„Die Welle” im Burgenland: Quod licet Iovi, non licet bovi

Natür­lich müssen sich Lehrende genau über­legen, welche Lek­türe, welche Filme sie ihren Schü­lerIn­nen vorset­zen, natür­lich haben sie die Ziel­gruppe zu berück­sichti­gen, natür­lich spielt das method­isch-didak­tis­che Vorge­hen eine zen­trale Rolle. Was nun in der 4. Klasse der NMS Zurn­dorf wirk­lich passiert ist, ist von außen schw­er zu beurteilen:

Eine Lehrerin liest mit den Schü­lerIn­nen das Buch „Die Welle“ und zeigt anschließend den Film. Eine Gruppe begin­nt in der Pause, das Exper­i­ment nachzus­pie­len und genau das scheint, wie sein­erzeit auch im realen, 1967 durchge­führten Exper­i­ment, das ja The­ma des Buch­es ist, außer Kon­trolle zu ger­at­en: Die Schü­lerIn­nen kip­pen in ein total­itäres Sys­tem. Nun kom­men die Behör­den zum Zug: Polizei, Staat­san­waltschaft, Schu­lauf­sicht, und es set­zt neben den Ermit­tlun­gen gegen sechs Schü­lerIn­nen wegen Wieder­betä­ti­gung für zumin­d­est einen Schüler auch noch eine Straf­maß­nahme: Er wird von der Teil­nahme an der Schul­sport­woche aus­geschlossen. Und zu guter Let­zt ver­hängt die Schu­lauf­sicht ein Ver­bot: „Die Welle“ darf im Bur­gen­land nicht mehr im Unter­richt zum Ein­satz kommen.

Kurz­film „Die Welle” von 1981

Ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass zu hin­ter­fra­gen ist, inwieweit autoritäre Maß­nah­men bei 13- bis 15-Jähri­gen als päd­a­gogis­ches Mit­tel geeignet sind, um gegen autoritäres Ver­hal­ten vorzuge­hen, sollte auch die Ver­hält­nis­mäßigkeit der Reak­tio­nen disku­tiert wer­den. Ins­beson­dere, wenn wir unseren Blick über die NMS Zurn­dorf hin­aus­richt­en, frei nach dem Mot­to: Quod licet Iovi, non licet bovi.

Wir ken­nen Grup­pierun­gen, deren Mit­glieder sich einst im Wald bewaffnete Kämpfe geliefert haben – ein Teil­nehmer ist ohne jegliche Sank­tio­nen zum Vizekan­zler dieser Repub­lik aufgestiegen. 

Stra­che beim „Paint­ball”

Wir ken­nen Grup­pierun­gen, deren Mit­glieder teil­weise unver­hohlen der „guten alten Zeit“ frö­nen, näm­lich jen­er Zeit, als Öster­re­ich dem „Altre­ich“ ein­ver­leibt war und die noch immer weinen, dass am 8. Mai 1945 die moralisch dreck­ig­ste Zeit der Geschichte dieses Lan­des mit ein­er mil­itärischen Nieder­lage zu Ende ging. Hat es Fol­gen gegeben, ist hier die Staats­ge­walt ausgerückt?

Und wenn sie, diese Grup­pierun­gen, es ganz lustig haben wollen, dann tre­f­fen die sich zu einem Faschings­gschnas und verklei­den sich schon mal als SSler und als Ku-Klux-Klan-Mit­glieder. Die Fol­gen? Wir ken­nen keine!

Hät­ten wir nicht Anzeige erstat­tet, wäre auch der Auftritt des Neon­azis Sebas­t­ian Döhring, des „wohl bekan­ntesten Bal­laden­sängers Deutsch­lands”, wie es in der Ein­ladung hieß, bei der Ger­ma­nia Ried fol­gen­los geblieben. Der „Bal­laden­sänger“ huldigt nicht nur dem Nation­al­sozial­is­mus, son­dern beispiel­sweise auch dem verurteil­ten Recht­ster­ror­is­ten und NSU-Helfer Ralf Wohlleben. Merke: Bist Du Mit­glied ein­er solchen Vere­ini­gung, musst Du nur erk­lären, „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“, und Du kannst wie Elmar Pod­gorschek Lan­desrat bleiben.

Aber vielle­icht winkt nun dem „Lenni“ aus der NMS Zurn­dorf, der im Spiel den „Führer“ gegeben hat, eine schöne Kar­riere. Zum Beispiel als zukün­ftiger Mitar­beit­er beim bur­gen­ländis­chen Polit-Vor­bild Nor­bert Hofer, der, wie wir wis­sen, ein beson­deres Faible für ges­tran­dete Burschen mit braunem Back­ground aufweist: etwa für Rene Schi­manek, der gle­icher­maßen im Küs­sel-Umfeld anzutr­e­f­fen war wie Mar­cus Ull­mann, dem die auch nach sein­er VAPO-Zeit gepflegten Vor­lieben für Ewiggestrige(s) nicht geschadet haben, oder Her­wig Götschober, der nicht nur das Lieder­buch sein­er Burschen­schaft Bruna Sude­tia nicht ken­nt, son­dern auch son­st recht stramm unter­wegs ist, oder Arndt Prax­mar­er, der sich nicht erk­lären kann, wie er denn Fan der Face­book-Page von „Der Gold­ene Löwe“ wurde, just jenes Lokals, das der verurteilte Neon­azi Tom­my Frenck betreibt. Aber ob die FPÖ ihre Head­hunter bere­its nach Zurn­dorf geschickt hat, ist uns nicht bekannt.