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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Das neue DÖW-Handbuch: Österreichs Rechtsextremismus als Netzwerk. Teil 3: Milieus, Medien, Macht

Migran­ti­scher Rechts­extre­mis­mus, rechts­extre­me Medi­en, FPÖ, Anti­fe­mi­nis­mus und reli­giö­se Schnitt­stel­len: Der letz­te Teil zum neu­en DÖW-Hand­buch zeigt, wie weit das rechts­extre­me Feld reicht und war­um das neue Ver­zeich­nis samt Ein­ord­nun­gen zur wich­ti­gen Richt­schnur wird.

15. Mai 2026
Handbuch Rechtsextremismus in Österreich (Falter Verlag 2026)
Handbuch Rechtsextremismus in Österreich (Falter Verlag 2026)

Rechtextreme Milieus in der Migrationsgesellschaft

Ein neu­es Feld des Hand­buchs ist migran­ti­scher Rechts­extre­mis­mus. Das DÖW hält fest, dass die­ser Bereich lan­ge mar­gi­nal erforscht wur­de – auch aus Sor­ge, ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe zu repro­du­zie­ren. Der Angriff auf eine femi­nis­ti­sche Demons­tra­ti­on mit kur­di­scher Betei­li­gung in Wien-Favo­ri­ten im Jahr 2020 gilt als Zäsur. Seit 2022 sam­melt das DÖW sys­te­ma­tisch Daten zu rechts­extre­men Akti­vi­tä­ten, Sym­bo­len und Orga­ni­sa­tio­nen in migran­ti­schen Communities.

Die Ülkü­cü-Bewe­gung bezie­hungs­wei­se die „Grau­en Wöl­fe“ gel­ten als eta­blier­tes­te und ideo­lo­gisch kon­so­li­dier­tes­te Form migran­ti­schen Rechts­extre­mis­mus in Öster­reich. Zwei Dach­struk­tu­ren ste­hen im Zen­trum: die „Avus­tu­rya Türk Federasyon“ (ATF) im MHP-Spek­trum und „Avrupa Nizam‑i Alem“ im BBP-Spek­trum. Die­se Struk­tu­ren fun­gie­ren als reli­giö­se, sozia­le und poli­ti­sche Infra­struk­tur, in der Zuge­hö­rig­keit, Feind­bil­der und ultra­na­tio­na­lis­ti­sche Ideo­lo­gie repro­du­ziert werden.

Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Okto­ber 2023 hiel­ten sich offi­zi­el­le ATF-Kanä­le zurück. Zugleich ver­öf­fent­lich­te der ATF-Vor­sit­zen­de Ali Can Vide­os mit anti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen; ein ATF-naher Imam ver­brei­te­te anti­se­mi­ti­sche Nar­ra­ti­ve. Wei­te­re Fel­der sind ser­bisch-natio­na­lis­ti­sche, pol­nisch-natio­na­lis­ti­sche und ukrai­nisch-natio­na­lis­ti­sche Kon­tex­te: ser­bisch-natio­na­lis­ti­sche Schmie­re­rei­en und Dro­hun­gen, Akti­vi­tä­ten der pol­ni­schen „Wie­deńs­ka Inic­ja­ty­wa Naro­do­wa“ in Wien, Gaze­ta-Pol­ska-Lese­krei­se und eine Buch­mes­se 2024 mit anti­se­mi­ti­schen und revi­sio­nis­ti­schen Titeln. Für die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra wird kei­ne orga­ni­sier­te rechts­extre­me Struk­tur fest­ge­stellt, wohl aber die Prä­senz apo­lo­ge­ti­scher Ban­de­ra- und OUN-B-Bezü­ge bei Demonstrationen.

FPÖ „im Kern rechtsextrem“

Der zen­tra­le Befund steht bereits im Kapi­tel­ti­tel: „Die FPÖ in Geschich­te und Gegen­wart: Im Kern rechts­extrem“. Bri­git­te Bai­ler und Andre­as Kra­ne­bit­ter hal­ten fest, dass die FPÖ für den offen orga­ni­sier­ten Rechts­extre­mis­mus über Jahr­zehn­te ein Bezugs­punkt war und „in ihrer heu­ti­gen Form als im Kern rechts­extrem zu klas­si­fi­zie­ren“ sei. Sie wird für die Zeit bis in die 1960er-Jah­re und ab 1986 als „größ­te und stärks­te Kraft am extrem rech­ten Rand des poli­ti­schen Spek­trums“ beschrieben.

Das DÖW bezieht die­se Ein­stu­fung nicht auf jedes Mit­glied, jede/n Funktionär:in oder jede/n Wähler:in der FPÖ, son­dern auf Geschich­te, Umgang mit offen rechts­extre­men Personen/Organisationen/Publikationen und auf den ideo­lo­gi­schen Grund­kon­sens der Par­tei. Als sol­cher wird mit Andre­as Möl­zer das „eth­nisch-kul­tu­rel­le Bekennt­nis zur deut­schen Volks- und Kul­tur­ge­mein­schaft“ genannt. Das Hand­buch ergänzt: „[D]aran hat sich (…) bis heu­te nichts geändert.“

Mediale Gegenöffentlichkeit und digitale Radikalisierung

Rechts­extre­me Medi­en die­nen seit Jahr­zehn­ten der inter­nen Selbst­ver­ge­wis­se­rung, der Feind­bild­pro­duk­ti­on und der Mobi­li­sie­rung. Digi­tal haben sie Reich­wei­te und Geschwin­dig­keit erheb­lich erhöht. Neben klas­si­schen Zeit­schrif­ten und Ver­eins­or­ga­nen ste­hen heu­te Platt­for­men, Tele­gram-Kanä­le, Live­streams, Video­platt­for­men und par­tei­na­he Medienräume.

AUF1, Info-DIREKT, Frei­lich, Report24 und ande­re Medi­en­pro­jek­te über­set­zen rechts­extre­me Nar­ra­ti­ve in All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on: Coro­na-Ver­schwö­rung, Anti­glo­ba­lis­mus, Anti­fe­mi­nis­mus, Anti-Migra­ti­ons­agi­ta­ti­on, Kli­ma­wan­del­leug­nung, Wis­sen­schafts­feind­lich­keit und Kam­pa­gnen gegen eta­blier­te Medi­en. Beim eXX­press ver­weist das DÖW auf wie­der­hol­te Arti­kel, die „zur Nor­ma­li­sie­rung rechts­extre­mer Erzäh­lun­gen und Begrif­fe, zur Legi­ti­mie­rung ent­spre­chen­der Akteur*innen und zur Ver­harm­lo­sung der vom Rechts­extre­mis­mus aus­ge­hen­den Gefah­ren” bei­trü­gen. Genannt wer­den Ver­bin­dun­gen ein­zel­ner Mitarbeiter:innen nach Rechts­au­ßen sowie die Ver­öf­fent­li­chung rech­ter Kulturkampfrhetorik.

Digi­ta­le Platt­for­men ver­än­dern auch die Orga­ni­sa­ti­ons­form. Tele­gram ersetzt in Tei­len frü­he­re Kader­struk­tu­ren, X begüns­tigt die Sicht­bar­keit rechts­extre­mer Accounts, Vide­os und Streams emo­tio­na­li­sie­ren, Chat­grup­pen radi­ka­li­sie­ren. Die Sze­ne nutzt digi­ta­le Räu­me zur Mobi­li­sie­rung, Ein­schüch­te­rung, inter­na­tio­na­len Ver­net­zung und Rekru­tie­rung. Gera­de für jün­ge­re Milieus ver­schwim­men Unter­hal­tung, Männ­lich­keits­kult, Kampf­sport, Meme-Kul­tur und poli­ti­sche Gewaltfantasie.

Kampfbegriffe als Brücken

Die zen­tra­len Nar­ra­ti­ve las­sen sich auf weni­ge Ach­sen ver­dich­ten: ras­sis­ti­sche und nati­vis­ti­sche Erzäh­lun­gen vom bedroh­ten „Volk“, vom „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“ und von angeb­lich not­wen­di­ger „Remi­gra­ti­on“; anti­se­mi­tisch codier­tes Ver­schwö­rungs­den­ken, das „Glo­ba­lis­ten“, „Hoch­fi­nanz“, Eli­ten oder Medi­en als ver­bor­ge­ne Steue­rungs­in­stan­zen ima­gi­niert; sowie anti­fe­mi­nis­ti­sche und que­er­feind­li­che Mobi­li­sie­rung gegen „Gen­der“, Gleich­stel­lung, sexu­el­le Selbst­be­stim­mung und LGBTQ-Rechte.

Anti­se­mi­tis­mus tritt heu­te häu­fig chif­friert auf: als Rede von „Glo­ba­lis­ten“, „Finanz­eli­ten“, „Schuld­kult“, „Gre­at Reset“ oder angeb­lich fremd­ge­steu­er­ter Poli­tik. Die­se Codes schaf­fen Anschluss­fä­hig­keit über die enge­ren Neo­na­zi-Milieus hin­aus. Anti­fe­mi­nis­mus wirkt dabei als Brü­cken­the­ma. Über Angrif­fe auf „Gen­der“, que­e­re Sicht­bar­keit, Sexu­al­päd­ago­gik, Abtrei­bung und Gleich­stel­lung kön­nen kon­ser­va­ti­ve, reli­gi­ös-fun­da­men­ta­lis­ti­sche, ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche und rechts­extre­me Milieus ver­bun­den wer­den. Der rechts­extre­me Män­ner­bund wird zugleich ästhe­ti­siert: Kampf­sport, Här­te, sol­da­ti­sche Kör­per, Gewalt­be­reit­schaft und patri­ar­cha­le Ord­nung grei­fen ineinander.

Religiöser Fundamentalismus und Verschwörungswelten

Der Abschnitt zu reli­giö­sem Fun­da­men­ta­lis­mus erwei­tert den Blick auf Schnitt­stel­len, die im klas­si­schen Rechts­extre­mis­mus­be­griff oft unter­be­lich­tet blei­ben: christ­li­chen, isla­mi­schen und eso­te­ri­schen Fun­da­men­ta­lis­mus. Ent­schei­dend ist dabei nicht die theo­lo­gi­sche Bewer­tung reli­giö­ser Leh­ren, son­dern ihre Ver­ein­bar­keit mit libe­ral-demo­kra­ti­schen Grund­rech­ten. Beim Isla­mis­mus betont der Bei­trag aus­drück­lich, dass Isla­mis­mus nicht Rechts­extre­mis­mus ist, aber Ana­lo­gien und Berüh­rungs­punk­te bestehen kön­nen – etwa dort, wo Zuge­hö­rig­keit auto­ri­tär fest­ge­legt, Abwei­chung aus­ge­grenzt und ein poli­tisch-reli­giö­ses Gemein­schafts­kon­zept über indi­vi­du­el­le Rech­te gestellt wird. Beson­ders deut­lich sei­en sol­che Par­al­le­len im dschi­ha­dis­ti­schen Salafismus.

Beim christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­mus rückt der katho­li­sche Tra­di­tio­na­lis­mus in den Fokus: ein gesamt­ge­sell­schaft­lich noch rela­tiv mar­gi­na­les, aber wach­sen­des Milieu, das in Tei­len anti­mo­der­nis­tisch, anti­li­be­ral, anti­fe­mi­nis­tisch und gegen LGBTQ-Rech­te mobi­li­siert. Ver­an­stal­tun­gen wie der „Marsch für die Fami­lie“ und der „Marsch fürs Leben“ wei­sen per­so­nel­le und the­ma­ti­sche Über­schnei­dun­gen mit weit rech­ten und rechts­extre­men Akteur:innen auf.

Im eso­te­ri­schen Feld zei­gen sich die Schnitt­stel­len über Ver­schwö­rungs­den­ken, Wis­sen­schafts­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus und Anti­mo­der­ne. Die „Ger­ma­ni­sche Neue Medi­zin“ wird als beson­ders bedroh­li­che Strö­mung ange­führt, die „schul­me­di­zi­ni­sche“ Behand­lung ablehnt und die­se anti­se­mi­tisch als „jüdi­schen“ Angriff deu­tet. Die Ana­sta­sia-Bewe­gung ver­bin­det Sied­lungs­uto­pien, Demo­kra­tie­feind­lich­keit, anti­se­mi­ti­sche Moti­ve und ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Welt­bil­der. Platt­for­men wie AUF1 und der Kopp-Ver­lag nut­zen die­ses Milieu zudem als Markt für Bücher, Kri­sen­vor­sor­ge, Edel­me­tal­le und Gesundheitsprodukte.

Prävention, Anlaufstellen und das Organisations- und Medienverzeichnis als neue Richtschnur

Nach einem Kapi­tel zu Prä­ven­ti­on in der Schu­le und einer Auf­lis­tung von Anlauf­stel­len bie­tet das „Orga­ni­sa­ti­ons- und Medi­en­ver­zeich­nis“ eine neue Richt­schnur für die Beur­tei­lung rechts­extre­mer Akteur:innen in Öster­reich. Das DÖW führt dar­in Orga­ni­sa­tio­nen, Par­tei­en, Ver­ei­ne, Medi­en, Ver­la­ge, Zeit­schrif­ten, Online-Platt­for­men und infor­mel­le Zusam­men­schlüs­se an – auch sol­che, die nicht mehr bestehen, aber für Kon­ti­nui­tä­ten oder aktu­el­le Ent­wick­lun­gen rele­vant bleiben.

Das Ver­zeich­nis unter­schei­det zwi­schen rechts­extre­men Ein­rich­tun­gen und dem Vor­feld des Rechts­extre­mis­mus. Zusätz­lich wer­den Grup­pen und Medi­en, wo zutref­fend, prä­zi­ser als „neo­na­zis­tisch“, „deutsch­na­tio­nal“ oder „neu­rechts“ ein­ge­ord­net. Unter den 65 Ein­trä­gen fin­den sich mit der „Coro­na Quer­front“ und der „Kame­rad­schaft IV“ nur mehr zwei akti­ve Orga­ni­sa­tio­nen, die als neo­na­zis­tisch klas­si­fi­ziert werden.

Man­che Ein­stu­fun­gen mögen dis­ku­ta­bel sein, aber in Sum­me ermög­licht die­ses Ras­ter, bei Akteur:innen all­zu schwam­mi­ge Begrif­fe zu ver­mei­den und ihr Ver­hält­nis zum rechts­extre­men Feld prä­zi­ser zu bestimmen.

Fazit

Das neue Hand­buch zeigt Rechts­extre­mis­mus in Öster­reich als ver­dich­te­tes Sys­tem. Neo­na­zis­ti­sche Gewalt­mi­lieus, deutsch­na­tio­na­le Tra­di­ti­ons­ver­ei­ne, iden­ti­tä­re Stra­te­gie­pro­jek­te, FPÖ-nahe Räu­me, rechts­extre­me Medi­en und digi­ta­le Platt­for­men bil­den kei­ne ein­heit­li­che Orga­ni­sa­ti­on, aber ein Milieu mit vie­len Übergängen.

Damit schafft das Hand­buch einen Refe­renz­rah­men, an dem auch künf­ti­ge Fäl­le gemes­sen wer­den kön­nen. Für die anti­fa­schis­ti­sche Öffent­lich­keit heißt das: weni­ger Epi­so­den­blick, mehr Zusam­men­hang. Rechts­extre­mis­mus tritt heu­te als Par­tei, Ver­ein, Medi­um, Tele­gram-Kanal, Kampf­sport­grup­pe, Jugend­kul­tur, Uni­ver­si­täts­in­itia­ti­ve und (ver­meint­li­che) Bür­ger­be­we­gung auf. Wer ihn ver­ste­hen will, muss deren Schnitt­stel­len sehen. Dar­in liegt die Stär­ke die­ses Handbuchs.

➡️ Teil 1: Ver­schie­bun­gen & Grundlagen
➡️ Teil 2: Rechts­extre­me Akteure

➡️ Andre­as Kra­ne­bit­ter, Isol­de Vogel, Bern­hard Wei­din­ger (Hg.): Hand­buch Rechts­extre­mis­mus in Öster­reich. Wien 2026, 512 Sei­ten. Fal­ter Ver­lag, 39,40 €.

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Schlagwörter: Antisemitismus | FPÖ | Graue Wölfe | Neonazismus/Neofaschismus | Österreich | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus | Rechtsextremismus

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