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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 13 Minuten

Anastasias Traum – zur russischen Rechtsesoterik in österreichischen Schulprojekten (Teil 2)

Zwei öster­rei­chi­sche Schul­pro­jek­te sind die wesent­li­chen Prot­ago­nis­ten beim Import der rus­si­schen Sche­t­i­nin-Ideo­lo­gie in den deutsch­spra­chi­gen Raum: Das Lais-Kon­zept und die Wein­berg­schu­le. Der ers­te Teil befass­te sich mit den Lais-Schu­len und den recht­se­so­te­ri­schen Hin­ter­grün­den zur Ana­sta­sia-Leh­re. Der zwei­te Teil nimmt die in See­kir­chen am Wal­ler­see gele­ge­ne Wein­berg­schu­le unter die Lupe.

28. Aug. 2018
ORF-Doku "Am Schauplatz" zur Weinbergschule
ORF-Doku "Am Schauplatz" zur Weinbergschule

Was ist Schetinin?

Der bekann­tes­te und (ver­mut­lich) ers­te Ver­such einer päd­ago­gi­schen Umset­zung der Ana­sta­sia-Leh­re, ist die soge­nann­te Sche­t­i­nin-Schu­le. Dabei han­delt es sich um ein Inter­nat in Tekos, am schwar­zen Meer, das von dem Meg­re-Anhän­ger und Musik­leh­rer Michail P. Sche­t­i­nin gegrün­det wur­de. Im drit­ten Band der Ana­sta­sia-Roma­ne wird die Sche­t­i­nin-Schu­le aus­führ­lich als posi­ti­ves Bei­spiel für die pro­pa­gier­te Leh­re bespro­chen (info­Sek­ta 2016, S. 10–12). Dabei wird etwa behaup­tet, dass Schüler_innen der Sche­t­i­nin-Schu­le in Rekord­zei­ten an der Uni­ver­si­tät lan­den wür­den; oder auch, dass Kin­der bereits sehr früh mit­un­ter kom­pli­zier­te Tätig­kei­ten selbst beherr­schen wür­den: „Ein zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen kann bei­spiels­wei­se ein Haus bau­en, ein lecke­res Essen zube­rei­ten, wun­der­schön sin­gen, malen und tan­zen, kennt eine rus­si­sche, tra­di­tio­nel­le Kampf­art.“ (Meg­re zit.nach Pöhl­mann 2016, S. 9) Dies wird von Meg­re bzw. Sche­t­i­nin (der im Buch selbst zu Wort kommt) durch jenes „natür­li­che Ler­nen“ qua „Wis­sens­os­mo­se“ erklärt, auf das sich auch die Lais-Schu­le und die Wein­berg-Schu­le beziehen.

Wem der Kon­takt gelingt, der wird den Mathe­ma­tik­lehr­stoff des zehn­jäh­ri­gen Schul­pro­gramms spä­tes­tens in einem Jahr beherr­schen. Sie [die Kin­der] suchen den Kon­takt vom Bereich des bio­en­er­ge­ti­schen Fel­des. Wenn der Kon­takt zwi­schen den bei­den Feld­struk­tu­ren geschlos­sen wird, kann der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch statt­fin­den. Es ist wie bei der Lie­be auf den ers­ten Blick: Du hast noch das Wort aus­ge­spro­chen, und dein Part­ner hat dich bereits ver­stan­den. (ebd., S. 10)

Die­ser Wis­sens­trans­fer (die „Osmo­se“) wird bei Megre/Schetinin mit unter­schied­li­chen Ver­satz­stü­cken aus dem eso­te­ri­schen Voka­bu­lar erklärt (es ist etwa die Rede von „Inte­gra­ti­ons­mus­tern“, „Polen“ und dem „kol­lek­ti­ven Gedächt­nis“); die Quint­essenz bleibt jeden­falls, dass von Natur aus ange­leg­tes Wis­sen, ledig­lich reak­ti­viert wer­den müs­se (vgl. info­Sek­ta 2016, S. 11). Ein zen­tra­ler Aspekt der Lehr­tech­nik besteht dar­in, dass Kin­der ande­ren Kin­der ihr Erlern­tes wei­ter­ge­ben, also dass Kin­der stets auch Lehrer_innen sind – sonst funk­tio­nie­re die Osmo­se nicht. Dass dabei ein gewal­ti­ger Grup­pen­druck ent­ste­hen kann, liegt auf der Hand. Hin­zu kommt, dass Lern­erfol­ge glei­cher­ma­ßen als spi­ri­tu­el­le Erfol­ge gel­ten, somit „ein Kind, dem das Ler­nen schwer­fällt, auch spi­ri­tu­ell ver­sagt hat“. (ebd., S. 12)

Ein 2013 erschie­ne­ner Arti­kel in der eso­te­ri­schen Online-Zeit­schrift sein.de ist beson­ders auf­schluss­reich. Unter dem Titel „Die Tekos-Schu­le: 11 Jah­re Schu­le in einem Jahr“ (1) wird aus­führ­lich über die Schu­le berich­tet, auch Sche­t­i­nin selbst kommt mehr­mals zu Wort. Obwohl der Arti­kel ganz offen­sicht­lich wohl­wol­lend gegen­über sei­nem Gegen­stand ist, fällt dem Autor doch die ideo­lo­gi­sche Stoß­rich­tung des Pro­jekts auf: Der „Ein­druck einer gewis­sen Ideo­lo­gie“ las­se sich nicht ganz ver­scheu­chen, die Ana­sta­sia-Leh­re sei „all­ge­gen­wär­tig“.

Zudem erschre­cke der mili­tä­ri­sche Drill: Die Kin­der sei­en im Kampf­sport aus­ge­bil­det, man sehe etwa „Jungs in Mili­tär-Kla­mot­ten bei mili­tä­ri­schen Kampf­übun­gen im Wald“. Hin­zu kommt ein Natio­na­lis­mus, aus dem kein Hehl gemacht wer­de – man ler­ne „für Russ­land, für die Zukunft der Hei­mat“. Sche­t­i­nin erklä­re das damit, dass Kin­der „an die kol­lek­ti­ve Volks­see­le, ihre Ahnen ange­bun­den sein [müs­sen], ver­wur­zelt in der Natur ihres Hei­mat­lan­des“. Was der Autor eher dif­fus anein­an­der­reiht, ergibt ein hoch­pro­ble­ma­ti­sches Bild: Mili­ta­ris­ti­scher Kör­per- und Kampf­kult, Natio­na­lis­mus, völ­ki­scher Natur- und Hei­mat­be­zug; das alles ein­ge­bet­tet in die Ana­sta­sia-Ideo­lo­gie. Man kann nicht genug beto­nen, dass alle die­se Zita­te von einem Autor stam­men, der die Sche­t­i­nin-Schu­le begrü­ßens­wert befin­det. Hin­zu kommt noch, dass die Kin­der über kei­ner­lei Pri­vat­sphä­re ver­fü­gen, dem Inter­nat also voll­ends aus­ge­lie­fert sind (sie­he Pöhl­mann 2016, 11).

Die Weinbergschule

Die Wein­berg­schu­le befin­det sich in See­kir­chen am Wal­ler­see in Salz­burg und wird von der christ­li­chen Sek­te der „Werk­tä­ti­gen Chris­ten für ein neu­es Jeru­sa­lem“ betrie­ben. Das Anwe­sen, der Zach­hie­sen­hof, umfasst Schu­le, Bio-Bau­ern­hof und Wohn­an­la­ge für meh­re­re Fami­li­en. Die Schul­lei­te­rin und Reprä­sen­tan­tin nach Außen ist Son­ja Mai­er. Außer­dem erwäh­nens­wert ist die Rol­le von Richard Kand­lin, ein 20-jäh­ri­ger Abgän­ger der Sche­t­i­nin-Schu­le, der in etli­chen Videol­clips der Wein­berg­schu­le als Spre­cher auf­tritt und die Schu­le, eben­so wie Mai­er, in ver­schie­de­nen Kon­tex­ten reprä­sen­tiert. In dem Salz­burg-Wiki – einem Regio­nal­wi­ki, das Teil der Web­site der Salz­bur­ger Nach­rich­ten ist – gibt es einen Ein­trag zur Wein­berg­schu­le, der kein kri­ti­sches Wort ent­hält. Dort heißt es: Die­se ver­ste­he sich als „ers­te öffent­lich aner­kann­te Alter­na­tiv­schu­le in Öster­reich“. Die Wein­berg­schu­le hat seit 2005 Öffent­lich­keits­recht; es wird nach dem Vor­bild der Sche­t­i­nin-Schu­le unterrichtet.

Media­le Auf­merk­sam­keit um das Pro­jekt gab es ab Herbst 2017, ins­be­son­de­re auf­grund einer Repor­ta­ge in der ORF-Sen­dung „Am Schau­platz“. Dar­in wer­den u.a. aus­führ­lich die sek­ten­ar­ti­gen Struk­tu­ren der Gemein­schaft durch Betrof­fe­ne und Aus­stei­ger geschil­dert. So erhal­te die Sek­ten­füh­re­rin „Durch­sa­gen“ von Jesus, die als Gesetz gel­ten, und wer etwas dage­gen sage, sei von Dämo­nen besetzt. In der Doku kommt auch der Lan­des­schul­in­spek­tor Peter Glas zu Wort, der die päd­ago­gi­schen Prä­mis­sen der Schu­le – die er im Zuge einer Kon­troll­in­spek­ti­on mit­be­kom­men habe – als kei­nes­wegs seri­ös bezeich­net. Bereits zu die­sem Zeit­punkt hat­te der Lan­des­schul­in­spek­tor auf­grund von Beden­ken wegen der Anbin­dung an das Sche­t­i­nin-Kon­zept vom Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um den Auf­trag bekom­men, einen Bericht zu erstellen.

ORF-Doku "Am Schauplatz" zur Weinbergschule
ORF-Doku „Am Schau­platz” zur Weinbergschule

Der Ent­zug des Öffent­lich­keits­rechts wur­de bereits im Herbst 2017 vom Grü­nen Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Simon Hei­lig-Hof­bau­er gefor­dert; aus­schlag­ge­bend waren die ORF-Doku, sowie eige­ne Recher­chen. Im März 2018 wur­de vom Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um dann tat­säch­lich ein Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet (sie­he Bei­trag auf orf.at). Das Minis­te­ri­um äußer­te gegen­über dem ORF, es gehe dabei um den Ver­dacht der sek­ten­ar­ti­gen Orga­ni­sa­ti­on und der Aus­übung see­li­scher Gewalt, sowie um die frag­wür­di­gen Lehr­me­tho­den (sie­he auch Bei­trag auf standard.at).

Wer­ner Rei­sin­ger von der Wie­ner Zei­tung zufol­ge, sei es „trotz meh­re­rer anhän­gi­ger Ver­fah­ren wegen mög­li­cher Kin­des­wohl­ge­fähr­dung“ abso­lut nicht sicher, ob der Ent­zug des Öffent­lich­keits­rechts durch­ge­he, denn den Schul­be­trei­bern sei ent­spre­chend der Rechts­la­ge eine Frist zur „Besei­ti­gung bestehen­der Män­gel“ ein­ge­räumt wor­den. Jener Bericht von Lan­des­schul­in­spek­tor Glas, der als Grund­la­ge für das Ver­fah­ren des Minis­te­ri­ums gilt, ist nicht öffent­lich zugäng­lich. Noch ist also alles beim Alten, abge­se­hen davon, dass vie­le Kin­der inzwi­schen von der Schu­le abge­mel­det sein dürf­ten. (Wie­ner Zeitung)

Zur Weinbergpädagogik 

Auf der Web­site der Wein­berg­schu­le (2) wird deren Ideo­lo­gie expli­zi­ter aus­for­mu­liert als bei Lais – man bezieht sich dort ganz offen auf Sche­t­i­nin. Es liegt auf der Hand, dass man in der öffent­li­chen Selbst­dar­stel­lung dar­auf bedacht ist, sich mög­lichst harm­los zu geben. Den­noch lässt sich auch hier jene Logik auf­zei­gen, die an rechts­extre­mes Gedan­ken­gut anschluss­fä­hig ist. So impli­ziert das auf der Web­site dar­ge­leg­te „7‑Pha­sen-Pro­gramm der Wein­berg­päd­ago­gik“ Anti­in­di­vi­dua­lis­mus, Refle­xi­ons­feind­lich­keit und Unter­ord­nung. 

Die sie­ben Pha­sen ste­hen in einer zeit­li­chen Rei­hen­fol­ge: 1. Rein­lich­keit, 2. Ord­nung, 3. Gehor­sam, 4. Arbei­ten und Fleiß, 5. Sozia­ler Umgang, 6. Herz­öff­nung, 7. Wis­sen. Zwar wür­den die Pha­sen auch par­al­lel entwickelt,

beginnt man jedoch mit sei­nem Kind bei Pha­se 7 und arbei­tet sich zu Pha­se 1 vor, so wird auch sein gan­zes Zell­ge­dächt­nis in ver­kehr­ter Rei­hen­fol­ge geöff­net und gespei­chert. Das Ergeb­nis wäre eine auf dem Kopf ste­hen­de Pyra­mi­de oder ein zer­streu­ter Pro­fes­sor – mög­li­cher Wei­se [sic!] ein unglück­li­cher Mensch oder ein Mensch ohne Sinn und Orientierung.

Begon­nen wird also mit Rein­lich­keit, Ord­nung und Gehor­sam. Der stark auto­ri­tä­re Anklang in die­sen Begrif­fen wird durch eso­te­ri­sches Voka­bu­lar locker-flo­ckig ver­wischt; so will man unter Rein­lich­keit das „Ankom­men im Kör­per“ ver­stan­den wis­sen, und Ord­nung soll die „Ori­en­tie­rung im engen und wei­te­ren Umkreis“ sein. Den­noch: Unter­ord­nung (Rein­lich­keit, Ord­nung, Gehor­sam) ist dem „Wis­sen“ und der „Herz­öff­nung“ – also jenen Kate­go­rien, denen man einen gewis­sen Indi­vi­dua­lis­mus zuspre­chen könn­te – ganz klar vor­an­ge­stellt. Und die­se Anord­nung wird nicht etwa päd­ago­gisch argu­men­tiert, son­dern mit dem „Zell­ge­dächt­nis“, also einem bio­lo­gis­tisch anmu­ten­den, eso­te­ri­schen Fan­ta­sie­be­griff, der impli­zit ein Ver­ständ­nis von Erzie­hung als „natür­li­chem Pro­zess“ pro­pa­giert (anstatt die­se als einen gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen, also ver­än­der­ba­ren und ver­han­del­ba­ren, Pro­zess zu fassen).

Denn wenn man nicht zuerst „Ord­nung“ und „Gehor­sam“ – im Sin­ne der Wein­berg­leh­re – ver­in­ner­licht hat, dann pas­sie­re eine Fehl­ent­wick­lung, die bis in die Zel­len hin­ein­reicht. Und wenn das pas­sier, also das „Zell­ge­dächt­nis ver­kehrt geöff­net und gespei­chert wird“, dann lau­fe man eben Gefahr zum „zer­streu­ten Pro­fes­sor“ zu wer­den. Die­ses Furcht­bild ist selt­sam; denn her­kömm­li­cher­wei­se wer­den Eltern bei der Über­le­gung, wel­che Schu­le sie wäh­len, nur sel­ten Angst davor haben, dass ihr Kind am Ende zum Pro­fes­sor wird. Hier wird ein anti­in­tel­lek­tu­el­les Res­sen­ti­ment bedient: Der zer­streu­te Pro­fes­sor wird impli­zit mit Abs­trak­ti­on, Refle­xi­on und Skep­ti­zis­mus gleich­ge­setzt und soll so den Gegen­pol zum kon­kret-täti­gen, natür­li­chen, mit-sich-im-rei­nen-sei­en­den Sub­jekt der Wein­berg­päd­ago­gik dar­stel­len. 

Hin­zu kommt eine Ver­leug­nung bzw. Ver­de­ckung von fak­ti­schen Hier­ar­chien. Dies wird durch die behaup­te­te Mög­lich­keit einer „Wis­sens­os­mo­se“ gewähr­leis­tet (und passt auch gut zu der Ver­klä­rung der eige­nen Leh­re zum Natur­pro­zess). Dem­nach gel­te es durch kon­kre­te Tätig­keit einen Zustand zu errei­chen, in dem das „ursprüng­li­che Schü­ler- und Leh­rer­ver­hält­nis“ ver­schwin­de und das Wis­sen „wie von selbst auf­ge­nom­men“ wer­de. Das ist nicht nur päd­ago­gisch völ­lig unhalt­bar, son­dern auch des­halb pro­ble­ma­tisch, weil damit ein Kult um die Unmit­tel­bar­keit gemein­schaft­li­cher Tätig­keit kon­stru­iert wird, der die kri­tisch-refle­xi­ve Aneig­nung von Wis­sen (durch den_die Ein­zel­ne) hin­ter das spon­ta­ne oder auf­ok­troy­ier­te Wis­sen von Grup­pen stellt. Die „Wis­sens­os­mo­se“ scheint dem­entspre­chend ein gutes Tool zu sein, um Kri­tik stumm­zu­schal­ten. Im O‑Ton klingt das u.a. so: „Man darf das Den­ken an das Ler­nen völ­lig ver­ges­sen und sich auf das Lösen kon­kre­ter Auf­ga­ben aus­rich­ten.“

Die voll­stän­di­ge Abkehr von Bil­dung als einem gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Pro­zess wird an der Wahn­idee deut­lich, man kön­ne die not­wen­di­gen „Tugen­den“ (womit wie­der­um jene sie­ben Pha­sen gemeint sind) bereits im Mut­ter­leib zu erler­nen begin­nen. Qua die­ser Tugen­den soll der_die Ein­zel­ne ler­nen, ein „Teil“ zu wer­den; denn: „Es ist nicht mög­lich am ‚Him­mel’ des Gan­zen teil­zu­ha­ben, wenn man nicht ein Teil, ein fried­vol­ler Teil, die­ses Gan­zen, der Schöp­fung, ist.“

Kurz­um: Statt zum selbst­be­wuss­ten, auto­no­men Indi­vi­du­um sol­len die Ein­zel­nen zum „Teil im Gan­zen“ wer­den; statt einer kri­tisch-reflek­tie­ren­den Aneig­nung von Inhal­ten wird eine natür­li­che „Osmo­se“ pro­pa­giert; statt eines trans­pa­ren­ten und hin­ter­frag­ba­ren Ver­hält­nis­ses von Auto­ri­täts­per­son und Schüler_in wird das voll­stän­di­ge Auf­ge­hen der Indi­vi­du­en (und ihrer hier­ar­chi­schen Posi­tio­nie­run­gen) in der Unmit­tel­bar­keit einer gemein­schaft­li­chen Tätig­keit hal­lu­zi­niert. Wesent­li­che Bau­stei­ne der Ana­sta­sia- und der Sche­t­i­nin-Leh­re kom­men hier in abge­schwäch­ter Form zum Aus­druck. 

Verstrickungen und Übernahmen – Die Freunde von Lais- und Weinbergschule  

Am 25. Novem­ber 2017 hielt die Wein­berg-Schul­lei­te­rin Son­ja Mai­er gemein­sam mit Richard Kand­lin einen Vor­trag bei einer Kon­fe­renz der obsku­ren Schwei­zer Anti-Zen­sur-Koali­ti­on (AZK). Die­se bie­tet, unter der Ägi­de des bizar­ren Pre­di­gers Ivo Sasek, Verschwörungstheoretiker_innen und reli­giö­sen Extremist_innen ver­schie­dens­ter Cou­leur eine Platt­form. Sasek, der die Wein­berg-Ver­tre­ter eupho­risch begrüßt und sie auch schon län­ger ken­nen dürf­te, ist eine wah­re Ver­kör­pe­rung des recht­se­so­te­ri­schen Obsku­ran­tis­mus: Er befür­wor­tet Gewalt gegen Kin­der als Erzie­hung, zeigt sich als Sym­pa­thi­sant von Dik­ta­tu­ren, ist ein Impf­geg­ner, spricht ger­ne von „volks­ver­het­zen­der Sys­tem­pres­se“ (vul­go Lügen­pres­se – sie­he das NS-Ori­gi­nal!) und emp­fiehlt sich selbst als direk­tes Sprach­rohr Got­tes (sie­he Psiram.com). Bei die­ser Kon­fe­renz (3) stel­len Mai­er und Kand­lin nicht nur ihre Sche­t­i­nin-Pseu­do­päd­ago­gik vor, son­dern insze­nie­ren sich unver­hoh­len als Opfer von staat­li­cher Repres­si­on, womit sie nicht nur ganz auf Linie mit dem Ver­schwö­rungs­wahn der AZK sind, son­dern wie­der­um an Sche­t­i­nin und Ana­sta­sia anknüp­fen (Stich­wort Ver­schwö­rungs­nar­ra­tiv, sie­he Teil 1). Kand­lin etwa spricht allen Erns­tes von „Chris­ten­ver­fol­gung in Salz­burg“, und das Vor­ge­hen der staat­li­chen Inspek­teu­re gehe „gegen alle Men­schen­rech­te“.        

Mai­er sin­niert über die Schu­le als einen „leben­den Orga­nis­mus“ und gibt mit­un­ter ganz offen zu, dass zu der ange­wand­ten 7‑Pha­sen-Päd­ago­gik „kei­ne wis­sen­schaft­li­chen Theo­rien“ als Basis vor­han­den sind – viel­mehr ent­stam­men sie „dem Leben selbst und ent­sprin­gen dem hei­li­gen Geist“. Kand­lin beschreibt im Vor­trag, wie die ver­schie­de­nen Fächer (Mathe­ma­tik, Phy­sik, Che­mie, Bio­lo­gie, Geo­gra­phie, Geschich­te) direkt auf­ein­an­der auf­bau­en; dabei wird Geschich­te auf eine pro­ble­ma­ti­sche und wis­sen­schaft­lich völ­lig unhalt­ba­re Art aus den Natur­wis­sen­schaf­ten abge­lei­tet. Apro­pos wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar: Kand­lin ist etwa 20 Jah­re alt und tritt als Exper­te (als Leh­rer) in all die­sen Gebie­ten auf. Außer­dem erläu­tert Kand­lin hier die zen­tra­le Lern­tech­nik der Wein­berg­schu­le: Schau­bil­der. Damit das nicht ganz so schal klingt, nennt er es Visual­ly Buil­ding Edu­ca­ti­on (Vibe). In einem Clip auf der Wein­berg-Home­page beschreibt Kand­lin „Vibe“ als „gehirn­ge­rech­te“ Lern-Tech­no­lo­gie, die soviel mei­ne wie „Wis­sen auf­bau­en mit Bil­dern“. Es hand­le sich um einen grup­pen­dy­na­mi­schen Pro­zess, wobei alle, die dar­an teil­neh­men „Teil des Gan­zen“ seien.

War­um die­ser selt­sa­me Fokus auf Schau­bil­der? Wäh­rend die Visua­li­sie­rung von Lehr­in­hal­ten ein sinn­vol­les Instru­ment sein dürf­te, das ohne­hin fest in der her­kömm­li­chen Päd­ago­gik ver­an­kert ist, fragt man sich, war­um Schau­bil­der bei der Wein­berg­schu­le (und bei Lais!) zum Non­plus­ul­tra erhöht wer­den. Es wirkt auf den ers­ten Blick nicht so, als könn­te man damit all­zu viel Anti-Sys­tem-Pathos mobi­li­sie­ren. Wo bleibt das ver­deck­te Urwis­sen, die gro­ße Ver­schwö­rung oder das gro­ße Heils­ver­spre­chen? Die Ant­wort dar­auf fin­det sich bei Ana­sta­sia, wie bei dem in Teil I bereits zitier­ten Theo­lo­gen Mar­ti­no­vic (2014) nach­zu­le­sen ist:

Die [Ana­sta­sia zufol­ge] ältes­te Wis­sen­schaft der Welt , „die Wis­sen­schaft der Ver­bild­li­chung”, lehrt, wie man die Gedan­ken­ge­schwin­dig­keit beschleu­nigt. Alle Wis­sen­schaf­ten der Welt stam­men ab von die­ser Wis­sen­schaft der Ver­bild­li­chung. Die Stär­ke der Visua­li­sie­rung und ihrer Fähig­keit, die äuße­re Welt zu beein­flus­sen, hän­gen von der Anzahl der Men­schen ab, die die­se Visua­li­sie­run­gen tei­len und auf­recht­erhal­ten. Mit Hil­fe sol­cher Visua­li­sie­run­gen wur­den alle Reli­gio­nen der Welt gegrün­det und wer­den bis heu­te alle Regie­run­gen geführt.

Die­se bizar­re und unbe­stimmt-all­ge­mei­ne Über­hö­hung von Ver­bild­li­chung in der Ans­ta­sia-Leh­re dürf­te also sowohl der Lais- wie auch der Wein­berg-Päd­ago­gik zugrun­de lie­gen (Kand­lin spricht auch vor einer Lais-Zuhö­rer_in­nen­schaft dar­über: sie­he info­Sek­ta 2016, S. 14). Das Zitat führt dar­über­hin­aus noch ein­mal die enge Ver­bin­dung von Heils­ver­spre­chen und Ver­schwö­rungs­ideen vor Augen: Visua­li­sie­rung ist der ver­ges­se­ne Weg zu unse­rer Erlö­sung (durch Beschleu­ni­gung der „Gedan­ken­ge­schwin­dig­keit“), aber die dunk­len Mäch­te im Hin­ter­grund, die über die­ses Wis­sen ver­fü­gen, ver­wen­den es gegen uns (sie füh­ren „bis heu­te alle Regie­run­gen“).  

Als eine wei­te­re wich­ti­ge direk­te Über­nah­me sei der Kampf­un­ter­richt erwähnt: Kampf­kunst ist, genau­so wie in der Sche­t­i­nin-Schu­le, auch in der Wein­berg­schu­le am Zach­hie­sen­hof ver­pflich­tend. Dies ist in der besag­ten ORF-Repor­ta­ge zu sehen.  

Die Vertreter_innen der Lais-Schu­le sind zwar ein­deu­tig vor­sich­ti­ger in ihrer gegen­wär­ti­gen Online-Per­for­manz. Das war aber nicht immer so. Denn es gibt etwa einen online abruf­ba­ren Video­mit­schnitt (4) eines Vor­trags beim eso­te­ri­schen GAIA-Kon­gress von 2014. Eine der bei­den Vor­tra­gen­den ist Alex­an­dra Lieh­mann (eine zen­tra­le Figur im Lais-Kos­mos – sie­he Teil 1). Im Vor­trag wird die Sche­t­i­nin-Schu­le als „welt­ver­än­dernd“ für sie bezeich­net, es habe eine „Denk­re­vo­lu­ti­on“ aus­ge­löst. Hier wird Sche­t­i­nin ganz klar als Aus­gangs­punkt für Lais mar­kiert, völ­lig ent­ge­gen den jün­ge­ren Beteue­run­gen des Lais-Grün­ders Die­ter Graf-Neu­rei­ter. Vol­ler Ehr­furcht erzählt Lieh­mann: „Wir durf­ten mit Sche­t­i­nin auf einem run­den Tisch sit­zen, wo er uns über die Ver­bin­dung zwi­schen dem rus­sisch­spra­chi­gen Raum und dem deutsch­spra­chi­gen Raum erzählt hat.“ Dar­über hin­aus dürf­te Lieh­mann in der Ana­sta­sia-Sze­ne gut ver­wur­zelt sein, wie Wer­ner Rei­sin­ger in der Wie­ner Zei­tung bereits im Juni 2017 berich­te­te. Rei­sin­ger, der zu dem The­ma ins­ge­samt sechs Arti­kel in der Wie­ner Zei­tung ver­öf­fent­licht hat, berich­tet auch von Über­schnei­dun­gen mit der mit­un­ter rechts­extre­men Staats­ver­wei­ge­rer-Sze­ne.   

Fazit

Die Ver­bin­dung Ana­sta­sia-Sche­t­i­nin-Lais/­Wein­berg­schu­le wird durch eine Viel­zahl von Zusam­men­hän­gen evi­dent. Es gibt per­so­nel­le Ver­stri­ckun­gen und inhalt­li­che Schnitt­men­gen, außer­dem Über­nah­men von Tech­ni­ken und Prak­ti­ken (etwa die Schau­bil­der und der Kampf­kult, letz­te­res nur bei der Wein­berg­schu­le). Als Gesamt­bild bleibt ein dif­fu­ses Kon­glo­me­rat, das jedoch an etli­chen Stel­len Über­schnei­dun­gen mit rechts­extre­mer Gesin­nung auf­weist, wenn auch oft durch eso­te­ri­sches Voka­bu­lar ver­deckt bzw. ver­harm­lost. Als gra­vie­rends­te die­ser Schnitt­men­gen wären zu nen­nen: Reak­tio­nä­rer Natur­be­zug, Rein­heits­den­ken, Ver­schwö­rungs­theo­rien und Anti­se­mi­tis­mus, Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus (all­ge­mei­nes Res­sen­ti­ment gegen Bil­dung und Wis­sen­schaft), Kata­stro­phen­dis­kurs (Behaup­tung einer kor­rum­pie­ren­den Gesell­schaft, der man sich ent­ge­gen­stellt), völ­ki­sche Abstam­mungs­ideo­lo­gie. Alle die­se Punk­te tref­fen zumin­dest auf die Ana­sta­sia-Leh­re und die Sche­t­i­nin-Schu­le voll­in­halt­lich zu.

➡️ Ana­sta­si­as Traum – zur rus­si­schen Recht­se­so­te­rik in öster­rei­chi­schen Schul­pro­jek­ten (Teil 1)

1 Web­site sein.de, zuletzt ein­ge­se­hen am 27.08.2018
2 Web­site der Wein­berg­schu­le, zuletzt ein­ge­se­hen am 27.08.2018
3 Mit­schnitt des Vor­trag, online unter: info-weinbergschule.at, zuletzt ein­ge­se­hen am 27.08.2018

4 Mit­schnitt des Vor­trags, online unter: gaia-energy.org, zuletzt ein­ge­se­hen am 27.08.2018

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