Die ARD-Reportage „Shut Up, Bitch! Der Kampf um Männlichkeit“ führt in ein Ökosystem aus YouTube‑, TikTok- und Insta-Formaten, das männliche Unsicherheiten mit Dominanzversprechen adressiert. Ein junger Protagonist macht nachvollziehbar, wie vermeintliche Selbstoptimierung über die „Manosphäre“ in offene Frauenverachtung kippt. Die Doku legt zugleich offen, wie Empfehlungsalgorithmen und ein hartes Upselling-Geschäft mit Kursen, dem Verkauf von Merch und der Heranzüchtung von Communities die Grenzverschiebungen belohnen. Dass diese Inhalte politisch verwertet werden, wird explizit: Frauenhass fungiert als niedrigschwelliger Frame, an den politische Kommunikation von der rechten Seite andockt. Maximilian Krah mit seinem „Echte Männer wählen rechts“ steht jedoch nur exemplarisch für ein Biotop aus rückwärtsgewandten und mehr oder weniger explizit frauenhassenden Gesellschaftsvorstellungen.
Die Doku zeigt, was die Szenebeobachtung seit Jahren betont: „Aufwertung durch Abwertung“ ist das Prinzip, das junge Männer affektiv bindet und autoritäre Angebote vorbereitet – vom Rekurs auf „echte Männlichkeit“ bis zur Abwertung demokratischer Gleichheitsnormen. In der Doku wird diese Anschlussfähigkeit am Beispiel rechter Akteure greifbar, die Mechanik ist bekannt: Inhalte, Codes, Memes und Slogans werden ins Politische übersetzt und von Parteien für die Ansprache männlicher Zielgruppen operationalisiert.
Die Causa Markus Streinz
Der Tätigkeitsbericht 2024 der „Bundesstelle für Sektenfragen“ (BUS) dokumentiert den österreichischen Online-Coach Markus Streinz als provokant auftretenden Akteur einer esoterisch aufgeladenen Coaching-Szene. Laut BUS gingen 2024 vierundzwanzig Anfragen von Angehörigen, Aussteiger*innen, Betroffenen zum Oberösterreicher Streinz ein. Wiederkehrende Motive sind psychische Erniedrigungen in Coaching-Sessions, die Normalisierung von Gewalt als vermeintlich „gesunde Aggression“, Droh- und Einschüchterungspraktiken sowie ökonomische Druck- und Kostenkaskaden durch aufeinander aufbauende Kurse und Spendenaufrufe. Die BUS hält fest, dass Anzeigen in Österreich und Deutschland bekannt sind, rechtskräftige Verurteilungen gibt es bisher nicht.
@zeitimbild Warnung vor vermeintlichem Coach: Eine Recherche von Christine Baumgartner (ORF) und Thomas Winkelmüller (Datum) bringt Erschreckendes ans Licht. #lifecoach #mentalcoach #coaching #news #markusstreinz
? News Report Political Tensions Rise over Seas Technology — Viral Sound Empire
Die Datum-Recherche „Prügel und Predigt“ (in Kooperation mit dem ORF) untermauert das Muster mit Material aus dem innersten Kreis: Videos, Chatverläufe, interne Calls und Aussagen von Aussteigerinnen. Die Datum-Journalisten zeichnen Fälle nach, in denen Frauen geschlagen, gewürgt, erniedrigt oder in Gewaltfantasien als Objekt einer vermeintlichen Transformation inszeniert werden. Einem Aussteiger-Fall zufolge endete Gewalt eines Anhängers in Österreich in einer Diversion. Ein anderer Fall ist durch Sprachnachrichten dokumentiert. In internen Aufnahmen prahlt Streinz laut Recherche wiederholt mit Übergriffen. Gleichzeitig wertet er betroffene Frauen ab. Es werden Macht- und Kontrollmechanismen beschrieben: Drohungen, Isolierung vom Umfeld, instrumentalisierte Loyalität in der Community. Streinz weist alle Vorwürfe zurück und beruft sich auf Einvernehmlichkeit beziehungsweise auf eine andere Bedeutung seiner Aussagen und bestreitet, die Taten begangen zu haben.
Und vielleicht ist es wirklich nur eine Frage der Zeit, bis noch Schlimmeres geschieht. Es gibt nämlich noch ein Video von Alina B., auch wenn sowohl Streinz als auch sie die Bedeutung dieser Aufnahme gegenüber DATUM herunterspielen. Darin ist B. zu sehen, wie sie ein paar Minuten lang in ihre Handykamera spricht. Sie erzählt davon, wie sie von Streinz bis zur Bewusstlosigkeit und zum ›Tod‹ gewürgt wurde. (…) Trotzdem würde sie Streinz vertrauen, sagt B., ›denn auch, wenn er mich umbringt, weiß ich, dass es zu meinem Besten wäre‹. (Datum)
Das Frauenhass-Drehbuch und das Geschäftsmodell Misogynie
Der Einstieg verläuft über Selbstoptimierung, Männlichkeitsversprechen und spirituelle Heilszusagen. Sobald eine Community gebunden ist, verschieben sich Grenzen, und Gewalt erhält eine ideologische, scheinbar therapeutische Legitimation. Die Buschtrommel der Plattformen verstärkt das: Provokation erzeugt Reichweite, Reichweite konvertiert zu Umsatz. Beide zusammen schaffen Sichtbarkeit und politische Anschlussstellen. Das verhandelt die ARD-Doku auf der Makroebene, während BUS und DATUM die Mikroebene eines konkreten österreichischen Anbieters und seines Umfelds ausleuchten.
Die Monetarisierung ist kein Nebenschauplatz, sondern Motor: Laut BUS berichten Betroffene von hohen Preisen, aufeinander aufbauenden Kursen und vereinsrechtlichen Konstruktionen zur Abrechnung als „Mitgliedsbeiträge“. Im Netz zeigen sich gleichzeitig Bewertungs- und Social-Media-Spuren, in denen Anhänger*innen teils euphorische Bekenntnisse abgeben, während andere von Demütigungen, Drohungen und Gewalt berichten. Diese Ökonomisierung des Hasses fügt sich in die Logik der Plattformen: Zuspitzung, Reizüberschreitung, Reupload-Schleifen und erneut Upselling.
Antifeminismus als Scharnier
Antifeminismus ist eines der wichtigsten Scharniere in die radikale Rechte. Er bietet einen alltagsnahen, emotional aufgeladenen Frame, der persönliche Kränkungen in Ressentiment verwandelt und autoritäre Angebote normalisiert. In der ARD-Doku wird sichtbar, wie Wahlkämpfe diese Codes übernehmen und für die Segmente junger Männer operationalisieren. Die österreichische Fallstudie illustriert zugleich, dass sich esoterische Sinngebung und autoritäre Männlichkeitsfantasien nicht widersprechen, sondern gegenseitig verstärken. Wer rechte Mobilisierung verstehen will, muss die Misogynie-Maschine im Netz ernst nehmen: als Rekrutierungsfeld, als Geschäft und als kulturelle Normalisierungsschleuse.
Vor allem Rechtspopulisten haben verstanden, welches Potenzial in männlicher Gekränktheit steckt, sie stiften Erregungsgemeinschaften, weil Erregung nach außen drängt, weg von der Schwäche und dem Schmerz innen. Man könnte auch sagen, sie bieten Männern an, die Symptome einer Vergiftung mit noch mehr Gift zu behandeln. (spiegel.de, 12.7.25)
Brückenschläger Andrew Tate: Von der Manosphäre ins neonazistische Milieu
Die politische Anschlussfähigkeit zeigt sich exemplarisch an Andrew Tates Umfeld. „Bellingcat“ (10.8.23) hat die „War Room“-Strukturen der Tate-Brüder als transnationales Netzwerk beschrieben, das Loyalität, Aggression und instrumentelle Männlichkeitsideale kultiviert und in dem politische Deutungen („Genderkrieg“) offen mitschwingen. Zugleich überschneiden sich Tates mediale Auftritte mit Akteuren, die als rassistisch und teils als neonazistisch einzuordnen sind. So trat Tate gemeinsam mit Nick Fuentes, einem Holocaustleugner und White-Supremacy-Aktivisten, der als Vordenker der „Groyper“-Szene firmiert, in Streams auf. In einschlägigen Videos verhandelte Fuentes offen seine Hitler-Bewunderung und Holocaustleugnung – eine inhaltliche Schnittstelle, die die ideologische Nähe von Manosphäre und Rechtsextremismus scharf konturiert.
Ermittlungsstand, Hürden und gesellschaftliche Verantwortung
Die Bundestelle für Sektenfragen beschreibt deutlich, wie schwierig die Beweisführung in Fällen sexualisierter und körperlicher Gewalt ist, gerade wenn diese in Communities religiös, spirituell oder therapeutisch rationalisiert wird. Auch das erklärt, warum Betroffene ambivalent bleiben und Anzeigewege scheuen. Politisch folgt daraus ein Auftrag: Prävention in Schulen und Jugendarbeit, bessere Ressourcen für Beratungsstellen, spezialisierte Ermittlungs- und Staatsanwaltschaftsstrukturen und eine Durchsetzung von Plattformverantwortung, die Reupload-Netzwerke sowie die Monetarisierung von Gewalt- und Frauenhass-Inhalten effektiv eindämmt.
Im Fall von strafrechtlich relevanten Vorwürfen gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung!
Shut Up, Bitch! Der Kampf um Männlichkeit, 44′44″, SWR 2025 (Online bis 1.9.26)
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