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Lesezeit: 6 Minuten

Die Kleiderlaus und die Nazis

Was dem Hit­ler sei­ne „Blon­di“, das war dem Göring sein „Mucki“. Der Anschein, die bei­den Ober­na­zis wären zu zärt­li­chen Gefüh­len für Mit­men­schen fähig gewe­sen, trügt. „Blon­di“ war Hit­lers Schä­fer­hün­din, die er so innig lieb­te, dass er nach ihrem Tod noch wei­te­re zwei Hün­din­nen nach ihr benann­te. „Mucki“ war hin­ge­gen einer von den sie­ben Löwen, die in Görings Domi­zi­len ihre Jugend ver­brin­gen durf­ten. Das wider­sprüch­li­che Ver­hält­nis der Nazis und des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu Tie­ren, das ist das span­nen­de, aber auch unter­halt­sa­me The­ma des Buches von Jan Mohn­haupt: „Tie­re im Nationalsozialismus“

19. Nov. 2020

Man kennt das ja auch aus Bekennt­nis­sen und Kom­men­ta­ren von Neo­na­zis, für die die Lie­be zu ihren Tie­ren – zumeist Hun­de – manch­mal zum poli­ti­schen State­ment gegen bestimm­te Men­schen und die Mensch­heit ins­ge­samt gerät. Bei Hit­ler war das auch so. Sei­ne drit­te und letz­te „Blon­di“ lieb­te er so sehr, dass ihr die eifer­süch­ti­ge Eva Braun manch­mal unter dem Ess­tisch einen Tritt ver­setz­te, der das Tier auf­jau­len ließ, was einen leich­ten Tadel der Hün­din durch Hit­ler zur Fol­ge hatte.

Die gelieb­te „Blon­di“ ließ Hit­ler aller­dings vor sei­nem eige­nen Sui­zid gna­den­los durch eine Zyan­ka­li-Kap­sel ver­gif­ten. Die Hün­din soll­te so wie das undank­ba­re „deut­sche Volk“ ihn nicht über­le­ben dür­fen – auch die ande­ren Hun­de in Hit­lers Nähe nicht. Von denen durf­te das „deut­sche Volk“ aber auch vor­her nichts erfah­ren. Die Scotch-Ter­ri­er von Eva Braun waren auf fast kei­nem der sorg­fäl­tig insze­nier­ten Fotos von Hit­ler mit Blon­di und Eva Braun zu sehen.

Adolf Hitler mit Blondi auf dem Berghof (Bundesarchiv_B_145_Bild-F051673-0059,_Adolf_Hitler_und_Blondi_auf_dem_Berghof)
Adolf Hit­ler mit Blon­di auf dem Berg­hof (Bun­des­ar­chiv)

Die Hun­de in den KZ kamen auch erst nach der Nie­der­la­ge des Natio­nal­so­zia­lis­mus an die Öffent­lich­keit. Ihre Essens­ra­tio­nen wur­den bewusst extrem nied­rig gehal­ten, um die Tie­re mög­lichst hung­rig und aggres­siv zu machen. „Ralf“ und „Rolf“ hie­ßen die Dog­gen, die Amon Göth im KZ Plas­zow auf KZ-Häft­lin­ge hetz­te, „Bar­ry“ der Misch­lings-Bern­har­di­ner, der sie auf Geheiß von KZ-Kom­man­dant Kurt Franz in Treb­linka zu Tode biss. Im Frau­en-KZ Ravens­brück waren mehr Hun­de als in ande­ren KZ ein­ge­setzt, weil, so Mohn­haupt, Himm­ler der Mei­nung war, man kön­ne Frau­en mit Hun­den mehr ein­schüch­tern als Männer.

"Barry", Hund von KZ-Kommandat Kurt Franz (NY Times)
„Bar­ry”, Hund von KZ-Kom­man­dat Kurt Franz (NY Times)

Für Göring gab es völ­lig ande­re Prio­ri­tä­ten. Sei­ne Löwen waren für ihn die „Her­ren­tie­re“ schlecht­hin. Sie durf­ten sich in den Räum­lich­kei­ten des Reichs­kanz­lers frei bewe­gen, im Auto neben ihm sit­zen, wur­den dann aller­dings im Alter von ein bis zwei Jah­ren, bevor sie ihn anfal­len hät­ten kön­nen, an den Zoo abge­ge­ben. Ansons­ten inter­es­sier­te sich Göring nur für Hir­schen, die er zu Dut­zen­den in sei­nen Jagd­re­vie­ren abschoss, wobei er eifer­süch­tig dar­über wach­te, dass nur er die kapi­tals­ten erleg­te. Für Hit­ler war die Jagd hin­ge­gen ein „fei­ger Sport“.

Mohn­haupt bringt dut­zen­de gut beleg­te Geschich­ten über das wider­sprüch­li­che Ver­hält­nis der Nazis zu Tie­ren ans Licht. Haus­tie­re hat­ten für die Nazis eigent­lich nur dann einen Stel­len­wert, wenn sie nütz­lich waren – so wie das Schwein. Am Schwein erken­ne man den Ari­er – das war die ideo­lo­gi­sche Leit­li­nie von „Reichs­er­näh­rungs­mi­nis­ter“ Walt­her Dar­ré, für den das Schwein die Leit­ras­se der nor­di­schen Völ­ker war. Mit ihr woll­te der Schöp­fer der „Blut und Boden“-Parole die beson­de­re Bedeu­tung des Haus­schweins für die Kriegs­wirt­schaft ideo­lo­gisch und his­to­risch unter­mau­ern, schei­ter­te dar­an aller­dings nicht nur prak­tisch, son­dern auch his­to­risch: Die ältes­ten Fun­de von domes­ti­zier­ten Schwei­nen stam­men aus­ge­rech­net aus den Gegen­den, in denen spä­ter Juden­tum und Islam den Genuss von Schwei­ne­fleisch ver­bo­ten haben.

In der Nazi-Hier­ar­chie waren die nicht­do­mes­ti­zier­ten Tie­re die eigent­li­chen „Her­ren­tie­re“ – so, wie die selbst­er­nann­ten „Her­ren­men­schen“ ganz oben. Allen vor­an aber nicht die von Göring gelieb­ten Löwen, son­dern der Wolf. Die gro­ße Bewun­de­rung für die Wöl­fe zieht sich durch die Nazi-Geschich­te bis hin zur Benen­nung der Hit­ler-Kriegs­quar­tie­re in „Wolfs­schan­ze“, „Wolfs­schlucht“ und „Wer­wolf“. Die Nazis schrie­ben ihnen Eigen­schaf­ten zu, die sie auch für sich in Anspruch nah­men: blut­rüns­ti­ge, uner­bitt­li­che Jäger. Wenn sie Görings Hir­schen in die Que­re kamen, wur­den sie aller­dings trotz ihrer Klas­si­fi­zie­rung als „nicht­jagd­ba­res Haar­wild“ uner­bitt­lich abgeschossen.

Dort, wo es Her­ren­men­schen und Her­ren­ras­sen gibt, gibt es natür­lich auch Men­schen, die eher Tie­re oder Unter­men­schen sind. Die dür­fen in der Nazi-Ideo­lo­gie dann genau­so ver­nich­tet wer­den wie die „Schäd­lin­ge“, die Mohn­haupt am Bei­spiel der Insek­ten den „Nütz­lin­gen“ gegen­über­stellt. Sei­nem Insek­ten­ka­pi­tel stellt er einen klu­gen und weit­sich­ti­gen Satz von Aldous Hux­ley aus dem Jahr 1936 vor­an: „Wenn Sie einen Men­schen eine Wan­ze nen­nen, bedeu­tet das, dass Sie die Absicht haben, ihn wie eine Wan­ze zu behan­deln.“ Wan­zen, Läu­se, Zecken, Rat­ten, Para­si­ten usw. – das waren bevor­zug­te Attri­bu­te der Nazis für die „Unter­men­schen“. In der „Zecke“ für Anti­fa­schis­ten haben sie bei Neo­na­zis und Rechts­extre­men bis heu­te über­dau­ert.

Gran­di­os ist die Abhand­lung Mohn­haupts über den „Nütz­ling“ Sei­den­rau­pe für die Rüs­tungs­po­li­tik der Nazis (Fall­schir­me!), der dem „Schäd­ling“ Kar­tof­fel­kä­fer gegen­über­ge­stellt wird. Bei den Insek­ten gibt es dann auch eine beson­de­re Poin­te, denn, so Mohn­haupt: „Wenn es über­haupt ein Tier gibt, das – zumin­dest für eine gewis­se Zeit – von die­sem Krieg pro­fi­tiert hat, dann war es wohl die Klei­der­laus.“ Mit Klei­der­läu­sen konn­ten sich aller­dings die von ihnen beson­ders geplag­ten KZ-Häft­lin­ge gegen ihre SS-Auf­se­her weh­ren: indem sie sie sorg­fäl­tig ein­sam­mel­ten und in frisch gewa­sche­ne und gebü­gel­te Hemd­krä­gen ihrer Pei­ni­ger einschleusten.

Die Hal­tung von Haus­tie­ren wur­de Juden und Jüdin­nen von den Nazis aus­nahms­los unter­sagt -–eine der vie­len ras­sis­ti­schen Bös­ar­tig­kei­ten, die schon bei der Macht­er­grei­fung der Nazis 1933 mit dem Ver­bot der Schäch­tung begon­nen hat­ten. Es ist wohl kein Zufall, dass die FPÖ auch in den ver­gan­ge­nen Jah­ren immer wie­der mal die Schäch­tung the­ma­ti­siert hat.

Die Kat­ze war übri­gens jenes Haus­tier, das für die Nazis kei­ne Nütz­lich­keit auf­wies – im Unter­schied zu den Haus­hun­den (bevor­zugt natür­lich in der Ras­se des Deut­schen Schä­fer­hun­des) als Wäch­tern und Beglei­tern des „Her­ren­men­schen“. Dar­in ähnel­ten die Nazis, so Mohn­haupt, jenem mit­tel­al­ter­li­chen Aber­glau­ben, der die Kat­zen für die Pest ver­ant­wort­lich mach­te und die Jäger der Rat­ten, die die Pest über ihre Flö­he über­tru­gen, aus­zu­rot­ten ver­such­te. Für den fana­ti­schen Nazi-Lite­ra­ten Will Ves­per waren Kat­zen „rei­ne Stadt­tie­re – tückisch, falsch und aso­zi­al, kurz­um »die Juden unter den Tie­ren«“.

Mohn­haupt: „Wenn Ves­per nicht gera­de Füh­rer­ge­dich­te und Tier­mär­chen ver­fasst oder in der NS-Zeit­schrift Die Neue Lite­ra­tur gegen ver­meint­lich jüdi­sche Autoren und Ver­le­ger wie Hes­se hetzt, zieht er mit­samt Hund und Schrot­flin­te durch den weit­läu­fi­gen Park sei­nes Gutes Tri­an­gel bei Gif­horn und erschießt alle Kat­zen, die er fin­den kann, damit sie nicht die Nes­ter der Sing­vö­gel plün­dern.“

Mohn­haupts Buch: eine Fund­gru­be über das wider­sprüch­li­che, ver­lo­ge­ne und auch lächer­li­che Ver­hält­nis der Nazis zu Tieren!

Jan Mohn­haupt, Tie­re im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Han­ser Ver­lag Mün­chen 2020

 

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