Fake-Horst taucht in die rechte Welt ein

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Per Algorithmus in die virtuelle Parallelrealität
Mit „Horst Schlager“ schleust das Ars Electronica Center eine mediale Kunstfigur in Facebooks extremistischen Untergrund, um politische Missstände zu verstehen und zu vermitteln.

Die gesell­schaft­li­chen Kon­tro­ver­sen, die die letz­ten Jah­re mit sich gebracht haben, sind schwer zu über­se­hen. Binä­re Welt­bil­der zum The­ma Kli­ma, Migra­ti­on oder Imp­fung. Sym­pa­thien mit dem rus­si­schen Angriffs­krieg, Het­ze gegen Migrant*innen und nicht zuletzt: gegen Frau­en. Empö­rung. Sogar im engs­ten Freun­des­kreis wird über so manch The­ma am bes­ten ein­fach nicht mehr gespro­chen. Und wer von uns kann über­zeu­gend behaup­ten, in der letz­ten Zeit nicht in die eine oder ande­re Dis­kus­si­on mit über­durch­schnitt­li­chem Kon­flikt­po­ten­ti­al gera­ten zu sein?
Dis­kus­sio­nen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen sind eine natür­li­che und wich­ti­ge Reak­ti­on auf die sich offen­bar so unter­schied­lich ent­wi­ckeln­den Welt­an­schau­un­gen. Doch es scheint immer schwie­ri­ger zu wer­den, kon­struk­ti­ve Debat­ten zu füh­ren. – Wo liegt das Problem? (…)

Horst Schlager und seine Freunde binärer Weltbilder und Verschwörungstheorien

FB-Profil "Horst Schlager"

FB-Pro­fil „Horst Schlager”

Zwei rote Ruf­zei­chen pran­gen hin­ter „Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Wider­stand zur Pflicht“, dem Steck­brief in „Horst Schla­gers“ Face­book-Pro­fil. Seit 20. Febru­ar gibt sich die fik­ti­ve Kunst­fi­gur dort als pen­sio­nier­ter Arbei­ter eines öster­rei­chi­schen Indus­trie­be­triebs aus. Denn um im Vor­feld des Citi­zen Intel­li­gence Work­shops „Tool­box für zivi­le Inves­ti­ga­ti­on“ im Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter poli­ti­sche Miss­stän­de in diver­sen ein­schlä­gi­gen Grup­pen dis­kret zu recher­chie­ren, hat ein Team des Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter auf Face­book die­ses Fake­pro­fil eines älte­ren Herrn (mit zufäl­lig aus­ge­wähl­tem Namen) kre­iert. Der mut­maß­li­che Fuß­ball- und Schla­ger­mu­sik­fan soll auch Lieb­ha­ber von Old­ti­mer-Trak­to­ren sein. Doch vor allem bringt er sei­ne gro­ße Por­ti­on Patrio­tis­mus und sei­nen Hang zu Ver­schwö­rungs­my­then in den Dis­kurs auf der sozia­len Platt­form mit ein.

Fake-Horst postet: Jeden Tag 10 depperte Freundschaftsanfragen - GIBTS HIER NUR NOCH FAKEPROFILE?!

Fake-Horst pos­tet: Jeden Tag 10 dep­per­te Freund­schafts­an­fra­gen — GIBTS HIER NUR NOCH FAKEPROFILE?!

Als Pro­fil­bild wur­de das erst­bes­te Resul­tat eines gra­tis im Netz ver­füg­ba­ren Bild­ge­ne­ra­tors gewählt. Selbst jenes mit­tel­mä­ßi­ge Ergeb­nis, das sich mit dem Prompt „a sym­pa­thic 70 years old man in his living room” auf Anhieb erzie­len ließ, scheint als Beleg für sei­ne Exis­tenz zu funk­tio­nie­ren. Ver­däch­ti­ge Pixel­kon­stel­la­tio­nen wur­den vor­sorg­lich durch ein wenig künst­li­che Unschär­fe und Sepia-Effekt kaschiert. Auf die­se Wei­se soll­te es auch für etwa­ige Face­book-Algo­rith­men schwie­ri­ger wer­den, „Horst Schla­ger“ als Fake zu entlarven.

Sei­ne gele­gent­li­chen Pos­tings – das geteil­te Wie­ner Schnit­zel oder die Ein­la­dung zu der einen oder ande­ren ein­schlä­gi­gen Demons­tra­ti­on – zeu­gen nicht nur von sei­ner poli­ti­schen Gesin­nung und sei­nem schlech­ten Humor. Kom­men­tiert mit trä­nen­la­chen­den oder hoch­ro­ten, flu­chen­den Emo­jis stei­gern sie die Glaub­wür­dig­keit der fik­ti­ven Gestalt. Um noch authen­ti­scher zu wir­ken, folgt Horst Schla­ger den Kanä­len ein­schlä­gi­ger Medien.

Eine Com­mu­ni­ty muss auf­ge­baut wer­den, um ihn in der Ver­schwö­rungs- und Extre­mis­mus-Sze­ne zu eta­blie­ren. Mit State­ments der Empö­rung über poli­ti­sche Inhal­te gene­riert Horst Schla­ger schnell ers­te Freun­de und Likes. Nach knapp 24 Stun­den hat er bereits 70 Kon­tak­te, die mit sei­nen Pos­tings und Kom­men­ta­ren inter­agie­ren. Schon nach den ers­ten bestä­tig­ten Freund­schafts­an­fra­gen unbe­kann­ter User*innen gelingt es, ihn mit rele­van­ten Mei­nungs­bild­nern aus der Sze­ne zu ver­net­zen. Schnell ist er so mit dem Who’s Who der rechts­extre­men Ver­schwö­rungs­sze­ne Öster­reichs in Kontakt.

Dar­auf­hin ver­hilft der Face­book-Algo­rith­mus dem Cha­rak­ter zu wei­te­rem Ruhm. Bereits eine Woche spä­ter tru­deln Freund­schafts­an­fra­gen von Sympathisant*innen der Sze­ne ein und schon bald ist die Figur mit Aktivist*innen der ‚Iden­ti­tä­ren‘ (auch „Die Öster­rei­cher“) und deren engs­ten Ver­trau­ten bekannt. Doch wäh­rend ihrer Recher­chen ent­de­cken die zivi­len Agen­ten des Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter immer mehr Ideo­lo­gen und Ideo­lo­gien in Horst Schla­gers Profil.

Kli­ma, Migra­ti­on, Imp­fung, Insek­ten essen, The Gre­at Reset und Russ­land – alles eine mut­maß­li­che Ver­schwö­rung; der Eli­ten, ver­steht sich von selbst. Binä­re Welt­bil­der und Ver­schwö­rungs­my­then fin­det man in Horsts Freun­des­kreis oft. Auch Pro­fi­le, die offen mit dem rus­si­schen Angriffs­krieg sym­pa­thi­sie­ren oder gegen Migrant*innen het­zen, tau­chen in sei­nem Umfeld ver­stärkt auf. Und nicht zuletzt: unter­ir­di­scher Humor gegen­über Frau­en, gegen­über Trans­gen­der­per­so­nen und Klimaaktivist*innen.

PN an "Horst Schlager": Werbung vom Alexander H. (verurteilter Staatsverweigerer, ehemal. Vizepräsident des Fantasiegerichtshofes "ICCJV") für die aus Russland beinflusste Kampfsportschule "Systema"

PN an „Horst Schla­ger”: Wer­bung vom Alex­an­der H. (ver­ur­teil­ter Staats­ver­wei­ge­rer, ehe­mal. Vize­prä­si­dent des Fan­ta­sie­ge­richts­ho­fes „ICCJV”) für die aus Russ­land bein­fluss­te Kampf­sport­schu­le „Sys­te­ma”

Unter einem fal­schen Namen hin­ter­lässt wenig spä­ter eine Dame aus Steyr mit ihrem nicht öffent­lich ein­seh­ba­ren Face­book-Pro­fil einen Kom­men­tar aus der unters­ten Schub­la­de der Wie­der­be­tä­ti­gung im Pro­fil eines Bekann­ten jenes Redak­teurs, der hin­ter Horst Schla­gers Fake-Pro­fil steckt. Sie leug­net den Holo­caust, bestrei­tet die Exis­tenz von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern und Gas­kam­mern. Weil Horst Schla­ger – wie der Zufall so will – mit ihr bereits eine Face­book-Freund­schaft geschlos­sen hat, die ihn zur Ein­sicht in ihr Pro­fil qua­li­fi­ziert, wird die wah­re Iden­ti­tät, die sich hin­ter die­ser Aus­sa­ge ver­birgt, schnell iden­ti­fi­ziert. Der Vor­fall konn­te so zur Anzei­ge gebracht wer­den und die Dame muss sich als­bald für ihre Äuße­rung ver­ant­wor­ten. Sie ver­däch­tigt eine ihrer Kolleg*innen, Mit­ar­bei­ter­da­ten zu die­sem Zweck miss­braucht zu haben. Tat­säch­lich aber hat Horst Schla­ger in ihrem Pro­fil ein Pos­ting ent­deckt, das ihren ech­ten Namen und ihr Geburts­da­tum verrät.

Vom Team der Ars Electronica angezeigt: Holocaustleugnung auf FB

Vom Team der Ars Elec­tro­ni­ca ange­zeigt: Holo­caust­leug­nung auf FB

Das Geschäft mit Angst und Unsicherheit

Wo die Unsi­cher­hei­ten zuneh­men, gibt es immer auch geschäfts­tüch­ti­ge Men­schen, die sich von der Angst ande­rer einen Vor­teil ver­spre­chen. Auch in Horst Schla­gers Bla­se fin­det man neben extre­mis­ti­schem Gedan­ken­gut Spen­den­auf­ru­fe, Ver­kaufs­ak­tio­nen und Vor­trä­ge zu vie­ler­lei The­men. Neben dem Gemüt einer gereiz­ten, angst­vol­len Gesell­schaft, bewe­gen Ein­tritts­ti­ckets, Retre­ats und ein­schlä­gi­ge Semi­na­re offen­sicht­lich auch Geld.

Die Kunst­fi­gur Schla­ger bekommt eine Ein­la­dung zu einem Vor­trag über CO2. Nicht unbe­dingt zu erwar­ten, ange­sichts der Bla­se, in der er inzwi­schen fest­steckt. Ein Phy­si­ker hält einen Vor­trag mit dem Titel „CO2 fore­ver“. Er ist dafür bekannt, Kli­ma­wan­del­leug­ner zu sein. Sowohl sei­ne Exper­ti­se, als auch sei­ne Moti­va­ti­on könn­ten ange­zwei­felt wer­den. Doch, dass er weder Kli­ma- noch Atmo­sphä­ren­for­scher ist, son­dern viel­mehr für ein Halb­lei­ter-Insti­tut in Mos­kau und für einen Flug­zeug­her­stel­ler gear­bei­tet hat, scheint für sei­ne Hörer­schaft nicht von gro­ßer Bedeu­tung zu sein.

Unsi­cher­hei­ten und Angst die­nen als ver­bin­den­des Ele­ment zwi­schen Akteu­ren wie die­sem und ihrer Anhän­ger­schar. In den digi­ta­len Bubbles sozia­ler Medi­en haben sich vie­le von ihnen auf­grund ihrer poli­ti­schen Gesin­nung gefun­den. Der Alt­bau­er aus Maria Neu­stift ver­netzt sich hier flux mit dem Pagan-Metal-Fan aus Ber­lin – Viel­leicht wäre es im rea­len Leben eine schwie­ri­ge Freund­schaft gewor­den; in der vir­tu­el­len Schein­welt ihrer Bla­se aber füh­len sich die bei­den gemein­sam sehr wohl.

Der Bei­trag erschien zuerst am Blog der Ars Elec­tro­ni­ca. Über­nah­me mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors, der uns auch Screen­shots aus dem Face­book-Leben des Horst Schla­ger zur Ver­fü­gung gestellt hat.

Ein Nachwort: Ertappt!

Für Auf­re­gung hat die Schil­de­rung der Erfah­run­gen des Fake-Ober­ös­ter­rei­chers „Horst Schla­ger” bei der rechts­extre­men Platt­form AUF1 gesorgt – wenig ver­wun­der­lich, da der Bei­trag ins Herz der AUF1-Kli­en­tel, aber auch derer, die dort tätig sind, trifft. Da wer­den bei AUF1 Par­al­le­len zum deut­schen Ver­fas­sungs­schutz gezo­gen, der „das Volk aktiv zu Straf­ta­ten (…) ver­lei­ten” wür­de, da wird die küh­ne The­se lan­ciert, Horsts Akti­vi­tä­ten sei­en eine „künst­li­che Auf­wie­ge­lung und Unter­wan­de­rung sozia­ler Struk­tu­ren”, die „zu einem Kli­ma der Unsi­cher­heit und Wut bei­tra­gen” wür­den. AUF1 ist ertappt, indem das eige­ne Geschäfts­mo­dell, die fließ­band­mä­ßi­ge Pro­duk­ti­on von Fake-News zur Erzeu­gung von Auf­re­gern, in einer unver­gleich­lich harm­lo­se­ren und unauf­wän­di­ge­ren Form gespie­gelt wur­de. Zu Straf­ta­ten hat „Horst Schla­ger” nie­man­den ver­lei­tet, er hat bloß einen mini­ma­len Ein­blick in die Welt von rechts­extre­men Köp­fen und Verschwörungsanhänger*innen gewährt.

"Horst Schlager" sucht auf FB nach Gottfried Küssel und erhält die Nachricht: "Informiere dich über den Holocaust"

„Horst Schla­ger” sucht auf FB nach Gott­fried Küs­sel und erhält die Nach­richt: „Infor­mie­re dich über den Holocaust”