Martin Graf, „unzensuriert“ und seine Freunde: Burgenland zurück zu Ungarn?

Es sind ja bekanntlich die wirklich wesentlichen Dinge, über die die rechtsextremistische Internetzeitung des dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, unzensuriert.at, berichtet. Etwa über die Absicht des ungarischen Fidesz-Abgeordneten Zoltán Kőszegi, den Vertrag von Trianon (1920) bis zum Jahr 2020 zu „revidieren“, also die damals vorgenommene Grenzziehung rückgängig zu machen.

Das kommt gut an, bei den Martin Grafs und seinesgleichen: Die so genannten Pariser Vorortverträge, darunter die Verträge von Trianon (mit Ungarn), St. Germain (Österreich) und Versailles (Deutschland), mit denen der erste Weltkrieg völkerrechtlich beendet wurde, werden im geistigen Paralleluniversum Ewiggestriger gern als „Schandverträge“ bezeichnet. Und so verwundert es nicht, dass der Wunsch eines ungarischen Regierungsabgeordneten nach Revision des Vertrags von Trianon bei den UserInnen von unzensuriert.at wahre Begeisterungsrufe auslöst: „Die Nervosität der Begünstigten des Heimatraubes an Ungarn wie Deutschen spricht Bände. So einflußreich und mächtig wie die Juden müßten sie sein…“, schreibt User Helmut H., nicht ohne den dieser Denkwelt inhärenten Antisemitismus auszuleben (offensichtlich kein Problem für die unzensuriert.at-Redaktion, die das Posting auch nach 30 Stunden noch nicht entfernt hatte). Und auch okmokm1 findet die Sache mit der Vertragsrevsion gut: „In Anbetracht der Tatsache, dass Millionen von Ungarn unnötigerweise an die Nachbarländer „verteilt“ wurden, und seitdem stetig unterdrückt werden, ist dieser Schritt durchaus vorstellbar.“


Screenshots der Postings von Helmut H. und okmokm1, Quelle: unzensuriert.at

User „St. Germain“ sieht den Zeitpunkt zu handeln gekommen: „auch der vertrag von st.germain war unfair, warum fordern wir nicht – zurecht – südtirol zurück, weiters – viel problematischer, da österreicher bereits vertrieben: tarvis, marburg, ödenburg, brünn etc.? wenn die eu auseinanderbricht, sollte südtirol ein thema werden.“


Screenshot des Postings von St. Germain, Quelle: unzensuriert.at

Und streift damit ungewollt des Pudels Kern: Ödenburg, das heutige Sopron, gehörte bis auf wenige Jahre (1459 bis 1462) verwaltungstechnisch nie zu Österreich, sondern immer zur ungarischen Reichshälfte der (späteren) Doppelmonarchie. Ebenso wie etwa auch die Ortschaften Kismarton, Németújvár oder Felsőőr, heute etwas besser bekannt unter den Namen Eisenstadt, Güssing und Oberwart.

Das gesamte heutige Bundesland Burgenland war nämlich bis 1921 ein Teil Ungarns und kam erst als Folge des Vertrags von Trianon zur Republik Österreich. User „St. Germain“ outet sich mit seinem Dumpfbackenposting nicht nur als chauvinistischer Vollidiot und historisch völlig ungebildet, sondern bringt die Sache mit der Revisionsbegeisterung rechtsextremistischer Gruppen ungewollt auf den Punkt: wenn die Verträge von Versaille, St. Germain und Trianon tatsächlich „revidiert“ werden sollten, dann muss das Burgenland wieder ungarisch werden!

Ein erstaunlicher Fehler, der im FPÖ-Umfeld nicht das erste Mal zu entdecken ist. So schmückte etwa ein Mitarbeiter des FPÖ-Klubs seinen Wagen mit einem Abziehbild von Großungarn, das auch das Burgenland als „ungarisch“ auswies. Und ohne größere Probleme unterhält die FPÖ auch Kontakte zur rechtsextremistischen ungarischen Jobbik, die die Revision des Vertrags von Trianon (und damit die Angliederung des Burgenlands an Ungarn) im Parteiprogramm festgeschrieben hat.


FPÖ-MItarbeiter mit Abziehbild von Grossungarn, das auch das Burgenland als „ungarisch“ ausweist. ↳ Grossungarn, Jobbik und die FPÖ

… Also … wie bereits einleitend erwähnt…: Es sind ja bekanntlich die wirklich wesentlichen Dinge, über die die rechtsextremistische Internetzeitung des dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, „unzensuriert“, berichtet…