Drei „Daumen hoch“ bekommt der User Girox* am 18. April auf seine Frage „Swatting stage?“ auf Telegram. Dazu postet er ein Bild vom Parkplatz der Shopping City Süd in Niederösterreich.
Beim Swatting setzen Täter:innen einen fingierten Notruf bei der Polizei ab, um ein schwer bewaffnetes Sondereinsatzkommando der Polizei zur Wohnung eines Opfers oder zu öffentlichen Einrichtungen in Gang zu setzen. Oft ist die Bombendrohung das Mittel der Wahl. Girox belässt es an dem Tag bei der Frage.

Die Nacht zuvor musste die Polizei aber tatsächlich ausrücken. Denn Girox ist Teil einer Gruppe, die sich T.H.O.* nennt. Ihr Ziel ist es, sich mit Grenzüberschreitungen online zu profilieren. Und am 17. April, am Tag vor Girox’ Frage an seine fast 7.000 Follower:innen, schlägt T.H.O. mutmaßlich anderswo in Niederösterreich zu, wie Stoppt die Rechten in Kooperation mit DIE ZEIT recherchieren konnte. Die „Terrororganisation T.H.O.“ wird sich danach mit der Straftat brüsten.
„We had some fun“
Aber beginnen wir ganz am Anfang. Am 27. Februar ein Autohaus in Lübeck, am 5. März der Hauptbahnhof in Mainz, fünf Tage später der Bahnhof im deutschen Cham und am 24. April das Schulzentrum im oberösterreichischen Neuhofen an der Krems: Sie alle sollen Ziel von Swatting durch T.H.O. gewesen sein, glaubt man dessen eigenem Bekenntnis.
Am Tag der Bombendrohung in Neuhofen an der Krems, zu der die Investigativ-Plattform Dossier ausführlich recherchierte, postet Girox eine Liste von Medienberichten zu den Ereignissen und kommentiert: „We had some fun.“ An allen Orten war ein Großeinsatz der Polizei die Folge, an den Bahnhöfen die vorübergehende Sperre des Zugverkehrs.
In weiteren Videos auf Girox’ Kanal sind Online-Anrufe in den USA zu beobachten, bei denen die T.H.O. Schulen mit Rohrbomben bedroht. Selbst die Behörden werden nicht verschont: „Ich zerbombe dein ganzes scheiss Polizei-Kommissariat!“, droht ein Anrufer im mitgeschnittenen Gespräch.
Girox’ Gruppe, T.H.O., bewegt sich im Umfeld eines Internetphänomens, das neuerdings den Sicherheitsbehörden Sorgen bereitet: nihilistischer gewalttätiger Extremismus (nihilistic violent extremism, NVE).
Extremer Nihilismus
Die Organisation CEMAS beschäftigte sich damit ausführlich.
Anhänger:innen des NVE werden bei ihren Taten von einem stark ausgeprägten Hass auf die Gesellschaft und einer generellen Ablehnung des Lebens angetrieben. Sie werden nicht von einer Zukunftsvorstellung geleitet, sondern von dem Wunsch, die Gesellschaft zu zerstören. Die dazu ausgeübte Gewalt dient der Zerstörung und der Anerkennung innerhalb der Community. Je grausamer die Gewalt, je mehr Normen dadurch verletzt und je mehr moralische Grenzen gebrochen werden, desto mehr Anerkennung erfahren die Mitglieder voneinander. (cemas.io, 16.9.26)
Die Community ist lose in ständig wechselnden Telegramgruppen oder Discord-Chats organisiert. Das Online-Netzwerk aus meist sehr jungen User:innen nennt sich selbst The COM (von Community). Einer ihrer berüchtigtsten Zusammenhänge ist unter dem Label 764 bekannt geworden. Berüchtigt, weil 764 mit den schlimmsten internetbasierten Straftaten in Verbindung gebracht wird wie Missbrauchsdarstellungen von und Gewalthandlungen an Kindern, Erpressung oder Mord, bis hin dazu, psychisch labile Nutzer:innen vor laufender Kamera zur Selbstverletzung oder in den Suizid zu treiben.
Zuletzt wurde in Deutschland ein 19-Jähriger verhaftet, der einen Minderjährigen zu einem Mord angestiftet haben soll. Ende 2025 hat auch der Rat der Europäischen Union vor dieser „aufkommenden Bedrohung“ gewarnt, im Juni 26 das österreichische Bundeskriminalamt. Und Girox’ Gruppe T.H.O. hat Bezüge zu The COM und 764.

Erst unlängst wurde auch in Österreich über die ersten Fälle von nihilistischem Extremismus berichtet. Das Magazin Dossier (26.6.26) machte einen 764-Netzwerker aus Neuhofen an der Krems in Oberösterreich ausfindig.
Girox, ein Online-Neonazi?
Das Besondere am nihilistischen Extremismus aber ist die Tatsache, dass er keinem Weltbild, keiner klaren Ideologie folgt. Nichtsdestotrotz sind ideologische Einflüsse in der Community deutlich sichtbar. Zum einen sind einzelne Täter:innen von Gruppen wie „764“ zuvor bereits wegen rechtsextremer und rechtsterroristischer Aktivitäten aufgefallen. Zum anderen stechen in den Gruppeninhalten immer wieder sowohl neonazistische und rechtsterroristische als auch islamistische Elemente hervor. (cemas.io)
Bereits die Ursprünge des nihilistischen Extremismus, die bei Gruppen wie Maniac Murder Cult, dem Order of Nine Angles oder No Lives Matter liegen, deuten die Nähe zum Rechtsterrorismus an. No Lives Matter veröffentlichte im Jahr 2024 eine Anleitung zu terroristischen Anschlägen mit dem Aufruf: „Unterstütze deine örtlichen Nazi-Terroristen!“ Ob es ein Zufall ist, dass sowohl No Lives Matter als auch Girox’ Gruppe T.H.O. den US-Serienmörder Joseph DeAngelo im Logo tragen, ist fraglich.


Girox‘ Online-Auftritte enthalten immer wieder Neonazi-Symbolik: Schwarze Sonnen, das Keltenkreuz oder gar das Hakenkreuz lassen keine Zweifel offen.

Am 21. Mai verkündet Girox, er habe eine weitere Initiative am Start: „AWD ist eine Gruppe, die XY [Anonymisierung SdR] mit mir, Girox, gegründet hat. Die Gruppe agiert nur offline.“ Er teilt einen Telegram-Link, der heute nicht mehr abrufbar ist: atomwaffandivision88
Der Code 88 steht in der Neonaziszene für „Heil Hitler“. Die Atomwaffen Division (von der sich Girox’ „Atomwaffandivision“ nur geringfügig unterscheidet) war eine in mehreren Ländern als terroristisch eingestufte Neonazi-Organisation, die den bewaffneten „Rassenkrieg“ anstrebte. Mitglieder der AWD in den USA wurden wegen mehrerer rassistisch motivierter Morde und Hate-Crime-Delikte zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Festnahme in Niederösterreich
Girox ist geschickt darin, Videos zu schneiden. Zumindest lassen das die T.H.O.-Filmchen vermuten, die mit „edited by girox“ betitelt sind. Ihr Inhalt ist nichts für schwache Nerven: bis an die Zähne bewaffnete Sondereinsatzkommandos, die Wohnungen stürmen, Polizei-Großeinsätze bei Schulen auf der Suche nach Bomben. Es sind Videos vom Swatting, von mutwillig abgesetzten Notrufen ohne Not. Und eines dieser Videos zeigt auch Aufnahmen aus Österreich.

Gleich zu Beginn, ein Screenshot der ÖBB-App mit der Meldung vom 17. April spätabends: „Streckenunterbrechung. Wegen eines Polizeieinsatzes sind in Bad Vöslau Bahnhof bis voraussichtlich 23:59 Uhr keine Fahrten möglich. Die Züge warten die Sperre vorerst ab.“ Darauf folgen leicht verwackelte Handyvideos. Es ist Nacht, in der Entfernung sind Blaulicht und Polizei-Scheinwerfer zu sehen. Die Szene spielt sich augenscheinlich in der Nähe des Bahnhofs von Bad Vöslau ab.
Am 8. Juli besucht die Polizei den 19-jährigen jungen Erwachsenen, der mutmaßlich hinter dem Pseudonym Girox steckt, in einer niederösterreichischen Kleinstadt. Es findet eine Hausdurchsuchung statt und der Mann wird vorübergehend festgenommen. Bislang werde, so die zuständige Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt, gegen ihn wegen „Erpressung, versuchter Erpressung, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Verbotsgesetz“ ermittelt. Es gehe um je eine Bombendrohung in Bad Vöslau und eine weitere in Neuhofen an der Krems.
Beim festgenommenen Beschuldigten handelt es sich um eine Person, die hinter mehreren innerhalb des Netzwerks agierenden Telegram-Accounts steckt. Der Beschuldigte hat in diesen Accounts selbstgefilmte Videos veröffentlicht und innerhalb des Netzwerks nach aktuellem Erkenntnisstand eine führende Rolle innegehabt. Ein Zugausfall im April sowie die Bombendrohung und die Sachbeschädigung in Neuhofen an der Krems sind wahrscheinlich dem Beschuldigten zuzuordnen. (Sprecherin des BMI, 27.8.26)
Mehr könne man derzeit wegen laufender Ermittlungen nicht bekannt geben. Da T.H.O. „kein abgeschlossenes System“ darstelle, könne „die Zahl der damit in Verbindung stehenden Ermittlungsverfahren nicht beziffert werden“.
*Um dem mutmaßlichen Täter und seinem Netzwerk nicht noch mehr willkommene Öffentlichkeit zu verschaffen, haben wir seinen Usernamen und den Namen seiner Gruppe verändert.
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