Kuglers Traum: ein Dinner mit Jordan Peterson

Ein Traum von Gudrun Kugler, der Men­schen­rechtssprecherin der ÖVP, ist in Erfül­lung gegan­gen: ein Abend mit Jor­dan Peter­son, dem stramm recht­en kanadis­chen Psy­cholo­gen. Gegen den „Lieblingsautor der Neuen Recht­en“ (tagesspiegel.de, 29.9.22) demon­stri­erten vor weni­gen Tagen in Berlin Hun­derte. Seine Vis­ite in Wien ver­lief hinge­gen gesit­tet – sehr gesit­tet und von der Öffentlichkeit unbemerkt.

Ihr ken­nt die Frage: ‚mit wem auf der ganzen Welt würdest du am lieb­sten essen gehen, wenn du es Dir aus­suchen kön­ntest‘? Ohne dass ich gedacht hätte, dass es je möglich wer­den würde, war es für mich immer er. In diesem Sinn: Here a pic­ture of the cur­rent­ly most excit­ed Euro­pean!“, flötet Gudrun Kugler am 10. Juni dieses Jahres auf ihrer Face­book-Seite unter ihrem Self­ie. Die Freude, den Stolz über ihr Date mit Jor­dan Peter­son mag sie nicht ver­ber­gen. Klar, während in Berlin Tausende bis zu 80 Euro pro Karte für Peter­sons Auftritt im Tem­po­drom zahlen, darf Kugler im inti­men Rah­men mit ihm dinieren.

"Excited" Kugler über ihr Dinner mit Peterson (Screenshot FB Kugler)

„Excit­ed” Kugler über ihr Din­ner mit Peter­son (Screen­shot FB Kugler)

Über ihren Abend des 10. Juni mit Peter­son ver­rät sie son­st nichts. Dafür ist sie etwas gesprächiger über die „Gedanken von Jor­dan B. Peter­son in Wien“, die er am 13. und 14. Juni von sich gegeben haben soll. Da war er näm­lich schon wieder in Wien, nach­dem er in der Zwis­chen­zeit in Ljubl­jana und in Budapest weilte, wo er von der Staat­spräsi­dentin Katal­in Novák den ungarischen Ver­di­en­stor­den umge­hängt bekam. Ver­di­en­stor­den wofür? Die Inter­net-Seite „Ungarn heute“ weiß da etwas: „Der Best­seller­autor, der für seine Ansicht­en gegen poli­tis­che Kor­rek­theit und den heuti­gen radikalen Fem­i­nis­mus bekan­nt ist und sich als Ver­fechter tra­di­tioneller Werte, per­sön­lich­er Ver­ant­wor­tung und Mei­n­ungs­frei­heit posi­tion­iert, hielt auch einen Vor­trag in der Res­i­denz sein­er Gastgeberin.”

Als weit­ere Infor­ma­tion bietet „Ungarn heute“ noch viele Bild­chen, die ein ergrif­f­enes, aber erlesenes Pub­likum, eine bewun­dernde Präsi­dentin und einen ern­sten Jor­dan Peter­son zeigen. In Wien war das nicht viel anders, nur ohne Orden. Dafür kann Car­o­line Hunger­län­der, Land­tagsab­ge­ord­nete der Wiener ÖVP, die immer­hin am 13. Juni noch in größer­er Runde mit Peter­son im „Vapi­ano“ dinieren durfte, ihrem Face­book-Pub­likum exk­lu­siv bericht­en, was Peter­son gegessen hat: „[E]r hat ein Steak gegessen.“ Wobei die Frage an sie falsch gestellt war: „Kann er schon was essen oder geht noch immer nur Rind­fleisch?“ Richtiger wäre gewe­sen, danach zu fra­gen, ob er schon wieder was anderes essen will. Jor­dan Peter­son ist näm­lich seit Jahren ein Car­ni­vore, anders aus­ge­drückt: ein Fleis­chfress­er. Und zwar ein­er, der son­st nichts zu sich nimmt – außer Salz und Wasser.

Damit sind wir etwas näher bei Peter­son. Wer ist der Mann, dem Tausende bei sein­er pro­gram­ma­tis­chen Tour („Beyond Order“) quer durch die Welt zuhören und viel Geld dafür bezahlen, der eine Web­site betreibt, auf der man in erster Lin­ie wieder zahlen muss, wenn man etwas über ihn erfahren will, zu dem die ungarische Staat­spräsi­dentin eben­so bewun­dernd hochblickt wie Gudrun Kugler und die anderen öster­re­ichis­chen Admirant*innen?

Online-Kurskosten bei Peterson im Sonderangebot: statt $149 nur $99 (Screenshot Website Peterson)

Online-Kurskosten bei Peter­son im Son­derange­bot: statt $149 nur $99 (Screen­shot Web­site Peterson)

Jor­dan B. Peter­son (60) ist ein klin­is­ch­er Psy­chologe und ehe­ma­liger Uni­ver­sität­spro­fes­sor der Uni­ver­si­ty of Toron­to, der nach eige­nen Angaben „viele Jahre am Rande des Abgrunds geschwebt, an Angstzustän­den gelit­ten [habe], ohne jegliche Freude am Leben“ (NZZ, 21.5.2021). In dieser Zeit hat er passender­weise seinen Leben­srat­ge­ber „12 Rules for Life. Ord­nung und Struk­tur in ein­er chao­tis­chen Welt“ geschrieben, bis er dann 2018 für zwei Jahre völ­lig abge­taucht ist und erst 2020 nach einem bru­tal­en Entzug in ein­er rus­sis­chen Klinik von sein­er schw­eren medika­men­tösen Sucht befre­it wurde. Sei­ther ist er wieder unter­wegs – zur Freude sein­er (Mil­lio­nen) Fans, die ihn wie einen Pop­star, einen Erlös­er abfeiern.

Wofür? Zum Aggres­sion­skrieg Rus­s­lands ver­tritt er die ultra­reak­tionäre Posi­tion, dass Rus­s­land die Ukraine wohl angreife, um zu ver­hin­dern, dass das Land dem „pathol­o­gis­chen West­en“ aus­geliefert werde (NZZ.13.7.2022). Putin hat das in anderen Worten for­muliert, aber Peter­sons „Erk­lärung“ würde sich jeden­falls dafür eignen, weit­ere Län­der nach Belieben vor dem „pathol­o­gis­chen West­en“ zu „schützen“.

Auch zur Coro­na-Pan­demie hat sich Peter­son geäußert und in einem Tweet das mit­tler­weile selb­st von Kickl wieder vergessene Entwur­mungsmit­tel „Iver­mectin“ als „Pauken­schlag“ ange­priesen. Der klin­is­che Psy­chologe Peter­son ist eben ein All­rounder, ken­nt sich bei den Motiv­en für Putins Aggres­sion­skrieg eben­so bestens aus wie bei der medika­men­tösen Ther­a­pie gegen Covid. Nur bei der medika­men­tösen Eigen­ther­a­pie gegen Depres­sion und Sucht, da hapert’s ein bisschen.

Bekan­nt wurde Peter­son aber ohne­hin über anderes: durch seine Het­ze gegen „Bill C‑16“, ein Gesetz, durch welch­es auch Trans­gen­der-Per­so­n­en vor Has­srede geschützt wer­den (der Wikipedia-Ein­trag zu Jor­dan Peter­son bietet vor allem durch die Fußnoten einige Erläuterun­gen dazu). Auch seine klar antifem­i­nis­tis­che Posi­tion, mit der er Frauen das Yin, das Chaos, verkör­pert durch „linkslib­eralen Pop­ulis­mus und Feindlichkeit gegenüber tra­di­tionellen Rol­len­bildern, zuweist“ (NZZ, 21.5.21), machte ihn zu einem Ide­olo­gen der „Neuen Recht­en“. Mit dem Attrib­ut „männlich­er Supre­ma­tismus“ beschreibt ihn sehr zutr­e­f­fend die Autorin Susanne Kaiser in ihrem Buch („Poli­tis­che Männlichkeit. Wie Incels, Fun­da­men­tal­is­ten und Autoritäre für das Patri­ar­chat mobil­machen“): Peter­son ist ein Role-Mod­el für Incels und andere misog­y­ne Typen. Frauen, die Make-Up und High-Heels tra­gen, sind für ihn Heuch­lerin­nen, wenn sie sich über sex­uelle Beläs­ti­gung aufre­gen (30.11.2019). Als er das Plus-Size-Mod­el Yumi Nu im Badeanzug am Cov­er ein­er Illus­tri­erten ent­deckt, twit­tert er: „Nicht schön“ Und um dem bere­its erwarteten oder erwün­scht­en Shit­storm zu begeg­nen, dazu noch: „Und kein­er­lei Menge an autoritär­er Tol­er­anz wird das ändern“

Als er vor weni­gen Tagen einen Auftritt in Zürich hat­te (wieder vor vie­len gegen gutes Ent­gelt), war Peter­son nicht nur ziem­lich „unin­spiri­ert“, son­dern fiel auch auf einen rus­sis­chen Troll here­in, indem er dessen Gerücht ver­bre­it­ete, wonach allen in der Schweiz, die im Win­ter ihre Woh­nung über 19 Grad Cel­sius heizen, ein mehrmonatiger Gefäng­nisaufen­thalt dro­hen würde. Ern­sthaft. Der Bericht des Schweiz­er „Tage­sanzeiger“ (tagesanzeiger.ch, 29.9.22 – Pay­wall!) über Peter­sons auch in ander­er Hin­sicht desas­trösen Auftritt ist lesenswert.

Ob Jor­dan Peter­son bei seinen exk­lu­siv­en Ter­mi­nen in Wien und im Stift Heili­genkreuz, der Brut­stätte des fun­da­men­tal­is­tis­chen Katholizis­mus, ähn­liche Weisheit­en von sich gegeben hat, wis­sen wir nicht. Die „Gedanken“, die Gudrun Kugler von ihm erhascht und in eher selt­samen Zeilen niedergeschrieben hat, sind da keine große Hil­fe: „Total­i­taris­mus: ‚Find­et da statt, wo Men­schen bere­it sind zu lügen.‘“ Stammt das jet­zt von ihm oder von Kugler? Und gilt es auch für ihn?

P.S.: Der „Stan­dard“ veröf­fentlichte einen Artikel, der sich mit dem „Inter­na­tion­al Catholic Leg­is­la­tors Net­work“ beschäftigt, bei dem der ÖVP-Fam­i­lien­sprech­er Nor­bert Sieber und Gudrun Kugler dabei sind. Sieber war bei Jor­dan Peter­sons Wien-Din­ners allem Anschein nach nicht zuge­gen, aber möglicher­weise beim par­la­men­tarischen Gebets­früh­stück in der Wiener Hof­burg, dem auch ein huld­voll blick­ender Jor­dan Peter­son beiwohnte.

Peterson beim parlamentarischen Gebetsfrühstück Juni 2022 (Screenshot FB Kugler)

Peter­son beim par­la­men­tarischen Gebets­früh­stück Juni 2022 (Screen­shot FB Kugler)

➡️ Bell­tow­er: Jung, männlich, antifem­i­nis­tisch. Jor­dan Peter­son bit­tet seine Fans in Berlin zur Kasse

„Stoppt die Recht­en“ zu Gudrun Kugler:
➡️ MCC – Orbáns Pro­pa­gan­da-Fab­rik (Mai 2022)
➡️ ÖVP Wien: „Katholis­che Kup­p­lerin“ und radikale Abtrei­bungs­geg­ner­in im Gemein­der­at (Okt. 2015)