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Strache, Scheuch und die FreimaurerLesezeit: 5 Minuten

Anders Beh­ring Brei­vik, der rechts­extre­me Atten­tä­ter von Oslo, posier­te in der Frei­­mau­­rer-Uni­­form, dem „Schurz“. Mehr hat es nicht gebraucht: Neo­na­zis und Rechts­extre­me sehen dar­in natür­lich den ein­deu­ti­gen Beweis, dass die Frei­mau­rer und mit ihnen „die Juden” für die Atten­ta­te ver­ant­wort­lich sei­en. Die Nazi-Pro­­pa­­gan­­da von der „jüdisch-frei­­mau­­re­ri­­schen” Ver­schwö­rung lebt wie­der auf. Im brau­nen Teil des Internet […]

21. Aug 2011

Im brau­nen Teil des Inter­net kur­sie­ren bereits Ver­sio­nen, in denen der Täter als ein Zio­nist gebrand­markt wird, der anti­zio­nis­ti­sche Jugend­li­che erschos­sen habe. Heinz-Chris­ti­an Stra­che, Par­tei­chef der FPÖ, beeilt sich, in sei­nen Inter­views zu den Atten­ta­ten dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es eben­so „absurd“ und „pie­tät­los“ wäre, die Mit­glied­schaft von Brei­vik bei den Frei­mau­rern ursäch­lich mit dem Atten­tat in einen Zusam­men­hang zu brin­gen wie die Poli­tik der FPÖ. War­um macht er das?


Brei­vik in unter­schied­li­cher Ver­klei­dung: Als Frei­mau­rer, in einer Fan­ta­sie­uni­form (einer ver­än­der­ten Uni­form­ja­cke der Mari­nes) und als Kampftaucher

In allen Inter­views seit dem Mas­sa­ker von Oslo betont Stra­che, dass es falsch wäre, die Frei­mau­re­rei von Brei­vik in einen Zusam­men­hang mit den Atten­ta­ten zu brin­gen. Stra­che hat die Kom­bi­na­ti­on Brei­vik – Frei­mau­rer mehr­fach geübt. Begon­nen hat er damit in einem Inter­view mit „Öster­reich“, als er zu sei­ner Bera­te­rin Eli­sa­beth Saba­dit­sch-Wolff befragt wurde:

ÖSTERREICH: Ihre Bera­te­rin Saba­dit­sch wur­de vom Oslo-Atten­tä­ter zitiert.
STRACHE: Soweit ich weiß, hat der irre Atten­tä­ter in sei­ner Hass­schrift u. a. auch auf den Papst oder die Frei­mau­rer Bezug genom­men. Dar­aus eine Ursäch­lich­keit oder Ver­ant­wort­lich­keit kon­stru­ie­ren zu wol­len, wäre genau­so absurd, wie das bei Frau Saba­dit­sch-Wolff absurd ist. (Öster­reich, 29.7.2011)

Her­aus­ge­kom­men ist dabei in sei­nen fol­gen­den Inter­views und Stel­lung­nah­men qua­si eine „Ver­fei­ne­rung“ des ursprüng­li­chen Topos (Brei­vik – Frei­mau­rer), näm­lich Brei­vik – Frei­mau­rer – Freimaurer-Terrorist:

  • „Also ich fin­de es unfass­bar und pie­tät­los, wel­che Zusam­men­hän­ge poli­ti­sche Mit­be­wer­ber da kon­stru­iert haben. Es wäre genau­so absurd zu behaup­ten: Die­ser irre Psy­cho­path war Frei­mau­rer — und ist das jetzt der neue Frei­mau­rer-Ter­ro­ris­mus? Und haben sich jetzt schon alle von Vra­nitz­ky bis Androsch für ihn ent­schul­digt?“ (Die Pres­se, 5.8. 2011)

  • „Ich wür­de nie­mals behaup­ten, dass es sich um ein Atten­tat eines Frei­mau­rer-Ter­ro­ris­ten gehan­delt hat, nur weil der ver­haf­te­te Mann Mit­glied einer Loge ist. Die poli­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen müs­sen jetzt alles Not­wen­di­ge unter­neh­men, damit sich Atten­ta­te wie die­ses nicht mehr wie­der­ho­len.“ (Neue Freie Zei­tung, 11.8.2011)

  • „Das ist beson­ders per­fi­de und pie­tät­los. Es ist – gelin­de gesagt – eine Saue­rei, die FPÖ wider bes­se­res Wis­sen in einen Zusam­men­hang zu brin­gen mit einem psy­cho­pa­thi­schen Mas­sen­mör­der irgend­wo in Skan­di­na­vi­en. Genau­so falsch und pie­tät­los wäre es zu sagen, es wäre Frei­mau­rer­ter­ror, weil die­ser Irre Mit­glied bei den Frei­mau­rern ist.“ ( Öster­reich, 14.8.2011)

Zeit­gleich mit Stra­ches Frei­mau­rer-Zuord­nun­gen pla­gen sich noch ande­re pro­mi­nen­te Frei­heit­li­che mit einer angeb­li­chen Frei­mau­rer-Ver­schwö­rung her­um: die Gebrü­der Uwe und Kurt Scheuch. Am 4.8. lässt Kurt Scheuch, Klub­ob­mann der FPK und Bru­der des ver­ur­teil­ten Uwe Scheuch, über eine Pres­se­aus­sendung mit­tei­len: „Wel­che Ver­bin­dun­gen der Rich­ter Chris­ti­an Lieb­hau­ser-Karl zur lin­ken Reichs­hälf­te und zu den Frei­mau­rern pflegt, wer­den wir uns noch genau­er anschau­en.“ (OTS FPK 4.8.2011)

Am 6.8. nimmt Uwe Scheuch den Ball des Bru­ders auf:

„Klei­ne Zei­tung“: „In Ihrer Par­tei will man das Umfeld des Rich­ters aus­leuch­ten. Das ist niederträchtig.”
Scheuch: „Das fin­de auch ich absto­ßend. Ich wür­de so etwas nie tun. Was aber span­nend ist: Es wur­de mir zuge­tra­gen, dass der Kol­le­ge Lieb­hau­ser-Karl dem Netz­werk der Frei­mau­rer ange­hö­ren soll. Das wird man noch sagen dür­fen.“ (Klei­ne Zei­tung, 6.8.2011)

Absto­ßend für Uwe ist nur die Schnüf­fel­an­kün­di­gung sei­nes Bru­ders, nicht aber, was ihm (von die­sem?) zuge­tra­gen wur­de, dass der Rich­ter ein Frei­mau­rer sei: „Das wird man noch sagen dürfen.“

Wie stark der poli­ti­sche Druck, die Schnüf­fe­lei in Kärn­ten tat­säch­lich ist, lässt sich am bes­ten aus der Stel­lung­nah­me von Kärn­tens lei­ten­dem Staats­an­walt, Gott­fried Krainz, gegen­über der „Kro­ne“ (19.8.2011) able­sen: „Ich bin weder Frei­mau­rer noch bei der SP, wie behaup­tet wur­de. Der ein­zi­ge Ver­ein, wo ich je war, ist der MGV Annabichl.”

War­um soll man über­haupt sagen, dass der Rich­ter oder auch Brei­vik ein Frei­mau­rer ist? Weil damit ein alter natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­schwö­rungs­my­thos, der die Jahr­zehn­te in ver­schie­de­nen Vari­an­ten und Abwand­lun­gen über­lebt hat, neue Nah­rung erhält. Für Hit­ler, Goeb­bels und im beson­de­ren den Chef­ideo­lo­gen der Nazis, Alfred Rosen­berg, gab es eine „jüdisch-frei­mau­re­ri­sche Welt­ver­schwö­rung“, mit der das „inter­na­tio­na­le Juden­tum“ die Völ­ker zu unter­jo­chen und unter­gra­ben ver­su­che. Lin­ke Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten waren in die­ser Nazi-Ideo­lo­gie als „jüdisch-bol­sche­wis­ti­schen Welt­ver­schwö­rung“ eben­so dabei.


„Das Schwar­ze Korps”, die Pro­pa­gan­da­zei­tung der Schutz­staf­fel der NSDAP (SS)

Uwe Scheuch und Stra­che ver­wen­den ein­fach die Zuord­nung Frei­mau­rer. Dabei kön­nen sie dar­auf ver­trau­en, dass das Attri­but „Frei­mau­rer“ sei­ne Wir­kung ent­fal­tet. Stra­che setzt mit sei­ner for­ma­len Distan­zie­rung und der Zuga­be „Frei­mau­rer-Ter­ro­ris­mus“ sogar noch eins drauf. Schon Jörg Hai­der und Ewald Stad­ler haben den Mythos der „Frei­mau­rer“ jah­re­lang gepflegt und im poli­ti­schen Dis­kurs warm­ge­hal­ten. Kurt Scheuch ist mit der Ver­gan­gen­heit noch direk­ter ver­drah­tet und bringt die „Frei­mau­rer“ auch mit der „lin­ken Reichs­hälf­te“ in Ver­bin­dung. Da fehlt zwar noch das Juden­tum, aber die gedank­li­chen Krü­cken sind bereitgestellt.

Ob irgend­ein Kärnt­ner Rich­ter oder der lei­ten­de Staats­an­walt tat­säch­lich Mit­glied der Frei­mau­rer ist bzw. Ver­bin­dun­gen zur lin­ken Reichs­hälf­te hat, ist völ­lig unin­ter­es­sant aber ent­lar­vend für Scheuch: Bezie­hun­gen zur rech­ten Reichs­hälf­te wären dem­nach ja erwünscht oder gar Vor­aus­set­zung, um das Rich­ter­amt kor­rekt aus­üben zu können.

Bei Brei­vik ist die Sache vor­der­grün­dig anders. Er spricht sei­ne Mit­glied­schaft bei den Frei­mau­rern selbst an, schmückt sich mit ihr, auch wenn er in sei­nem wir­ren Mani­fest den Frei­mau­rern kei­ne aktu­el­le poli­ti­sche Rele­vanz zubil­ligt, son­dern sie als Ver­wal­ter des kul­tu­rel­len Erbes abstem­pelt. Die Frei­mau­rer haben sich auch von Brei­vik sofort distan­ziert. Wen trotz­dem inter­es­siert, war­um Brei­vik hier mög­li­cher­wei­se bewusst fal­sche Spu­ren gelegt hat, sei auf den Bei­trag von Hen­rik Eber­le in der „Zeit“ ver­wie­sen („Nor­we­gens fal­scher Tem­pel­rit­ter“).

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