Ein Angriff, ein Video, ein Mob
Am Abend des 8. Juni kam es in Nord-Belfast zu einem schweren Messerangriff. Die Police Service of Northern Ireland (PSNI), also die nordirische Polizei, nahm einen Mann aus dem Sudan fest. Später wurde er wegen versuchten Mordes angeklagt. Die PSNI (9.6.26) teilte mit, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund gebe.
Das Video des Angriffs wurde auf X verbreitet. Die PSNI warnte vor dem Teilen der Aufnahme, weil dies Angehörige weiter traumatisieren und Ermittlungen gefährden könne. Rechtsextreme Accounts nutzten das Video trotzdem als Mobilisierungsmaterial. Aus einer Tat wurde – einmal mehr –eine Erzählung über „Masseneinwanderung“, „Grenzen“ und kollektive Schuld konstruiert.
Häuser brannten, Familien flohen
In Belfast schlugen die Protestaufrufe am Dienstagabend in rohe Gewalt um. Horden von maskierten Männern setzten Häuser und Autos in Brand. Eine Familie musste aus einem brennenden Haus gerettet werden. Der Guardian (9.6.26)dokumentierte einen Angriff nahe der Shankill Road: Maskierte Männer brachen in ein Haus ein, während eine Frau aus einem Fenster im oberen Stock blickte. In der Nähe stand „local homes for local people“ („einheimische Häuser für Einheimische“) an einer Wand. Auch ein Autobus, PKWs, Mülltonnen und weitere Häuser wurden in Brand gesetzt.
THERE IS AN ACTIVE POGROM IN NORTHERN IRELAND. FASCISTS IN SKULL MASKS ARE GOING DOOR TO DOOR PULLING MIGRANTS OUT OF THEIR HOMES AND SETTING THEM ON FIRE.
— Alejandra Caraballo (@esqueer.net) 10. Juni 2026 um 04:27
X als Zündelwerkstatt
The Journal (10.6.26) rekonstruierte, wie Protestlisten, Straßensperren, KI-Bilder und Gewaltfantasien schon vor den Ausschreitungen kursierten. Ein Aufruf über X des britischen Neonazis Tommy Robinson (korrekter Name: Stephen Yaxley-Lennon) inklusive einer Liste von konkreten Zusammenrottungsorten erhielt 9,4 Millionen Reichweite. Elon Musk teilte den Aufruf und schrieb: „Only by protesting REPEATEDLY and LOUDLY will there be any change!!“ („Nur durch wiederholtes und lautes Protestieren wird sich etwas ändern!!“). Dieser Musk-Tweet kam auf sieben Millionen Aufrufe. Und Musk setzte – wie Robinson – noch mehrmals mit aufputschenden Postings nach. Wer durch X scrollt, kann live zusehen, wie eine Zündelwerkstatt funktioniert.
Nordirlands Justizministerin sprach von „bad faith actors“ („Akteuren in böser Absicht“), die Angst in Rassismus umlenken würden. Sie sagte: „If you’re driving people from their homes based on the colour of their skin, you can’t dress that up any other way – it’s racism“ („Wenn man Menschen wegen ihrer Hautfarbe aus ihren Häusern treibt, kann man das auf keine andere Weise verkleiden – es ist Rassismus“) (theguardian.com, 10.6.26).
Sellners Freibrief für Gewalt
Martin Sellner nutzt Belfast, um Gewalt zugleich zu verharmlosen, zu legitimieren und als Drohung an die Mehrheitsgesellschaft umzudeuten. In einem Tweet bezeichnete er die Ausschreitungen als „mostly peaceful demonstrations“ („überwiegend friedliche Demonstrationen“), während er ein Bild eines brennenden Hauses anhängte. Die Bild-Text-Kombination transportiert die Botschaft: Das brennende Haus steht als Einschüchterungssignal, der Text liefert dazu die politische Erpressung. Belfast sei nur ein „trailer“ für das, was passieren werde, falls das „insane social experiment“ („verrückte soziale Experiment“) Migration weitergehe. Am Ende verdichtet Sellner diese Drohung zur Formel: „Remigration or civil war. Your choice“ („Remigration oder Bürgerkrieg. Deine Wahl“).

Sellner macht – keineswegs zum ersten Mal – aus rassistischer Gewalt ein politisches Argument: Wenn Häuser brennen, soll das als Vorgriff auf einen angeblich kommenden Bürgerkrieg gelesen werden. Wer diesen verhindern wolle, müsse Sellners Deportationskonzept akzeptieren. Die Täter verschwinden dabei hinter einer Naturkatastrophenlogik: Gewalt erscheint als fast zwangsläufige Folge von Migration, während er die rechtsextreme Mobilisierung mit den Videos, Aufrufen und Feindbildern verschwinden lässt. Belfast dient ihm als international anschlussfähiges Symbol, das er mit dem Fall Henry Nowak, den rassistischen Ausschreitungen nach dem Messerangriff von Southport 2024 und seinem Dauerthema „Remigration“ zu einer europäischen Bedrohungserzählung verknüpft.
Altes Muster, neue Geschwindigkeit
Nordirland ist für rassistische Mobilisierung besonders anfällig. Reuters (10.6.26) verweist auf Polizeistatistiken: In den zwölf Monaten bis März 2026 wurden 2.367 rassistische Vorfälle und 1.507 rassistische Straftaten registriert, der höchste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 2004/05. Zum Vergleich: Vorfälle entlang der alten konfessionell-politischen Konfliktlinien Nordirlands wurden im selben Zeitraum nur 71-mal registriert.
Die aktuelle Eskalation folgt früheren Mustern. The Journal (10.6.26) erinnert etwa an Ballymena im letzten Jahr: Dort lösten Vorwürfe gegen zwei Roma-Jugendliche im Vorjahr wochenlang rassistische Ausschreitungen aus – die Anklagen wurden später fallengelassen. Der Unterschied liegt in der gesteigerten Geschwindigkeit und Reichweite. Rechtsextreme Accounts brauchen keinerlei lokale Verankerung, um ein Viertel, eine Stadt zu gefährden. Ein Video, ein X‑Posting, Robinson, ein Musk-Repost und KI-Bilder reichen, damit aus einem Strafverfahren ein digital befeuerter Pogrom wird. Und Mobilierungskampagnen befeuern, die weit über einen Vorfallsort hinausreichen.
Die Journalistin Regina Laska schreibt – ausgerechnet – auf X (10.6.26):
Und man muss es so deutlich sagen: Diese Leute warnen nicht vor dem Bürgerkrieg. Sie freuen sich insgeheim auf ihn. Seit Jahren beten ihn manche herbei, jede Messerattacke wird zur Anzahlung auf den großen Tag X, jedes Opfer zum Beleg, dass es „bald losgeht” – und in den Stimmen, die das schreiben, liegt keine Angst, sondern Vorfreude. Wer brennende Busse sieht und „endlich” denkt, will keine sicheren Straßen. Er will die Erlaubnis, zuzuschlagen.
Update: Die gewalttätigen Ausschreitungen wurden auch in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni fortgesetzt.
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