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Über den Dollfuß gestolpertLesezeit: 6 Minuten

Bis vor kur­zem kann­te ver­mut­lich kaum jemand den Ort Tex­ing­tal in Nie­der­ös­ter­reich und auch nicht das dor­ti­ge Dol­l­­fuß-Muse­um. Es ist dem neu­en Innen­mi­nis­ter und Tex­ing­ta­ler Bür­ger­meis­ter Kar­ner zu ver­dan­ken, dass die Most­viert­ler Ort­schaft samt Muse­um ins Kreuz­feu­er gera­ten ist. Und mit ihm der Innen­mi­nis­ter selbst samt sei­nem Ver­hält­nis zu einer Dik­ta­tur und zum Anti­se­mi­tis­mus. Doch […]

21. Dez 2021

Kaum war bekannt, dass der lang­jäh­ri­ge ÖVP-Poli­ti­ker Ger­hard Kar­ner zum Nach­fol­ger von Karl Neham­mer als Innen­mi­nis­ter auf­stei­gen wür­de, rausch­ten schon die ers­ten Mel­dun­gen zum Tex­ing­ta­ler Doll­fuß-Muse­um durch die Sozia­len Medi­en. Und wie sich recht schnell her­aus­stell­te, zurecht! Das „Dr. Engel­bert Doll­fuß Muse­um“ wur­de 1998 in des­sen Geburts­haus errich­tet – samt geschichts­ver­ges­se­ner Hul­di­gungs­ta­fel. 

Tafel am Texingtaler Dollfuß-Museum: "Geburtshaus unseres grossen Bundeskanzlers und Erneuerer Österreichs Dr. Engelbert Dollfuss" (Bild Twitter Otto III.)
Tafel am Tex­ing­ta­ler Doll­fuß-Muse­um: „Geburts­haus unse­res gros­sen Bun­des­kanz­lers und Erneue­rer Öster­reichs Dr. Engel­bert Doll­fuss” (Bild Twit­ter Otto III.)

Die His­to­ri­ke­rin und Doll­fuß-Exper­tin Luci­le Drei­de­my zum Muse­um: „Es ist als musea­le Gedenk­stät­te über den Umweg eines Muse­ums gedacht gewe­sen. Bei der Grün­dung führ­te der dama­li­ge Bür­ger­meis­ter an, es gehe um die Über­win­dung des bis­her man­geln­den Mutes, sich zu Doll­fuß zu beken­nen.“ (zit. nach derstandard.at, 6.12.21) Den Mut hat Kar­ner als Bür­ger­meis­ter und damit auch als Betrei­ber des Muse­ums offen­bar auf­ge­bracht, wie­wohl ihn der jetzt etwas ver­las­sen hat.

Bereits 2018 war in den Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten (NÖN) zu lesen, die Gemein­de Tex­ing­tal wol­le das Repu­bliks­ju­bi­lä­ums- und Anschluss-Gedenk­jahr 2018 nüt­zen, um sich „auch kri­tisch mit dem Erbe von Engel­bert Doll­fuß auseinander[zu]setzen. (…) Das 20. Jubi­lä­um der Eröff­nung [des Muse­ums] will VP-Bür­ger­meis­ter Ger­hard Kar­ner auch als Anlass neh­men, sich mit der umstrit­te­nen Per­son Doll­fuß aus­ein­an­der­zu­set­zen und sein Wir­ken aber­mals zu beleuch­ten.“ Wie die Beleuch­tung aus­ge­se­hen hat, kann erahnt wer­den. Im Doll­fuß-Muse­um, lässt Kar­ner aus­rich­ten, wer­de „das His­to­ri­sche gut erar­bei­tet und kri­tisch behan­delt“. Das sieht nicht nur die His­to­ri­ke­rin Drei­de­my deut­lich anders, son­dern auch der Schrift­stel­ler Lud­wig Laher, der sich bei sei­nem Besuch 2018 in einer „originale[n] Wei­he­stät­te aus den 30ern, die der Nazi­zeit getrotzt“ (derstandard.at, 7.12.21) habe, wähn­te. Nun, just als dem neu­en Innen­mi­nis­ter Muse­um und Aus­sa­gen dazu um die Ohren geflo­gen sind, hören wir, dass eine Über­ar­bei­tung bereits seit Mai 2021 geplant sei.

Über­ar­bei­tungs­be­darf haben jedoch auch jede Men­ge Ort­schaf­ten, aus denen nicht gera­de ein Innen­mi­nis­ter kommt – sehr oft im kirch­lich-katho­li­schen Zusam­men­hang. Da wäre etwa in Wien die Christ­kö­nigs­kir­che, auch als „Sei­pel-Doll­fuß-Gedächt­nis­kir­che“ bezeich­net. Das Bun­des­land mit den meis­ten Doll­fuß-Ver­eh­run­gen ist zwei­fel­los Nie­der­ös­ter­reich. In Press­baum steht die „Doll­fuß-Gedächt­nis­kir­che hl. The­re­sia vom Kin­de Jesu“. In einer Goog­le-Rezen­si­on ist zu lesen, dass es dort eine Döner­bu­de mit einem „Kebab in der Dol­fu­ße­di­ti­on“ zu erwer­ben gäbe – „ein Gau­men­schmaus“, fin­det der Rezen­sent. Ob das nur eine zar­te Form der Wider­re­de ist oder Rea­li­tät, ist uns nicht bekannt.

Google-Rezension zur Dollfuß-Gedächtniskirche: "Kebab in der Dollfussedition"
Goog­le-Rezen­si­on zur Doll­fuß-Gedächt­nis­kir­che: „Kebab in der Dollfussedition”

In der Gemein­de Stoll­hof ist die „Engel­bert­kir­che Hohe Wand“ samt Doll­fuß-Gedächt­nis­stät­te zu bestau­nen. „Auch an der Kapel­le in Noden­dorf, gleich neben dem Ein­gang, ist eine ent­spre­chen­de Ehren­ta­fel ange­bracht. Initi­iert wur­de das damals vom Noden­dor­fer Gemein­de­rat: ‚Dem Füh­rer und Hel­den­kanz­ler, gewid­met in Treue‘, steht auf der Tafel. (noen.at, 14.12.21) Dis­kus­si­on gäbe es kei­ne, weiß der Bür­ger­meis­ter den NÖN zu berich­ten: „Das ist ein Relikt aus ver­gan­ge­ner Zeit, das kei­ne Aktua­li­tät mehr hat. (…) An der Orts­ka­pel­le von Geit­zen­dorf (Bezirk Kor­neu­burg) wur­den vom dama­li­gen Bür­ger­meis­ter über dem Ein­gangs­tor die angeb­lich letz­ten Wor­te Doll­fuß‘ ‚Ich woll­te ja nur den Frie­den. Den ande­ren möge der Herr­gott ver­ge­ben. † am 25. Juli 1934 mein Oes­ter­reich‘ ange­bracht.“ (noen.at)

Nicht ganz so fried­lich wie in Noden­dorf ist die Dis­kus­si­on in Hein­richs bei Weit­ra (Gemein­de Unser­frau Alt­weit­ra) ver­lau­fen, wo eine beim Ein­gangs­tor zur Kir­che ange­brach­te Tafel Doll­fuß, dem „Erneue­rer Öster­reichs“ samt Por­trät und Kru­cken­kreuz gewid­met ist. Aller­dings kam die Auf­re­gung von außen, näm­lich durch den „Stan­dard“, der sich 2014 erf­recht hat­te, über die unsäg­li­che Geschichts­er­in­ne­rung zu berichten.

Bür­ger­meis­ter Otmar Kowar [war] ent­spre­chend auf­ge­bracht: „Wenn in Wien eine Stra­ße umbe­nannt wird, mischen wir uns auch nicht ein”, sagt er. (…) Seit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs wird hier Doll­fuß’ gedacht, hin­ter­fragt hat die Gedenk­ta­fel bis­her nie­mand. „Sie war so lan­ge dort und hat nie jeman­den gestört”, sagt Kowar, der nun sei­ne Bür­ger über den Grund für die­se Hel­den­ver­eh­rung infor­mie­ren will. Schließ­lich sei ja „das Wis­sen über die­se Zeit mar­gi­nal”. (derstandard.at, 9.4.14)

Mit der Diö­ze­se habe man sich schließ­lich geei­nigt, „[d]as Kreuz kommt weg, die Inschrift wird durch den Satz ‚Opfer für die Sou­ve­rä­ni­tät Öster­reichs gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus‘ ersetzt“ (derstandard.at, 9.4.14). Nun sind zwar mehr als sie­ben Jah­re ins Land gezo­gen sind, und der dama­li­ge Bür­ger­meis­ter amtiert noch immer, aber auch die Tafel ist in unver­än­der­tem Zustand geblie­ben. Es habe trotz viel­fa­cher Bemü­hun­gen, so hören wir, auch nicht die damals ange­kün­dig­te Infor­ma­ti­on über bzw. Aus­ein­an­der­set­zung über Doll­fuß gegeben.

Auch Tirol hat mit zahl­rei­chen Doll­fuß-Gedächt­nis­stät­ten auf­zu­war­ten, eini­ge zählt die Web­site „Inns­bruck News“ in dem Arti­kel „Toten­kult für einen Dik­ta­tor“ auf. 

Über dem Dorf Nöss­lach ragt ein drei Meter hohes Holz­kreuz. 

Zu Ehren der bei­den gro­ßen Kanz­ler Ignaz Seipl – Engel­bert Doll­fuß” ist auf der Tafel ein­gra­viert, eben­so wie das Kru­ken­kreuz, Sym­bol des Aus­tro­fa­schis­mus. (…) Orts­an­säs­si­gen ist der Weg 45 von Stein­ach (Tal­sta­ti­on Ber­geralm­bahn) zum Kreuz noch als “Doll­fuß-Weg” bekannt. (…) Auch an ande­ren Orten in Tirol ste­hen Gedenk­stät­ten, die an Doll­fuß erin­nern sol­len, wie etwa das Weg­kreuz bei der Wal­der­alm ober­halb von Gna­den­wald oder die Mari­en­ka­pel­le [auch Doll­fuß-Kapel­le genannt,; Anmk. SdR] in Pett­nau. In der Pfarr­kir­che von St. Jakob in Defer­eg­gen (Ost­ti­rol) ist Doll­fuß im Decken­fres­ko ver­ewigt. (Inns­bruck News)

Einen schwe­ren Schick­sals­schlag muss­te die Sport­uni­on Kar­rös­ten im Bezirk Imst hin­neh­men. Im Jahr 2017 wag­te es jemand, eine erst 1984 ange­brach­te Doll­fuß-Gedenk­ta­fel (für den „Hel­den­kanz­ler“) von einem auf fast 2.400 Meter Höhe ste­hen­den Holz­kreuz zu ent­fer­nen. Flugs kün­dig­te die das Kreuz betreu­en­de Sport­uni­on an, eine Info­ta­fel anbrin­gen zu wol­len. Der dama­li­ge Ver­eins­ob­mann „betont, dass man unpo­li­tisch sei. ‚Es soll eine Art Muse­um wer­den‘, fak­ten­ori­en­tiert, ‚jeder soll sich sei­ne eige­ne Mei­nung bil­den‘.“ (tt.com, 28.9.2017) Der Anspruch, Doll­fuß „unpo­li­tisch“ auf­ar­bei­ten zu wol­len, zeigt ohne­hin schon viel von dem, wie es um die dor­ti­ge Erin­ne­rungs­kul­tur bestellt ist: offen­bar nicht gut.

Die Auf­re­gung um Innen­mi­nis­ter Kar­ner hat sich inzwi­schen gelegt, und ver­mut­lich wird auch das Doll­fuß-Geden­ken in guter öster­rei­chi­scher Manier wei­ter­be­stehen. Was ist auch schon schlimm an einem, der Öster­reich „erneu­ert” hat, indem er die Demo­kra­tie besei­tigt und auf Arbei­ter schie­ßen hat lassen?

Update 7.4.24: Die Gemein­de Pett­nau hat uns fol­gen­de Mit­tei­lung geschickt: „lt. Beschluss des Gemein­de­ra­tes Pett­nau vom 29.01.2024 wur­de die damals genann­te „Doll­fuß-Kapel­le“ auf Mari­en­ka­pel­le umbe­nannt.”

➡️ Rück­tritts­auf­for­de­rung an Innen­mi­nis­ter Kar­ner wegen anti­se­mi­ti­scher Rhetorik
➡️ Anti­se­mi­tis­mus­vor­wür­fe: Innen­mi­nis­ter Kar­ner bit­tet für Aus­sa­gen um Entschuldigung

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