Am 4. November präsentierte das Landesamt für Staatsschutz und Extremismusbekämpfung (LSE) Steiermark die Ausbeute einer Hausdurchsuchung in Leoben: mehrere Langwaffen, moderne halbautomatische Gewehre, Pistolen, große Mengen Munition und Messer. Dazu kamen NS-Devotionalien – vom Schild mit dem SS-Motto „Unsere Ehre heißt Treue – Bez. Gruppe Leoben, Kameradschaft IV“ über Hitler-Proklamationen und Dokumente mit Reichsadler und Hakenkreuz bis zu Schnapsflaschen mit Lebensrune, „Der Landser“-Heften und rassistischen Szene-Textilien.
Der Fall beginnt mit einem Konzert der schwedischen Neonazi-Band Pitbullfarm am 25. Jänner 2025. Stoppt die Rechten konnte Anfang Februar offenlegen, dass dieses klandestine Konzert auf einer Anhöhe bei Leoben offenbar unbeobachtet von Polizei und Verfassungsschutz stattfand. Grundlage waren Facebook-Postings der Band („Thank you Styrian Crew, Austria“) und eine Analyse eines Landschaftsfotos, mit der der genaue Ort eingegrenzt werden konnte.
Pitbullfarm ist Teil der internationalen Neonazi-Musikszene. Frontsänger Jocke Karlsson war zuvor unter anderem bei der offen rassistischen Band „Pluton Svea” aktiv und galt als seit Jahren in Blood-&-Honour-Strukturen vernetzt.
Gruppenbild mit Neonazis
Zu dem Leobener Konzert kursierten in den Monaten danach mehrere Fotos in sozialen Medien, darunter ein Gruppenbild, das direkt im Veranstaltungsraum aufgenommen wurde und 50 Personen, darunter fünf Frauen, zeigt. Im Vordergrund posieren die Mitglieder von Pitbullfarm mit Frontmann Jocke Karlsson. Letzte Woche wurde sein Tod von verschiedenen Neonazi-Kanälen und Rechtsrock-Labels mit „R.I.P.“-Postings vermeldet. Ihm nach Walhall vorausgegangen ist vor drei Monaten jener Mann, zu dessen Ehren das Konzert im Jänner gespielt wurde. „ϟuli ϟkinϟ für immer!“, war in Postings zu lesen – die „S“ mit Sigrunen dargestellt. Um den Leobner „Suli“ hatte sich bis in die VAPO-Zeit zurückreichend die lokale Neonazi-Szene gesammelt.

Auf dem Bild sind Neonazis aus mehreren Ländern zu sehen. Das Leobener Konzert erscheint als international besetzter Knotenpunkt eines geografisch weitreichenden Neonazi-Netzwerks. Stoppt die Rechten konnte viele der Abgebildeten identifizieren. Neben Personen aus der steirischen Szene tauchen auch ein Vorarlberger Neonazi („Blood & Honour“, „Combat 18“), deutsche Besucher*innen und zumindest ein Aktivist aus Kroatien auf. Aus Österreich sticht der langjährige Neonazi-Kader R.P. aus dem ehemaligen Alpen-Donau-Umfeld hervor, ein Ex-RFJ-Funktionär, der sich nicht nur wegen Wiederbetätigung, sondern auch wegen schwerer gemeinschaftlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten musste. P. gehört bis heute zu den zentralen Figuren der steirischen Neonazi-Szene.
Aus Kroatien ist Hrvoje P. zu sehen, der in Recherchen des „Balkan Investigative Reporting Network“ dem kroatischen Ableger der Neonazi-Organisation „Blood & Honour“ zugeordnet wird. Sogar ein thailändischer Skin taucht auf dem Foto auf. Im März reisten zwei Steirer, darunter der als Organisator des Konzerts bezeichnete „Flotzi“, zum Gegenbesuch nach Bangkok, der sehr feucht ausgefallen sein dürfte. Patrick B. entschuldigt sich auf Facebook, dass er dem Gastgeber unter den Tisch gekotzt hat.

Der 44-jährige Steirer, bei dem am 22. Oktober durchsucht wurde, war der Gastgeber des Events. Nach unseren Informationen fand die Razzia auf seinem Gehöft statt. Auslöser für die Ermittlungen des LSE Steiermark war ein weiteres Foto vom Konzert: Es zeigt den Mann mit Hitlergruß. Das Bild landete in sozialen Medien, eine Identifikation war wohl nicht mehr schwierig. Auf dem Gruppenbild ist er rauchend im Hintergrund zu sehen.
Bei der Durchsuchung sicherten die Behörden nicht nur Waffen und Nazi-Propaganda, sondern auch rund vier Kilogramm THC-haltiges Cannabis, eine blühende Cannabispflanze und diverses Suchtmittelzubehör. Der Mann wurde zunächst festgenommen, nach der Einvernahme aber auf freiem Fuß angezeigt. Er soll sich teilweise geständig gezeigt haben. LSE und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen Verstößen gegen Verbotsgesetz und Waffengesetz, der Operative Kriminaldienst wegen Suchtmitteldelikten.
Die Kombination, die hier sichtbar wird, ist typisch für die Szene: Rechtsrock-Konzerte als geschlossene Veranstaltungen im ländlichen Raum, internationale Neonazi-Bands wie Pitbullfarm und Blood-&-Honour-Kader im Publikum, dazu Waffen, Drogen. Rechtsrock-Konzerte dienen dabei als zentrales Vernetzungsinstrument der extremen Rechten. In der Obersteiermark keinesfalls zum ersten Mal. Aus Karlssons Ankündigung, das Konzert für „Suli” im nächsten Jahr wiederholen zu wollen („we will do this next year again and you will be with us!”) wird allerdings nichts mehr: Zwei zentrale Figuren sind tot, der Gastgeber vom Jänner ist schwer belastet. „Was für ein Scheiß-Jahr”, resümierte Patrick B. letzte Woche auf Facebook.
Putztrupp auf Facebook
Mittlerweile scheint etwas Unruhe in die obersteirische Szene eingekehrt zu sein: Einige der beim Konzert Anwesenden haben ihre Facebook-Accounts „durchgeputzt”, andere, wie etwa „Flotzi“, haben sie überhaupt gelöscht. Wohl etwas (zu) spät!
Andree S., der befürchtet, dass es in Leoben eine eigene „Überwachungsabteilung“ der Polizei gäbe, die Social Media-Accounts screent, sodass sich zu wenige Beamte im Außendienst um die „wirklichen Verbrecher“ kümmern würden, können wir beruhigen. Die „Abteilung” sitzt in Wien und hat mit der Polizei nichts zu tun!

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