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Lesezeit: 5 Minuten

Terrorprozess als Bühne: Die Polit-Show der „Sächsischen Separatisten“ in Dresden

In Dres­den ste­hen acht mut­maß­li­che Rechts­ter­ro­ris­ten vor Gericht. Rech­te Sze­ne-Ver­tei­di­ger lie­fern eine in Öster­reich kaum denk­ba­re Insze­nie­rung aus „BRD-Regime“-Parolen, Applaus und Ein­schüch­te­rung. Dahin­ter ste­hen Vor­wür­fe von „Tag X“, eth­ni­schen Säu­be­run­gen und eine Öster­reich-Ach­se nach Langenlois.

28. Jan. 2026
Oberlandesgericht Dresden zu Beginn des Prozesses gegen die "Sächsischen Separatisten" (Foto: privat)
Oberlandesgericht Dresden zu Beginn des Prozesses gegen die "Sächsischen Separatisten" (Foto: privat)

Im Hoch­si­cher­heits­saal des Ober­lan­des­ge­richts Dres­den geht es in die­sen Tagen nicht nur um Ankla­ge­punk­te. Es geht um Deu­tungs­ho­heit. Schon der Auf­takt am 23. Jän­ner zeig­te, wie die Ver­tei­di­gung – ins­ge­samt 19 Anwält:innen ver­tre­ten die acht Ange­klag­ten – den Pro­zess als poli­ti­sches Spek­ta­kel rahmt: mit kal­ku­lier­ten Pro­vo­ka­tio­nen, Opfer­in­sze­nie­rung und einem Publi­kum, das sich eher wie bei einer Kund­ge­bung als bei einer Gerichts­ver­hand­lung aufführt.

Die Ange­klag­ten, im Alter zwi­schen 22 und 26 Jah­ren, müs­sen sich wegen des Vor­wurfs ver­ant­wor­ten, Mit­glie­der einer rechts­extre­mis­ti­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung zu sein und ein „hoch­ver­rä­te­ri­sches Unter­neh­men“ mit dem Ziel, einen Staat nach natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Vor­bild errich­ten zu wol­len, vor­be­rei­tet zu haben. Laut Bun­des­an­walt­schaft soll die Grup­pe auf einen „Tag X“ spe­ku­liert, para­mi­li­tä­risch trai­niert (Häu­ser­kampf, Mär­sche, Schieß­trai­ning) und für den Umsturz „Liqui­die­run­gen“ staat­li­cher Reprä­sen­tan­ten sowie „geno­zi­da­le eth­ni­sche Säu­be­run­gen“ gegen Min­der­hei­ten und poli­ti­sche Geg­ner ein­ge­plant haben.

Drei der Ange­klag­ten sind (nach wie vor) AfD-Mit­glie­der – unter ihnen Kurt Hätt­asch aus Grim­ma, dem auch ver­such­ter Mord vor­ge­wor­fen wird. Sei­ne fünf Ver­tei­di­ger nut­zen Par­tei­po­li­tik als Schutz­schild: „Fami­li­en­va­ter“, „Kom­mu­nal­po­li­ti­ker“, „Jugend­ar­beit“ – pro­pa­gan­dis­ti­sche Ent­las­tungs­nar­ra­ti­ve, flan­kiert von der Erzäh­lung, hier wür­den „poli­ti­sche Gefan­ge­ne“ prä­ven­tiv ausgeschaltet.

Die Namen auf den Anwalts­ti­schen sind dabei selbst eine Bot­schaft: Gleich eine gan­ze Rei­he von Ver­tei­di­gern ist in der rechts­extre­men Sze­ne seit Jah­ren als Kämp­fer gegen „das Sys­tem“ bekannt. Der Erst­an­ge­klag­te Jörg S. wird von Mar­tin Kohl­mann ver­tei­digt, des­sen eige­ne Geschich­te im orga­ni­sier­ten Rechts­extre­mis­mus sei­ten­fül­lend ist. Jörgs jün­ge­rer Bru­der Jörn hat mit Peter Rich­ter einen Anwalt an sei­ner Sei­te, der in der neo­na­zis­ti­schen NPD (heu­te „Die Hei­mat“) orga­ni­siert ist.

Polit-Show im Gerichtssaal

Medi­en beschrei­ben den Pro­zess­auf­takt als Polit-Show, in der Anwäl­te wie Dubrav­ko Man­dic (vor­be­straf­tes Ex-AfD-Mit­glied, einer der Hätt­asch-Ver­tei­di­ger) oder Mar­tin Kohl­mann früh die Eska­la­ti­on suchen: Man­dic pol­tert und schreit, Kohl­mann erklärt den Staat zum Ter­ro­ris­ten und den Gerichts­saal zur Büh­ne – der Inhalt der Ankla­ge wird nicht ent­kräf­tet, son­dern umge­deu­tet in harm­lo­se „Pfad­fin­de­rei“, „Wan­dern“, „vor­lau­te Chatgruppen“.

Eine beson­ders ent­lar­ven­de Neben­front: die Behaup­tung, schon der Name „Säch­si­sche Sepa­ra­tis­ten“ sei eine Erfin­dung der Ermitt­ler. Hier setzt das Mus­ter ein, das in deut­schen Rechts­ter­ror­ver­fah­ren immer häu­fi­ger zu sehen ist: Nicht die eige­ne Ideo­lo­gie steht im Zen­trum, son­dern die angeb­li­che Intri­ge des Staa­tes. In Dres­den wird das mit dem Hin­weis auf einen ver­deck­ten Chat­kon­takt zuge­spitzt – ein FBI-Agent, so die Ver­tei­di­gung, habe erst „ange­stif­tet“ und dann „ver­ra­ten“.

Drohungen als anwaltliche Methode

Am zwei­ten Ver­hand­lungs­tag (26. Jän­ner) wird die­se Stra­te­gie noch lau­ter und per­sön­li­cher. Der „Stan­dard (26.1.26) schil­dert eine Atmo­sphä­re, in der Zwi­schen­ru­fe, Bei­fall aus der „Fami­li­en-Ecke“ – gemeint ist damit die Fami­lie der ange­klag­ten Brü­der und deren in den Ver­hand­lungs­saal mit­ge­brach­ter Anhang – und thea­tra­le Aus­fäl­le nicht nur gedul­det wir­ken, son­dern Teil der Insze­nie­rung wer­den. Man­dic wirft der Bun­des­an­walt­schaft Scham­lo­sig­keit vor, aus dem Zuschau­er­be­reich kommt Bei­fall, eine Frau ruft zustim­mend „Ja!“.

Auch Hans-Jörg S. juni­or, der Vater der zwei Ange­klag­ten Jörg und Jörn S., saß mit grü­nen Mili­tär­par­ka unter den Zuschauer*innen, umringt von Män­nern mit Glat­zen und sta­bi­lem Kör­per­bau. (taz.de, 23.1.26)

Man­dic for­mu­liert es in einer Pres­se­kon­fe­renz bemer­kens­wert offen: Die Rich­ter müss­ten Angst haben, sonst wer­de man juris­tisch anders bewer­tet wer­den – in einer Zukunft, etwa wenn die AfD regiert. Das ist impli­zit geäu­ßer­te Ein­schüch­te­rung mit poli­ti­schem Zeit­ho­ri­zont: Heu­te sitzt man auf der Ankla­ge­bank, mor­gen, so die Dro­hung, urteilt man über die, die heu­te anklagen.

Der Erstanklagte attackiert seinen Vater

Nach dem anwalt­li­chen Getö­se stellt sich der Erst­an­ge­klag­te Jörg S. ans Red­ner­pult. Sei­ne Ein­las­sung wirkt lei­se, fast bemüht, nor­mal zu klin­gen: frü­hes Inter­es­se an Mili­tä­ri­schem, Sur­vi­val-Trai­ning für einen Kata­stro­phen­fall, beruf­li­che Plä­ne im Secu­ri­ty-Bereich, Umzug nach Polen (wo er ver­haf­tet wur­de) auf der Suche nach einem Job. Er atta­ckiert den im Gerichts­saal anwe­sen­den Vater und „beschreibt, dass er wegen der ‚durch mei­nen Vater ver­ur­sach­ten‘ Ehe­kri­se und Schei­dung der Eltern sei­nen Halt ver­lor. Der Vater, ‚der uns beschüt­zen soll­te‘, habe eine ‚frag­wür­di­ge und unzu­ver­läs­si­ge Rol­le‘ ein­ge­nom­men.“ (derstandard.at, 26.1.26)

Gleich­zei­tig sagt er den Satz, der die Harm­los-Erzäh­lung per­fo­riert und unfrei­wil­lig per­si­fliert: „Mei­ne Ein­stel­lung ist rechts und ich bin natio­nal.“ Und er wol­le „mit Deutsch­land nichts zu tun haben“ und „so schnell wie mög­lich zurück nach Polen, wo es ‚kei­ne KfZ-Steu­er oder Co2-Abga­be‘ gebe“ (derstandard.at, 26.1.26).

In allen deut­schen Medi­en­be­rich­ten fin­det die öster­rei­chi­sche Rechts­au­ßen-Dynas­tie Schi­ma­nek mit deren ein­schlä­gi­ger Geschich­te pro­mi­nen­te Erwäh­nung. Genannt wer­den VAPO/­Wehr­sport-Kon­text und das Lan­gen­loi­ser „Forst­haus“ als mög­li­cher Rück­zugs­ort der „Säch­si­schen Separatisten“.

Österreichische Prozessbeobachtung mit anderem Blick

Und dann ist da noch der media­le Befund, den der „Stan­dard“ – als öster­rei­chi­scher Blick – beson­ders her­aus­ar­bei­tet: Die­se Art von Pro­zess­füh­rung, bei der Ver­tei­di­ger den Staats­an­wäl­ten sinn­ge­mäß zuru­fen, sie dien­ten einem „BRD-Regime“, und die ande­ren Ver­tei­di­ger klop­fen wie in einem Hör­sal auf die Tische, das Publi­kum applau­diert, wirkt aus öster­rei­chi­scher Per­spek­ti­ve wie aus einer ande­ren Pro­zess­kul­tur. Die spe­zi­fi­sche Mischung aus poli­ti­scher Kampf­rhe­to­rik, einem Saal-Publi­kum als Cla­queur und Anwäl­ten als Sze­nein­fluen­cern ist in Sach­sen offen­bar so ein­ge­übt, dass sie im Hoch­si­cher­heits­saal rou­ti­niert abläuft und von einem Milieu getra­gen wird, das den Gerichts­saal als Mobi­li­sie­rungs­raum ver­steht – ohne unter­bin­den­des Ein­schrei­ten des Gerichts.

Was sagt das über Deutsch­land, was über Sach­sen? Min­des­tens dies: Wo eine star­ke rechts­extre­me Sze­ne über Jah­re eige­ne „Kader“-Infrastruktur auf­baut – von Par­tei­en über Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen bis zu Anwalts­netz­wer­ken –, wird der Rechts­staat nicht nur bekämpft, son­dern per­for­ma­tiv vor­ge­führt. Der Pro­zess soll nicht bloß gewon­nen, son­dern poli­tisch genutzt wer­den: als Büh­ne, als Droh­ku­lis­se, als Erzäh­lung vom „Schau­pro­zess“. Allein des­we­gen lohnt sich der Blick durch die öster­rei­chi­sche „Standard“-Brille: weil er sicht­bar macht, wie nor­ma­li­siert die­se Insze­nie­rung in Dres­den bereits wirkt und wie hilf­los Staats­an­walt­schaft und Richter:innen dar­auf (nicht) reagieren.

Doku „Neo­na­zis vor Gericht – die radi­ka­len Plä­ne der „Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten“„ (mdr/exactly, 2026; 20’10”)

Quellen:

derstandard.at (23.1.26): „Säch­si­sche Sepa­ra­tis­ten”: Ankla­ge sieht „geno­zi­da­le” Plä­ne, Anwalt „Pfad­fin­de­rei”
taz.de (23.1.26): Rech­te Anwäl­te nut­zen Ter­ror-Pro­zess für Polit-Show
endstation-rechts.de (23.1.26): Pro­zess gegen AfD-nahe Neo­na­zi-Miliz star­tet zäh
derstandard.at (26.1.26): Ter­ror­pro­zess mit ver­bal aggres­si­ven Anwäl­ten und ent­täusch­tem Schimanek-Sohn
taz.de (26.1.26): „Mei­ne Ein­stel­lung ist rechts und ich bin national“

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Schlagwörter: AfD | Neonazismus/Neofaschismus | Niederösterreich | Rechtsterrorismus | Weite Welt

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