Zum Tod des Holocaust-Überlebenden Aba Lewit: Menschlich sein!

Aba Lewit ist erst sehr spät – 2014 beim „Fest der Freude“ am Heldenplatz – mit seinen Erinnerungen an den Holocaust, an die Jahre, die er in Konzentrationslagern erleiden musste, an die Öffentlichkeit gegangen. Viele der Opfer haben es nie getan. Er aber hatte sich persönlich durch die Diffamierungen in der „Aula“ so betroffen gefühlt, dass er neben seinem Engagement als Zeitzeuge beschloss, dagegen vorgehen zu wollen.

Lewit lebte alleine in seiner Wohnung in der Praterstraße, umgeben von Erinnerungen an frühere Zeiten. Darunter auch Zeugnisse aus den Konzentrationslagern – wie etwa eine Metallplakette mit einer eingravierten Nummer – Häftling Nummer xy.

Lewit hatte sich 2016, als die ersten Medienberichte über die von den Grünen initiierten Klagen (zivil- und medienrechtlich) gegen die Aula erschienen, gemeldet, um als Mitkläger aufzuscheinen. In seiner Wohnung führten wir ein langes Gespräch über seine Geschichte, seine furchtbaren Erlebnisse, um die Eidesstättige Erklärung für die Klage aufzunehmen.

Nachdem die medienrechtliche Klage von österreichischen Gerichten abgelehnt worden war, erklärte sich Lewit bereit, als Kläger vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. Dort wurde Österreich verurteilt, weil die Republik, es verabsäumt habe, Lewits Recht auf Privat- und Familienleben und seinen Ruf ausreichend zu schützen. Die Schadensersatzzahlung, die die Republik leisten musste, hat Lewit an jüdische Schulen gespendet.

Dass das Urteil des EGMR nicht mit einem neuerlichen Prozess umgesetzt werden konnte, scheiterte an Österreichs Rechtslage, die eine Verschlechterung für die beklagte Partei – in dem Fall wäre es eine Verurteilung nach dem vorangegangenen Freispruch gewesen – nicht zulässt. Das hatte Lewit, damals auch durch seine Krebserkrankung gezeichnet, mürbe gemacht. In einem Interview mit dem ORF antwortete Lewit auf die Frage, was denn seine Botschaft an jene ist, die den Nationalsozialismus nicht erlebt haben: „Das Einzige, sie sollen menschlich sein.“ Lewit verstarb nun im Alter von 97 Jahren.

Aba Lewit in einem Video des MKÖ (Screenshot Youtube)

Aba Lewit in einem Video des MKÖ (Screenshot Youtube)

Hier die Erklärung, die Aba Lewit im Juli 2016 abgegeben hat – sie ist ein Zeitzeugnis.

Ich, Aba Lewit, geboren am 24.6.1923 in Dzialoszyce (Polen), Kaufmann, jetzt Pensionist, erkläre, in Kenntnis der strafrechtlichen Bedeutung meiner Erklärung, an Eides statt:

Ich wurde als Jude im Oktober/November 1940 in Dzialoszyce im Zuge einer SS-Razzia zusammen mit etwa 200-300 anderen jungen Menschen vom örtlichen Hauptplatz mit Lastwägen abtransportiert. Wir wurden bei der Hoch- und Tiefbaufirma Strauss (in der Nähe von Krakau) zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nach etwa zwei Jahren wurden wir zum Bau des KZ Plaszov abtransportiert. Diverse schwere Krankheiten (Lungenentzündung etc.) habe ich überlebt. Wir haben die gesamte Kanalisation und die Wasserleitungen für das KZ gebaut. Nach Fertigstellung mussten wir als Lagerinsassen im KZ, das von Amon Göth kommandiert wurde, bleiben. 1946 trat ich im Prozess gegen Göth als Zeuge auf.

Im KZ wurde ich von einem SS-Offizier vom Wachturm aus willkürlich angeschossen. Der Blockälteste hat mich versteckt, drei Kugeln wurden mit dem Taschenmesser entfernt. Ich lag etwa ein halbes Jahr verletzt im Versteck. Es grenzt an ein Wunder, dass ich dort nicht aufgegriffen wurde. Aus dem Versteck lief ich zu einem Transport, ohne zu wissen, wohin dieser führte. Mein Vater und mein Bruder, beide ebenfalls in Plaszov interniert, waren auch in diesem Transport. Im August 1943 traf der Transport nach drei Tagen und Nächten, die wir ohne Wasser und Nahrung verbringen mussten, in Mauthausen ein. Ein Teil der mehr als 6000 Gefangenen überlebte diesen Transport nicht. Vom Bahnhof Mauthausen wurden wir zu Fuß ins KZ getrieben. Manche schafften den Aufstieg nicht mehr. Wir musste in Hundertschaften am Appellplatz Aufstellung nehmen. Nach demütigenden Untersuchungen wurden wir in die Quarantänestation geführt. Wir mussten nackt vom Steinbruch aus Steine transportieren. Betten gab es nicht, wir schliefen zusammengepfercht auf dem Boden.

Ich gab an, Spengler zu sein und wurde deshalb nach Gusen überstellt. Dort arbeitete ich in der Blechherstellung für die Flugzeugindustrie. Aufgrund meiner Geschicklichkeit wurde ich zum „Putz“ (Diener) beim Ober-Kapo „befördert“. Auch mein Vater und Bruder profitierten von meiner Tätigkeit, indem ich ihnen Nahrung beschaffen konnte.

Man musste immer die Kappe vor einem SS-Mann ziehen. Ich habe einmal bei dichtem Schneetreiben einen nicht gesehen. Die Strafe war, 24 Stunden draußen in Eis und Schnee zu verbringen. Ich überlebte diese Situation mit viel Glück.

Bis zur Befreiung am 5. Mai 1945 konnte ich diese Arbeit fortsetzen.

Im Mai 1945 waren die Kapos und die SS geflohen. Die amerikanischen Panzer sind auf dem Weg nach Mauthausen bei Gusen vorbeigefahren. Erst am Abend sind sie auch nach Gusen gekommen und nahmen unsere Daten auf. Wir sind im Lager geblieben, weil wir keine Alternative hatten. Wir wussten nicht, wo wir uns geografisch befanden, wir konnten auch nicht die Sprache der Bevölkerung. Ich wurde vom Roten Kreuz ernährt. Mein Vater hat uns alle fetthaltigen Nahrungsmittel weggenommen, weil er wusste, dass wir das nicht essen sollten.

Wir schlossen uns einem Tross mit mehreren Tausend Ex-Häftlingen an, der mit Begleitung durch die amerikanische Militärpolizei zu Fuß nach Linz Urfahr ging. Ich konnte auf unserem Marsch keine einzige Person sehen, die geplündert hätte oder in irgendeiner Weise gewalttätig geworden wäre. Wir hätten dazu auch keine Kraft gehabt.

Wir – mein Vater, mein Bruder, noch einige Kameraden und ich – quartierten uns in einem ausgebombten Haus ein. Nahrung holten wir uns von den amerikanischen Truppen, teilweise konnte ich bei ihnen in der Küche arbeiten und so auch meinen Bruder und meinen Vater mitverpflegen, bis dann Nahrungsmittel systematisch von den Amerikanern zur Verfügung gestellt wurden. Alle Überlebenden wurden dann im Linzer Viertel „Bindermichl“ einquartiert. Langsam „normalisierte“ sich die Situation für uns: Wir hatten ein Dach über dem Kopf, Essensrationen, und wir wurden registriert. Mit einem Freund bin ich im November nach Wien gefahren, wo ich meine spätere Frau, eine Wiener Jüdin, die Auschwitz überlebt hatte, kennenlernte. Wohnen konnte ich bei meiner späteren Frau in der Zirkusgasse, weil die Wohnung ihrer Familie seitens der russischen Besatzer restituiert wurde. Bis 1954 oder 1955 war ich Hilfsarbeiter bei einer Altmetallfirma. Meine Frau konnte ich nur mit Schwierigkeiten heiraten: Sie hatte die österreichische Staatsbürgerschaft, ich hatte die polnische aufgrund des Antisemitismus in Polen zurückgelegt. Die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt ich mit Glück 1951 im Zuge einer Einbürgerungsaktion von Volksdeutschen.

1955 gründete ich eine Firma, die mit Rohstoffabfällen handelte, danach eröffnete ich zusammen mit meiner Frau ein Modegeschäft und zum Schluss ein Juweliergeschäft in der Praterstraße. Ich trete als Zeitzeuge in Schulen auf und war 2014 Redner beim „Fest der Freude“ am Wiener Heldenplatz.

Ich bin durch den Aula-Artikel betroffen, weil ich mich mit einem Verbrecher gleichgestellt fühle, obwohl ich mir über mein Leben lang nichts zuschulden habe kommen lassen. Ich unterstütze die Klage auch stellvertretend für die Tausenden, die Mauthausen und Gusen nicht überlebt haben und für die ich mich verantwortlich fühle.

Reaktionen auf den Tod von Aba Lewit:
Presseaussendung MKÖ
Presseaussendung Sabine Schatz (SPÖ)
Presseaussendung Eva Blimlinger (Grüne)