Antisemitische Querfront gegen Israel (II)

Lesezeit: 5 Minuten

Alli­an­zen der Quer­front: Wer die anti­se­mi­ti­schen Demons­tra­tio­nen in Wien orga­ni­siert und wer sich dar­an betei­ligt: PSÖ, BDS, Dar al Janub, Der Funke.

Die bereits in Teil I die­ses Bei­trags erwähn­te „Paläs­ti­na Soli­da­ri­tät Öster­reich“ (PSÖ) tritt als Orga­ni­sa­to­rin von isra­el-feind­li­chen Kund­ge­bun­gen in Wien auf, die seit dem 7. Okto­ber bei­na­he täg­lich statt­fin­den. Hin­ter ihr steht der Front­mann der „Anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Koor­di­na­ti­on“, Wil­helm Lang­tha­ler, der sich auch öffent­lich auf­sei­ten Putins posi­tio­niert und in Bezug auf die Covi­d19-Pan­de­mie bereits Quer­front-Posi­ti­on vertritt.

Glei­cher­ma­ßen dau­er­prä­sent und als Orga­ni­sa­tor aktiv bei den anti­se­mi­ti­schen Auf­mär­schen der letz­ten Wochen ist „BDS-Aus­tria“. BDS („Boy­cott, Dive­st­ment, Sanc­tions“) ist ein loser inter­na­tio­na­ler Zusam­men­schluss, an des­sen Grün­dung im Jahr 2005 auch Mit­glie­der der anti­se­mi­ti­schen Mör­der­ban­den Hamas, Isla­mi­scher Dschi­had und Volks­front zur Befrei­ung Paläs­ti­nas betei­ligt waren. In der BDS-Ideo­lo­gie wer­den der jüdi­sche Staat als ein Kolo­ni­al- bzw. Apart­heids­re­gime dämo­ni­siert und zudem eine isra­el-bezo­ge­ne Abwand­lung des Nazi-Spruchs „Kauf nicht bei Juden“ als poli­ti­sche For­de­rung reak­ti­viert, indem ein umfas­sen­der öko­no­mi­scher, kul­tu­rel­ler und wis­sen­schaft­li­cher Boy­kott von israe­li­schen Pro­duk­ten und Insti­tu­tio­nen gefor­dert wird. Die BDS-Bewe­gung wird von zahl­rei­chen Kritiker*innen seit Jah­ren als anti­se­mi­tisch – und eben nicht bloß Isra­el-kri­tisch – ein­ge­stuft. Auch das öster­rei­chi­sche Par­la­ment hat die Bewe­gung 2020 in einem ein­stim­mi­gen Ent­schlie­ßungs­an­trag ver­ur­teilt. Dies ändert bis dato nichts dar­an, dass nam­haf­te Intel­lek­tu­el­le (etwa die US-ame­ri­ka­ni­sche Iko­ne der Que­er-Theo­rie Judith But­ler) sich als Sprach­rohr der Grup­pe hergeben.

In einem State­ment vom 12. Okto­ber (1) schafft es der öster­rei­chi­sche BDS-Able­ger den Aus­lö­ser des gegen­wär­ti­gen Krie­ges, also das Hamas-Mas­sa­ker und die Ent­füh­run­gen von Israe­lis, nicht ein­mal zu erwäh­nen, son­dern nur von „israelische[r] Aggres­si­on“, israe­li­schen „Kriegs­ver­bre­chen“ und einem „Geno­zid“ in Gaza zu fabu­lie­ren. An die­sem Spin einer Täter-Opfer-Umkehr, mit dem Vor­satz Isra­el zu dämo­ni­sie­ren, hält der anti­se­mi­ti­sche Ver­ein wei­ter­hin eisern fest: Bei einer Demons­tra­ti­on am 4. Novem­ber – also nach detail­lier­tem Bekannt­wer­den der von Hamas ver­üb­ten Gräu­el – wird der 7. Okto­ber in einem BDS-Rede­bei­trag ledig­lich als Aus­lö­ser für paläs­ti­nen­si­sches Leid erwähnt.

Eben­so bei sämt­li­chen Demos gegen Isra­el ver­tre­ten ist der Ver­ein „Dar al Janub“. Die­se in den frü­hen 2000er Jah­ren gegrün­de­te Orga­ni­sa­ti­on nennt sich selbst „Ver­ein für anti­ras­sis­ti­sche und frie­dens­po­li­ti­sche Initia­ti­ve“ und ist die Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der anti­se­mi­ti­schen Grup­pe „Sed­unia“. Letz­te­re hat im Jahr 2003 in einem offe­nen Brief das Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des öst. Wider­stan­des (DÖW) als Vor­feld­agen­tur des „US-Impe­ria­lis­mus“ und „Zio­nis­mus“ beschimpft und kurz dar­auf eine Kund­ge­bung im Andenken an die Novem­ber­po­gro­me gestört – für bei­des erhielt die Grup­pe öffent­li­chen Bei­fall von Neo­na­zis.

Dem DÖW-Mit­ar­bei­ter Andre­as Peham zufol­ge han­delt es sich bei „Dar al Janub“

nicht nur um eine Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on von Sed­unia, son­dern auch um den Ver­such, Anti­se­mi­tis­mus in ein anti­ras­sis­ti­sches und kul­tu­ra­lis­ti­sches (post­ko­lo­nia­les) Män­tel­chen zu hül­len und ihn sol­cher­art gera­de im aka­de­mi­schen Milieu zu ver­an­kern. (…) Es geht um die Bil­dung anti­is­rae­li­scher Alli­an­zen, die von ehe­mals links außen über den Isla­mis­mus bis hin zum Rechts­extre­mis­mus rei­chen. (doew.at, 2015)

Seit dem 7. Okto­ber hetzt „Dar al Janub“ unauf­hör­lich gegen Isra­el, wobei eine ver­schwö­rungs­phan­tas­ti­sche Leug­nung oder Rela­ti­vie­rung der Hamas-Gräu­el dau­er­prä­sent ist. Die Medi­en­be­richt­erstat­tung über den Ver­ein hat sich seit dem 3. Dezem­ber ver­stärkt, nach­dem die „Doku­men­ta­ti­ons­stel­le poli­ti­scher Islam“ einen Bericht ver­öf­fent­lich­te, in dem sie „Dar al Janub“ nicht nur Hamas-Pro­pa­gan­da, son­dern auch Ver­bin­dun­gen zu der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on nach­weist.

Bri­sant vor die­sem Hin­ter­grund ist, dass der Ver­ein sich in der Ver­gan­gen­heit auch

als Koope­ra­ti­ons­part­ner in der Ent­wick­lungs­hil­fe dar­ge­stellt haben [soll]. Mit die­ser Stra­te­gie erhielt er umge­rech­net 91.855 Euro vom OPEC Fund for Inter­na­tio­nal Deve­lo­p­ment. Gel­der flos­sen dann, aus­ge­hend vom Ver­ein unter ande­rem in die Paläs­ti­nen­si­sche Huma­ni­tä­re Ver­ei­ni­gung (PHV). Die­se wie­der­um soll, so der israe­li­sche Geheim­dienst, Teil eines Finan­zie­rungs­netz­wer­kes der Hamas sein. (meinbezirk.at, 3.12.23)

Die oben erwähn­te Demo am 4. Novem­ber war ursprüng­lich von der PSÖ und der „Anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Koor­di­na­ti­on“ im Wie­ner Vogel­weid­park ange­mel­det gewe­sen, dann aber poli­zei­lich unter­sagt wor­den. Die Akteur*innen konn­ten aller­dings mit einem ande­ren Demons­tra­ti­ons­zug har­mo­nisch fusio­nie­ren, der von dem Zusam­men­schluss „Glo­bal South Alli­ance“ orga­ni­siert wur­de. Dar­un­ter befin­den sich fol­gen­de Klein­grup­pen, die alle­samt in unter­schied­li­chen Abstu­fun­gen einen mit AIK/PLÖ und BDS kom­pa­ti­blen Anti­im­pe­ria­lis­mus gegen Isra­el ver­tre­ten: „Revo­lu­ti­on Aus­tria“, „Migran­ti­fa“, „Judeobolschewiener*innen“, „Aler­ta Femi­nis­ta Aus­tria“, „KJÖ“, „Young Strugg­le Wien“, „Free Pal­es­ti­ne Coll­ec­ti­ve“. Erwäh­nens­wert ist die trotz­kis­ti­sche Sek­te „Der Fun­ke“, die eben­falls bei zahl­rei­chen Demos sicht­bar ist. Eini­ge der Aktivist*innen die­ser Grup­pe waren kürz­lich noch füh­ren­de Mit­glie­der der Sozia­lis­ti­schen Jugend (SJ) Alser­grund, wur­den aber auf­grund ihrer anti­is­rae­li­schen Agi­ta­ti­on im Novem­ber aus der SPÖ aus­ge­schlos­sen. Die­se Agi­ta­ti­on des „Fun­ken“ ist meist weni­ger direkt und bemüh­ter ein­ge­bet­tet in einen ortho­dox-mar­xis­tisch-trotz­kis­ti­schen Jar­gon als etwa jene von AIK/PLÖ. Aber auch hier gibt es kei­ne Berüh­rungs­ängs­te mit Anti­se­mi­tis­mus und offen reak­tio­nä­ren Kräf­ten, die vor­ran­gig aus dem isla­mis­ti­schen Spek­trum kommen.

Um ein­zel­ne pro­mi­nen­te Figu­ren aus eben die­sem wird es im drit­ten Teil die­ses Bei­trags gehen; eben­so um einen abschlie­ßen­den the­oreit­schen Blick auf die Fra­ge, war­um das The­ma Isra­el bzw. Nah­ost­kon­flikt für Quer­front­mo­bi­li­sie­rung so zen­tral ist.

➡️ Anti­se­mi­ti­sche Quer­front gegen Isra­el (I): die „Anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Koor­di­na­ti­on“ (AIK)
➡️ Anti­se­mi­ti­sche Quer­front gegen Isra­el (III): Sprach­roh­re zwi­schen Anti­im­pe­ria­lis­mus und Isla­mis­mus: von Schön­dor­fer zu Gowayed

Fußnoten

1 „State­ment zur Mahn­wa­che 11.10.2023 in Soli­da­ri­tät mit den Men­schen in Gaza“, 12.10.2023, ein­ge­se­hen auf der Web­site von BDS-Aus­tria am 11.12.2023