Spotify cancelt Sellner – aber nicht ganz

Lesezeit: 3 Minuten

Der Musik-Strea­ming­dienst Spo­ti­fy hat den Pod­cast „Audio­ana­ly­sen“ des neo­fa­schis­ti­schen Akti­vis­ten Mar­tin Sell­ner gelöscht. Bei Apple fin­det sich das For­mat aller­dings nach wie vor. Im nicht-digi­ta­len Raum wird es auch enger für Sell­ner: Eine Ein­rei­se­sper­re nach Deutsch­land wird erwogen.

Die meis­ten der gro­ßen Play­er unter den digi­ta­len Platt­for­men (You­Tube, Face­book, Insta­gram und X) haben Sell­ner bereits vor etwa drei Jah­ren gecan­celt. Nun lösch­te auch der schwe­di­sche Strea­ming­dienst Spo­ti­fy das Pro­dukt des rechts­extre­men Influen­cers. Eine Spo­ti­fy-Spre­che­rin erklär­te auf Anfra­ge des STANDARD: „Unse­re Platt­form­re­geln besa­gen ein­deu­tig, dass wir kei­ne Inhal­te zulas­sen, die Ter­ro­ris­mus oder gewalt­tä­ti­gen Extre­mis­mus för­dern oder unter­stüt­zen. Nach Über­prü­fung wur­de die­ser Inhalt ent­fernt.” (derstandard.at, 20.01.24) Folg­lich bleibt unter den gro­ßen Fir­men­na­men nur noch Apple; dort kann das Sell­ner­sche Pro­pa­gan­da­pro­gramm bis dato wei­ter­hin kon­su­miert werden.

Das umfas­sen­de Deplat­forming ändert nichts dar­an, dass Sell­ner in der rechts­extre­men Sze­ne ernst genom­men und hofiert wird, wie etwa sei­ne zen­tra­le Rol­le als Refe­rent eines „Mas­ter­plans“ für Mas­sen­de­por­ta­tio­nen bei einem Tref­fen neo­fa­schis­ti­scher Akti­vis­ten und AfD-Poli­ti­ker in der Nähe von Pots­dam zeig­te, das vom Recher­chen­etz­werk „Cor­rec­tiv“ auf­ge­deckt wurde.

Sellner-Folge bei der rechtsextremen Kooperation „Lagebesprechung“

Spo­ti­fy hat Sell­ner aller­dings nicht ganz gelöscht: Es fin­den sich wei­ter­hin Pod­cast-Fol­gen mit ihm in unter­schied­li­chen rechts­extre­men Kanä­len. Dar­un­ter ist etwa eine Fol­ge des „Kanal Schnell­ro­da“ von Götz Kubit­schek, wo Sell­ner zusam­men mit Kubit­schek über einen „Regime Chan­ge von rechts“ spricht. Außer­dem gibt es eine Fol­ge des „Hei­mat­ku­rier Pod­cast“, der von dem iden­ti­tä­ren Akti­vis­ten Phil­ip Hue­mer betrie­ben wird, Titel: „Wider­stands­jahr 2024“. Und auch das ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Des­in­for­ma­ti­ons­me­di­um „AUF1“, deren Chef Ste­fan Magnet sich erst vor kur­zem von sei­ner brau­nen Sei­te gezeigt hat, bie­tet via Spo­ti­fy eine Sell­ner-Sen­dung. Deren Titel bedient bereits die lar­moy­an­te Opfer­po­se, in der sich der Akti­vist so ger­ne gibt: „Mar­tin Sell­ner: Digi­ta­le Ver­nich­tung wird an mir vor­ge­zeigt, tref­fen wird es alle“. Auch eine Fol­ge des For­mats „Lage­be­spre­chung“ mit dem Titel „Wider­stän­dig blei­ben – Gespräch mit Mar­tin Sell­ner“ fin­det sich noch bei dem Streamingdienst.

Sellner im rechtsextremen Format "Lagebesprechung" (Screenshot Spotify, 21.01.2024)

Sell­ner im rechts­extre­men For­mat „Lage­be­spre­chung” (Screen­shot Spo­ti­fy, 21.01.2024)

Bei dem For­mat han­delt es sich um eine Koope­ra­ti­on von „Sezes­si­on“, „Ver­lag Antai­os“, „Ein­Pro­zent“ und „Frei­lich“. Die ers­ten drei schätzt der deut­sche Ver­fas­sungs­schutz als gesi­chert rechts­extre­me Bestre­bun­gen ein (1). Und „Frei­lich“ wür­de wohl die­sel­be Ein­schät­zung tref­fen, wäre es nicht öster­rei­chisch: näm­lich das Aula-Nach­fol­ge­ma­ga­zin, das seit 2018 alle zwei Mona­te erscheint und zu einem publi­zis­ti­schen Sam­mel­be­cken von „neu­rech­ten“ Akti­vis­ten (fast nur Män­ner) und FPÖ sowie AfD wur­de. „Frei­lich“ ver­linkt inzwi­schen nicht mehr zu dem Pod­cast-For­mat. Auf der Web­site der Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on „Ein­Pro­zent“ wird das Maga­zin aller­dings noch als betei­ligt geführt:

Podcast "Lagebesprechung" auf der Website von "Einprozent" (Screenshot, 22.01.2024)

Pod­cast „Lage­be­spre­chung” auf der Web­site von „Ein­pro­zent” (Screen­shot, 21.01.2024)

Wur­de es „Frei­lich“ zu heiß, offen mit Sell­ner zu koope­rie­ren? Ideo­lo­gisch wür­de das kaum Sinn machen, da reicht ein Blick auf die regel­mä­ßi­gen Wort­spen­der im Heft.

Zunehmender Druck

Dass es sogar noch hei­ßer um Sell­ner wird, ist abseh­bar. Einem Medi­en­be­richt zufol­ge, wird auch erwo­gen, dem Neo­fa­schis­ten die Ein­rei­se nach Deutsch­land künf­tig zu verbieten:

Nach Infor­ma­tio­nen von t‑online gibt es nun im Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (BMI) Über­le­gun­gen, gegen Sell­ner eine Ein­rei­se­sper­re zu ver­hän­gen. Obwohl EU-Bür­ger, dürf­te er dann zumin­dest befris­tet nicht mehr für Vor­trä­ge und Tref­fen nach Deutsch­land kom­men. Groß­bri­tan­ni­en und die USA haben gegen ihn bereits einen ent­spre­chen­den Bann erlas­sen. Die Idee ist aber umstrit­ten. (t‑online.de, 22.01.24)

Die rech­li­chen Hür­den für eine sol­che Ein­rei­se­sper­re sind zwar hoch, aber die Kon­se­quen­zen für Sell­ners Pro­pa­gan­da­show wären poten­zi­ell gra­vie­rend, schließ­lich befin­det sich der grö­ße­re Teil sei­nes Netz­werks in Deutschland.

Fußnoten:

1 Das „Insti­tut für Staats­po­li­tik“ (IfS) gilt seit April 2023 als „gesi­chert rechts­extrem“, der Ver­lag „Antai­os“ und das Maga­zin „Sezes­si­on“ gehö­ren aller­dings zum sel­ben Haus: Alle drei befin­den sich an der­sel­ben Adres­se in Schnell­ro­da, Sach­sen, und alle wer­den von Götz Kub­ti­schek geleitet.