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Lesezeit: 6 Minuten

Zum Tod des Holocaust-Überlebenden Aba Lewit: Menschlich sein!

Aba Lewit ist erst sehr spät – 2014 beim „Fest der Freu­de“ am Hel­den­platz – mit sei­nen Erin­ne­run­gen an den Holo­caust, an die Jah­re, die er in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern erlei­den muss­te, an die Öffent­lich­keit gegan­gen. Vie­le der Opfer haben es nie getan. Er aber hat­te sich per­sön­lich durch die Dif­fa­mie­run­gen in der „Aula“ so betrof­fen gefühlt, dass er neben sei­nem Enga­ge­ment als Zeit­zeu­ge beschloss, dage­gen vor­ge­hen zu wollen.

18. Nov. 2020
Aba Lewit in einem Video des MKÖ (Screenshot Youtube)
Aba Lewit in einem Video des MKÖ (Screenshot Youtube)

Lewit leb­te allei­ne in sei­ner Woh­nung in der Pra­ter­stra­ße, umge­ben von Erin­ne­run­gen an frü­he­re Zei­ten. Dar­un­ter auch Zeug­nis­se aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern – wie etwa eine Metall­pla­ket­te mit einer ein­gra­vier­ten Num­mer – Häft­ling Num­mer xy.

Lewit hat­te sich 2016, als die ers­ten Medi­en­be­rich­te über die von den Grü­nen initi­ier­ten Kla­gen (zivil- und medi­en­recht­lich) gegen die Aula erschie­nen, gemel­det, um als Mit­klä­ger auf­zu­schei­nen. In sei­ner Woh­nung führ­ten wir ein lan­ges Gespräch über sei­ne Geschich­te, sei­ne furcht­ba­ren Erleb­nis­se, um die Eides­stät­ti­ge Erklä­rung für die Kla­ge aufzunehmen.

Nach­dem die medi­en­recht­li­che Kla­ge von öster­rei­chi­schen Gerich­ten abge­lehnt wor­den war, erklär­te sich Lewit bereit, als Klä­ger vor den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zu zie­hen. Dort wur­de Öster­reich ver­ur­teilt, weil die Repu­blik, es ver­ab­säumt habe, Lewits Recht auf Pri­vat- und Fami­li­en­le­ben und sei­nen Ruf aus­rei­chend zu schüt­zen. Die Scha­dens­er­satz­zah­lung, die die Repu­blik leis­ten muss­te, hat Lewit an jüdi­sche Schu­len gespendet.

Dass das Urteil des EGMR nicht mit einem neu­er­li­chen Pro­zess umge­setzt wer­den konn­te, schei­ter­te an Öster­reichs Rechts­la­ge, die eine Ver­schlech­te­rung für die beklag­te Par­tei – in dem Fall wäre es eine Ver­ur­tei­lung nach dem vor­an­ge­gan­ge­nen Frei­spruch gewe­sen – nicht zulässt. Das hat­te Lewit, damals auch durch sei­ne Krebs­er­kran­kung gezeich­net, mür­be gemacht. In einem Inter­view mit dem ORF ant­wor­te­te Lewit auf die Fra­ge, was denn sei­ne Bot­schaft an jene ist, die den Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht erlebt haben: „Das Ein­zi­ge, sie sol­len mensch­lich sein.“ Lewit ver­starb nun im Alter von 97 Jahren.

Aba Lewit in einem Video des MKÖ (Screenshot Youtube)
Aba Lewit in einem Video des MKÖ (Screen­shot Youtube)

Hier die Erklä­rung, die Aba Lewit im Juli 2016 abge­ge­ben hat – sie ist ein Zeitzeugnis.

Ich, Aba Lewit, gebo­ren am 24.6.1923 in Dzia­los­zy­ce (Polen), Kauf­mann, jetzt Pen­sio­nist, erklä­re, in Kennt­nis der straf­recht­li­chen Bedeu­tung mei­ner Erklä­rung, an Eides statt:

Ich wur­de als Jude im Oktober/November 1940 in Dzia­los­zy­ce im Zuge einer SS-Raz­zia zusam­men mit etwa 200–300 ande­ren jun­gen Men­schen vom ört­li­chen Haupt­platz mit Last­wä­gen abtrans­por­tiert. Wir wur­den bei der Hoch- und Tief­bau­fir­ma Strauss (in der Nähe von Kra­kau) zur Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet. Nach etwa zwei Jah­ren wur­den wir zum Bau des KZ Plas­zov abtrans­por­tiert. Diver­se schwe­re Krank­hei­ten (Lun­gen­ent­zün­dung etc.) habe ich über­lebt. Wir haben die gesam­te Kana­li­sa­ti­on und die Was­ser­lei­tun­gen für das KZ gebaut. Nach Fer­tig­stel­lung muss­ten wir als Lager­in­sas­sen im KZ, das von Amon Göth kom­man­diert wur­de, blei­ben. 1946 trat ich im Pro­zess gegen Göth als Zeu­ge auf.

Im KZ wur­de ich von einem SS-Offi­zier vom Wach­turm aus will­kür­lich ange­schos­sen. Der Block­äl­tes­te hat mich ver­steckt, drei Kugeln wur­den mit dem Taschen­mes­ser ent­fernt. Ich lag etwa ein hal­bes Jahr ver­letzt im Ver­steck. Es grenzt an ein Wun­der, dass ich dort nicht auf­ge­grif­fen wur­de. Aus dem Ver­steck lief ich zu einem Trans­port, ohne zu wis­sen, wohin die­ser führ­te. Mein Vater und mein Bru­der, bei­de eben­falls in Plas­zov inter­niert, waren auch in die­sem Trans­port. Im August 1943 traf der Trans­port nach drei Tagen und Näch­ten, die wir ohne Was­ser und Nah­rung ver­brin­gen muss­ten, in Maut­hau­sen ein. Ein Teil der mehr als 6000 Gefan­ge­nen über­leb­te die­sen Trans­port nicht. Vom Bahn­hof Maut­hau­sen wur­den wir zu Fuß ins KZ getrie­ben. Man­che schaff­ten den Auf­stieg nicht mehr. Wir muss­te in Hun­dert­schaf­ten am Appell­platz Auf­stel­lung neh­men. Nach demü­ti­gen­den Unter­su­chun­gen wur­den wir in die Qua­ran­tä­ne­sta­ti­on geführt. Wir muss­ten nackt vom Stein­bruch aus Stei­ne trans­por­tie­ren. Bet­ten gab es nicht, wir schlie­fen zusam­men­ge­pfercht auf dem Boden.

Ich gab an, Speng­ler zu sein und wur­de des­halb nach Gusen über­stellt. Dort arbei­te­te ich in der Blech­her­stel­lung für die Flug­zeug­indus­trie. Auf­grund mei­ner Geschick­lich­keit wur­de ich zum „Putz“ (Die­ner) beim Ober-Kapo „beför­dert“. Auch mein Vater und Bru­der pro­fi­tier­ten von mei­ner Tätig­keit, indem ich ihnen Nah­rung beschaf­fen konnte.

Man muss­te immer die Kap­pe vor einem SS-Mann zie­hen. Ich habe ein­mal bei dich­tem Schnee­trei­ben einen nicht gese­hen. Die Stra­fe war, 24 Stun­den drau­ßen in Eis und Schnee zu ver­brin­gen. Ich über­leb­te die­se Situa­ti­on mit viel Glück.

Bis zur Befrei­ung am 5. Mai 1945 konn­te ich die­se Arbeit fortsetzen.

Im Mai 1945 waren die Kapos und die SS geflo­hen. Die ame­ri­ka­ni­schen Pan­zer sind auf dem Weg nach Maut­hau­sen bei Gusen vor­bei­ge­fah­ren. Erst am Abend sind sie auch nach Gusen gekom­men und nah­men unse­re Daten auf. Wir sind im Lager geblie­ben, weil wir kei­ne Alter­na­ti­ve hat­ten. Wir wuss­ten nicht, wo wir uns geo­gra­fisch befan­den, wir konn­ten auch nicht die Spra­che der Bevöl­ke­rung. Ich wur­de vom Roten Kreuz ernährt. Mein Vater hat uns alle fett­hal­ti­gen Nah­rungs­mit­tel weg­ge­nom­men, weil er wuss­te, dass wir das nicht essen sollten.

Wir schlos­sen uns einem Tross mit meh­re­ren Tau­send Ex-Häft­lin­gen an, der mit Beglei­tung durch die ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär­po­li­zei zu Fuß nach Linz Urfahr ging. Ich konn­te auf unse­rem Marsch kei­ne ein­zi­ge Per­son sehen, die geplün­dert hät­te oder in irgend­ei­ner Wei­se gewalt­tä­tig gewor­den wäre. Wir hät­ten dazu auch kei­ne Kraft gehabt.

Wir – mein Vater, mein Bru­der, noch eini­ge Kame­ra­den und ich – quar­tier­ten uns in einem aus­ge­bomb­ten Haus ein. Nah­rung hol­ten wir uns von den ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen, teil­wei­se konn­te ich bei ihnen in der Küche arbei­ten und so auch mei­nen Bru­der und mei­nen Vater mit­ver­pfle­gen, bis dann Nah­rungs­mit­tel sys­te­ma­tisch von den Ame­ri­ka­nern zur Ver­fü­gung gestellt wur­den. Alle Über­le­ben­den wur­den dann im Lin­zer Vier­tel „Bin­der­mi­chl“ ein­quar­tiert. Lang­sam „nor­ma­li­sier­te“ sich die Situa­ti­on für uns: Wir hat­ten ein Dach über dem Kopf, Essens­ra­tio­nen, und wir wur­den regis­triert. Mit einem Freund bin ich im Novem­ber nach Wien gefah­ren, wo ich mei­ne spä­te­re Frau, eine Wie­ner Jüdin, die Ausch­witz über­lebt hat­te, ken­nen­lern­te. Woh­nen konn­te ich bei mei­ner spä­te­ren Frau in der Zir­kus­gas­se, weil die Woh­nung ihrer Fami­lie sei­tens der rus­si­schen Besat­zer resti­tu­iert wur­de. Bis 1954 oder 1955 war ich Hilfs­ar­bei­ter bei einer Alt­me­tall­fir­ma. Mei­ne Frau konn­te ich nur mit Schwie­rig­kei­ten hei­ra­ten: Sie hat­te die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft, ich hat­te die pol­ni­sche auf­grund des Anti­se­mi­tis­mus in Polen zurück­ge­legt. Die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft erhielt ich mit Glück 1951 im Zuge einer Ein­bür­ge­rungs­ak­ti­on von Volksdeutschen.

1955 grün­de­te ich eine Fir­ma, die mit Roh­stoff­ab­fäl­len han­del­te, danach eröff­ne­te ich zusam­men mit mei­ner Frau ein Mode­ge­schäft und zum Schluss ein Juwe­lier­ge­schäft in der Pra­ter­stra­ße. Ich tre­te als Zeit­zeu­ge in Schu­len auf und war 2014 Red­ner beim „Fest der Freu­de“ am Wie­ner Heldenplatz.

Ich bin durch den Aula-Arti­kel betrof­fen, weil ich mich mit einem Ver­bre­cher gleich­ge­stellt füh­le, obwohl ich mir über mein Leben lang nichts zuschul­den habe kom­men las­sen. Ich unter­stüt­ze die Kla­ge auch stell­ver­tre­tend für die Tau­sen­den, die Maut­hau­sen und Gusen nicht über­lebt haben und für die ich mich ver­ant­wort­lich fühle.

Reak­tio­nen auf den Tod von Aba Lewit:
Pres­se­aus­sendung MKÖ
Pres­se­aus­sendung Sabi­ne Schatz (SPÖ)
Pres­se­aus­sendung Eva Blim­lin­ger (Grü­ne)

Mit Aba Lewit ist eine wich­ti­ge Stim­me gegen das Ver­ges­sen ver­stummt, Zeit­zeu­ge, streit­ba­rer Mah­ner und humor­vol­ler Mensch – all dies mach­ten ihn zu einer ein­präg­sa­men und wich­ti­gen Per­sön­lich­keit. (1/2)

— A. Van der Bel­len (@vanderbellen) Novem­ber 17, 2020

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