Im August 2022 tagte wieder einmal der Altherrenausschuss (AHA) des WATV. Der WATV ist wohl die größte Korporation, die dem deutschnationalen Lager zuzurechnen ist, Mitgliedsbund im extrem rechten „Wiener Korporationsring“ (WKR), im „Dachverband Akademischer Turnbund“ (ATB) und im „Österreichischen Turnerbund“ (ÖTB).

Die Alten Herren hatten eine schwierige Tagesordnung abzuarbeiten. Seit der Vollversammlung im Juni 2021 waren bereits 24 Alte Herren ausgetreten – ein nicht unbedeutender Aderlass vor allem für die Finanzen. Und es gibt weitere Problemfälle. Der Ausschluss eines Alten Herren „cum infamia“, also unehrenhaft, und die darauffolgenden Turbulenzen bewegen den Verband noch immer und wurden erst 2024 durch eine gerichtliche Entscheidung gegen den WATV vorläufig beendet.
Auch andere Probleme wollte der AHA in seiner Sitzung am 17.8.2022 abarbeiten. Da war vor allem den Punkt „Liederbuchaffäre“ offen, der offensichtlich Bezug nahm auf die Liederbücher, die 2018 bei der pennalen Burschenschaft „Germania zu Wiener Neustadt“ gefunden worden waren. Etwas spät ist dem AHA anscheinend gedämmert, dass es nicht schlecht wäre, die eigene (Lieder-)Buchsammlung nach möglicherweise strafrechtlich relevanten Tatbeständen zu untersuchen.
Im Protokoll heißt es dazu:
Auf Grund der laufenden, politischen Anwürfe gegenüber Korporationen soll AH E. gefragt werden, ob er das Archiv einmal inhaltlich durchsehen kann. Vor der Entsorgung von Büchern/Schriftstücke (sic!), werden diese vom AHA bzw. anderen kompetenten AHAH gesichtet. Ein neuer Archivwart wird gesucht. AH A. soll angesprochen werden. (Namen durch SdR abgekürzt)
An diesen Formulierungen ist nicht nur bemerkenswert, dass das Vertrauen in die Urteilsfähigkeit des Alten Herren E. anscheinend endenwollend ist. Weshalb sonst will vor der Entsorgung von möglicherweise deliktischem Schriftgut der AHA noch einmal sichten? Oder sollen so Buchbestände des WATV privatisiert werden?
Fürs erste reicht ein einziges Schriftstück, das Bundeslied des WATV.

Jetzt mal ehrlich, ihr deutschen Eichen. Vergeht ihr da nicht vor Scham, wenn ihr so etwas singt?
Siegfried ist übrigens der Couleurname des Texters dieses schwülstigen Schwachsinns. Otto Neisser ist nämlich einer aus dem WATV. Für die Burschenprüfung müssen Eure Füxe brav die sechs Strophen dieses Liedes auswendig lernen, aber dass Otto Neisser ein fester Nazi war, erfahren sie dabei nicht. Schade! Wir holen es hier nach.
Otto Neisser, der 1943 im Alter von 77 Jahren starb, war nicht nur Alter Herr des WATV gewesen, sondern ist auch in die NS-Kameradschaft und Altherrenschaft „Max Obendorfer“ gewechselt. Die Nazi-Kameradschaft hat die gefallene deutsche Eiche nach ihrem Ableben in ihrem Mitteilungsblatt noch einmal gewürdigt:
![Nachruf Otto Neisser: "Dr. Otto Neisser (Onkel) [Todesrune] Alter Herr Neisser, der einer alten Wiener Familie ent-stammte, aber in Graz geboren wurde, blieb sein Leben lang ein richtiger Wiener. Das Studium der Philosophie an der Wiener Universität konnte er nur in Anlehnung an eine Brotstellung durchhalten, weshalb er erst 1901 promovieren konnte. Dem A. T. V. gehörte er seit 1892 an. Als richtiger Jünger Jahns betrieb er alle Zweige der Leibesübungen, er war eine der stärksten Stützen des Vereines, der sich damals zu einer Korporation entwickelte. Dabei war er heiter, voll herzlichster Teilnahme jedem Bundesbruder gegenüber, die Herzen aller wandten sich ihm zu. Die Tatsache sagt alles, daß sein richtiger Kneipname „Siegfried" dem Namen „Onkel" einfach weichen mußte. Er ist auch der Verfasser unseres alten Bundesliedes. Beruflich war er im Archiv des österreichischen Abgeordnetenhauses tätig, dessen Leiter er schließlich wurde. Leider zeigten sich bald nach seiner Pensionierung recht empfindliche Störungen seines Gemütslebens, so daß er, der kaum wie ein anderer bis ins vorgerückte Alter mitten im Leben unseres Bundes stand, sich dann von allem zurückzog. Mit unserem Alten Herrn Neisser, unserem lieben Onkel, ist ein Teil unseres alten Bundes selbst in die Ewigkeit eingegangen."](https://www.stopptdierechten.at/wp-content/uploads/2026/04/Otto-Neisser-300x220.jpg)
Wir könnten noch anderes erwähnen, was bei einer Hausdurchsuchung vielleicht unangenehm auffallen würde. Womit wir beim nächsten Stichwort der Sitzung des Altherrenausschusses vom August 2022 wären.
Umsichtig und proaktiv wollten die Alten Herren nämlich noch einen anderen offenen Punkt im Zusammenhang mit möglichen rechtsextremen Umtrieben einer Klärung zuführen: Was tun bei einer Hausdurchsuchung?
Es soll für die Aktivitas ein Exposé „Verhaltensregeln und rechtliche Anforderungen für den Fall einer Hausdurchsuchung“ verfasst werden. AH G. hat diesbezüglich einen Entwurf zusammengestellt, der jedoch noch von AHX H. überarbeitet gehört. AHX H. wird diesbezüglich AH Gicht kontaktieren. (Protokoll des WATV-Altherrenausschusses vom 17.8.22)
Das klingt vernünftig. Schließlich will man ja nicht unvorbereitet die Türe öffnen müssen bei einer Razzia. Hat man dabei aber auch an die Satzung des WATV gedacht oder an die Hausordnung des WATV? Die kann man ja schließlich nicht so schnell verschwinden lassen, selbst wenn man möchte. Diese bittere Erfahrung stand dem WATV des Jahres 2022 erst noch bevor.
➡️ Teil 2: WATV: Ausschluss wegen Arierparagraph
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