Strache, Scheuch und die Freimaurer

Anders Behring Breivik, der recht­sex­treme Atten­täter von Oslo, posierte in der Freimau­r­er-Uni­form, dem „Schurz“. Mehr hat es nicht gebraucht: Neon­azis und Recht­sex­treme sehen darin natür­lich den ein­deuti­gen Beweis, dass die Freimau­r­er und mit ihnen „die Juden” für die Atten­tate ver­ant­wortlich seien. Die Nazi-Pro­pa­gan­da von der „jüdisch-freimau­rerischen” Ver­schwörung lebt wieder auf. Im braunen Teil des Inter­net kur­sieren bere­its Ver­sio­nen, in denen der Täter als ein Zion­ist gebrand­markt wird, der antizion­is­tis­che Jugendliche erschossen habe. Heinz-Chris­t­ian Stra­che, Parte­ichef der FPÖ, beeilt sich, in seinen Inter­views zu den Atten­tat­en darauf hinzuweisen, dass es eben­so „absurd“ und „pietät­los“ wäre, die Mit­glied­schaft von Breivik bei den Freimau­r­ern ursäch­lich mit dem Atten­tat in einen Zusam­men­hang zu brin­gen wie die Poli­tik der FPÖ. Warum macht er das?


Breivik in unter­schiedlich­er Verklei­dung: Als Freimau­r­er, in ein­er Fan­tasie­u­ni­form (ein­er verän­derten Uni­for­m­jacke der Marines) und als Kampftaucher

In allen Inter­views seit dem Mas­sak­er von Oslo betont Stra­che, dass es falsch wäre, die Freimau­r­erei von Breivik in einen Zusam­men­hang mit den Atten­tat­en zu brin­gen. Stra­che hat die Kom­bi­na­tion Breivik – Freimau­r­er mehrfach geübt. Begonnen hat er damit in einem Inter­view mit „Öster­re­ich“, als er zu sein­er Bera­terin Elis­a­beth Saba­ditsch-Wolff befragt wurde:

ÖSTERREICH: Ihre Bera­terin Saba­ditsch wurde vom Oslo-Atten­täter zitiert.
STRACHE: Soweit ich weiß, hat der irre Atten­täter in sein­er Has­ss­chrift u. a. auch auf den Papst oder die Freimau­r­er Bezug genom­men. Daraus eine Ursäch­lichkeit oder Ver­ant­wortlichkeit kon­stru­ieren zu wollen, wäre genau­so absurd, wie das bei Frau Saba­ditsch-Wolff absurd ist. (Öster­re­ich, 29.7.2011)

Her­aus­gekom­men ist dabei in seinen fol­gen­den Inter­views und Stel­lung­nah­men qua­si eine „Ver­feinerung“ des ursprünglichen Topos (Breivik – Freimau­r­er), näm­lich Breivik – Freimau­r­er – Freimaurer-Terrorist:

  • „Also ich finde es unfass­bar und pietät­los, welche Zusam­men­hänge poli­tis­che Mit­be­wer­ber da kon­stru­iert haben. Es wäre genau­so absurd zu behaupten: Dieser irre Psy­chopath war Freimau­r­er — und ist das jet­zt der neue Freimau­r­er-Ter­ror­is­mus? Und haben sich jet­zt schon alle von Vran­itzky bis Androsch für ihn entschuldigt?“ (Die Presse, 5.8. 2011)

  • „Ich würde niemals behaupten, dass es sich um ein Atten­tat eines Freimau­r­er-Ter­ror­is­ten gehan­delt hat, nur weil der ver­haftete Mann Mit­glied ein­er Loge ist. Die poli­tis­chen Ver­ant­wortlichen müssen jet­zt alles Notwendi­ge unternehmen, damit sich Atten­tate wie dieses nicht mehr wieder­holen.“ (Neue Freie Zeitung, 11.8.2011)

  • „Das ist beson­ders per­fide und pietät­los. Es ist – gelinde gesagt – eine Sauerei, die FPÖ wider besseres Wis­sen in einen Zusam­men­hang zu brin­gen mit einem psy­chopathis­chen Massen­mörder irgend­wo in Skan­di­navien. Genau­so falsch und pietät­los wäre es zu sagen, es wäre Freimau­r­ert­er­ror, weil dieser Irre Mit­glied bei den Freimau­r­ern ist.“ ( Öster­re­ich, 14.8.2011)

Zeit­gle­ich mit Stra­ches Freimau­r­er-Zuord­nun­gen pla­gen sich noch andere promi­nente Frei­heitliche mit ein­er ange­blichen Freimau­r­er-Ver­schwörung herum: die Gebrüder Uwe und Kurt Scheuch. Am 4.8. lässt Kurt Scheuch, Klubob­mann der FPK und Brud­er des verurteil­ten Uwe Scheuch, über eine Presseaussendung mit­teilen: „Welche Verbindun­gen der Richter Chris­t­ian Lieb­hauser-Karl zur linken Reichshälfte und zu den Freimau­r­ern pflegt, wer­den wir uns noch genauer anschauen.“ (OTS FPK 4.8.2011)

Am 6.8. nimmt Uwe Scheuch den Ball des Brud­ers auf:

„Kleine Zeitung“: „In Ihrer Partei will man das Umfeld des Richters ausleucht­en. Das ist niederträchtig.”
Scheuch: „Das finde auch ich abstoßend. Ich würde so etwas nie tun. Was aber span­nend ist: Es wurde mir zuge­tra­gen, dass der Kol­lege Lieb­hauser-Karl dem Net­zw­erk der Freimau­r­er ange­hören soll. Das wird man noch sagen dür­fen.“ (Kleine Zeitung, 6.8.2011)

Abstoßend für Uwe ist nur die Schnüf­fe­lankündi­gung seines Brud­ers, nicht aber, was ihm (von diesem?) zuge­tra­gen wurde, dass der Richter ein Freimau­r­er sei: „Das wird man noch sagen dürfen.“

Wie stark der poli­tis­che Druck, die Schnüf­felei in Kärn­ten tat­säch­lich ist, lässt sich am besten aus der Stel­lung­nahme von Kärn­tens lei­t­en­dem Staat­san­walt, Got­tfried Krainz, gegenüber der „Kro­ne“ (19.8.2011) able­sen: „Ich bin wed­er Freimau­r­er noch bei der SP, wie behauptet wurde. Der einzige Vere­in, wo ich je war, ist der MGV Annabichl.”

Warum soll man über­haupt sagen, dass der Richter oder auch Breivik ein Freimau­r­er ist? Weil damit ein alter nation­al­sozial­is­tis­ch­er Ver­schwörungsmythos, der die Jahrzehnte in ver­schiede­nen Vari­anten und Abwand­lun­gen über­lebt hat, neue Nahrung erhält. Für Hitler, Goebbels und im beson­deren den Chefide­olo­gen der Nazis, Alfred Rosen­berg, gab es eine „jüdisch-freimau­rerische Weltver­schwörung“, mit der das „inter­na­tionale Juden­tum“ die Völk­er zu unter­jochen und unter­graben ver­suche. Linke Parteien und Gew­erkschaften waren in dieser Nazi-Ide­olo­gie als „jüdisch-bolschewis­tis­chen Weltver­schwörung“ eben­so dabei.


„Das Schwarze Korps”, die Pro­pa­gan­dazeitung der Schutzstaffel der NSDAP (SS)

Uwe Scheuch und Stra­che ver­wen­den ein­fach die Zuord­nung Freimau­r­er. Dabei kön­nen sie darauf ver­trauen, dass das Attrib­ut „Freimau­r­er“ seine Wirkung ent­fal­tet. Stra­che set­zt mit sein­er for­malen Dis­tanzierung und der Zugabe „Freimau­r­er-Ter­ror­is­mus“ sog­ar noch eins drauf. Schon Jörg Haider und Ewald Stadler haben den Mythos der „Freimau­r­er“ jahre­lang gepflegt und im poli­tis­chen Diskurs war­mge­hal­ten. Kurt Scheuch ist mit der Ver­gan­gen­heit noch direk­ter ver­drahtet und bringt die „Freimau­r­er“ auch mit der „linken Reichshälfte“ in Verbindung. Da fehlt zwar noch das Juden­tum, aber die gedanklichen Krück­en sind bereitgestellt.

Ob irgen­dein Kärnt­ner Richter oder der lei­t­ende Staat­san­walt tat­säch­lich Mit­glied der Freimau­r­er ist bzw. Verbindun­gen zur linken Reichshälfte hat, ist völ­lig unin­ter­es­sant aber ent­lar­vend für Scheuch: Beziehun­gen zur recht­en Reichshälfte wären dem­nach ja erwün­scht oder gar Voraus­set­zung, um das Richter­amt kor­rekt ausüben zu können.

Bei Breivik ist die Sache vorder­gründig anders. Er spricht seine Mit­glied­schaft bei den Freimau­r­ern selb­st an, schmückt sich mit ihr, auch wenn er in seinem wirren Man­i­fest den Freimau­r­ern keine aktuelle poli­tis­che Rel­e­vanz zubil­ligt, son­dern sie als Ver­wal­ter des kul­turellen Erbes abstem­pelt. Die Freimau­r­er haben sich auch von Breivik sofort dis­tanziert. Wen trotz­dem inter­essiert, warum Breivik hier möglicher­weise bewusst falsche Spuren gelegt hat, sei auf den Beitrag von Hen­rik Eber­le in der „Zeit“ ver­wiesen („Nor­we­gens falsch­er Tem­pel­rit­ter“).