Wir verstehen, was Lothar Höbelt sagen will

Aus­gerech­net im Blog des recht­en Onlinetrolls Andreas Unter­berg­er, bezieht der Wiener Geschicht­spro­fes­sor Lothar Höbelt aus­führlich­er Stel­lung zu den Protesten gegen seine Vor­lesun­gen an der Uni Wien.

Zur Erin­nerung: Let­zten Win­ter war es zu Protesten gegen den „Pro­fes­sor Einzelfall“ in den Hörsälen der Uni Wien gekom­men. Im Gefolge daran, gab es kurze medi­ale Aufmerk­samkeit, ins­beson­dere, weil die antifaschis­tis­chen Protestieren­den schnell mit recht­en Saalschützern aus dem Umfeld der „Iden­titären“ kon­fron­tiert waren (wir haben darüber berichtet).

Unter dem schwül­sti­gen Titel „Geständ­nisse eines Reak­tionärs“ (1) geht Höbelt auf Unter­berg­ers Blog vage auf die Proteste und auf sein Ver­ständ­nis von Wis­senschaft ein. Er recht­fer­tigt sich wie gewohnt nicht mit klaren Worten, son­dern treibt auch hier ein Spiel mit Andeu­tun­gen, die es zu entschlüs­seln gilt.

Höbelt ver­wen­det zunächst mehrere Absätze darauf, die Tren­nung von poli­tis­ch­er Hal­tung und Lehre (an Schulen wie Unis) hochzuhal­ten. Er hält es für ange­bracht „strikt zu tren­nen zwis­chen wis­senschaftlichen Befun­den und The­sen ein­er­seits, Wer­turteilen und ‚moralis­chen Han­dre­ichun­gen‘ ander­er­seits.“ Etc., etc. Er stellt sich dann die Frage, ob man aus Geschichte ler­nen könne – die Antwort: „Ja – und zwar ist es da jedem unbenom­men, seine eige­nen Schlüsse zu ziehen.

Das klingt ob des argen Rel­a­tivis­mus schon sehr beden­klich. Höbelt konkretisiert es noch weit­er: „Es geht bei unseren Recherchen um Kausal­itäten, Ursache und Wirkung, nicht um ‚Schuld‘ und Sühne. Die Geschichte des Nation­al­sozial­is­mus (oder auch ander­er total­itär­er Bewe­gun­gen) macht da keine Aus­nahme.

Das ist natür­lich ein Rel­a­tivis­mus, der so nicht halt­bar ist: Der Nation­al­sozial­is­mus soll als Ursache-Wirkungs-Zusam­men­hang erk­lärt wer­den, bei dem es nicht um Schuld gehe. Moralis­che Wer­turteile ste­hen dem­nach gän­zlich außer­halb der his­torischen Forschung. Es ist beze­ich­nend, dass Höbelt aus­gerech­net das Wort Schuld in Anführungsze­ichen setzt.

Er wird noch deut­lich­er weiter:

Tabus haben in der Wis­senschaft nichts ver­loren, allen­falls als Gegen­stand der Forschung, nicht als Vor­gabe. Kurios freilich: Die „Achtund­sechziger” und auch die Anti-Wald­heim-Aktivis­ten waren offen­bar noch stolz darauf, gegen ihrer Mei­n­ung nach beste­hende Tabus vorzuge­hen. Doch dieses Priv­i­leg ist offen­bar nur für eine gewisse poli­tis­che Rich­tung reserviert.

Von hier aus kommt Höbelt auf die Frage nach Zeitzeu­gen als Quellen für Forschung zu sprechen. Eine ambiva­lente Sache schein­bar. Natür­lich seien solche auch „der Quel­lenkri­tik zu unter­w­er­fen“, aber „wertvolle Anre­gun­gen“ könne man schon emp­fan­gen, etc.

An dieser Stelle passiert nun ein wichtiger Schwenk in sein­er Argu­men­ta­tion: Ging es eben noch um wis­senschaftliche Quellen, so geht es plöt­zlich um Schulen und Auftritte in der Öffentlichkeit – der The­men­wech­sel passiert von einem Satz auf den anderen:

Je mehr Aufze­ich­nun­gen und „Ego-Doku­mente” uns zur Ver­fü­gung ste­hen, umso bess­er ist es um unsere Quel­len­ba­sis bestellt. Bei immer wiederkehren­den Auftrit­ten in der Öffentlichkeit nimmt dieser Erken­nt­nis­gewinn naturgemäß ab. Ger­ade im Schu­lun­ter­richt scheinen mir Auftritte von Zeitzeu­gen damit in erster Lin­ie nichtwissenschaftlichen Zielset­zun­gen zu dienen, von Abwech­slung bis Emotionalisierung.

Höbelt kommt also von einem zunächst unverdächtig klin­gen­den Plä­doy­er für Wert­neu­tral­ität und Quel­lenkri­tik in der Wis­senschaft zu For­mulierun­gen, die impliz­it das Auftreten von Holo­caustüber­leben­den in Schulen in Mis­skred­it ziehen – er reduziert den Zweck dieser Auftritte verächtlich auf „Abwech­slung“ und „Emo­tion­al­isierung“.

Höbelt wet­tert, geschickt for­muliert und in akademis­chem Jar­gon, gegen die antifaschis­tis­che Erin­nerungskul­tur, ins­beson­dere gegen das wieder­holte öffentliche Auftreten von „Zeitzeu­gen“, wom­it – unschw­er zu erken­nen – haupt­säch­lich Shoah-Über­lebende gemeint sein wer­den. Natür­lich sagt er es nicht so. Doch das unmissver­ständlich Implizierte wird in der Kom­men­tarspalte ver­lässlich konkretisiert – und so klingt der „beliebteste Kom­men­tar“, direkt unter dem Artikel:

Was für ein her­aus­ra­gen­der Artikel—von Anfang bis Ende! Jed­er Satz ist gle­ich wertvoll!
Den­noch möchte ich EINEN Satz her­vorheben, weil ich jedes Mal nach­den­klich werde, wenn ich z.B. in der ZIB von „bes­timmten” ZEITZEUGEN höre, die wie ein Wan­der­pokal von Schule zu Schule gere­icht wer­den, um ihre „Erin­nerun­gen” an eine bes­timmte Zeit, ihre „Erleb­nisse” als Kle­in­stkinder an bes­timmte Vorgänge zu schildern.

Ger­ade im Schu­lun­ter­richt scheinen mir Auftritte von Zeitzeu­gen damit in erster Lin­ie nichtwissenschaftlichen Zielset­zun­gen zu dienen, von Abwech­slung bis Emotionalisierung.

Man ver­traut völ­lig ungeprüft dem Wahrheits­ge­halt aller dieser Aus­sagen, weil man sie sich ihrer nur zu gerne bedi­enen will. Der „ges­teuerten” Phan­tasie des „Zeitzeu­gen” sind kein­er­lei Gren­zen geset­zt! Das ist ein sehr großer Fehler, den man aber ganz bewußt BENÜTZT.

Kommentar zu Höbelt bei Unterberger

Kom­men­tar zu Höbelt bei Unterberger

Natür­lich kann sich der rechte Spaß­mach­er Höbelt von diesem vul­gären Aus­buch­sta­bieren des von ihm Gesagten rel­a­tiv leicht dis­tanzieren; Ja, er kann sog­ar behaupten, er habe das nie so gemeint. Aber seine Fans ver­ste­hen ihn ver­lässlich richtig. Was übri­gens das Einzige sein mag, das diese Fans mit seinen antifaschis­tis­chen Gegner*innen gemein haben. Denn wir ver­ste­hen auch, was Höbelt sagen möchte.

➡️ Lothar Höbelt: Ras­sis­mus mit Augen­zwinkern. Ein Close-Reading
➡️ Lothar Höbelt: Recht­sex­treme „Briefe“: Revi­sion­is­tis­ches, Anti­semi­tis­ches und Antifeministisches

Fußnoten

1 „In eigen­er Sache: Geständ­nisse eines Reak­tionärs“, 09.02.2020, erschienen auf dem Blog von Andreas Unter­berg­er, zulet­zt einge­se­hen 11.09.2020