin­ter­grund gebe.

Das Video des Angriffs wur­de auf X ver­brei­tet. Die PSNI warn­te vor dem Tei­len der Auf­nah­me, weil dies Ange­hö­ri­ge wei­ter trau­ma­ti­sie­ren und Ermitt­lun­gen gefähr­den kön­ne. Rechts­extre­me Accounts nutz­ten das Video trotz­dem als Mobi­li­sie­rungs­ma­te­ri­al. Aus einer Tat wur­de – ein­mal mehr –eine Erzäh­lung über „Mas­sen­ein­wan­de­rung“, „Gren­zen“ und kol­lek­ti­ve Schuld konstruiert.

Häuser brannten, Familien flohen

In Bel­fast schlu­gen die Pro­test­auf­ru­fe am Diens­tag­abend in rohe Gewalt um. Hor­den von mas­kier­ten Män­nern setz­ten Häu­ser und Autos in Brand. Eine Fami­lie muss­te aus einem bren­nen­den Haus geret­tet wer­den. Der Guar­di­an (9.6.26)doku­men­tier­te einen Angriff nahe der Shan­kill Road: Mas­kier­te Män­ner bra­chen in ein Haus ein, wäh­rend eine Frau aus einem Fens­ter im obe­ren Stock blick­te. In der Nähe stand „local homes for local peo­p­le“ („ein­hei­mi­sche Häu­ser für Ein­hei­mi­sche“) an einer Wand. Auch ein Auto­bus, PKWs, Müll­ton­nen und wei­te­re Häu­ser wur­den in Brand gesetzt.

THERE IS AN ACTIVE POGROM IN NORTHERN IRELAND. FASCISTS IN SKULL MASKS ARE GOING DOOR TO DOOR PULLING MIGRANTS OUT OF THEIR HOMES AND SETTING THEM ON FIRE.

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— Ale­jan­dra Cara­bal­lo (@esqueer.net) 10. Juni 2026 um 04:27

X als Zündelwerkstatt

The Jour­nal (10.6.26) rekon­stru­ier­te, wie Pro­test­lis­ten, Stra­ßen­sper­ren, KI-Bil­der und Gewalt­fan­ta­sien schon vor den Aus­schrei­tun­gen kur­sier­ten. Ein Auf­ruf über X des bri­ti­schen Neo­na­zis Tom­my Robin­son (kor­rek­ter Name: Ste­phen Yax­ley-Len­non) inklu­si­ve einer Lis­te von kon­kre­ten Zusam­men­rot­tungs­or­ten erhielt 9,4 Mil­lio­nen Reich­wei­te. Elon Musk teil­te den Auf­ruf und schrieb: „Only by pro­test­ing REPEATEDLY and LOUDLY will the­re be any chan­ge!!“ („Nur durch wie­der­hol­tes und lau­tes Pro­tes­tie­ren wird sich etwas ändern!!“). Die­ser Musk-Tweet kam auf sie­ben Mil­lio­nen Auf­ru­fe. Und Musk setz­te – wie Robin­son – noch mehr­mals mit auf­put­schen­den Pos­tings nach. Wer durch X scrollt, kann live zuse­hen, wie eine Zün­del­werk­statt funktioniert.

Nord­ir­lands Jus­tiz­mi­nis­te­rin sprach von „bad faith actors“ („Akteu­ren in böser Absicht“), die Angst in Ras­sis­mus umlen­ken wür­den. Sie sag­te: „If you’re dri­ving peo­p­le from their homes based on the colour of their skin, you can’t dress that up any other way – it’s racism“ („Wenn man Men­schen wegen ihrer Haut­far­be aus ihren Häu­sern treibt, kann man das auf kei­ne ande­re Wei­se ver­klei­den – es ist Ras­sis­mus“) (theguardian.com, 10.6.26).

Sellners Freibrief für Gewalt

Mar­tin Sell­ner nutzt Bel­fast, um Gewalt zugleich zu ver­harm­lo­sen, zu legi­ti­mie­ren und als Dro­hung an die Mehr­heits­ge­sell­schaft umzu­deu­ten. In einem Tweet bezeich­ne­te er die Aus­schrei­tun­gen als „most­ly peaceful demons­tra­ti­ons“ („über­wie­gend fried­li­che Demons­tra­tio­nen“), wäh­rend er ein Bild eines bren­nen­den Hau­ses anhäng­te. Die Bild-Text-Kom­bi­na­ti­on trans­por­tiert die Bot­schaft: Das bren­nen­de Haus steht als Ein­schüch­te­rungs­si­gnal, der Text lie­fert dazu die poli­ti­sche Erpres­sung. Bel­fast sei nur ein „trai­ler“ für das, was pas­sie­ren wer­de, falls das „ins­a­ne social expe­ri­ment“ („ver­rück­te sozia­le Expe­ri­ment“) Migra­ti­on wei­ter­ge­he. Am Ende ver­dich­tet Sell­ner die­se Dro­hung zur For­mel: „Remi­gra­ti­on or civil war. Your choice“ („Remi­gra­ti­on oder Bür­ger­krieg. Dei­ne Wahl“).

Martin Sellner: "Bürgerkrieg oder Remigration. Deine Wahl" (X 10.6.26)
Mar­tin Sell­ner: „Bür­ger­krieg oder Remi­gra­ti­on. Dei­ne Wahl” (X 10.6.26)

Sell­ner macht – kei­nes­wegs zum ers­ten Mal – aus ras­sis­ti­scher Gewalt ein poli­ti­sches Argu­ment: Wenn Häu­ser bren­nen, soll das als Vor­griff auf einen angeb­lich kom­men­den Bür­ger­krieg gele­sen wer­den. Wer die­sen ver­hin­dern wol­le, müs­se Sell­ners Depor­ta­ti­ons­kon­zept akzep­tie­ren. Die Täter ver­schwin­den dabei hin­ter einer Natur­ka­ta­stro­phen­lo­gik: Gewalt erscheint als fast zwangs­läu­fi­ge Fol­ge von Migra­ti­on, wäh­rend er die rechts­extre­me Mobi­li­sie­rung mit den Vide­os, Auf­ru­fen und Feind­bil­dern ver­schwin­den lässt. Bel­fast dient ihm als inter­na­tio­nal anschluss­fä­hi­ges Sym­bol, das er mit dem Fall Hen­ry Nowak, den ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen nach dem Mes­ser­an­griff von South­port 2024 und sei­nem Dau­er­the­ma „Remi­gra­ti­on“ zu einer euro­päi­schen Bedro­hungs­er­zäh­lung verknüpft.

Altes Muster, neue Geschwindigkeit

Nord­ir­land ist für ras­sis­ti­sche Mobi­li­sie­rung beson­ders anfäl­lig. Reu­ters (10.6.26) ver­weist auf Poli­zei­sta­tis­ti­ken: In den zwölf Mona­ten bis März 2026 wur­den 2.367 ras­sis­ti­sche Vor­fäl­le und 1.507 ras­sis­ti­sche Straf­ta­ten regis­triert, der höchs­te Stand seit Beginn der Auf­zeich­nun­gen 2004/05. Zum Ver­gleich: Vor­fäl­le ent­lang der alten kon­fes­sio­nell-poli­ti­schen Kon­flikt­li­ni­en Nord­ir­lands wur­den im sel­ben Zeit­raum nur 71-mal registriert.

Die aktu­el­le Eska­la­ti­on folgt frü­he­ren Mus­tern. The Jour­nal (10.6.26) erin­nert etwa an Bal­ly­me­na im letz­ten Jahr: Dort lös­ten Vor­wür­fe gegen zwei Roma-Jugend­li­che im Vor­jahr wochen­lang ras­sis­ti­sche Aus­schrei­tun­gen aus – die Ankla­gen wur­den spä­ter fal­len­ge­las­sen. Der Unter­schied liegt in der gestei­ger­ten Geschwin­dig­keit und Reich­wei­te. Rechts­extre­me Accounts brau­chen kei­ner­lei loka­le Ver­an­ke­rung, um ein Vier­tel, eine Stadt zu gefähr­den. Ein Video, ein X‑Posting, Robin­son, ein Musk-Repost und KI-Bil­der rei­chen, damit aus einem Straf­ver­fah­ren ein digi­tal befeu­er­ter Pogrom wird. Und Mobi­lie­rungs­kam­pa­gnen befeu­ern, die weit über einen Vor­falls­ort hinausreichen.

Die Jour­na­lis­tin Regi­na Las­ka schreibt – aus­ge­rech­net – auf X (10.6.26):

Und man muss es so deut­lich sagen: Die­se Leu­te war­nen nicht vor dem Bür­ger­krieg. Sie freu­en sich ins­ge­heim auf ihn. Seit Jah­ren beten ihn man­che her­bei, jede Mes­ser­at­ta­cke wird zur Anzah­lung auf den gro­ßen Tag X, jedes Opfer zum Beleg, dass es „bald los­geht” – und in den Stim­men, die das schrei­ben, liegt kei­ne Angst, son­dern Vor­freu­de. Wer bren­nen­de Bus­se sieht und „end­lich” denkt, will kei­ne siche­ren Stra­ßen. Er will die Erlaub­nis, zuzuschlagen.

Update: Die gewalt­tä­ti­gen Aus­schrei­tun­gen wur­den auch in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni fortgesetzt.

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