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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Wie aus einer Falschmeldung Hetze wird

Die Nach­richt über die angeb­li­che Ent­de­ckung, dass eine gan­ze weib­li­che Schul­klas­se in Norr­kö­ping (Schwe­den) geni­tal­ver­stüm­melt wor­den sei, ver­brei­te­te sich rasend schnell über alle Medi­en. Am 20.6. stell­te die Lokal­zei­tung „Norr­kö­pings Tid­nin­gar” die Mel­dung online, spä­tes­tens am Tag dar­auf war sie in allen Medi­en und ver­brei­te­te sich ab dann auch in den sozia­len Netz­wer­ken – mit schlim­men Nebengeräuschen.

13. März 2015

Am Bei­spiel die­ser Nach­richt und des Umgangs mit ihr kann so man­ches abge­han­delt wer­den, etwa das kom­plet­te Ver­sa­gen des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus. Ein­zi­ge bekann­te Aus­nah­me: der bri­ti­sche Guar­di­an, der eine Woche spä­ter die Nach­richt gegen­check­te und breit über die wirk­li­chen Fak­ten berichtete.


stopFGM — Mit­glie­der: NAbg. Petra Bayr, Care Ega – Frau­en im Zen­trum, Kin­der­freun­de, Ren­ner-Insti­tut, Rote Fal­ken, SPÖ-Bun­des­frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on, SWI – Öster­rei­chi­sche Stif­tung für Welt­be­völ­ke­rung und inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit, Arbei­ter­sa­ma­ri­ter­bund (ASBÖ, Die Grü­nen – Güne Alter­na­ti­ve Wien, Ekan­do Kumer, FGM-Hil­fe – Der Ver­ein zur Bekämp­fung weib­li­cher Geni­tal­ver­stüm­me­lung, Frau­en ohne Gren­zen, Frau­en­so­li­da­ri­tät, Gesell­schaft für bedroh­te Völ­ker Öster­reich, Grü­ne Frau­en Wien, Grü­ner Klub im Rat­haus Wien, Jun­ge Gene­ra­ti­on in der SPÖ, Kin­der­freun­de Orts­grup­pe Wörgl, LEEZA (vor­mals WADI Öster­reich) – Liga für eman­zi­pa­to­ri­sche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit, Men­schen für Men­schen – Karl­heinz Böhms Äthio­pi­en­hil­fe, ÖAAB Frau­en Bun­des­or­ga­ni­sa­ti­on, ÖAAB Frau­en Wien, ÖGF – Öster­rei­chi­sche Gesell­schaft für Fami­li­en­pla­nung, ÖGJ Jugend­zen­trum Enns, Ori­ent Express – Beratungs‑, Bil­dungs- und Kul­tur­in­itia­ti­ve für Frau­en, Öster­rei­chi­sches Natio­nal­kom­mi­tee für UNIFEM, pro­FRAU, Selbst­be­wusst – Ver­ein für Sexu­al­päd­ago­gik und Prä­ven­ti­on von sexu­el­lem Kin­des­miss­brauch, Son­ne Inter­na­tio­nal, Sozia­lis­ti­sche Jugend Linz-Süd, Sozia­lis­ti­sche Jugend Öster­reich, UNICEF Österreich

Schon ein biss­chen Nach­den­ken reicht aus, um die Mel­dung in Fra­ge zu stel­len. Schwe­den ist das Land in Euro­pa, das als ers­tes 1982 expli­zit die weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung (Fema­le Geni­tal Muti­la­ti­on – FGM) unter Straf­an­dro­hung gestellt hat, in Öster­reich geschah das 2001. Seit 1999 ist in Schwe­den FGM auch straf­bar, wenn sie im Her­kunfts­land aus­ge­führt wur­de (in Öster­reich erst seit 2012). Auf­klä­rung über FGM wird in Schwe­den sehr ernst­haft betrie­ben, den­noch gab es seit der Ein­füh­rung der Straf­be­stim­mun­gen bis heu­te zwei Ver­ur­tei­lun­gen.

Was also geschah tat­säch­lich in Norr­kö­ping? Die Stadt, die einen hohen Anteil an Migran­tIn­nen vor allem aus afri­ka­ni­schen Län­dern hat, führt ein Pilot­pro­jekt durch, in des­sen Rah­men alle jun­gen Mäd­chen von schu­li­schen Gesund­heits­ar­bei­te­rin­nen rou­ti­ne­mä­ßig zu FGM befragt werden.

Im kon­kre­ten Fall waren die Mäd­chen Teil einer gro­ßen Grup­pe von kürz­lich aus Afri­ka ein­ge­wan­der­ten Per­so­nen. Bei ihrer Befra­gung stell­te sich her­aus, dass 30 Mäd­chen im Alter von 13 bis 18 in ihren Her­kunfts­län­dern geni­tal­ver­stüm­melt wor­den waren, davon 28 in der beson­ders bru­ta­len Vari­an­te der Beschnei­dung. Die­se 30 Mäd­chen wur­den in einer Grup­pe zusam­men­ge­fasst, um mit ihnen über ihre trau­ma­ti­schen Erleb­nis­se zu arbeiten.

Aus der Grup­pe wur­de im ers­ten Bericht des „Norr­kö­pings Tid­nin­gar” eine Schul­klas­se und in spä­te­ren Berich­ten dann sogar die gan­ze Schul­klas­se, die in Norr­kö­ping geni­tal­ver­stüm­melt wurde.

Auch in Öster­reich haben fak­tisch alle Medi­en den irre­füh­ren­den und fal­schen Agen­tur­text zu Norr­kö­ping über­nom­men. Die Web­sei­te INHR, die wir hier schon kri­tisch beleuch­tet haben, berich­te­te am 21.6.2014 über Norr­kö­ping. Der Text wich im Kern nicht von den ande­ren Falsch­mel­dun­gen ab („Schwe­den: Gan­ze Mäd­chen­klas­se geni­tal­ver­stüm­melt“), über­nahm den redak­tio­nel­len Text der „Kro­nen Zei­tung” (20.6.14), in dem Außen­mi­nis­ter Kurz zitiert wurd, der erklärt hat­te, dass die Pra­xis von FGM „in kei­ner Reli­gi­on begrün­det [sei] und (…) als Tra­di­ti­on abge­lehnt wer­den [müs­se]“.

Die Zahl von betrof­fe­nen Frau­en und Mäd­chen in Öster­reich, die INHR nann­te, wur­de aller­dings nach oben geschraubt: Es sind nicht bis zu 18.000 Frau­en in Öster­reich von FGM betrof­fen, son­dern nach Schät­zun­gen, die aus den Quel­len für ande­re Län­der abge­lei­tet sind, bis zu 8.000 Frau­en. Auch die­se Zahl stützt sich nicht auf ver­läss­li­che Quel­len aus Österreich.

Im Jän­ner 2015 griff der Rechts­extre­mist und Islam­has­ser Karl Micha­el Merk­le, der unter dem Fake­na­men‚ „Micha­el Mann­hei­mer” einen Hetz­blog betreibt, den Bei­trag von INHR auf und gab ihm eine neue Rich­tung: Mit einem furcht­ba­ren Foto, das Kleinst­kin­der zeigt, deren Geni­ta­li­en blut­ver­schmiert sind, illus­trier­te er am 23.1. 2015, also mehr ein hal­bes Jahr nach dem Erst­be­richt, sei­nen eige­nen Bericht. Das Foto, das die Bild­un­ter­schrift trägt „Das all­täg­li­che Geni­tal­mas­sa­ker des Islam kos­tet laut UN-Berich­ten 2.000 so ‚beschnit­te­nen’ mus­li­mi­schen Mäd­chen das Leben. Tag für Tag“, hat mit Norr­kö­ping nichts zu tun. Die Bild­quel­le konn­te nicht fest­ge­stellt wer­den, und damit ist auch unklar, ob es sich um ein bear­bei­te­tes Foto han­delt, bei dem das Blut nach­träg­lich appli­ziert wur­de (wor­auf eini­ges hindeutet).

Der Titel von Mer­kles Blog-Ein­trags lau­te­te: „Zur ‚Es-gibt-keine-Islamisierung’s‑Lüge: Gan­ze Mäd­chen­klas­se in Schwe­den geni­tal­ver­stüm­melt“. Titel und Bild­un­ter­schrift zu dem Foto machen also schon klar, wohin die Rei­se gehen soll: Der Islam soll für die Pra­xis von FGM ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Und die Lin­ken und Grü­nen Euro­pas, deren „ver­lo­ge­ne und heuch­le­ri­sche Sei­te“ Merk­le-Mann­hei­mer auch bei FGM erkannt haben will: „[G]egenüber den 100.000 jähr­li­chen ‚Ehren’ mor­den sowie den 700.000 Kol­la­ter­lop­fern [sic!] der weib­li­chen Sexu­al­ver­stüm­me­lun­gen haben sie ihre Stim­me (von weni­gen Aus­nah­men Ein­zel­ner ein­mal abge­se­hen) bis­lang nie ernst­haft erhoben.“

Mann­hei­mers Lügen

Exakt das Gegen­teil ist der Fall: Auf par­la­men­ta­ri­scher Ebe­ne haben SPÖ und Grü­ne schon in den 1990er-Jah­ren FGM zum The­ma einer Enquete gemacht. Eine Platt­form mit der Web­sei­te „StopFGM“ küm­mert sich seit 2003 um Auf­klä­rung und Unter­stüt­zung von Anti-FGM-Pro­jek­ten. Unter­stützt wird die Platt­form von SPÖ‑, ÖVP- und Grü­nen Frau­en-Orga­ni­sa­tio­nen. Auch fünf wei­te­re Ein­rich­tun­gen küm­mern sich um FGM, kei­ne ein­zi­ge dar­un­ter, die Rech­ten zuge­schrie­ben wer­den könn­te. Auch die Isla­mi­sche Glau­bens­ge­mein­schaft in Öster­reich betei­ligt sich an der Auf­klä­rung zu FGM. Rech­te und rechts­extre­me Orga­ni­sa­tio­nen und Per­so­nen haben kei­ner­lei Initia­ti­ve gegen FGM gesetzt.

Was Definition,Verbreitung und Prak­ti­ken von FGM betrifft, so lie­fert dazu Wiki­pe­dia einen umfas­sen­den Ein­trag, auch was die wich­tigs­ten Grün­de für die geni­tale Ver­stüm­me­lung der Frau­en betrifft: in ers­ter Linie tra­di­tio­nel­le Prak­ti­ken, die älter sind als Chris­ten­tum und Islam sowie auch Kon­trol­le der weib­li­chen Sexua­li­tät. Die Zuord­nung von FGM zu einer ein­zi­gen Reli­gi­on, dem Islam, ist nicht möglich.

Mann­hei­mer und nach ihm die vie­len Islam­has­ser und Het­zer in den sozia­len Netz­wer­ken (wie etwa der FPÖ-Gemein­de­rat von Maria Lan­zen­dorf, Erhard Brun­ner) ver­wen­den einen irre­füh­ren­den und in den Fak­ten fal­schen Bericht zu Norr­kö­ping, um ihm einen beson­de­ren Spin zuge­ben: Het­ze gegen den Islam und Het­ze gegen Lin­ke, Grü­ne und Frau­en, denen Erhard Brun­ner als „The­ra­pie“ eine FGM wünscht.


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